Was ist heute „links“?

Der Begriff “links” wird im politischen Alltagsgebrauch mit einer unreflektierten Selbstverständlichkeit verwendet und auch missbraucht. Eine Kritik und Bestandsaufnahme des politischen Links-Rechts-Schemas.

Von Günter Buchholz

Das politische Links–Rechts–Schema wirkt heute zu Recht vielfach veraltet, zum Teil deshalb, weil es Probleme gibt, die – wie die ökologische Krise – unabhängig von politischen Positionen die ganze Menschheit betreffen. Hinzu kommt. dass diese Begriffe verpönt sind: die ehemals Rechten („Deutschnationale“; „Konservative“) und die ehemals Linken („Sozialisten“; „Sozialdemokraten“) sehen sich heute alle in der MITTE stehen, was immer das auch bedeuten mag.

Vielleicht ist die heutige MITTE ein Karo mit den farbigen Ecken CDU/CSU (schwarz), FDP (gelb), SPD (purpurrot), GRÜNE (hellgrün), eine Art Kartell bürgerlicher Parteien unter Führung der CDU, bei der es dann fast egal ist, wen man wählt, und ob man überhaupt wählt. Die Wahlabstinenz einer Mehrheit der Wahlberechtigten wurzelt nicht zuletzt in dieser weitgehenden Ununterscheidbarkeit.

Dem ist entgegen zu halten, dass die heutige bürgerliche Gesellschaft sich zwar weiterentwickelt hat, und zwar sehr erheblich, dass sie aber immer noch durch das Herrschaftsverhältnis der toten über die lebendige Arbeit und somit durch die Dialektik von Kapital und Arbeit bestimmt wird. Und daraus lassen sich Kriterien ableiten, was unter „links“ zu verstehen ist – und was nicht. Das wird hier ansatzweise versucht.

„Links“ im Alltagsbewusstsein

Wird die Frage gestellt, was heute im politischen Zusammenhang unter „links“ verstanden wird, dann wird in der Regel zunächst auf das zurückgegriffen, was Parteien, die sich selbst im weitesten Sinne als linke Parteien ansehen, oder die von anderen so angesehen werden, in ihrer Programmatik dazu zu sagen haben. In Deutschland ist das die Sozialdemokratie sowie die GRÜNEN und DIE LINKE, während die Zuordnung der jungen Partei der PIRATEN vorläufig offen bleiben muss.

Es wäre allerdings höchst naiv, die Praxis dieser Parteien nicht mit einzubeziehen, denn diese ist die Realität der bloßen Programmatik, die dadurch leicht zu einer Form bloß symbolischer Politik verkommt – Papier ist bekanntlich geduldig – oder die sogar von vornherein so angelegt ist, wobei populistische Erwägungen eine Rolle spielen können. So sind z. B. diese drei Programme sämtlich mehr oder weniger stark feministisch orientiert, was natürlich nahelegt und die Annahme zu bestätigen scheint, dass Feminismus eine Form „linker“ Politik sei. Das ist zumindest teilweise eine optische – oder eine gewollte populistische – Täuschung, zum Teil ist es auch eine Selbsttäuschung dieser Parteien, die auf dem unbemerkten Verlust der Kriterien für „linke“ Politik beruht.

Eine sozialdemokratische Partei kann zum Beispiel, wie die AGENDA 2010 belegt, in Koalition mit den GRÜNEN, ebenso unsozial wie neoliberal regieren. Ebenso ist der ursprüngliche Pazifismus der GRÜNEN längst zugunsten bellizistischer Positionen und Praxen aufgegeben worden, was für die SPD genauso zutrifft. Es ist diese Praxis, die diese beiden Parteien heute eher als Varianten einer de facto existenten, durch die neoliberale Ideologie und die Interessen des Kapitals zusammen-gehaltenen bürgerlichen Einheitspartei erscheinen lässt, denn als politische Alternative zu den traditionell bürgerlichen Parteien CDU & CSU – samt ihrem Führungsanspruch – sowie der FDP. Diese Differenz zwischen Programmatik und politischer Praxis besteht auch bei der LINKEN, und die weitere Entwicklung wird zeigen, ob sich auch hier eine an die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse angepasste politische Praxis durchsetzen wird – überraschend wäre das jedenfalls nicht, ganz im Gegenteil.

Aber weder die Programme der Parteien noch die tatsächliche politische Praxis dürften das Alltagsbewusstsein einzeln oder gemeinsam bestimmen. Vielmehr dürfte es realistisch sein anzunehmen, dass einerseits Programme überhaupt nur selten gelesen und ernst genommen werden, und dass andererseits die jeweilige politische Praxis nur fragmentarisch und unzusammenhängend sowie, nicht zuletzt, medial verzerrt wahrgenommen wird. Diese Schwächen zu überwinden würde dauerhaft Zeit und Mühe erfordern, zum Beispiel durch Nutzung von alternativen Medien und Blogs (wie zb. die NachDenkseiten, le Bohémien oder Cuncti), sowie aus ähnlichen, teils verlinkten Quellen, und dies dürfte mehrheitlich wohl unterbleiben.

Daher wird im Alltagsbewusstsein naiv das als „links“ wahrgenommen, wofür sich die als „links“ angesehenen Parteien oder ihre Medien einzeln oder überlappend in der medial konstituierten Öffentlichkeit gut wahrnehmbar aussprechen. Man „fühlt“ sich „links“, oder, auf der anderen Seite des Spektrums, „konservativ“, ohne dass dafür noch nachvollziehbare Spezifikationen oder Begründungen angegeben werden können. Das ist nicht nur intellektuell wenig überzeugend, sondern führt gelegentlich zu seltsamen Ergebnissen.

Nicht der Grundkonflikt zwischen Kapital und Arbeit, also z. B. nicht die Tarifpolitik der Gewerkschaften, nicht Arbeitskämpfe, nicht Kampagnen für einen Mindestlohn zugunsten der prekär Beschäftigten im Niedriglohnsektor, nicht steuer- und finanzpolitische Fragen, nicht Verteilungspolitik, nicht Auseinandersetzungen um eine beschäftigungsorientierte Wirtschaftspolitik und damit um die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die z. B. seit mehr als dreißig Jahren zentrales Anliegen der Memo-Gruppe ist, sondern die Lobbypolitik der parteiübergreifend organisierten sogenannten „Gleichstellungspolitik“ der dritten Frauenbewegung erscheint dann als „linke“ Politik, obwohl doch relativ leicht erkennbar ist, dass es hierbei um nichts weiter als um eine Politik der Privilegierung von Frauen handelt, und Privilegierungen – von wem auch immer – sind eben niemals eine linke Politik, zumal dann nicht, wenn sie vorsätzlich mit Diskriminierungen verbunden sind.

Noch abwegiger ist es, wenn spezielle Interessen einer homosexuellen Minderheit zu einem Bestandteil linker Politik erklärt werden. Da sexuelle Orientierungen als solche – ebenso wie die Institution der Familie – politisch neutral sind, gibt es hier im Grunde gar keinen Zusammenhang. Allenfalls mag in der Tradition der Philosophie der Aufklärung im Hinblick auf Homosexualität Toleranz eingefordert werden, ebenso wie die Abschaffung von ggf. bestehenden objektiv nachweisbaren Diskriminierungen (wie z. B. den ehemaligen § 175 StGB). Man mag, wenn auch mit Bedenken, insoweit noch dem jüngsten steuerrechtlichen Urteil des BVerfG zum Ehegattensplitting folgen.

