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Rape Culture
“Wir schwimmen in einer Kultur voll von Sexismus”

Wie zwei Café-Besitzer von heute auf morgen zum Feindbild einer amerikanischen Kleinstadt wurden

Bild: TheeErin / flickr / CC BY-NC-SA 2.0

Von Jana Marlene Mader

In den letzten Wochen hat im nordamerikanischen Bundesstaat North Carolina ein Vorfall die Debatte zur „Rape Culture“ im Land aufgeheizt. Grund dafür war das Verhalten zweier Café-Besitzer gegenüber ihren weiblichen Gästen und Mitbürgerinnen – ein Verhalten, von dem bis dahin niemand wusste.

Jared Rutledge, 31, und Jacob Owens, 27, waren bis vor Kurzem geachtete Mitglieder des für den amerikanischen Süden ungewöhnlich liberalen Asheville. Asheville ist eine etwa 80.000 Einwohner Stadt im Westen von North Carolina und liegt in den Blue Ridge Mountains, einem zu den Appalachen gehörenden Gebirgszug.

Rutledge und Owens besaßen ein Café namens „Waking Life Espresso“ im hippen West Asheville der Stadt und hatten sich damit einen Namen gemacht. Das Café gehörte zu einem der beliebtesten im Ort, vor allem für junge Leute. Darüber hinaus verwandelten Rutledge und Owens den Namen „Waking Life“ in eine Marke und verkauften ihre Artikel (z.B. Eiskaffee in Glasflaschen) an andere Geschäfte sowie Cafés nicht nur innerhalb von Asheville, sondern auch im ganzen Land.

Doch ihr Ansehen schwand von einem Tag auf den anderen und mehr noch: Sie wurden öffentlich verurteilt und geächtet; gegen sie wurde demonstriert.

Am Abend des 18. September wurde auf der Internetseite jaredandjacobsaid.com preisgegeben, dass die beiden auch die Männer hinter einer frauenfeindlichen „Pick-Up-Artist“-Webseite sind. Zudem hatten sie einen Podcast mit dem Namen „Holistic Game“ (die Tagline dazu: „Putting sweet D in the tender V since 2013“) sowie einen dazugehörenden Twitter Account ins Leben gerufen, in welchen das Duo ihre sexuellen Begegnungen nicht nur aufzählte, sondern auch im Detail beschrieb.

Ein Post vom März 2015 trägt den Titel „A Breakdwon of All My Lays“ und fasst alle 50 Frauen zusammen, die Rutledge „je gefickt hat.“ Ein paar Beispiele:

11. K. – Business – 6/7/7 – Played
Late thirties MILF that I fucked in her basement while her kids were asleep. Slamming body for her age, and I’d never fucked a woman that old. We didn’t hang out again – I think she was only really interested in something serious. Her exes were abusive and I think she wanted beta comfort and stability. I still see her around – she’s single and seems to be doing well.

Und eine anderer Post:

35. K. – Tinder – 6/7/4 – Played
This is the K. I mention a lot on the podcast. Early twenties self absorbed stoner with zero ambition. The sex was amazing and I helped her through some dark times (perhaps a touch of Save-A-Ho on my part). She caught serious feelings for me but we navigated it, and recently she’s realized I don’t enjoy her company and we’ve mutually parted ways. I hope she does well but she’s damaged goods.

Weitere Tweets ließen verlauten:

Nothing wrong with fucking a fat chick (body fat > 25%) once in a while, but they’re catch and release. #ozbodypositive
Und: One thing that mediocre skinny girls can do is be sweet, submissive and feminine. Makes a massive difference and can often add a point. Oder auch: I just fucked a plate in the garage next to my business. After telling her I wanted to stuff her socks in her mouth and fuck her stupid.

Besonders besorgniserregend war eine Folge des Podcasts „Holistic Game“, in der Jacob Owens zugibt, dass er eine Frau vergewaltige, als diese im Krankenhaus unter Medikamenteneinfluss stand.

