Die Logik der Spekulation

Hyman MinskyDer bis dato unbekannte keynesianische Ökonom Hyman P. Minsky beschäftigte sich mit dem weitgehend ignorierten “Wallstreet-Pradigma” der General Theory und wies bereits seit den 70er Jahren auf die Instabilität der Finanzmärkte hin. Seit dem Ausbruch der Krise 2007 wird ihm posthum größere Beachtung geschenkt.

Von Stefan Voß

Die „Financial Instability Hypothesis“ (FIH) von Hyman P. Minsky führte jahrzehntelang ein Schattendasein in der theoretischen Diskussion der Wirtschaftswissenschaft. Dies lag an der Vorherrschaft der Neoklassik, welche die selbstregulierenden Kräfte der Marktwirtschaft postuliert. Ungleichgewichte oder eine Krise haben nach diesem Modell nur exogene Ursachen. Erst die Finanzkrise von 2007/09 brachte die FIH in den Mittelpunkt der Diskussion.

Minsky betrachtet das Marktgeschehen aufgrund einer instabilen Finanzsphäre als endogen instabil und steht damit diametral zur Neoklassik. Die FIH von Minsky basiert auf der „General Theory“ von Keynes. Minsky kritisiert die
Standardinterpretationen von Keynes und zeigt dazu im Gegensatz eine fundamentale Perspektive von Keynes auf, welche das in Vergessenheit geratene „Wall-Street-Paradigma“ in den Mittelpunkt rückt.

In der theoriegeschichtlichen Diskussion der Wirtschaftswissenschaften dürfte die Rezeption der von Minsky entwickelten „Financial Instability Hypothesis (FIH)“ wohl zu den seltsamsten Erscheinungen gehören. Seltsam nicht im Sinne irgendeines realitätsfernen Modells, das keinerlei Bedeutung erlangt hat, sondern seltsam im Sinne eines möglicherweise realitätsnahen Modells, das vom Mainstream jahrzehntelang ignoriert wurde. Es war erst eine gigantische Finanzkrise globalenn Ausmaßes erforderlich, um die FIH in den Mittelpunkt der Theoriediskussion zu
führen.

Als Minsky 1986 sein Buch „Stabilizing an unstable Economy“ veröffentlichte, geschah dies sehr unscheinbar und mit einer geringen Auflage, wovon die Fachwelt kaum Notiz nahm. Darin schlussfolgerte Minsky, dass die Finanzmärkte strenger reguliert werden müssten. Er postulierte eine Reformagenda, ein „Big Government“.

Dies passte so ganz und gar nicht in das Bild, das die damaligen Apologeten der freien Märkte, allen voran Milton Friedman, in eine Form gegossen hatten und zur herrschenden Wirtschaftslehre seit Beginn der achtziger Jahre machten. Es war der Beginn der Ära des Monetarismus. Ronald Reagan und Margaret Thatcher waren ihre politischen Hauptvertreter. Die Maxime hieß Deregulierung und Intensivierung des Wettbewerbs sowie eine weitgehende Privatisierung staatlicher und öffentlicher Unternehmen bzw. Aufgaben und die politische Entmachtung der Gewerkschaften.

Nach dieser Ideologie konnte der Markt die wichtigen Aufgaben viel besser bewältigen als jede staatliche Institution. Thatcher hob das Buch „The Constitution of Liberty“ von Hayek hoch und sprach: „This is what we believe!“, und läutete damit u. a. später den Big Bang an der City of London ein. Der Finanzsektor begann insbesondere in den Metropolen New York City, London und Tokio massiv zu expandieren. Es entstand eine neuartige Karrieristenelite, die sogenannten Yuppies, die rasch vom neuen Zeitgeist profitierten.