Aber bei der Frage des Adoptionsrechts kommen die Bedürfnisse und Interessen der Kinder ins Spiel. Es geht dabei nur um das Kindeswohl und gerade nicht um Wunschvorstellungen und Interessen schwuler oder lesbischer Partner, und es gibt daher keinen – m. E. insbesondere auch keinen juristischen – Grund, deren spezifischen Interessen noch weiter entgegenzukommen. Denn es liegt keine Diskriminierung darin, dass homosexuelle Menschen kinderlos leben: dieses Leben ist vielmehr die Folge ihrer persönlichen Neigung oder Veranlagung. Menschliche Fortpflanzung findet, abgesehen von medizinischen Eingriffen, nur in heterosexuellen Partnerschaften statt.

Heterosexuelle und homosexuelle Partnerschaften sind in dieser Hinsicht prinzipiell und objektiv ungleich, und diese Ungleichheit ist eine letztgültige. Da die Gesellschaft auf Fortpflanzung nur bei Strafe ihres Verschwindens verzichten kann, muss sie die Fortpflanzung ermöglichen und sichern, und darin liegt der Sinn von Art. 6 GG. Das, was lesbische Frauen gern als „zwangsheterosexuelle Matrix“ diffamieren, hat einen Sinn und eine Notwendigkeit, die homosexuellen Partnerschaften gerade nicht zukommt.

Mein Zwischenergebnis lautet: „Links“ ist im Alltagsbewusstsein einfach alles, was mit der nötigen medialen Lautstärke so bezeichnet wird; eine Reflexion fällt hier heute wie leider auch bei anderen Themen der veröffentlichten Meinung weitgehend aus.

Gibt es nun eine Alternative zu dieser fragwürdigen subjektiven Beliebigkeit, wie sie sich auch in der postmodernen Philosophie findet?

Philosophiegeschichtliche Grundlagen

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (* 27. August 1770 in Stuttgart) starb am 14. November 1831 in Berlin. Er gilt wichtigster Vertreter des Deutschen Idealismus. Im Anschluss an Hegel entwickelte sich ab 1831 eine philosophische Gruppe, die von David Friedrich Strauß als Junghegelianer bezeichnet wurden. Zu ihnen gehörte u. a. Karl Marx (1818 in Trier – 1883 in London). David Friedrich Strauß verwendete diese Bezeichnung für diejenigen aus der Hegelschen Schule, die in der Kontroverse um sein 1835 veröffentlichtes religionskritisches Buch „Leben Jesu“ seine Partei ergriffen. Die Gegenseite wurde von Strauß als Althegelianer bezeichnet.

Die Religionskritik von David Friedrich Strauß wurde von Ludwig Feuerbach in „Das Wesen des Christentums“ (Leipzig 1841) epochemachend vertieft, und auf diesen Grundlagen entwickelte sich die hier besonders interessierende philosophiekritische Schrift von Karl Marx: „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“, die im Sommer 1843 in Kreuznach geschrieben wurde, und die 1844 in den »Deutsch-Französische Jahrbücher« in Paris erschien (MEW Bd. 1, S. 378 – 391, Berlin 1976), also ca. fünf Jahre vor den Revolutionen von 1848, mitten in der historischen Periode des Vormärz. Diese „Einleitung“, die ein Schlüsseltext ist, beginnt – im Anschluss an David Friedrich Strauß und Ludwig Feuerbach – mit dem Satz:

„Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“

Und sie setzt an späterer Stelle fort:

„Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Aufhebung der Religion.

Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“ (Hervorhebung: GB)

In dieser Passage ist der zugleich moralphilosophische und politische Marx´sche kategorische Imperativ formuliert: Menschen sollen weder erniedrigt, noch geknechtet, noch verlassen, noch verachtet sein, und alle gesellschaftlichen Verhältnisse, die dies verursachen, sind „umzuwerfen“. Die daraus abzuleitende Handlungsmaxime würde lauten:

Identifiziere alle gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verachtetes Wesen ist, und handle dann so, dass du einen Beitrag dazu leistest, dass diese gesellschaftlichen Verhältnisse im Geschichtsprozess „umgeworfen“ werden können.

Wer nun nach einem Beispiel danach fragt, wer heute diese Handlungsmaxime vorlebt, der sei auf Leben und Werk von Jean Ziegler hingewiesen. Daraus ergeben sich Anhaltspunkte für das, was politisch in einer begründeten Art und Weise als „links“ zu gelten hat. Ziegler identifiziert zum Beispiel das Elend, in dem die Menschen des Südens immer noch massenhaft leben und sterben, als das, was nicht zu sein brauchte und was nicht länger sein sollte. Er bekämpft die dieses Elend verursachenden gesellschaftlichen Verhältnisse intellektuell, d. h. mittels der Aufklärung über diese Verhältnisse. Was zu Beginn der Neuzeit mit der Sklaverei in der Neuen Welt begann, was sich im 19. Jahrhundert zum Kolonialismus entwickelte, das ist heute noch in ökonomischen Herrschaftsstrukturen und ihren Institutionen (Weltbank, Welthandelsorganisation, Internationaler Währungsfonds) wirksam. Es sind die ökonomischen und politischen Entwicklungsblockaden, die allererst aufgehoben werden müssten, um den Menschen des Südens einen eigenständigen Entwicklungspfad zu eröffnen.

Entsprechend wäre in Europa an der sozialen Lage der lohnabhängig Beschäftigten, insbesondere der prekär Beschäftigten, der Arbeitslosen und der nicht (oder noch nicht; oder nicht mehr) arbeitsfähigen oder der nicht vermittelbaren Personen anzuknüpfen. Die AGENDA 2010 – Politik zielte zwar auf diesen Teil der Bevölkerung, war aber, obwohl es sich um eine Regierung aus SPD und GRÜNEN handelte, gerade gegen ihn gerichtet. Daraus ergibt sich, dass diese Politik keine linke, sondern eine rechte Politik war und ist. Faktisch handelt es sich um die Politik des Kapitals – Kapital hier verstanden als sozioökonomisches Herrschaftsverhältnis. Diese Zusammenhänge werden in der Marxschen „Kritik der politischen Ökonomie“ theoretisch durchsichtig.

Historische Zusammenhänge

Die historische Periode zwischen der Großen Französischen Revolution (1789) und der russischen Revolution (Februar und Oktober 1917) sowie der deutschen Novemberrevolution (1918/19), also das „lange 19. Jahrhundert“ (Eric Hobsbawm) war durch einen Industrialisierungs- und Kapitalisierungsprozess gekennzeichnet, in dem sich simultan die neue, proletarisierte, arbeitende Klasse der Industrieära entwickelte, deren soziale Existenz- und Reproduktionsprobleme von der damaligen Politik und Wissenschaft als die „Soziale Frage“ gefasst und diskutiert wurde. Aber diese Epoche war trotz des Aufstiegs des Bürgertums in Industrie, Handel und Banken keine ungeschmälert bürgerliche, sondern sie war soziopolitisch durch das Fortdauern der ständischen Gesellschaftsordnung mit einem entsprechenden Gewicht des Adels, speziell in der Landwirtschaft, in der Diplomatie und vor allem im Militär, gekennzeichnet. Dieser Widerspruch, der die Emanzipationsprozesse hemmte oder blockierte, wurde erst ganz am Ende der Epoche durch die sozialen und politischen Revolutionen von 1917 und 1918/19 durch die Entprivilegierung des Adels aufgelöst.

In dieser Epoche lassen sich drei Emanzipationsbewegungen erkennen. Erstens die Emanzipation der Juden, zweitens die Emanzipation der Arbeiterklasse, drittens die Emanzipation der Frauen: die erste Frauenbewegung.