“It was still really fun because we had sex in the shower. Hospital sex is weird, when she’s drugged, it’s strange, but it’s really cool.” “Could she give consent?” Rutledge asks. “Could she give consent, Jay?” “Uh oh,” Owens laughs. “That’s my bad. That is my bad.” “You might’ve violated some California laws. Good thing we don’t live in California.”

Ashevilleblog hat daraufhin Accounts von Frauen veröffentlich, die sich in den Darstellungen der beiden wiedergefunden haben. Eine Frau schreibt, dass Rutledge sie in ihrem Restaurant ansprach und meinte: „Du bist heiß und ich finde, wir sollten rummachen.“ Als sie sich dagegen aussprach (und anmerkte, dass sie verheiratet ist), schrieb er ihr daraufhin folgende Email: “Yo hot stuff, you want a case this friday? it’s $2.72 a bottle, 24 bottles per case, and a case minimum. so $65.28. MSRP is $3.89. i’ll drop it by myself if you’ll make me a sammich :).”

Die Nachricht über die Aktivitäten der Café-Besitzer hat sich in Asheville und im ganzen Land wie ein Lauffeuer verbreitet: zunächst in sozialen Netzwerken, dann in lokalen Medien, daraufhin griff die Frauen-Webseite Jezebel die Geschichte auf, USAtoday folgte.

Örtliche Läden haben umgehend die Geschäfte mit den beiden eingestellt. Orbit DVD, ein DVD-Vertreiber aus Asheville, hat verlauten lassen, die Einnahmen verbleibender Flaschen von Waking Life, die bereits im Landen standen, an die Organisation Our VOICE zu spenden. Our VOICE ist eine gemeinnützige Vereinigung in Asheville, die Opfern von sexuellem Missbrauch hilft.

Nach einer tagelangen Hetze gegen Rutledge und Owens inklusive Demonstrationen vor ihrem Café (Poster mit der Aufschrift: I’m not a plate1! I’m not a fuck stick!) stellte sich die Frage: Reagiert Asheville über?

„Dies sind wortwörtlich unsere Frauen, Frauen von unserer Gemeinde, in der wir leben“, sagt eine Ladeninhaberin zu der Tageszeitung Asheville Citizen-Times. „Sie sind unsere Freunde. Sie sind die, die von uns geliebt werden. Sie sind unsere Nachbarn. Das Problem ist nicht mit jemanden zu schlafen und dann darüber zu sprechen. Das Problem ist, Frauen dazu zu benutzen um das eigene Ego aufzumotzen. Das ist schlicht verachtend Frauen gegenüber.“

Ein paar Tage später veröffentlichten Rutledge und Owens eine Entschuldigung auf ihrer Café-Webseite. „Wir haben schreckliche Dinge gesagt – Dinge, die von ungesunden Gedankenmustern her rühren und die nicht zu einer stabilen und gleichberichtigten Gesellschaft beitragen“, lautet der erste Satz. Die beiden erklären, dass ihre Einnahmen von nun an an Our VOICE gehen. Our VOICE gab daraufhin bekannt, dass sie die Spenden von Rutledge und Owens nicht annehmen.
Nur wenige Tage später müssen Rutledge und Owens ihr Café schließen, inzwischen sind die Räumlichkeiten an andere Cafébesitzer der Stadt verkauft. Den ehemaligen Mitarbeitern wurde eine Übernahme versichert.

Wut und der Ärger flachen langsam ab. Rutledge und Owens stehen vor dem Nichts. Waren die Reaktionen zu heftig? Wie kann man den beiden jetzt helfen? Soll und muss man ihnen helfen?

Die Universität in Asheville UNCA hat aufgrund der aktuellen Ereignisse eine Diskussionsrunde zum Thema „Rape Culture“ veranstaltet. Anwesend waren Amanda Hendler-Voss, Co-Pastor von „Land of Sky United Church of Christ“; Geoff Sidoli, Geschäftsführer der Child Abuse Prevention Services; Keynon Lake, Sozialarbeiter bei Buncombe County Health and Human Services und Gründer der gemeinnützigen Organisation „My Daddy Taught Me That“, einer Organisation für junge Männer; Patrick Doran, Kreditberater bei Mountain BizWorks; Matt Lynn und Erin Wolf von Our VOICE.