Auch wenn die Schule um Friedman in den letzten Jahrzehnten ihren Siegeszug fortsetzte, so konnte Friedman dennoch nicht all seine marktradikalen Vorstellungen durchsetzen. So plädierte Friedman u. a. auch für die Abschaffung der United States Securities and Exchange Commission (SEC) und der Food and Drug Administration (FDA), weil er glaubte, Marktprozesse seien effizienter als bürokratische Regelungen. Ebenso hatte Großbritannien nicht alle Staatsbetriebe privatisieren können. Das NHS und der BBC blieben die heiligen Kühe, die dem neoliberalen Konzept nicht geopfert werden konnten. Margaret Thatcher selbst musste abdanken, als sie Anfang 1990 die sogenannte Kopfsteuer, das Lieblingskind der neoliberalen Steuerreformer, einführen wollte. Radikale neoliberale Forderungen waren auch in einem marktwirtschaftlich freundlich gesonnenen Umfeld nicht vollends konsensfähig.

Minsky führte in dieser Zeit nur ein Schattendasein, obwohl nach 1986 die historischen Entwicklungen die FIH mehrfach bestätigen konnten. In den achtziger Jahren entstand in Japan eine riesige Kreditblase, die zuerst den Immobilienmarkt
und dann den Aktienmarkt anheizte. Die Immobilienspekulation wurde so weit getrieben, dass am Ende die kleine Fläche des Kaiserpalastes teurer war als ganz Kalifornien. Anfang 1990 platzte in Japan zuerst die Aktienblase und dann die
Immobilienblase. Heute spricht man in Japan über diesen Zeitraum von dem verlorenen Jahrzehnt. Es entwickelten sich später kleinere Finanzkrisen, wie z. B. die Savings & Loans-Krise in den USA, die Long-Term Capital Management-Krise, die Internetblase, die Argentinien-Krise, die Tequila-Krise u.a. Alle Krisen deuteten auf eine instabile Finanzsphäre hin, doch die Theorie von Minsky blieb dennoch weitgehend unbeachtet.

Erst mit dem Beginn der Subprime Loan Krise (2007/09) wurde das Interesse auf Minsky gelenkt. Begriffe wie Minsky-Momentum, Minsky-Meltdown machten die Runde. Die Erstauflage des 1986 erschienenen Buches „Stabilizing an unstable Economy“ wurde plötzlich für rund 1.000 Dollar im Internet gehandelt. Minsky wurde zu einer neuen Mode, ja fast schon zu einem neuen Hype. Am 18. August 2007 titulierte das Wall Street Journal einen Artikel mit folgender Überschrift: „In Time of Tumult, Obscure Economist Gains Currency – … His ‘Moment’ has arrived.“

Nun ist es sehr befremdlich zu konstatieren, dass Minsky 11 Jahre nach seinem Tod und 21 Jahre nach der Erstveröffentlichung seines Buches „seinen Moment erreicht“ habe, obwohl diverse Finanzkrisen die FIH schon längst bestätigen konnten.

Bis heute wird Minsky populär nur oberflächlich behandelt. Ein tieferes Studium der Publikationen von Minsky ist jedoch unbedingt erforderlich. Um „Stabilizing an unstable Economy“ wirklich verstehen zu können, ist es ratsam zuerst das Buch „John Maynard Keynes“ zu lesen, das 1975 erschienen ist. Minsky beschreibt darin, wie die neoklassische Synthese von Keynes dazu geführt hat, dass elementare Bestandteile der „Allgemeinen Theorie“ von Keynes verloren gegangen sind. Dazu gehören u. a. die Erwartungen bei Investitionsentscheidungen unter Unsicherheit, schwankende Aktienkurse und schwankende Kurse auf den Anleihemärkten, die die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals unmittelbar beeinflussen.

Kurzum, das sogenannte „Wall-Street-Paradigma“ ist ein elementarer Bestandteil der keynesianischen Theorie, das in der neoklassischen Synthese von Keynes untergegangen ist. Minsky stellt das Wall-Street-Paradigma wieder in den
Vordergrund und baut auf diesen Überlegungen die FIH auf.

Stabilizing an unstable Economy (1986)

In diesem Hauptwerk, wo Minsky seine Hypothese der finanziellen Instabilität explizit ausgearbeitet hat, werden die Konjunkturkrisen der Nachkriegsära genauer beschrieben. Im Anschluss dieser Betrachtungen kommt Minsky noch einmal auf seine Kernaussagen zurück, die er bereits in “John Maynard Keynes” erläutert hatte, und liefert damit den theoretischen Rahmen, mit dem er diese Krisen interpretiert.