Die Emanzipation der Juden wurde besonders durch die Französische Revolution ermöglicht und durch die napoleonische Politik auf europäischer Ebene verwirklicht. Die radikale Rücknahme dieses Prozesses erfolgte bekanntlich im 20. Jahrhundert durch die Nationalsozialisten, deren praktischer Nihilismus sich damit zugleich gegen die Französische Revolution und die Philosophie der Aufklärung wendete.

Die Emanzipation der Arbeiterklasse war von Selbstorganisation in Gestalt von Gewerkschaften, Bildungsvereinen, Arbeitergenossenschaften und Arbeiterparteien, begleitet von staatlicher Repression, gekennzeichnet (Sozialistengesetze unter Bismarck). Aus sozialdemokratischer Sicht liegt hierüber ein Standardwerk von Helga Grebing vor, nämlich die „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung: Von der Revolution 1848 bis ins 21. Jahrhundert“, o.O. 2007; ergänzend sei hingewiesen auf: http://www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/innenpolitik/arbeiterbewegung/index.html

Die Emanzipation der Frauen hatte ihren Ausgangspunkt in dem damals industriell und politisch führenden Land, in Großbritannien; und zur weiteren Geschichte der Frauenbewegung vgl.: http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung/

Worauf es hier ankommt, das sind nicht die Einzelheiten dieser Prozesse, sondern dass sie das eine gemeinsam hatten: nämlich die Selbstbefreiung aus ganz bestimmten, konkreten Unfreiheiten anzustreben und zugleich, ganz bestimmte Freiheiten einzufordern. Emanzipation in einem konkreten Sinne war (und ist) ein linkes politisches Anliegen. Mit Blick auf die Menschen des Südens z. B. wäre das die Emanzipation aus sozialer, ökonomischer und politischer Abhängigkeit im geopolitischen Zusammenhang, insbesondere die Überwindung der absoluten Armut.

Für die Juden war das die rechtliche Gleichstellung mit anderen Bürgern, die ihnen erstmals den Zugang zu allen Berufsfeldern eröffnete, was sich kulturell als außerordentlich fruchtbar erwies und was mit der Abschaffung ihrer seit Jahrhunderten tradierten rechtlichen Sonderstellung zusammenfiel. Für die junge Arbeiterklasse ging es um Streikrecht, um die eigenen Existenzinteressen sozioökonomisch vertreten zu können, und um das Recht auf eine Arbeiterpartei mit parlamentarischer Vertretung, um ihre Interessen auch politisch vertreten zu können, und dies in Verbindung mit dem allgemeinen Wahlrecht – selbstverständlich für Männer und für Frauen. Demokratie war ebenso wie Gleichberechtigung immer ein linkes Anliegen.

Die erste Frauenbewegung war einerseits eine Parallele in diesen Prozessen, andererseits war sie entsprechend der Klassenteilung der Gesellschaft in sich geteilt. Beispielsweise ging es für eine Minderheit bürgerlicher Frauen gelegentlich um den Zugang zum Studium; gelegentlich deshalb, weil die Mehrheit sozial tradiert in familiären Bindungen und mit deren Verpflichtungen lebte.

Die Frauen der Arbeiterklasse hatten mit ihren Familien ganz andere Probleme; es ging für die ganze Familie darum, überhaupt Arbeit zu haben, dann darum, von der Lohnarbeit tatsächlich leben zu können (Lohnhöhe), ferner um die Absicherung von Existenzrisiken (Unfall, Krankheit, Alter), ferner ging es um Wohnungen und Mieten, um öffentliche Hygiene und die Gesundheitsversorgung, um Schulen, Berufsausbildung usw., kurz, um die „Daseinvorsorge“. Vor diesem Hintergrund schrieb August Bebel, der „Kaiser der Arbeiterbewegung“ sein Buch: „Die Frau und der Sozialismus“.

Während der Zeit des Nationalsozialismus und durch ihn wurden alle drei Emanzipations-bewegungen sowie die Philosophie der Aufklärung und die Französische Revolution zurückgenommen – er war, bis hin zur Wiedereinführung der Sklaverei bzw. der Zwangsarbeit, die radikalste Konterrevolution (bezogen auf 1918/19, 1917, 1848 und 1789), die sich überhaupt nur denken lässt.

Aber nach seiner Niederlage wurde nach und nach rekonstruiert, was noch rekonstruierbar war. Dazu gehörte neben dem aufgeklärten Verfassungsstaat auch der 1968 mit dem beginnenden Generationenwechsel einsetzende soziokulturelle Modernisierungsschub der Studentenrevolte von 1968 (Paris, Berlin), der die zweite Frauenbewegung folgte. Aber man braucht lediglich diese zweite mit der ersten Frauenbewegung zu vergleichen, um zu erkennen, dass es sich um ein Revival bereits auf Luxusebene handelte.

Strittig war besonders die Strafbarkeit der Abtreibung, sodann das Ehe- und Familienrecht. Auf beiden Feldern kam es während der späten 60er und der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts rechtspolitisch zu erheblichen Verbesserungen zu Gunsten der Frauen, so dass sich der frühere Veränderungsbedarf auflöste.

An seine Stelle trat seit den 80er Jahren zunehmend die Interessenartikulation minoritärer, aber sich politisch wirksam organisierender Frauenfraktionen, die bis heute unberechtigterweise beanspruchen, für alle Frauen zu sprechen. Denn es muss doch stark bezweifelt werden, ob sich die Frauen in ihrer großen Mehrheit tatsächlich von dem durch feministischen „Entrismus“ entstandenen, daher parteiübergreifend wirksamen, aber im Kern „grünen“ Bündnis der lesbischen Frauen mit der Fraktion der ambitionierten Karrierefrauen vertreten fühlen. Wäre es dennoch so, dann wäre diese Mehrheit, die ganz andere, nämlich konkrete ökonomische und soziale Sorgen und Probleme mit Arbeit und Familie hat, jedoch gründlich im Irrtum.

Dem Schweigen der überwältigend großen weiblichen Mehrheit entspricht die propagandistische Lautstärke der Minderheit der dritten Frauenbewegung, wie sie sich ab 1995 auf der Weltfrauenkonferenz in Beijing konstituiert hat, und die ihre ganz speziellen Interessen voranbringen will, und zwar vorsätzlich zu Lasten konkurrierender Männer, und vorsätzlich mit Beugung oder Bruch der geltenden Verfassung: diese kennt nämlich keinen Gleichstellungsauftrag: vgl. Art. 3 GG.

Der Erfolg des Feminismus beruht auf einem ideologie- und propagandagestützten „Marsch durch die Institutionen“, oder einem „feministischen Entrismus“ , z. B. im Sinne einer erfolgreichen Unterwanderung fast aller Parlamentsparteien, wobei ihnen die Türen von innen geöffnet worden sind, und zwar von den Männern. Und das war das entscheidende.

Es fragt sich, aufgrund welcher Motive das geschehen ist. Und es fragt sich, warum die Männer immer noch zu den immer fataleren und immer absurder werdenden Folgen schweigen? Denn dass bestimmte Frauengruppen als Lobbyistinnen ihrer selbst aktiv geworden sind, das entspricht ihrer Interessenlage und ist deshalb überhaupt nicht verwunderlich. Aber dass es, was ebenso wichtig, zahlreiche Männer als Unterstützer eben dieser Lobbyistinnen gibt, das entspricht nicht deren Interessenlage. Und deshalb ist das erklärungsbedürftig.

Was ist heute „links“?

Es geht hier um Grundsätze, die eine Orientierung in der heutigen Realität ermöglichen sollen. Ich schlage hier – unabgeschlossen und vorläufig – die folgenden sieben politischen Positionen vor:

1. Frieden erhalten oder Frieden schließen.

– Außenpolitik möglichst nur mittels der Diplomatie betreiben.

