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Alternative Szene und Karriere
Popkulturalismus á la ´Missy`

Lange haben große Teile der Linken Karriere als Ausdruck der Entfremdung abgelehnt. Sie galt als Inbegriff von hierarchischen Strukturen, Konkurrenz und Ellenbogenmentalität. Doch mit dem Feminismus hat sich das geändert.

Foto: Arsaytoma / flickr / CC BY-NC-SA 2.0

Seit den 80er und 90er Jahren tritt in der linksalternativen Bewegung eine immer größere Akzeptanz und sogar eine Propagierung des Karrierismus ein, vor allen Dingen dann, wenn Karriere machen Frauen betrifft. Dieser Sinneswandel lässt sich auch anhand der Berichterstattung der linksalternativen Tageszeitung (taz) zu den Themen „Frauen und Karriere“ und „Frauenquote“ skizzieren. Doch welche Gründe gibt es für diesen Sinneswandel? Verdeutlichen lassen sie sich mit der Transformation “linker” Theorien.

Entfremdung und Marketing-Orientierung

Nach Karl Marx ist Entfremdung charakteristisch für die kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Der Arbeiter stellt Produkte her, die für ihn zu fremden Objekten werden, weil sie nicht von ihm, sondern von dem ihn ausbeutenden Eigentümer der Produktionsmittel (dem Kapitalisten) angeeignet werden. Doch nicht nur die Produkte seiner Arbeit werden zu ihm fremden Objekten. Auch die Arbeit selbst, also der Akt der Arbeit, wird für den Arbeiter zu einer fremden Tätigkeit: Er entäußert seine Fähigkeiten und Kräfte, „überträgt“ sie auf die ihm fremden Objekte seiner Arbeit. In den Worten von Marx: Entfremdung ist der Zustand, in dem

die eigene Tat des Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt dass er sie beherrscht.(1)

Marx zufolge kann die Entfremdung nur dann aufgehoben werden, wenn die kapitalistischen Produktionsverhältnisse beseitigt werden. Dies kann nur eine proletarische Revolution vollbringen.

Während sich für Marx die Entfremdung des Menschen haupsächlich in der Warenproduktion äußert, sehen die Vertreter der Kritischen Theorie die gesamte Gesellschaft als einen Entfremdungszusammenhang (manche Vertreter der Kritischen Theorie wie Georg Lukács sprechen statt von „Entfremdung“ von „Verdinglichung“). Alle „äußeren Mächte“, d.h. alle Bereiche der Gesellschaft, empfindet der Mensch als etwas ihm Fremdes, als etwas, das ihn ohne seine Zustimmung bestimmt, beeinflußt und manipuliert. Dabei handelt es sich um die Entfremdung des Menschen von anderen Menschen, von staatlichen Institutionen bzw. vom Staat, von Politik und Massenmedien. Der Mensch ist jedoch nicht nur von äußeren, sondern auch von seinen „inneren Mächten“ entfremdet, d.h. von seinem Denken, Wissen und von seinen eigenen Gefühlen.

Für Erich Fromm, der zu den herausragenden Vertretern der Kritischen Theorie gehört, ist Entfremdung in der westlichen Gesellschaft „fast total“:

Sie kennzeichnet die Beziehung des Menschen zu seiner Arbeit, zu den Dingen, die er konsumiert, zum Staat, zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst.(2)

Die innere Entfremdung wird von Fromm als eine Folge der äußeren betrachtet. Entfremdete gesellschaftliche Strukturen werden vom Menschen im Laufe seines Lebens verinnerlicht und wirken in ihm – haupsächlich in seinem Unbewussten – weiter. Auch innere Zustände werden zu fremden Phänomenen.

Beispielsweise werden Denken und Wissen zu fremden Dingen, zu Waren, die der Mensch auf dem Wissensmarkt verkaufen kann; er denkt nicht um des Denkens willen, er weiß nicht um des Wissens willen, vielmehr benutzt er Denken und Wissen als Instrumente für irgendwelche Zwecke. Das Verhängnisvolle ist dabei, dass ihm der Warencharakter des Denkens und Wissens gar nicht bewusst ist.

Entfremdung kommt gemäß Fromm am deutlichsten in der sogenannten MarketingOrientierung zum Ausdruck. Bei dieser Orientierung ist der Mensch ein Ding, eine Ware, die sich auf dem Markt, genauer: auf dem Personalmarkt, erfolgreich, also gewinnbringend verkaufen möchte.

Zwar spricht Fromm in diesem Zusammenhang nicht ausdrücklich von Karriere, doch es liegt auf der Hand, dass die Marketing-Orientierung aufs engste mit der Karriere-Orientierung verbunden, wenn nicht sogar mit ihr identisch ist.