Auf die Frage, ob der aktuelle Skandal für das liberale Asheville eine Überraschung sei, antwortet Henler-Voss: „Ja und Nein. Wir schwimmen in einer Kultur voll von Sexismus und wir hier in Asheville sind dagegen nicht immun. Ich hätte sehr gerne eine Gruppe von älteren Männern gesehen, die eingreifen… und sagen: Du hast eine Sucht. Da ist Hilfe für dich. Wenn unsere erste Antwort öffentliches Bloßstellen ist, dass zum Exil der Täter führt, dann verjagen wir sie nur in eine andere Gemeinschaft, in der das gleiche wieder passieren wird.“

In zahlreichen Gesprächen innerhalb der Stadt, in Posts sozialer Netzwerke und auch an diesem Abend hieß es oft: wir Frauen, ihr Männer. Viele Frauen in den Vereinigten Staaten nennen sich „Feministinnen“ und betonen dies mehr als in Deutschland. Warum? Kommt es daher, dass es in Deutschland weniger um Labels geht? Oder dass die Frauenbewegung in den USA stärker ist?

In den USA gibt unzählige Frauenmagazinen, Frauenwebseiten, Frauen-Selbsthilfegruppen, Yoga für Frauen, Frauenbuchläden, Frauenlesegruppen – keineswegs schlechte Dinge per se, doch kann es in einer Gesellschaft Gleichberechtigung geben, in der wir den Unterschied machen zwischen Gewalt gegen Frauen und Gewalt gegen Männer? Ist es nicht an der Zeit, dass wir gegen Gewalt allgemein sind, gegen Gewalt an jedem Menschen, gegen Missbrauch, gegen Hetze gegen jeden?

Der Skandal in Asheville hat gezeigt: Nicht nur Frauen, auch Männer setzen sich vehement gegen Frauenfeindlichkeit und für Gleichberechtigung ein. Männer standen gleichermaßen mit Schildern auf der Straße und haben demonstriert. Sie nahmen an Diskussionsrunden teil und brachten in sozialen Netzwerken ihre Empörung und Wut zum Ausdruck. Rutlegde und Owens mussten einen hohen Preis zahlen. Der Wille zu einer gleichberechtigten Gesellschaft ist da. Von beiden Seiten.

Artikelbild: TheeErin / flickr / CC BY-NC-SA 2.0

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3 Kommentare zu "Rape Culture
“Wir schwimmen in einer Kultur voll von Sexismus”"

  1. Ute Plass sagt:

    “In den USA gibt unzählige Frauenmagazinen, Frauenwebseiten, Frauen-Selbsthilfegruppen, Yoga für Frauen, Frauenbuchläden, Frauenlesegruppen – keineswegs schlechte Dinge per se, doch kann es in einer Gesellschaft Gleichberechtigung geben, in der wir den Unterschied machen zwischen Gewalt gegen Frauen und Gewalt gegen Männer? Ist es nicht an der Zeit, dass wir gegen Gewalt allgemein sind, gegen Gewalt an jedem Menschen, gegen Missbrauch, gegen Hetze gegen jeden?”

    Zitat:
    ” Hilft es den Opfern von Gewalt – egal ob Frauen oder Männer – wenn wir dazu übergehen, das Thema quasi „geschlechtsneutral“ zu betrachten?”
    Ich denke nicht.”

    http://antjeschrupp.com/2010/11/16/gewalt-ist-nicht-geschlechtsneutral/

    • Idahoe sagt:

      Inwiefern ist das Phänomen Gewalt durch die REDUKTION auf das Geschlecht hilfreich?
      Ist das Geschlecht tatsächlich der universelle Grund von Gewalt?

      Sind nicht Fragen sinnvoller wie
      Was ist Gewalt? Speziell in welcher Situation?
      Wie entsteht Gewalt?

      • Ute Plass sagt:

        Nein, “das Geschlecht” betrachte ich nicht als universellen Grund für Gewalt, sondern die Bilder von Macht und Herrschaft, die aus der Geschlechterdifferenz konstruiert wurden und werden.

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