– Militär möglichst nicht als Mittel der Außenpolitik verwenden.

– Rüstungsindustrie zumindest strikt regulieren.

2. Die Interessen der Lohnarbeit gegen das Kapital wahrnehmen und wirksam durchsetzen.

– Durch Gewerkschaften möglichst dafür sorgen, dass der „Preis der Ware Arbeitskraft“, der Lohn (das Gehalt) nicht unter den „Wert der Ware Arbeitskraft“ sinkt, so dass die Arbeiterfamilien (Angestelltenfamilien) von ihrem Lohneinkommen leben können.

– Expansive Lohnpolitik betreiben; sie wäre derzeit verteilungspolitisch richtig und makroökonomisch sinnvoll, insbesondere im EU-Zusammenhang.

– In der Europäischen Union eine makroökonomisch fundierte Fiskal- und Geldpolitik einführen und die dafür nötigen Institutionen schaffen bzw. umbauen.

– Die stark ungleich verteilten Einkommen und Vermögen transparent machen und steuerpolitisch im angemessenem Umfang umverteilen.

– Den öffentlichen Sektor für die „Daseinsvorsorge“ und die Infrastruktur leistungsstark machen und erweitern.

– Gewerkschaftlich und allgemeinpolitisch darauf hinwirken, dass ein Sozialstaat gewährleistet wird, der die Existenzrisiken der Arbeiterklasse (Unfall, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alter, Pflege) ausgleicht.

3. Die relative Armut nicht hinnehmen und zumindest verringern.

– Durch Einkommens- und Sozialpolitik Niedriglohnsektoren vermeiden oder auflösen.

– Mindestens durch Sozialpolitik eine menschenwürdige Existenz garantieren.

– Möglichst Qualifizierungspfade durch Bildungspolitik erschließen.

4. Demokratie und Gleichberechtigung sichern oder herstellen.

– Der Entdemokratisierung durch die Europäische Union – faktisch in enger Verbindung mit den nationalen Regierungen – entgegenwirken.

– Gleichberechtigung und Leistungsgerechtigkeit sichern und deshalb Gleichstellung beenden.

– Eine Demokratisierung der gesamten Gesellschaft einschließlich der Wirtschaft anstreben.

5. Internationalismus – globale Solidarität der Beherrschten.

– Globale Probleme global lösen und dabei globale Gemeinsamkeiten der Beherrschten in den Vordergrund rücken sowie nationalistische oder rassistische Abgrenzungen überall zurückweisen.

– Der Gefahr internationaler Ressourcenkonflikte frühzeitig entgegenwirken.

6. Weltweit Entwicklungspfade öffnen und die absolute Armut überwinden.

– Postkoloniale Abhängigkeiten auflösen, die in Entwicklungsblockaden fortwirken, um dadurch den Menschen (insbesondere des globalen Südens) wirkliche Selbstbestimmung zu geben und Ihnen – mit Hilfe zur Selbsthilfe – eigene Entwicklungspfade zu ermöglichen.

7. Das Kapital als „automatisches Subjekt“ aufheben.

– Die geschichtliche Endlichkeit der kapitalistischen Produktionsweise im Blick behalten und die politische Gesamtstrategie – insbesondere im Kontext krisenhafter Prozesse – an den teils manifesten, teils latenten systemtransformatorischen Potenzialen orientieren.

– Vorausschauend entsprechende handlungsleitende Konzepte entwickeln.

 

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24 Kommentare zu "Was ist heute „links“?"

  1. Links oder Rechts bedeutet heute gar nichts mehr…..oder allenfalls zum runterschaufeln des politischen Gegners.

    Was heutzutage zählt ist das Mensch sein, Menschlich und Vernunftbegabt zu handeln….Leider kann man durch alle Parteien hindurch beobachten, dass menschliches rationelles und Vernunftbegabtes Handeln anscheinend abhanden gekommen ist und wir von einer Bande von leicht bis schwer krimminellen Soziopathen regiert werden.

    Es gibt heute kein Rechts oder Links….es gibt nur Mensch oder Zombie….wobei die Zombies rassant im wachsen begriffen sind, egal von welcher Partei diese kommen.!

    • Gato sagt:

      Ob man das links und rechts oder progressiv und conservativ/regressiv, ist egal. Dass ehemals progressive Parteien und Organisationen sich eingefügt haben und viele ehemalige progressive heute conservativ sind, was übrigens im laufe der Geschichte immer passiert ist, bedeutet nicht dass es diese Kräfte nicht gäbe oder dass diese bestimmte Begriffe, Links und Rechts, keine Relevanz mehr besitzen würden. Es gibt und es wird *mindestens* sehr viele Jahrhunderte lang eine progressive und eine rückläufige Politik geben. Der Grund ist, dass die Menschheit in Klassen aufgeteilt ist, und das wird erstmal so bleiben.
      Ich stimme zwar zu, dass der Fokus stets auf den Kampf zwischen “Oben und Unten” legen sollte (was die Leute in diesem Zusammenhang argumentieren und womit sie eigentlich den Klassenkampf meinen), aber zur Zeit geht es nicht darum, die verschiedenen Kräfte zu leugnen, sondern um die Frage, was heute links/sozialistisch/kommunistisch noch genannt werden kann, also um eine Neuanordnung. Und das beinhaltet zwangsläufig einen Konflikt, der nicht ohne ist, aber im Grunde sehr positiv ist. Wenn wir das nicht tun, verfallen wir in einem Apartidismus, der mit echte Toleranz oder Offenheit nichts mehr zu tun haben würde. Was man auch nicht vergessen sollte ist, dass wenn wir die politischen Kräfte leugnen, wir auch die radikalen rechten leugnen, und das wäre fatal.

  2. Baryamo sagt:

    Eine sehr schöne Analyse, was die Geschichte und Teleologie linker und sozial-freiheitlicher Bewegungen betrifft. Auch die Kriterien am Ende sind mMn überwiegend zutreffend. Aber der ständig beschriebene Gender- und Homo-Konflikt, so unnötig er in diesem ganzen Artikel war, wurde dann doch sehr einseitig behandelt.
    Beim “Feminismus” wurden durch begriffliche Unklarheiten falsche Vorstellungen erweckt, Feminismus wird scheinbar als Kampf von Frauen um Vorteile präsentiert. Natürlich ist es dann sinnlos, männlicher Feminist zu sein. Aber wenn man den Art. 3 GG in den richtigen Kontext zur Genderdebatte setzt, sollte man den begriff Feminismus sowie das falsche Bild davon zurücklassen und von Universalem oder Geschlechteregalitarismus sprechen.

    Bei der Frage der Gleichstellung Homosexueller haben Sie, Herr Buchholz, dann scheinbar beiläufig ein Erzkonservatives Argument untergeschmuggelt. Es ist eben nciht richtig, Homosexuelle zu benachteiligen (auch hins. Adoptionsrecht) nur weil ihnen die biologische Möglichkeit der Fortpflanzung nciht gegeben ist. Dass bei voller Gleichbehandlung plötzlich alle schwul/ lesbisch /trans werden und die Gesellschaft ausstirbt, ist völliger Humbug. Es gibt (aus mir nicht bekannten Gründen)nur einen kleinen, relativ konstanten Anteil von Menschen in jeder Generation, die homosexuell sind. Die Politik kann das akzeptieren, oder einigen Bürgern unnötig das Leben schwer machen.
    Hier wieder: links ist der universelle Egalitarismus, der Heteros und Homos und Trans gleich behandelt, Frauen und Männer, Alte, Erwachsene und Jugendliche, Schwarze, Weiße und Asiaten, Atheisten, Muslime und Heiden, und jeden Menschen in seiner Unterschiedlichkeit respektiert.

