Postdemokratie unter Mutti

Alternativlosigkeit als Auflösung des Politischen

Befinden wir uns in der Postdemokratie? Unter Angela Merkels Regime der „Alternativlosigkeit“ verschwindet auch die politische Codierung im Parlament.

Postdemokratie unter Mutti: Bundeskanzlerin Angela Merkel

Von Florian Sander

In der Ausgabe 1/2013 des Magazins der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit wurde in interessanten Stellungnahmen zweier prominenter Sozialwissenschaftler das – ja, man muss wirklich sagen – politische Konzept der „Alternativlosigkeit“ hinterfragt, welches Kanzlerin Angela Merkel zur Verteidigung ihrer Europa- bzw. „Eurorettungspolitik“ geprägt hatte.

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz (TU Berlin) erklärt im Interview zurecht, das Prinzip von Alternativlosigkeit sei „der Inbegriff des Undemokratischen selbst“. Demokratie heiße vielmehr, es gebe „bei jeder Frage eine Alternative“. Zugleich beklagt Bolz das Fehlen von Diskussionen und Redefreiheit im Parlament und wirft den Massenmedien – abermals zurecht – eine Tendenz zur Moralisierung und Emotionalisierung vor, die das sachliche und gelassene Diskutieren von großen politischen Fragen (Alternativen) unmöglich mache.

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler (HU Berlin) wiederum problematisiert in einem Leitartikel ebenfalls das Dogma der Alternativlosigkeit und stellt heraus, dass diese das „politische Aus für die parlamentarische Demokratie“ bedeutet. Münkler erklärt dabei eine wichtige Komponente, deren Relevanz sowohl der großen Mehrheit der Wähler als auch den meisten politisch aktiven Personen bislang nicht bewusst ist: Dass es im Zuge der zu entscheidenden Fragen in Zukunft nicht mehr bzw. nicht mehr ausschließlich um Streit über Politikfelder („policies“) geht, sondern um einen „Wettbewerb um die Rahmenbedingungen demokratischer Politik“ („polity“).

Die Fragen, die im kommenden Wahlkampf und darüber hinaus diskutiert werden müssen, berühren also nicht mehr nur Themen, sondern politische Strukturen: Die wichtigste Frage ist hierbei derzeit die nach der Ebene von Staatlichkeit, in der wir leben möchten (europäische Integration). Die Verfechter des Alternativlosigkeit-Dogmas, also allen voran die CDU, aber auch SPD, Grüne, die Parteiführung der FDP und de facto die nur in Lippenbekenntnissen rebellische CSU, beantworten diese Frage regelmäßig ohne jede erklärende Argumentation mit der Notwendigkeit des „europäischen Projekts“, welches nicht einfach nur irgendein politischer Programmpunkt ist, sondern als nicht hinterfragbare, eben „alternativlose“ Utopie gilt, auf die jeder etablierte politische Akteur hinzuarbeiten habe. Ausnahmen bilden hier nur die Linke sowie einige bürgerliche „Abweichler“ aus Union und FDP.

Die Analysen von Bolz und Münkler sind hierbei nicht nur treffend, sondern inspirieren auch dazu, sie systemtheoretisch „weiterzuspinnen“ und dadurch zu einer Vorstellung von sogenannter Postdemokratie zu kommen, die nicht einfach nur links oder „kritisch“ (= Selbstbeschreibungsvokabel linksgerichteter Geisteswissenschaftler) motiviert ist, sondern eine Perspektive öffnet, die auch eine konservativ-freiheitliche Opposition gegen postdemokratische Strukturen der Alternativlosigkeit erlaubt.

Der Soziologe Niklas Luhmann beschrieb das politische System in der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft (sprich: demokratische Systeme) als konstituiert durch die abstrakte binäre Codierung von Macht / Ohnmacht, welche sich im Konkreten als Code Regierung / Opposition manifestiert. Dies bedeutet genauer gesagt: Die Kommunikation des politischen Systems bzw. die politische Kommunikation, die für das System identitätsstiftend ist, wird einzig determiniert durch die Frage, was machtdienlich und was machtgefährdend ist bzw. was den Verbleib in der Regierung wahrscheinlicher macht und einen Gang in die Opposition unwahrscheinlicher. Oder aus Sicht der Oppositionsparteien: Was den Gewinn der Regierungsmacht wahrscheinlicher macht und den Verbleib in der Opposition unwahrscheinlicher.