Bereits in diesem Buch stellte sich Minsky die Frage, warum „die finanziellen Aspekte der GT im Wesentlichen nur stillschweigend vorhanden waren, warum sie eher Gegenstand von Andeutungen statt detaillierter Argumentation waren…” Zunächst einmal, wie schon früher bemerkt, waren die wirtschaftlichen Probleme der Periode vom Erscheinen der GT bis in die jüngere Vergangenheit, sagen wir bis Mitte der 1960er Jahre, durch robustere Finanzierungsverhältnisse gekennzeichnet.

Die Spekulationsfieber, welche frühere Ausbrüche in Booms charakterisierten, blieben aus und die Banken begannen erst ab etwa den 1960er Jahren, hinsichtlich ihrer Verbindlichkeiten zu spekulieren. Es war eine einzigartige Periode, in der die Finanzierungsproblematik eine verhältnismäßige kleine Rolle spielte; zumindest wirkte die Finanzierung nicht destabilisierend. Darüber hinaus blieb die Regierungsaktivität – leider nur infolge fortdauernder massiver Militärausgaben – einflussreich, und die Steuern, mit großem Gewicht auf Einkommen- und Lohnsteuer, waren hoch und reagierten auf Veränderungen des Einkommens. Auf diese Weise gab es ein hohes Mindestniveau des Einkommens, zurückzuführen auf Staatsausgaben und eine dem Steuersystem zu verdankende fiskalische Schranke gegen unangemessene Ausweitung der Wirtschaftstätigkeit.

Die Rezession von 1974 bis 1975

Die Weltwirtschaftskrise von 1975 dürfte wohl den meisten Deutschen als „Ölkrise“ in Erinnerung geblieben sein. Minsky führte diese Rezession jedoch nicht auf den damals stark gestiegenen Ölpreis, sondern auf eine erhebliche Finanzkrise zurück, die ihren Ursprung in den USA hatte. Lediglich die erste Phase der Rezession könne auf den Ölpreisschock zurückgeführt werden, wogegen die zweite Phase von inneren ökonomischen Prozessen ausgelöst wurde. Die Krise von 1974-75 kann nicht isoliert von der Kreditkrise 1966 und der Liquiditätskrise von 1970 betrachtet werden.

Diese Periode war von den größten Bankenzusammenbrüchen seit der Großen Depression von 1930 gekennzeichnet. Es handelte sich in erster Linie um größere Banken wie die Franklin National Bank of New York, die Security National Bank of New York und die Commonwealth Bank of Detroit. Während dieser Periode wurden diese Banken nicht geschlossen oder liquidiert, sondern in andere Institutionen überführt.

Die Gründe für die Finanzkrise waren vielfältig. Eine Hauptursache waren zweistellige Inflationsraten und zweistellig hohe Zinssätze, die dazu führten, dass relativ ertragsschwache Banken unter erheblichen Druck gerieten und beispielsweise wie die Franklin National Bank in die Insolvenz getrieben wurden. Eine weitere Ursache waren sogenannte REITS (Real Estate Investment Trust Securities). Diese Investmentvehikel waren Kreationen, die dem Steuerrecht entsprangen. Sofern diese REITS 90% ihrer Erträge als Dividende ausschütteten, brauchten keine Ertragssteuern auf die Gewinne bezahlt werden.

1968 betrug das Volumen der REITS 1 Mrd. Dollar und wuchs 1972 auf 14 Mrd. Dollar an. 1973 lag das Volumen bei 20,2 Mrd. Dollar, 1974 bei 21,2 Mrd. Dollar und 1975 fiel das Volumen auf 19,5 Mrd. Dollar. Die REITS wurden im Laufe der Jahre mit immer weniger Eigenkapital unterlegt. Dieser Effekt erhöhte zwar die Rendite, das Risiko nahm aber gleichzeitig ebenfalls zu. Da die Gewinne zu 90% ausgezahlt werden mussten, um die Steuerersparnis realisieren zu können, war mit einer Erhöhung des Eigenkapitals infolge gestiegener Gewinne auch nicht zu rechnen. In dem Moment, als die Erträge nicht mehr so flossen wie geplant, brach die gesamte Konstruktion unter der hohen Fremdkapitallast zusammen.