    • Günter Buchholz sagt:

      1.) “Beim Feminismus” wurden durch begriffliche Unklarheiten falsche Vorstellungen erweckt, Feminismus wird scheinbar als Kampf von Frauen um Vorteile präsentiert. Natürlich ist es dann sinnlos, männlicher Feminist zu sein. Aber wenn man den Art. 3 GG in den richtigen Kontext zur Genderdebatte setzt, sollte man den begriff Feminismus sowie das falsche Bild davon zurücklassen und von Universalem oder Geschlechteregalitarismus sprechen.”

      Antwort: Die begrifflichen Fehler liegen auf feministischer Seite:
      http://www.frankfurter-erklärung.de/

      Ich insistiere auf Gleichberechtigung (Art. 3 GG).

      2.) “Bei der Frage der Gleichstellung Homosexueller haben Sie, Herr Buchholz, dann scheinbar beiläufig ein Erzkonservatives Argument untergeschmuggelt. Es ist eben nciht richtig, Homosexuelle zu benachteiligen (auch hins. Adoptionsrecht) nur weil ihnen die biologische Möglichkeit der Fortpflanzung nciht gegeben ist.”

      Antwort: Art. 3 GG kennt nur den Begriff der Gleichberechtigung. Ein Recht auf Kinder gibt es aber für niemanden. Kinder werden in heterosexuellen Ehen (oder Partnerschaften) gezeugt, geboren, und in der Regel liebevoll gepflegt und erzogen (Art. 6 GG). Wenn dieser Fall nicht gegeben ist, dann haben die Kinder – d i e K i n d e r ! – in ihrem eigenen entwicklungspsychologischen Interesse einen Anspruch und ein Recht darauf, wenigsten in einer (heterosexuellen) Ersatzfamilie, einer Pflege- oder Adoptivfamilie, gepflegt und erzogen zu werden.

      Die Annahme oder die Behauptung, Erwachsene hätten ein Recht auf Kinder, ist schlicht Unsinn und eine bloße Rationalisierung ihres egoistischen Interesses.
      Niemand hat ein solches Recht, und deshalb kann es hier auch keine rechtliche Gleichstellung geben. Es kommt ausschließlich (!) auf das Kindeswohl an.

      Im übrigen gilt, dass eine Aussage richtig oder falsch ist. Wenn Sie der Meinung sind, sie sei falsch, dann widerlegen sie sie. Wenn sie das nicht können, dann schweigen Sie. Aber fangen Sie bitte nicht damit an zu diffamieren.

      Bezeichnungen in pejorativer Absicht zuzuordnen, wie z. B. “erzkonservativ” oder “sozialistisch” – oder was auch immer – ist Ausdruck einer diffamatorischen Praxis, und zugeich Ausweis intellektueller Schwäche. Allerdings ist das für unsere derzeitige öffentliche Diskussion in weiten Teilen typisch. Leider.

      • Baryamo sagt:

        Es geht nicht um ein Recht “auf Kinder” sondern auf Adoption. Das beinhaltet, dass jeder, der für das Wohl des Kindes finanziell und emotional sorgen kann, eines adoptieren darf, bevor es bis zu seinem 18. Lebensjahr im Heim lebt (wo ihm auch eine heterosexuelle Kernfamilie fehlt.). Es ist imho auch rechtens, wenn Einzelpersonen oder homosexuelle Paare Kinder adoptieren, natürlcih unter den selben Bedingungen die auch für straight-Paare gelten.

        Ihre Kritik zu meiner Formulierung ist etwas fehl am Platz; sozialistisch taucht in meinem Kommentar ncith auf, und erzkonservativ bezog sich auf den Kontext, in dem o.g. Argument in anderen Medien/ im Alltag gebracht wird.

        • Günter Buchholz sagt:

          Erstens: zur juristischen Problematik der rechtlichen Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der heterosexuellen Ehe möchte ich hier auf das m. E. lesenswerte Interview mit Professor Johann Braun hinweisen:
          “Das Bundes­verfassungsgericht und die Homo-Ehe”
          http://www.freiewelt.net/interview/das-bundesverfassungsgericht-und-die-homo-ehe-10000750/

          Zweitens: ich verstehe die Adoptionsproblematik so, dass es ausschließlich darum geht, Kindern ohne natürliche Eltern (z. B. Waisen) eine zweitbeste Versorgung und Entwicklungschance zu bieten. Es geht folglich darum, Paare zu finden, denen zugetraut wird, dass sie diese Aufgabe im Interesse der Kinder bestmöglich erfüllen werden.

          Sie schreiben oben:

          “Es geht nicht um ein Recht “auf Kinder” sondern auf Adoption. Das beinhaltet, dass jeder, der für das Wohl des Kindes finanziell und emotional sorgen kann, eines adoptieren darf, bevor es bis zu seinem 18. Lebensjahr im Heim lebt (wo ihm auch eine heterosexuelle Kernfamilie fehlt.”

          Ich hebe hier hervor: Sie schreiben,

          “dass jeder, der für das Wohl des Kindes finanziell und emotional sorgen kann, eines adoptieren darf”.

          Es geht Ihnen also d o c h um das Recht auf Adoption eines Kindes, also ein Recht auf Kinder. Wieso denn? Dafür gibt es doch gar keine Begründung. U m g e k e h r t wird ein Schuh daraus:
          K i n d e r haben ein Recht auf wenigstens eine zweitbeste Betreuung und Versorgung. Die Frage ist bloß, wer diese zweitbeste Lösung bieten kann. Allein darauf kommt es m. E. bei dieser Frage an. D a s wäre daher zu diskutieren, aber eben nicht aus einer angemaßten Anspruchshaltung (!) heraus, die anscheinend nicht einmal als solche wahrgenommen wird. Diese Einzelfallprüfungen obliegen m. W. bei uns den Jugendämtern, die sich dabei hoffentlich an wisssenschaftlichen Kriterien und überprüften Erfahrungen orientieren.

          Drittens: meine sprachkritischen Anmerkungen mögen an Sie nicht ganz treffend adressiert gewesen sein. Aber mich nervt zunehmend die Unsitte, Argumente, die man nicht zu widerlegen in der Lage ist, durch pejorative Beiwörter abzuwerten.

          Es kommt aber immer darauf an, w a s jemand sagt, und nicht,
          w e r es sagt. Auch mein Gegner kann ein Argument vorbringen, das zutreffend ist, und das sollte ich bereits vorab als Möglichkeit anerkennen, ebenso wie ich davon ausgehen muss, dass i c h mich schon deshalb irren kann, weil j e d e r sich irren kann.

      • Rainer Starzoneck sagt:

        Auch ich stimme den meisten Ihrer Ausführungen zu – bis auf die beiden Punkte, die auch der Mitforist Baryamo zur Sprache brachte.
        Sie schreiben: “Im übrigen gilt, dass eine Aussage richtig oder falsch ist. Wenn Sie der Meinung sind, sie sei falsch, dann widerlegen sie sie.”
        Ihr Fehler liegt ganz simpel darin, daß Sie das Recht zur Adoption mit einem Recht an Kindern gleichsetzen. Das ist juristisch und philosophisch ein Denkfehler (wird auch von Erika Steinbach regelmäßig gemacht, mit der sie vermutlich sonst nur sehr wenig gemeinsam haben dürften…). Und bitte reagieren Sie nicht auch bei mir so empfindlich auf kritische Zustimmung; das wirkt leicht hysterisch ;-)

  3. Berhard Koni sagt:

    Interessanter Artikel – bis auf den Aussetzer beim Adoptionsrecht für Homosexuelle. Diese können biolologisch keine Kinder bekommen und haben darum auch kein Recht auf Adoption? Heterosexuelle Paare mit einem unfruchtbaren Elternteil gibts doch auch, und denen würde wohl niemand das Adoptieren verbieten. Ich sehe auch nicht, wo die “Fortpflanzung unserer Gesellschaft” gefährdet wäre: Die Schwulen und Lesben nehmen ja dem heterosexuellen Partnermarkt Niemanden weg, der nimmt also keinen Schaden. Und die adoptierten Kinder wurden ja bereits (höchstwahrscheinlich vorrangig von heterosexuellen Paaren!) abgegeben. Und ganz ehrlich: Lieber von Homo-Eltern aufgezogen als im Heim!