Jede Beobachtung wird auf diese Frage reduziert; alles, was ist, ist entweder machtdienlich oder machtgefährdend. Andere Erwägungen – z. B. die der wirtschaftlichen Codierung folgende Frage danach, womit man finanziellen Gewinn macht und womit nicht – werden ausgeblendet (und wenn nicht, wird es, in diesem Beispiel über Anti-Korruptionsgesetze, sanktioniert, so dass solche „Störungen“ der politischen Codierung nicht wieder vorkommen). Dies ist nach Luhmann das Grundprinzip politischer Kommunikation, wie es in Demokratien Geltung hat.

Die Gültigkeit dieser Annahme muss für die postdemokratische Struktur der alternativlosen Politik gründlich hinterfragt werden. Deutlich wird dies nicht so sehr durch das selbige, von Merkel ausgegebene Credo. Nein, deutlicher wird dies durch die Reaktion der Opposition darauf. Anstatt der Codierung zu folgen, das Credo zu hinterfragen und als das zu brandmarken, was es ist – undemokratisch – haben SPD und Grüne sich bemerkenswerterweise entschieden, es anzunehmen und sich ihm zu unterwerfen.

Oppositionelle Regungen beschränken sich auf „talk“ und bloße Rhetorik, ansonsten wird im Grundsatz nichts mehr in Frage gestellt. Und das Phänomen ist zugleich auch in anderen Feldern sichtbar: Die Energiewende ist hierbei das nächste prominente Beispiel, bei dem beobachtet werden kann, wie eine Koalition das bürgerliche Lager so weit nach links verschoben hat, dass der „Opposition“ eine ebensolche ideologisch nicht mehr möglich ist.

Auch vor den Massenmedien macht die Entwicklung nicht halt: Nicht zuletzt in öffentlich-rechtlichen Sendern (die ja angeblich die Demokratie schützen – eine Aussage mit der der WDR-Journalist Jörg Schönenborn die GEZ rechtfertigte und damit Hohn und Spott zahlreicher Bürger auf sich zog) und ihren Sendungen beschränken sich die „kritischen Nachfragen“ oder Anmerkungen der Journalisten zumeist darauf, dass beklagt wird, dass etwa die europäische Integration, die Eurorettung oder die Energiewende „zu langsam“ voranschreiten. Eine grundsätzliche Infragestellung erfolgt nicht – die Politik ist ja alternativlos. Dass eine Mehrheit im Volke dies insbesondere in Sachen EU und Euro ganz anders sieht, scheint nicht von Belang zu sein.

Ebenso wird das Rechtssystem zunehmend Opfer politischer Interventionsversuche: Die teilweise dreisten bis geradezu offen rechtsstaatsfeindlichen Äußerungen von Regierungspolitikern, Europaabgeordneten und überschätzten Altpolitikern vor der ESM-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes sprachen Bände. So wurde ganz offen versucht, auf die Judikative Einfluss zu nehmen, um auch sie von der alternativlosen Ideologie vereinnahmen zu lassen. Oppositioneller Widerspruch? Fehlanzeige. Lediglich ein paar einzelne Bundestagsabgeordnete mehrerer Fraktionen hatten vor dem höchsten Gericht geklagt.

Eine echte parlamentarische Opposition, die auch nach Maßgabe soziologischer und politischer Theorie diesen Namen verdient, ist nicht mehr vorhanden. Die Linke ist als Partei nicht etabliert genug, da jeder weiß, dass sie hinter den Kulissen noch immer ihr nostalgisches kommunistisches Süppchen kocht. Die Eurorebellen in der FDP konnten sich bislang in ihrer Partei nicht durchsetzen und in der Union herrscht ohnehin ein Kadavergehorsam gegenüber Mutti, der selbst in der CSU nur von Peter Gauweiler ernsthaft in Frage gestellt wird.