Ein starker Rückgang der Industrieproduktion, eine explosive Zunahme der Arbeitslosigkeit im Zeitraum zwischen dem 3. Quartal 1974 und dem ersten Quartal 1975 gingen mit der Insolvenz der Franklin National Bank, den Turbulenzen der REITS und einer Insolvenzwelle bei Unternehmen einher.

Zunächst sah es so aus als stünde die Wirtschaft vor einer großen Depression, doch die Interventionen der Notenbank und ein massives Haushaltsdefizit infolge von Steuersenkungen konnten das Szenario einer Depression abwenden. Ebenso entstand 1982 eine weitere Finanzkrise, bei der zunächst kleinere Banken insolvent wurden, worauf dann größere Banken wie Chase Manhattan, Continental Illinois u. a. große Verluste hinnehmen mussten. Mitte 1982 stürzte der mexikanische Peso ab und die Verschuldung vieler lateinamerikanischer Länder erreichte ein gefährliches Niveau. Aber auch diese Krise konnte letztendlich von Interventionen der Notenbank und der Regierung abgewendet werden.

Nach Erscheinen des Buches „Stabilizing“ erschütterten wiederum eine Reihe von Finanzkrisen die Märkte, wobei wohl die japanische Immobilienblase vor der Finanzkrise 2007/09 bislang die größten Auswirkungen bis in unsere Zeit hatte.

Mit billigem Geld wurde der Immobilienmarkt in Japan angeheizt. Die Wertsteigerungen der Immobilien führten zu einer weiteren Kreditaufnahme, um in Aktien zu investieren, die ebenfalls deutlich an Wert gewannen. Beide Blasen schaukelten sich gegenseitig hoch. Auguren sprachen Ende der achtziger Jahre davon, dass Japan die USA bald überholen wird. In Deutschland wurden die Politiker nicht müde zu fordern, Japan doch endlich als Vorbild zu nehmen. In der deutschen Automobilindustrie wurden amerikanisch-englische Fachausdrücke durch japanische ersetzt und jeder bewunderte das japanische Modell bis zu dem Tag als zuerst die Aktien- und dann die Immobilienblase platzten.

Japan leidet noch heute unter den Spätfolgen der Finanzkrise. Und so, als hätte die Welt von Japan nichts gelernt, entstand in den USA eine Immobilienblase, deren Platzen die Finanzkrise 2007/09 auslöste, eine der größten nach 1929.

Weitere Aspekte der Instabilität jenseits der klassischen Terminologie von Minsky

Neben diesem grundsätzlichen Schema können – außerhalb der Theorie von Minsky – aber noch zusätzliche Faktoren ausgemacht werden, die insgesamt destabilisierend auf das Gesamtsystem wirken. Die Einführung eines flexiblen Wechselkurssystems und der zunehmende Welthandel haben dazu geführt, dass die Volatilität der Wechselkurse stark zugenommen hat und gerade exportstarke Nationen von den Wechselkurseinflüssen destabilisiert werden können.

Hinzu kommen neue Bilanzierungsrichtlinien, die ihren Ursprung in ihrem Glauben an die Effizienz der Märkte haben. Demnach müssen sowohl Anlagevermögen als auch Forderungen zum Bilanzstichtag zum aktuellen „Marktwert“ (mark-to-market) bewertet werden. In der Finanzkrise 2007/09 hatte dies zum Teil fatale Konsequenzen. Infolge hoher Kreditabschreibungen waren die Banken gezwungen bestimmte Anlageklassen zu verkaufen, um die Anforderungen an eine Mindest-Eigenkapitalquote zu erfüllen.