  4. Günter Buchholz sagt:

    “…bis auf den Aussetzer beim Adoptionsrecht für Homosexuelle”

    Antwort: Diese Formulierung ist m. E. ein Beispiel für falsches Denken.

    Denn das Adoptionsrecht dient a l l e i n dem Kindeswohl. Allein von ihm her ist verantwortungsvoll und in Abwägung der jetzigen und zukünftigen Bedürfnisse des Kindes, auch im Hinblick auf seine Identitätsfindung – zu entscheiden, zu wem ein Kind in Pflege gegeben oder von wem es ggf. adoptiert werden sollte.

    Einen Anspruch auf Zuweisung von Pflege- oder Adoptivkindern zu postulieren, das stellt die Sache auf den Kopf. N i e m a n d hat eine Recht auf Kinder. Es folgt, dass es hier schon aus logischen Gründen um Gleichberechtigung oder Gleichstellung gar nicht gehen kann.

  5. Sandmann sagt:

    Ich stimme Herrn Buchholz in seiner tour d’horizon voll zu, und werde mal die eine oder andere historische Quelle näher unter die Lupe nehmen. Auch zum Thema Adoptionsrecht für Schwule und Lesben teile ich seine Position (und das wo ich selber schwul bin). Begründung: Kinder, insbesondere Jungen, die später hetero werden, sehnen sich in der Kindheit meistens nach einem Elternteil oder doch zumindest einer engsten Bezugsperson des eigenen Geschlechts, ich selbst konnte im Freundeskreis beobachten, wie eine allein erziehende Mutter ihren Sohn in einer Lesben-WG großzog. Der Junge , der vergeblich immer erwachsene männliche Vorbilder suchte, die er in der Schule mit der Lehrerinnendominanz auch nicht vorfand, kam in der Pubertät auf die schiefe Bahn, schmiss die Schule und nahm Drogen. Daher kann muss eine Adoption durch gleichgeshclechtliche Paare m.E. das Kindeswohl darauf abklopfen, ob das Kind eine enge Bezugsperson des eignenen Geschlechts vorfinden kann.
    Im übrigen fehlt dem Artikel der aktuelle Bezug der historischen Aussagen zur Religion am Beispiel dees heutigen Islams: etwa: straffreie Jungenzwangsbeschneidung; islamische Sexualmoral , Ehrbegriff und Autoritätsvorstellungen; islamische “Spaßfreiheit” bei Karikaturen sowie , Frauendiskriminierung durch zB hier erlauibte türkscihe Mädchennamen wie “Yeter” (= Genug, weil genug Mädchen) oder “Döndü” die Gedrehte, weil sich das Geschlecht in der Schwangerschaft leider zum unerwünschten weiblichen gedreht hat

    • Günter Buchholz sagt:

      “Im übrigen fehlt dem Artikel der aktuelle Bezug der historischen Aussagen zur Religion am Beispiel dees heutigen Islams: etwa: straffreie Jungenzwangsbeschneidung; islamische Sexualmoral , Ehrbegriff und Autoritätsvorstellungen; islamische “Spaßfreiheit” bei Karikaturen sowie , Frauendiskriminierung durch zB hier erlauibte türkscihe Mädchennamen wie “Yeter” (= Genug, weil genug Mädchen) oder “Döndü” die Gedrehte, weil sich das Geschlecht in der Schwangerschaft leider zum unerwünschten weiblichen gedreht hat” –

      Antwort: Ich verstehe nicht, weshalb ich auf dieses Thema hätte eingehen sollen; ganz abgesehen davon, dass ich das aufgrund völliger Unkenntnis gar nicht hätte tun können. – Jedoch freue ich mich, dass hier das Identitätsproblem heranwachsender Kinder beschrieben und verstanden worden ist.

    • Blixine sagt:

      mit verlaub, döndü bedeutet “jungfrau” und yeter “gegeben” , ein name dem man dem letzt geborenen kind gibt wenn man seine familienplanung abgeschlossen hat. recherchieren wäre nicht schlecht.

  6. Gréco sagt:

    Abgesehen von den streitbaren Stellen zu den Homosexuellen (das Thema wurde hier in Frankreich gerade zur Genüge diskutiert und ich weiß nicht, ob Herr Buchholz also folgerichtig auch so drastisch gegen die neuen Gesetze der Regierung Hollande demonstriert hätte? Was die Frauenbewegung betrifft kann ich Ihnen jedoch teilweise als Frau zustimmen – auch wenn “Luxusrevolution” für 68 ziemlich polemisch ist), finde ich vor allem, dass der Artikel eine beträchtliche Lücke in der Historie der Linken hinterlässt: Nachgezeichnet wird im Wesentlichen die sozialdemokratische Bewegung und ihre marxistisch-junghegelianischen Vorläufer (ausschließlich im deutschen Raum, wenn ich das richtig sehe), was auch sehr wichtig ist. Jedoch sämtliche Emanzipationsbestrebungen jenseits von Marx+Bebel bleiben hier unberücksichtigt und fehlen demnach auch in der Abschlussdefinition: anarchistische Bewegungen fehlen gänzlich, ebenfalls die Genossenschaftsbewegung und Rätebewegung. Die Frage: Wie wollen wir anders wirtschaften im Sinne von kollektiv wirtschaften und eine autonome, anti-staatliche Lebensweise organisieren gehört – ob man es nun befürwortet oder nicht – einfach zur linken Geschichte dazu. Aber vielleicht ist das auch der “deutschen Perspektive” des Artikels geschuldet, denn in Frankreich oder Spanien hätte man “links” sicher etwas breiter entwickelt. Diese Selbstverwaltungstheorien sind in Frankreich beispielsweise in den 1970er Jahren sehr en vogue gewesen und haben “von unten” breite Teile der “traditionellen” Linken stark beeinflusst.

    Mit besten Grüßen, eine Leserin

  7. Franzis sagt:

    Heute ist dasselbe links, was gestern links und vorgestern. Links ist der Antikapitalismus, Rechts der Kapitalismus und das seit Karl Marx Buch “Das Kapital”.

    Alles andere ist ideologischer Überbau und austauschbar, Nationalismus und offener Rassismus sind so wenig ein Merkmal für Rechts wie Multikult und Frieden für Links. Stalin war Rassist und Mussolini war keiner. Hitlers Judenwahn eine Merkwürdigkeit der Geschichte.
    Brüssel steht damit stramm rechts mitten drinnen im Faschismus. Da verwirklicht sich der Traum der Rechten, der Corporatismus, die Kartellbildung. Und die Nebenwirkungen sind auch stetts dieselben, verdeckter Rassismus und Sozialdarwinismus. Der verdeckte Rassismus ist Multikulti ohnehin immanent.
    Das Netz treibt einen in den Wahnsinn mit seiner Weitschweifigkeit und seinem Herumgeeier.