Die Codierung des politischen Systems ist zu einer in Teilen gar utopistischen Unterscheidung mutiert: Das System beobachtet fortan sich und die Umwelt daraufhin, was der eigenen alternativlosen Programmatik dient und was nicht, konkreter: Was dem Projekt EU dient und was nicht, was der vermeintlichen Eurorettung dient und was nicht, was der Energiewende dient und was nicht, was politisch korrekt ist und was nicht.

In der Peripherie wird diese neue Unterscheidung gerne auch moralisch kommuniziert und dargestellt: Wer sich der Positiv-Seite des neuen Codes verschreibt, ist nicht nur politisch und medial karrierewürdig, sondern auch „moralisch gut“. Wer dies hinterfragt, ist „Abweichler“, „Rebell“, „anti-europäisch“, „Rechtspopulist“, kurz: moralisch schlecht. Die Postdemokratie kann definiert werden als moralistisch flankierte Auflösung und Ersetzung klassischer politischer Codierung.

Verknüpft man nun diese bittere Erkenntnis mit den Neuigkeiten, die wir regelmäßig vor allem aus Brüssel erhalten, also den täglich neuen Verboten und Tugendvorschriften, den Quoten- und Lebensstilregelungen, denen sich die EU immer mehr verschrieben hat (ein Trend, der allerdings auch vor Landesregierungen nicht mehr halt macht, siehe etwa Nichtraucherschutz in NRW), so stellt sich einem ein Bild dar, das beunruhigt. Ein Bild, das einen neuen, sanften, ja „mitfühlenden Totalitarismus“ zeigt, der unter dem Deckmantel demokratischer Strukturen versucht, eine neue Moral- und Tugendinstanz zu etablieren – und dies supranational.

Florian Sander ist Politikwissenschaftler und Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology der Universität Bielefeld und bloggt auf florian-sander.blogspot.de

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24 Kommentare zu "Postdemokratie unter Mutti"