Ein wichtiges Element der Marketing-Orientierung ist zunächst die Abhängigkeit des Menschen von äußeren Umständen. Wenn jemand eine Karriere macht, muss er sich vollständig an die Bedingungen des Marktes anpassen, er muss den Erfordernissen des Marktes genügen. Das bedeutet, dass er nicht er selbst sein kann, sondern so sein muss, wie andere es von ihm verlangen. Sein Motto lautet:

Ich bin so, wie du mich haben möchtest.(3)

Oder:

Ich bin so, wie ihr mich wünscht.(4)

Die Fähigkeiten und Kräfte des Menschen sind demnach nichts Eigenes, sondern Waren, die von anderen eingeschätzt und gebraucht werden können.

Das zentrale Element der Marketing- und der Karriere-Orintierung ist das Streben nach Erfolg. Wie wir oben gesehen haben, betrachtet sich ein Mensch, der der Marketing-Orientierung folgt, als Ware, die er auf dem Markt verkaufen kann. Es geht ihm nicht um Selbstverwirklichung, Selbsterfüllung und Glück, sondern um seine Verkäuflichkeit. Er hat dann Erfolg, wenn er sich gewinnbringend verkauft.

Hat er in diesem Sinne Erfolg, dann empfindet er sich als wertvoll, wenn nicht, als wertlos. Mit anderen Worten: Sein Selbstwertgefühl hängt von seinem Erfolg ab, davon,

ob er sich gewinnbringend verkaufen kann, ob er mehr aus sich zu machen weiß als er zu Anfang seiner Laufbahn (seiner Karriere, A.U.) war, kurz ob er ´sein Erfolg ist`.(5)

Der Karrierist ist umso erfolgreicher, umso besser er sich gewinnbringend verkaufen kann, wobei gewinnbringend in erster Linie geldbringend bedeutet. Die Marketing- und die Karriere-Orientierung sind deshalb aufs engste mit Geldgier und auch Machtgier verbunden. Die Jagd nach Geld, nach der Vermehrung des Besitzes ist für den Karrieristen von entscheidender Bedeutung, denn je mehr Geld und Besitz er ansammelt, desto mehr Anerkennung spenden ihm die anderen und desto stärker wird sein Selbstwertgefühl. Geld wird für ihn deshalb zu einem Götzen, den er bedenkenlos anbetet.

Betrachtet sich der Mensch selbst als Ware, so sieht er auch die anderen als Ware, die einen Markt-Wert hat. Er betrachtet die anderen nicht in ihrem Eigenwert, nicht als Selbstzweck, sondern benutzt sie für seine Zwecke. Er schreckt daher nicht davor zurück, sie ohne Bedenken zu manipulieren. Es versteht sich von selbst, dass die Marketing-Orientierung dadurch die Ellenbogenmentalität, also das skrupellose Sich-Durchsetzen, das Über-Leichen-Gehen fördert.

Da der Karrierist andere Menschen für seine Zwecke benutzt, nur seine Interessen und seinen Erfolg im Blick hat, kann seine Haltung als eine zutiefst egoistische bezeichnet werden.

Bemerkenswert ist, dass die Marketing-Orientierung trotz allen Anscheins Individualität zerstört. Da der Mensch auf seinen Warencharakter und seinen Markt-Wert reduziert wird, ist das Besondere und Einmalige, eben die Individualität, ein „unnötiger Ballast“.(6) Wenn individuelle Eigenschaften zu den Anforderungen des Marktes nicht passen, dann müssen sie abgelegt werden,

denn die Marketing-Orientierung muss frei sein, frei von jeglicher Individualität.“(7)

Zusammenfassend kann folgendes festgehalten werden: Der Mensch, der der Marketing- und Karriere-Orientierung verfallen ist, verliert seine Unabhängigkeit, Selbstbestimmung (Autonomie) und Freiheit. Er entfernt sich von allem, was wichtig ist, von seinem Selbst, von kritischem Denken und authentischem Fühlen sowie von echten interpersonalen Beziehungen. Kurz: Karriere ist der Inbegriff des falschen Lebens.

Doch welche Alternative zur Marketing- und Karriere-Orientierung bietet uns Erich Fromm an? Fromm stellt in seinen Werken Praktiken vor, mit deren Hilfe der Mensch ein nicht-entfremdetes Verhältnis zu sich selbst und zu anderen gewinnen könnte. Eine besondere Rolle spielt dabei die Psychoanalyse. Sie ist in seinen Augen die beste Methode, die Befreiung des Menschen von der Entfremdung zu fördern. Mit ihrer Hilfe soll der Mensch die verdrängten frühkindlichen Konflikte aufarbeiten und somit Reife, Unabhängigkeit, Autonomie und Freiheit erlangen.