  8. Sie haben sich sehr viel Mühe gemacht, werter Herr Buchholz. Nur muß ich feststellen, daß Sie weder neue Erkenntnisse liefern, noch einen neuen Standpunkt aufzeigen, von dem aus man die Angelegenheit neu betrachten könnte. Und ich meine, Sie machen gleich zu Beginn einen entscheidenden Fehler:
    Sie schreiben: „Dem ist entgegen zu halten, dass die heutige bürgerliche Gesellschaft sich zwar weiterentwickelt hat, und zwar sehr erheblich, …“
    Ich dagegen meine, daß genau dies nicht der Fall ist. Die bürgerliche Gesellschaft hat sich nicht im mindestens weiterentwickelt. Ich bin vielmehr der Ansicht, daß sie sich endgültig selbst in die Sackgasse manövriert hat. Sie ist schlicht und ergreifend am Ende ihrer Entwicklung angelangt. Ganz platt gesagt: sie hat fertig.
    Daraus folgere ich, daß es nicht mehr von Bedeutung ist, Kategorien wie „Links“ oder „Rechts“ oder „Mitte der Gesellschaft (der Kern, der Dreh- und Angelpunkt)“ zu definieren oder zu diskutieren. Was fehlt, das ist eine neue Sichtweise, ein neuer Wertekanon, der neue Orientierung bietet. Nach dem Besitzstandsbürger, dem Bildungsbürger, dem Staatbürger und dem sonstigen Bürger folgt nicht der Wutbürger. Nach dem Bürger folgt etwas anderes, etwas neues.
    Vielleicht sehe ich das alles ja sehr geprägt durch meine Leiharbeiterbrille. Aber mir ist immer in Erinnerung geblieben, was mir „das Bürgertum“ schon als Kind immer entgegengehalten hat: „Da wo Du da herkommst und da wo Du da wohnst“. Nun, Bildungsbürger waren das damals wohl eher nicht.

    • Günter Buchholz sagt:

      Sehr geehrter Herr Knudsen,
      ich sehe nicht, dass Sie meine (auf die derzeitige Lage bezogenen) Überlegungen überzeugend der Irrelevanz bezichtigen können. Ich kritisiere hier nicht zuletzt die Fehlwahrnehmungen und die Fehlurteile des Alltagsbewusstseins, so wie sie sich mir im allgemeinen darstellen. Denn diese führen eben auch zu einem politischen Fehlverhalten, das alles läßt wie es ist, anstatt es zu ändern. –
      Und ich denke, dass sich die bürgerliche Gesellschaft bzw. die kapitalistische Produktionsweise seit der Industriellen Revolution geschichtlich sehr wohl erheblich weiterentwickelt hat, sowohl in institutioneller wie in technologischer Hinsicht, also genau so, wie das von dieser besonders dynamischen Produktionsweise von Beginn an erwartet worden ist. Sie ist nun aber – wenn Immanuel Wallersteins Vermutung zutreffen sollte – in ein langwieriges und kompliziertes Endstadium ihrer Entwicklung eingetreten. Im Hinblick auf diese Hypothese wird die folgende Tagung geplant:
      https://le-bohemien.net/2013/01/21/zukunft-der-weltokologie-und-okonomie/

  9. Günter Buchholz sagt:

    Eine Meldung – und warum sie keinen Fortschritt anzeigt:

    Ole von Beust [CDU; GB] hat langjährigen Freund geheiratet
    25.06.2013 13:50 Uhr
    Von Stefanie Maeck
    http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/homo-ehe-ole-von-beust-hat-langjaehrigen-freund-geheiratet/8402954.html

    Na schön, warum nicht.

    Ich wehre mich mit meiner Kritik gegen die m. E. bloß propagandistische Aussage, dass Homosexualität in irgend einem Sinne links oder emanzipatorisch oder fortschrittlich oder modern oder “21. Jahrhundert” sei.

    Das alles trifft ebenso wenig zu wie es entsprechende entgegengesetzte Bezeichnungen täten:

    Homosexualität ist Homosexualität ist Homosexualität (frei nach Gertrude Stein, die es ja wissen mußte). Und das ist schon alles, was dazu zu sagen ist.

    Bezeichnungen der oben genannten Art sind weiter nichts als sprachpolitische Mittel in einer interessenbezogenen Kampagne, hier für die Partialinteressen weiblicher und männlicher homosexueller Menschen, über deren Kampagnencharakter zugleich hinweggetäuscht werden soll. Und diese versuchte Täuschung ist es, die die Sache so ärgerlich macht, wenn man selbst nicht zu dieser Interessengruppe gehört!

  10. @Günter Buchholz
    wie man an diesem Artikel sieht, kann man der Linken einen Hang zu pseudoinetellektuellem Geschwurbel unterstellen.

    In Ihrer Zusammenfassung finden sich wohl wenige wieder die heute mit der Occupy Bewegung sympathisieren.

    Auch Wachstumskritiker wie ATTAC werden ausgeschlossen.Wollen wir die nicht als Linke? Sind die nicht “links” genug?

    Eigentlich will ich gar nicht politisch Vermessen und in Schubladen gesteckt werden.

    Gerade dieser Kontrollwahn, dem auch der intellektuelle(?) akademische “Linke” anhängt ist für mich mit meinem Verständnis der Kritik nicht mehr vereinbar.

    Ich will sogar noch weiter gehen; die Vermarktwirtschaftlichung ist die Folge dessen, dass wir unserem Kntrollwahn in unsere Wirtschaftspolitik übertragen haben.

    Alles und jedes soll “be-zahlt” werden, mit einem (Mess-) Wert etikettiert und in einen Laden gestellt werden. Links sein wird heute ebenso vermarktet wie revolutionär sein. Microsoft macht Werbung mit dem Antlitz von Che Guevara.

    Vielleicht ist Links sich gegen diese Vermessung, Vereinnahmung, Vermarktung und Vereinzelung zu wehren?

    Vielleicht ist Links nichts weiter als das unbestimmte Gefühl, dass uns durch diesen vermessenen Vermessungswahn eine Gemeinschaft in gegenseitiger Liebe und sozialem Miteinander geraubt wurde?

    Das mmn. wesentlichste Argument von Marx ist seine Darstellung der Entfremdung.

    Sich gegen diese Entfremdung zur Wehr zu setzen, das Gefühl eine bessere Welt des Miteinanders ist Möglich, das ist Links.

    Wo in Ihrer Definition wird erwähnt, dass das Herz links schlägt?
    -Dass Links sein etwas mit der Liebe zu den Menschen zu tun hat?
    -Dass Solidarität heisst den anderen Kompromisslos zu lieben?

    Ihre Darstellung von Links erinnert mich an einen Werbeslogan eines SPD Plakates: “Arbeit von der man Leben kann”.

    Diese Armut der Forderung und Armut der Phantasie führt dazu, dass sich “Links?” zum Kollaborateur Macht am Unglück der Welt. Vor allem die Gewerkschaften sind hier die Hauptschuldigen.

    Ich Fordere eine Arbeit die ich liebe!
    Eine Arbeit die mir Lebensinhalt gibt, die Werte Schafft und Nachhaltig ist.
    Eine Arbeit die meinem Leben Inhalt gibt.

    Ich will eine Gesellschaft die mich Liebt und die ich liebe.
    Ich will eine Ökonomie die mit Liebe Produziert und die Menschen bereichert.
    Ich will eine Oekonomie die die Erde liebt.
    Ich will Essen was ich Liebe und was mit Liebe produziert wurde.

    Der Rest, da bin ich sicher, kommt dann automatisch.