  1. Reyes Carrillo sagt:

    Zunächst, finde ich, darf man Le Bohémien resp. Sebastian Müller Lob dafür zollen, dass er immer wieder nicht nur “linken” Autoren sein Blog aufschließt, sondern auch dezidiert dem konservativ-liberalen “Gegner” den Blogschlüssel in die Hand drückt.
    In manchen Fällen: auch wenn’s weh tut.
    Ihrer Analyse an sich ist dagegen natürlich bis auf wenige – ideologisch geschuldete – Ausreißer kaum zu widersprechen. Auch Ihre zitierten Inspiratoren geben nichts von sich, was zu bemängeln wäre. Ich finde sogar, dass Sie und sie dem Dilemma des Merkel’schen Alternativlosigkeits-Dogmas sehr gut zu Leibe rücken und viele interessante Überlegungen generieren.
    Allerdings muss ich Ihren Hochschul-Ispiratoren, auch wenn sie im vorliegenden Thema überwiegend meine Zustimmung finden, doch etwas Raum widmen und sie mit ihren Altlasten konfrontieren! Das ist natürlich (!) unfair und wäre journalistisch oder wissenschaftlich ein wirklich schlechter Stil. Doch ich bin weder Journalistin noch Wissenschaftlerin, sondern ich vertrete einzig mich selbst und “meine Sache” als Kommentatorin in einem Blog. Inklusive Polemik. Und nachdem ich die von mir im Folgenden zitierten Ergüsse beider Herren für so unglaublich unterirdisch und sie letztlich diskreditierend empfinde, müssen sie hier Einzug finden!
    Deshalb nun zuerst zu diesen wissenschaftlichen Experten (allein dieser Begriff lässt einem heutzutage das Blut in den Adern gefrieren…), die Sie via Friedrich-Naumann-Magazin (FDP-nah) zitieren, damit diejenigen Leser Ihres Artikels, die die Genannten nicht kennen sollten auch wissen, mit wem sie es – sonst – zu tun haben:
    Da wäre der schillernde Herfried Münkler, der schon mal in der Frankfurter Rundschau vom 31.8.2007 solche Sachen von sich gab:
    “Das Beispiel, mit dem die Forderung nach Erhöhung der Hartz-IV-Sätze in der jüngsten Debatte begründet wurde, war immer wieder, dass man mit dem aktuell verfügbaren Geld kein frisches Obst und Gemüse kaufen könne. Oder allenfalls beim Discounter, auf keinen Fall aber im Bioladen. Man fragt sich, warum angesichts dieser Beispiele keine Diskussion über die Bereitstellung von Schrebergärten oder Gartenstücken eröffnet worden ist. Damit könnte immerhin nicht nur das Defizit an Obst und Gemüse gemindert werden, sondern auch etwas gegen das von den Langzeitarbeitslosen immer wieder beklagte Empfinden von Nutzlosigkeit getan werden.” Doch zu seiner Ehrrettung sei gesagt, dass Münkler auch schon bravourös gegen den Neoliberalismus angeschrieben hat.
    Und da wäre natürlich noch Norbert Bolz (“Bolzi”), zu dem man keine langen Passagen zitieren muss, sondern sich dankenswerterweise auf seine griffigen sprachlichen Einebnungen verlassen kann, z.B. in der Talkshow “Anne Will” vom 1.09.2009, in der er dies sagte: “zu viel Gleichheit macht unmündig” und “schlimmer als asozial ist zu sozial”. Andererseits könnte man mit Zitaten gerade von Bolzi ganze Seiten füllen.
    Nun, Ihr Artikel, Herr Sander, ist mir trotz Ihrer nicht nur nachvollziehbaren, sondern wirklich guten sachlichen Überlegungen einfach zu glatt. Ich habe ihn einmal, auch zweimal und ein drittes Mal gelesen – und rutsche doch immer wieder ab. Vor allem die Sorgen, die Sie sich immer wieder um die Opposition machen, machen mir Sorgen.
    Sie schreiben: “Eine echte parlamentarische Opposition, die auch nach Maßgabe soziologischer und politischer Theorie diesen Namen verdient, ist nicht mehr vorhanden. Die Linke ist als Partei nicht etabliert genug, da jeder weiß, dass sie hinter den Kulissen noch immer ihr nostalgisches kommunistisches Süppchen kocht.”
    Da haben Sie im ersten Teil Ihrer Aussage selbstverständlich Recht! Wie Sie natürlich wissen, ist dies der Regierungszeit Schröder/Fischer zu danken zuzgl. des pubertierenden Verhaltens der SPD gegenüber der DIE LINKE. Was Sie natürlich im zweiten Teil dadurch negieren, indem Sie altbekannten ideologisch konditionierten Brei aufwärmen. Was auf einer anderen Ebene natürlich auch vollkommen in Ordnung ist. Ich wüsste natürlich auch im Schlaf, was ich bei der FDP ohne nachdenken zu müssen daueraufwärmen würde. Ich vergaß: Anzumerken ist natürlich, dass DIE LINKE. seit Langem die einzige echte Opposition im Deutschen Bundestag darstellt. Und selbstverständlich ist Ihnen auch bekannt, dass diese Tatsache nicht nur Parteigänger und Wähler der DIE LINKE. anerkennen.
    Konklusion: Ich glaube auf einer zweiten Ebene Ihrer sachlich-analytischen, geradezu wissenschaftlichen Distanz nicht, ich glaube Ihrem Gesäusel von der Opposition (der demokratischen Ohnmacht) nicht (und Sie diesen Verdacht ja auch mit Ihrer Aussage über DIE LINKE. sofort bestätigen), ich glaube vor allem nicht an diese unglaubliche – wiederum wissenschaftliche – Neutralität, die dieser Aufsatz suggeriert. Wie Sie wissen, besitzen ja – angeblich – Frauen das höhere Maß an emotionaler Intelligenz. Und meine gepflegte, kultivierte EI hört es zwischen Ihren ausgewogen dahinfließenden Zeilen gewaltig ideologisch (neo-)liberal-konservativ brodeln und kochen und darauf hinarbeiten, dass eine wirklich definitiv linke Opposition im Deutschen Bundestag niemals entstehe! Was ich natürlich als Ihr gutes Recht ansehe.
    Letzter Satz: Substanziell steht in diesem Kommentar – eigentlich nichts. Stattdessen wimmelt es von Vorurteilen, Unterstellungen und Weiberzeugs. Was sogar selbst ich erkenne. Trotzdem!