Da aber fast alle Banken von Kreditabschreibungen betroffen waren, mussten diese fast zeitgleich Anlagevermögen teilweise veräussern. Dadurch entstand ein Verkaufsdruck auf den Märkten, sodass die Preise für die Veräusserungserlöse stark rückläufig waren. Da diese Entscheidungen unter Zeitdruck standen, verstärkte sich dieser Prozess. Dies führte zu einer zunehmenden Ertragsschwäche der Banken, sodass auch zu risikoreiche Kreditpositionen aufgelöst werden mussten. Da die Bilanzierungsspielräume der Banken durch die neuen Richtlinien stark eingeschränkt waren, verstärkten die Banken selbst noch die Finanzkrise.

Die neuen Regeln entsprangen einer Ideologie der „Effizienz der Märkte“ wonach die Marktpreise ständig die „richtigen“ Informationen für die Marktteilnehmer liefern würden und somit den Steuerungsprozess effektiver gestalten könnten. Das Gegenteil war der Fall.

Eine weitere Schwachstelle waren die Risikomodelle der Finanzinstitutionen. Im Gegensatz zum keynesianischen Begriff der „Unsicherheit“, nachdem bestimmte Risiken nicht quantifizierbar sind, lieferten die Risikomodelle scheinbar verlässliche Instrumente zur Steuerung der Risiken. Diese Modelle entstammten fast ausschließlich der Schule von Chicago, die nicht nur die Effizienz der freien Märkte für die Makroökonomie postuliert, sondern gleichzeitig auch noch Risikomodelle für die einzelnen Entscheidungsträger in der Mikroökonomie liefert. Dabei konnten empirische Studien bereits die Fehlerhaftigkeit dieser Modelle belegen, zum Beispiel in dem Sinne, dass die angenommenen Normalverteilungskurven für die Wahrscheinlichkeit von Kreditausfällen nicht mit der Realität übereinstimmen.

Offen bleibt auch die Frage, ob die FIH mit der letzten Finanzkrise überhaupt vereinbar ist. Minsky beschreibt in seiner Theorie, dass der Verschuldungsgrad der Unternehmungen destabilisierend ist. Die Finanzkrise 2007/09 entstand aber durch eine zum Teil staatlich geförderte Spekulation mit Wohnimmobilien. Die Kredite konnten dann noch weiter expandieren, weil die Agenten diese Finanzierungen als verbriefte Forderungen verkaufen konnten. Damit war das klassische Kreditgeschäft, nach dem Risiko und Ertrag eine Einheit bilden, aufgehoben, da die Agenten nur die
Provisionen vereinnahmten und das Risiko gleich weitertransferieren konnten. Diese verbrieften Forderungen wurden von Rating-Agenturen (falsch) bewertet. Banken witterten ein Geschäft und konnten diese Papiere außerbilanziell in Zweckgesellschaften platzieren und mit kurzfristigen Krediten finanzieren.

Das Schema ist klassisch nach Minsky. Eine spekulative Finanzierung wird infolge geringerer Zuflüsse als erwartet zu einer Ponzi-Finanzierung. Allerdings bezog sich Minsky in seiner Theorie nur auf Finanzierungen der Unternehmen und nicht auf solche komplexen Produkte wie die Subprime Loans. Wenn die FIH auch auf die aktuelle Finanzkrise nicht vollständig angewendet werden kann, so ist sie dennoch ein wertvolles Hilfsmittel, um die Grundmechanismen der Krise verstehen zu können. Zu berücksichtigen dabei ist auch, dass die Kapitalmärkte 1986 noch nicht so weit entwickelt waren, wie zur Jahrtausendwende und dass das Anschwellen „innovativer Finanzprodukte“ in diesem Ausmaß zu dieser Zeit gar nicht vorstellbar war.

Der Geldmanagerkapitalismus

In seinen späteren Betrachtungen skizzierte Minsky das Bild eines „Geldmanagerkapitalismus“. Danach gewann das Finanzkapital einen immer größeren Einfluss auf die Realsphäre. Fondsmanager üben ein Mandat für die
Kapitalanleger in dem Sinne aus, dass sie bestrebt sind, die Rentabilität ihrer Beteiligungen immer weiter zu erhöhen. Dies führt zu ständigen Umstrukturierungen von Unternehmensteilen im Sinne einer kurzfristigen Steigerung des „Shareholder-Value“. Analysten und Fondsmanager richten sich nach kurzfristigen Ertragszahlen (quartalsweise Berichterstattung) und üben unmittelbaren Einfluss auf die Unternehmensstrategie und das Management aus, da die Fonds gleichzeitig über Stimmrechte an den Aktiengesellschaften verfügen.