  11. Nachtrag:

    Wer für “Links” eine Definition braucht der ist schon Verloren.
    Der hat sich vereinnahmen lassen von der Entfremdung und dem Schubladendenken.
    Sie sollten ihren Marx nochmal mit dem Herz lesen.

    Links ist man mit dem Herz und nicht mit dem Kopf.

  12. Günter Buchholz sagt:

    @alienObserver

    Ich kann mit Ihrem m. E. irrationalen Textkommentar nichts anfangen.
    Warum gehen Sie nicht konkret auf bestimmte Argumente und Fakten ein?
    Warum unterschieben Sie mir Aussagen, die ich gar nicht getroffen habe, z. B. im Hinblick auf Occupy oder attac? –

    “Sie sollten ihren Marx nochmal mit dem Herz lesen. Links ist man mit dem Herz und nicht mit dem Kopf.”

    Vielleicht sollten Sie Marx erst einmal mit dem Kopf lesen.

  13. “Ich kann mit Ihrem m. E. irrationalen Textkommentar nichts anfangen.”

    Das Denke ich mir, es geht mir eben nicht um Ratonalität.

    Gerade diese Rationalität ist es unter dem meiner Ansicht nach ihr Text leidet.

    Sie wollen hier eine rationale Definition für etwas geben was für die meisten die sich heute engagieren ein Bauchgefühl ist.

    Man wirft den indignados, den Occupy-Aktivisten und anderen gerne mangelnde Rationalität vor. es ist aber genau dieser Zwang zu einer Rationalität gegen den sich diese Bewegungen richten.

    Die arrogante Haltung diese Nicht-Rationalität mit Naivität gleich zu setzen, ist das Mittel der Reaktion um berechtigte Forderungen nach mehr Menschlichkeit zu marginalisieren.

    Ein wesentlicherTeil der Linken Bewegung besteht aus denen die sich selbst in diesem System entfremdet und ausgegrenzt empfinden, denen jedes Recht auf ein Menschen gerechtes Leben genommen wird.

    Dies passiert maßgeblich durch die Ideologie des “Homo Economicus” der Marktradikalen, aber auch durch die zwanghafte Rationalisierung linker Intellektueller.

    Im Zweifel also Arbeiten linke Intellektuelle und Marktradikale bei der Marginalisierung der Protestbewegungen zusammen.

    Dabei wäre es wohl bitter Nötig, dass man sich mit diesen Forderungen der emotional bewegten Unzufriedenen solidarisiert.

    Ich bin der Meinung, dass gerade diese emotionale und nicht rationale Kritik am Kapitalismus der rationalen weit überlegen ist darin, die Menschen gegen den Kaptialismus zu mobilisieren.

    Die emotionalen Argumente der Empörten sind dabei nicht etwa schwach, sondern im Gegenteil für immer mehr Menschen nachvollziehbar, die sich bisher nicht als Linke verstanden haben.

    Die Positionen der Empörrten haben revolutionäre Kraft. “Der Kommende Aufstand” des “Unsichtbaren Kommitees” mag nicht rational sein, bringt aber die linke Fundamentalkritik an diesem System, wie sie heute enmpfunden wird, weit besser auf den Punkt, als rationale Poltikwissenschaft.

    Eine Definition der linken Position, die diese emotionale Komponente auslässt, ist daher ungenügend und kontraproduktiv. Sie integriert nicht sondern Spaltet.

    Möglicherweise ist also ihre Definition eine die die überwiegende Mehrheit der Linken heute nicht umfasst. Dieser Linken ist ihre Rationalität ziemlich egal, diese Linke sieht in dem Drang zur Rationalität einen Teil des Problems.

    • Günter Buchholz sagt:

      @ AlienObserver

      “Ich bin der Meinung, dass gerade diese emotionale und nicht rationale Kritik am Kaptialismus der Rationalen weit überlegen ist darin, die Menschen gegen den Kaptialismus zu mobilisieren.”

      Gefühle können wirkungsvoll sein, wenn Leidende mit Verstand Widerstand entwickeln. Aber gegen wen oder gegen was? Muss man dazu nicht wissen, was der “Kapitalismus” i s t, von dem sie hier sprechen? Ist das bloß ein Schlagwort? Oder meinen Sie damit die “kapitalistische Produktionsweise”, wie sie von Marx kritisch analysiert und dargestellt worden ist?

      • Hallo,

        meiner Meinung nach schafft es Charles Eisenstein, inzwischen wohl einer der wichtigsten Denker im Umfeld der Occupy Bewegung neben David Graeber, die destruktiven Einflüsse des Marktradikalismus auf die Menschen darzustellen.

        Seine Argumentation ist wissenschaftlich fundiert, sie greift auf die Erkenntnisse der Sozialpsychologie ebenso zurück wie auf politische Denker seit Marx.

        Er vertieft die Überlegungen zur Entfremdung und führt sie auf zwei fundamentale Eigenschaften des Wachstumswahns zurück.

        In “the ascent of Mankind” zeigt er, dass die westliche Gesellschaft sich durch die Hybris der totalen Kontrolle und Verwissenschaftlichung der Umwelt als Leitmotiv und Utopie von sich und der Umwelt entfremdet hat. Er ist dabei selbst niemals wissenschaftsfeindlich oder esoterisch.

        In “Sacres Economy” zeigt er auf, wie wir allein durch unsere Defintion des Geldes eine Gesellschafft geschaffen haben die uns voneinander und von unserer Arbeit entfremdet haben.

        Dabei stellt er die These auf, wie eine kreative Definition des Geldes nach sozialen und nachhaltigen Gesichtspunkten diese Entfremdung überwinden könnte.

        Bemerkensewert ist dabei eben wie überzeugend er die Thesen der Entfremdung seit Marx vertieft und von der Arbeit wegrückt hin zu fundamentaleren Überlegungen über unser Wirtschaftssystem.

        Nicht die Verteilung der Produktionsmittel, sondern das Wesen des Geldes und die Vermarktwirtschaftlichung aller Aspekte Des sozialen Miteinanders führen zu der Dysfunktionalität unserer Gesellschaft.

        Er greift dabei werder die Banken an, noch die Kapitalismus, oder verliert sich in banaler Zinskritik, sondern stellt die Entwicklung der Gesellschaft als einen kontinuierlichen Wandlungsprozess dar, in dem auch die Wachstumsphase und der Kapitalismus eine wichtige Rolle spielen.

        Siehe: http://charleseisenstein.net/

      • Hier ein Auszug aus “Der Kommende Aufstand”, der das unbestimmte Gefühl der Empörten Linken und ihre Revolte gegen die Vereinahmung aller Aspekte des Menschlichen Lebens durch die Marktwirtschaft zeigt:

        “Das Volk von Fremden, in deren Mitte wir leben, als »Gesellschaft« zu
        bezeichnen, stellt einen derartigen Betrug dar, dass sich sogar die Soziologen überlegen, sich von einem Konzept zu verabschieden, das ein
        Jahrhundert lang ihr Broterwerb war. Sie bevorzugen heute die Metapher des Netzwerks, um die Art und Weise zu beschreiben, wie sich die
        kybernetischen Einsamkeiten verbinden, wie sich die schwachen Interaktionen, bekannt unter den Namen »Kollege«, »Kontakt«, »Kumpel«,
        »Beziehung« oder »Affaire« verknüpfen. Dennoch passiert es, dass diese Netzwerke zu einem Milieu verdampfen, wo man nichts teilt außer
        Codes und nichts auf dem Spiel steht außer der unaufhörlichen Wiederherstellung einer Identität.”

        siehe http://media.de.indymedia.org/media/2010/07//286489.pdf

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