  2. A aus K sagt:

    “CDU, aber auch SPD, Grüne, die Parteiführung der FDP de facto die nur in Lippenbekenntnissen rebellische CSU”

    “Die Linke ist als Partei nicht etabliert genug, da jeder weiß, dass sie hinter den Kulissen noch immer ihr nostalgisches kommunistisches Süppchen kocht. Die Eurorebellen in der FDP konnten sich bislang in ihrer Partei nicht durchsetzen”

    Rundumschlag also.

    “Die Parteiführung der FDP” aha.

    Das macht alles nicht wirklich Sinn.

  3. A aus K sagt:

    Sorry, da fehlt was im Zitat.

    Ernsthaft frage ich mich, was man, wenn es denn so wäre, noch wählen sollte…

  4. Sebastian Müller sagt:

    Die Linke kocht meines Erachtens nicht wirklich ein “kommunistisches Süppchen”, sondern hat tatsächlich die Rolle der 70er-Jahre-SPD mit all ihren Flügelkämpfen eingenommen, während die SPD bis zur Unkenntlichkeit ihrer ehemaligen Identität zur Mitte gerückt ist (Politik des Dritten Weges).
    Insgesamt ist die Linke eine sozialistisch/sozialdemokratische Partei.

  5. Liebe Reyes Carrillo,

    danke für diesen erfrischenden, kritischen, aber zugleich selbstironischen Kommentar, welcher eigentlich kaum angefüllt ist von Vorurteilen und Unterstellungen.

    Denn im Gegenteil: Sie haben völlig recht. Auch ich bin kein Journalist, deswegen kann ich den damit verbundenen Neutralitätsschein schon mal ohnehin nicht für mich in Anspruch nehmen. Doch auch, wenn ich Wissenschaftler bin, sage ich hier ganz offen: Wenn ich blogge, kommuniziere ich nicht wissenschaftlich, sondern politisch. Normativ. Selbstverständlich greife ich dabei, wie Linke es auch tun, auf wissenschaftliche Erkenntnisse zurück, aber all dies wird letztlich verbunden mit einem klaren politischen Statement. So auch hier. Denn ich schrieb ja auch offen, dass ich eine Perspektive eröffnen will, “die auch eine konservativ-freiheitliche Opposition gegen postdemokratische Strukturen der Alternativlosigkeit erlaubt” (s.o.). Dieser Satz wäre nicht gefallen, wenn ich ausschließlich wissenschaftliche Distanz hätte suggerieren wollen.

    In einem Punkt muss ich allerdings auch klar widersprechen: Ich möchte tatsächlich eine echte Opposition. Aber keine linke, sondern eine im Sinne derjenigen Abgeordneten, die momentan unter “bürgerliche Abweichler” firmieren. Das möchte gerne institutionalisiert sehen.

    Beste Grüße
    Florian Sander

    • Reyes Carrillo sagt:

      Lieber Herr Sander,

      na, das freut mich aber, dass Sie meinen Kommentar so aufnehmen konnten, wie er gemeint war. Das passiert mir nicht zwingend immer in meiner Hobbytätigkeit als Blog-Kommentatorin.
      Ihre klare, auf Polemik verzichtende Positionierung (ich dagegen kann’s leider nicht lassen) hat auch etwas Erfrischendes – so lässt sich’s trefflich streiten!
      Und um auch dies noch zurechtzurücken: Ich habe Ihnen keineswegs unterstellt, Sie wollten gar keine echte Opposition – nur eben keine linke. Wäre ja auch wirklich zuviel verlangt. Und ja, stimmt, in der von Ihnen zitierten Passage formulieren Sie dann tatsächlich deutlich ein aus Ihrer Position natürlich nachvollziehbares Statement.
      Ach, ist das entspannend, innerhalb der Blogosphäre auch mal einen netten Umgang mit dem politischen “Gegner” zu haben. Danke dafür.