Die Aufgabe der Psychoanalyse geht jedoch über das Individualtherapeutische hinaus; sie soll den Menschen dazu befähigen, seine gesellschaftliche Bedingtheit zu sehen und gesellschaftliche Verhältnisse zu seinen Gunsten zu verändern. Analyse des Einzelnen und Analyse der Gesellschaft lassen sich nach Fromm voneinander nicht trennen. Die Psychoanalyse avanciert somit zu einer kritischen Gesellschaftstheorie.

Als Alternative zur Marketing- und Karriere-Orientierung nennet Fromm auch die produktive Orientierung. Unter Produktivität versteht er die Verwirklichung der dem Menschen innewohnenden konstruktiven Potentiale und die volle Entfaltung seiner Kräfte. Kennzeichnend für die produktive Orientierung des Menschen ist die

Fähigkeit, die Welt zu erfassen – im Bereich des Gefühls durch seine Liebe, im Bereich des Denkens durch seine kritische und phantasiereiche Vernunft und und im Bereich des Handelns durch seine schöpferische Arbeit und durch Kunst.“(8)

Produktives Tätigsein ist in diesem Sinne ein nicht-entfremdetes Tätigsein, ein produktiver Mensch ist ein nicht-entfremdeter Mensch.

Seite 2: Die Ablehnung des Karrierismus in der linksalternativen Bewegung
Seite 3: Die Rehabilitierung des Karrierismus in der linksalternativen Frauenbewegung
Seite 4: Gründe für die Rehabilitierung des Karrierismus

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5 Kommentare zu "Alternative Szene und Karriere
Popkulturalismus á la ´Missy`"

  1. giovanni gruen sagt:

    …ja, die Linken haben die Flexibilitaet und Absorptionsfaehigkeit ihres Feindes immer unterschaetzt – einer der Kardinalfehler linker Theoriebildung…

    • Leonard sagt:

      Wenn Sie hier, wo es um Argumente und um Denken geht, wenigstens den Versuch unternähmen, selbst zu denken, also inhaltlich zu argumentieren, anstatt den Begriff des “Feindes” zu verwenden, der bekanntlich von dem Juristen und Nationalsozialisten Carl Schmitt in die Debatte gebracht wurde, dann zeigen Sie, was Geistes Kind sie sind. Und es ist dabei ganz egal, ob Sie sich womöglich einbilden, politisch ein Linker zu sein. Sollte es so sein: Sie sind es nicht. Den Beweis haben Sie selbst erbracht.

  2. Ute Plass sagt:

    “Lange haben große Teile der Linken Karriere als Ausdruck der Entfremdung abgelehnt. Sie galt als Inbegriff von hierarchischen Strukturen, Konkurrenz und Ellenbogenmentalität. Doch mit dem Feminismus hat sich das geändert.”

    Wieviele Frauen und Männer, die Karriere machen (wollen) sind Feminist_innen, und wie viele, die sich Feminist_in nennen, wollen Karriere machen um den Preis systemischer Einhegung? Gibt es dazu vergleichbare Zahlen?

    Was genau will uns der Autor dieses Beitrages sagen?
    Dass “der Feminismus” (was ist das genau?) schuld daran ist, dass große Teile der Linken Karriere machen nicht mehr als eine Art von Sündenfall ansehen – oder?

  3. neuland sagt:

    Dass große Teile der Linken Karriere als Ausdruck von Entfremdung lange Zeit theoretisch abgelehnt haben, macht ja Sinn. Es liegt in der Natur der Idee begründet, welche das Kollektiv gegenüber dem Einzelnen praeferiert.

    In der Praxis hingegen musste dies von Anfang an ein frommer Wunsch bleiben, weil man ‘Nicht-Ziele’ ohnehin nicht anstreben kann und speziell dieses auch noch der menschlichen Natur, nämlich dem Rangstreben, zuwider läuft.

    Immerhin aber trachteten die linken Himmelsstürmer zunächst durchaus im Rahmen der Bewegung persönlich voranzukommen, als Anführer, Protagonist oder zumindest wertvolle Stütze oder Bestandteil. Als sich aber abzeichnete, dass das so bald nicht gelingen kann, wurde flugs das Konzept des ‘langen Marsches durch die Institutionen’ entwickelt. Und dankbar aufgegriffen und umgesetzt – jedenfalls von denen, welche die Voraussetzungen dafür mitbrachten.

    Und was die Frauen anbelangt: Die waren schon immer ein bisschen pragmatischer als ihre verträumten Männer. Schließlich planen sie nicht immer nur für ein paar Minuten, sondern für Perioden von 9 Monaten plus x.

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