      • Gerne. Zumal ein solcher Umgang ja auch eines der wesentlichen Grundprinzipien dieses Blogs ist, weswegen ich hier immer wieder gerne (zweit-)veröffentliche. Wenn die KommentatorInnen diese Haltung teilen – noch besser!

  6. A aus K sagt:

    Eher würde ich sagen, die Linke gibt (nur) vor, eine sozialdemokratische Partei zu sein, um SPD-Wähler für sich zu gewinnen. Ja, die SPD ist zu weit in der Mitte angelangt. Aber was für eine Chance hätte sie?

  7. Sebastian Müller sagt:

    Also wenn Mitgliederstruktur und Parteiprogramm (!) der Linken nur “vorgeben” sein soll, dann weiß ich nicht, was “nicht vorgeben” ist. Natürlich hat auch die Linke ihre kommunistische Plattform, aber die ist eben nur ein Teil der Partei, genauso wie die SPD damals ihren marxistischen Flügel hatte. Doch diese Flügel sind eben nicht repräsentativ.
    Was die SPD hätte machen sollen? Ganz einfach, die Hände weg lassen von der Agenda 2010 und ihrer neoliberalen Politik! Diesen Hochverrat an der Sozialdemokratie hat sie bis heute noch nicht verkraftet. Ohne diesen Politikwechsel hätte es die Linke (bzw. WASG, also Fleisch aus dem Fleische der SPD) übrigens nie gegeben, was ebenso für die sozialdemokratische Indentität der Linken spricht.
    https://le-bohemien.net/2012/09/24/die-europaische-linke-ist-tot/

  8. Bernd Meyer sagt:

    Die Kommentare machen diesen Artikel für mich besonders wertvoll. Danke einmal für Eure Mühe. Ich hatte auf dieser Seite schon sehr viel Freude beim Lesen.

  9. Bernd sagt:

    Hallo!
    Es war nicht Merkel, sondern Merkel und Steinbrück und die Gewerkschaften und die s.g. Liberalen, die alle 2008 die Bankenrettung als “alternativlos” bezeichnet haben. Eine große Koalition und die Bevölkerung hat es gutgeheißen. Jetzt auf der “wir sind gegen Merkel”-Gefühlswelle zu schwimmen ist sozialdemokratisch: sich als Gegner der eigenen “laternativlosen” Beschlüsse von gestern erfolgreich in Szene zu setzen!

    • Sebastianus sagt:

      “Es war nicht Merkel, sondern Merkel und Steinbrück und die Gewerkschaften und die s.g. Liberalen, die alle 2008 die Bankenrettung als “alternativlos” bezeichnet haben.”

      Das spricht doch um so mehr für die Auflösung der politischen Codierung…

  10. Herle King sagt:

    Wenn hier einige Kommentatoren zu wissen vermeinen, was heute die ‘politische Mitte’ zwischen ‘politisch Rechts’ und ‘politisch Links’ sein soll, dann lache mir einen Ast! ( – z.B. meinen manche : ‘Die SPD sei zuviel Mitte’ *g* oder im Artikel : ‘DIE.LINKE koche ein kommunistisches Süppchen’, soll heißen, ist unerlaubt weit links.. !1;)

    Ey Leute, begreift ihr wirklich nicht, dass das AGANDA-Zeug der Kartellparteien letztlich der paternalistische Erziehungsstaat ist, der mit EIN.EURO.JOBS & Sanktionen von Erwerbslosen im 21. Jahrhundert das ‘Arbeitshaus’, um nicht zu sagen das KZ-light feiert? Hallo Menschenrechte !? Rafft ihr wirklich nicht, das das ‘Rechts/Links-Schema’ nur das gute alte ‘Teile & Herrsche Spiel’ darstellt? Wollt ihr ewig unmündig bleiben und diesen dummen ideologischen Quatsch glauben !?

    [youtube http://www.youtube.com/watch?v=wZGYPIRk4j4&w=560&h=315%5D

    • Reyes Carrillo sagt:

      Oh weh, schon wieder ein Jebsen-Schüler! Ach ja, wenn man bei Jebsen lernt, kommt dann so ein teils arrogant-aggressives teils dummes Kauderwelsch raus wie dein Kommentar. Ich beobachte da übrigens auch ein seltsames Phänomen bei mir: Der Jebsen schafft es irgendwie immer wieder, dass mir ab einem gewissen Punkt meine eigenen politischen Überzeugungen fast peinlich werden, wenn ich sie gelegentlich von ihm “vertreten” sehe/höre/lese. Diese Art Underground-Populismus mit schrillem Provokationsstilmittel ist überhaupt nicht mein Ding. Ich stimme ihm in Vielem zu, finde aber seine, wie gesagt, arrogant-aggressiven, lehrmeisterhaften Aufbereitungen, Rückschlüsse und Verallgemeinerungen mit diesen dann stets den wahren Ursprung der Dinge killenden orientalisch-maßlosen Übertreibungen einfach nur peinlich. Aber, das muss man konstatieren, er hat seine Fangemeinde, die lernwillig ist – und solche unterirdischen Kommentare wie du schreibt: Im Kern immer ein gutes Stück Wahrheit, das aber mit dem Holzhammer sofort wieder platt gedroschen wird. Eine Freundin meint, der Jebsen erinnere sie irgendwie sehr an die K-Gruppen aus den frühen Siebzigern…

      • Herle King sagt:

        > Oh weh, schon wieder ein Jebsen-Schüler!
        Ich habe das nur mal zum nachdenken empfohlen. Ich bin nicht sein “Schüler”! Ich finde seine Positionen leider auch nur zum Teil OK. Letzlich kritisiert er nur heftig ( – Holzhammer trifft es ganz gut ;-) aber für echte Alternativen / Lösungen setzt er sich nicht ein. Außerdem spart er auch bestimmte wichtige Aspekte aus, so wie die meisten ‘Journalisten’ heutzutage. Und das hat nicht nur mit Geld, den Herausgebern der Medien, oder mit bestimmten Netzwerkpartnern zu tun, sondern mit dem zugrunde liegenden Menschenbild..

      • Karin Dorr sagt:

        Das Problem ist, daß man den Massen nicht mit z.B. Kant kommen kann. die Menschen in den Werkshallen und auf den Fluren der Agentur würde da nur die Augen rollen und sie als “shonn widder so en inderlekdueller Depp” abtun. Eine Revolution kann man leider nur mit platten Parolen und Additüden auslösen, da die meisten Menschen ungebildet sind. Die Geschichte lehrt uns in fast allen Nationen wie gefährlich das werden kann. Die meisten haben keine Bildung sondern nur eine Ausbildung.
        Die berühmte Dachlatte regelt immer noch mehr als man glaubt.

  11. Reyes Carrillo sagt:

    Alles klar, Herle King, dann nix für ungut!

    Mit dem im Journalismus/Journaille meist reduzierten Menschenbild hast du sicher Recht. Aber war das je anders?

  12. Eso-Policier sagt:

    Es wird nach der Wahl im September wahrscheinlich eine schwarz-grüne Koalition geben. Es ist gut, dass die CDU gegen eine Gleichstellung der “Homo-Ehe” und gegen einen EU-Beitritt der Türkei ist. Zudem ist es gut, dass die CDU die Religiosität fördert. Allerdings muss das Christentum reformiert werden. Eine Alternative ist, Freireligiöser oder gläubiger Konfessionsfreier zu sein. Im Übrigen ist es sinnvoll, den Technologismus nicht ganz zu beseitigen, aber stark zu begrenzen. Und Naturforschung zu fördern. Mehr dazu auf meinem Blog.

  13. Auch Jahre später sind dieser Artikel und die Postdemokratie selbst aktueller denn je. Alle Entwicklungen, die Crouch und andere vorausgesagt haben, sind eingetreten, der ‘Critical Citizen’ wird weiter lächerlich gemacht oder ins Reich des Populismus verbannt. Derweil operiert jenseits der Klasse von sich selbst überschätzenden Politclowns munter die Finanzwirtschaft zum Nutzen weniger und zum Schaden der meisten anderen.

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