Damit sind die Arbeitsplätze immer unsicherer geworden. Der Arbeitsmarkt ist zu einem „Spotmarkt“ geworden,
wo Arbeitsleistungen nur noch kurzfristig abgefragt und auch wieder zurückgegeben werden können. Somit ist also nicht nur das Wirtschaftssystem inhärent instabil geworden, auch das gesamte Sozialgefüge unterliegt kurzfristigen Profitbestrebungen.

Diese Entwicklung hat auch wieder Rückwirkungen auf das Wirtschaftsleben, denn die jeweils An- oder Abgestellten haben keine finanzielle Sicherheit mehr, das eine langfristige Planung, z. B. für den Erwerb eines Hauses unmöglich macht. Wenn langfristige Planung in einem zunehmend unsicheren Umfeld nicht mehr möglich ist, halten sich die Konsumenten bei größeren Anschaffungen entsprechend zurück. Ein weiteres Merkmal des Geldmanagerkapitalismus ist die Lohn- und Gehaltsentwicklung. Während die durchschnittlichen Löhne und Gehälter mehr oder weniger stagnieren, explodieren die Managergehälter und Einkünfte aus Kapitalvermögen.

Um ein stabileres und sozial gerechteres Wirtschaftssystem zu schaffen, entwickelte Minsky eine Reformagenda.

Die Reformagenda: Big Government

Für den amerikanischen Ausdruck „Big Government“ gibt es keine rechte deutsche Übersetzung. Dies liegt u. a. daran, dass „Big Government“ eine Politik beschreibt, die in Europa zur normalen Politik gehört. In den USA gibt es dagegen eine politisch starke Strömung, welche die „freien Märkte“ als Maxime fordert. Der Staat sollte sich so weit wie möglich aus dem Wirtschaftsgeschehen heraushalten, da er die effizienteren Marktprozesse nur stören würde (Nachtwächterstaat).

So ist es daher auch nicht verwunderlich, dass Barack Obama eine Gesundheitsreform nur unter erheblichen Zugeständnissen durchsetzen konnte, wonach sich jeder Arbeitnehmer gegen Krankheit versichern kann und muss. Voraussetzung ist dafür allerdings ein Arbeitsplatz, den viele US-Bürger nicht mehr haben und auch so schnell nicht mehr erhalten können. Seit der Finanzkrise funktionieren die liberalisierten Arbeitsmärkte nicht mehr in dem Sinne, dass es für einen Arbeitslosen leicht ist, eine neue Stelle zu finden. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist in den USA ein völlig neues Phänomen geworden.

Steuern

Minsky fordert eine umfassende Steuerreform, räumt aber ein, dass dies bei der gegenwärtigen Ausgabenpolitik des Staates, der einen Großteil für Militärausgaben verwendet, schwierig ist. Eine Grundforderung ist, dass eine Steuer auf
Unternehmensgewinne integriert sein müsste mit den Abgaben, die für die soziale Sicherung notwendig sind. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer lehnt Minsky ab, da diese inflationär wirken kann. Stattdessen sollte eine progressive Einkommenssteuer eingeführt werden. Ebenso sollte es nicht möglich sein, dass Ausgaben für Zins und Tilgung eines Kredites die Steuerlast eines Unternehmens vermindern, weil sonst eine zu hohe Schuldenaufnahme steuerlich gefördert wird.

Arbeitsmarktpolitik

Die Arbeitsmarktpolitik sollte so gestaltet sein, dass Vollbeschäftigung erzielt wird. Da aber ein Vollbeschäftigungsgleichgewicht nur temporär erreicht werden kann, schafft Minsky analog zum „lender-of-last-resort“ ein „employment-of-last-resort“ (ELR). Das grundlegende Problem sieht Minsky darin, dass es schwierig ist, ein Regime zu entwickeln, das nicht zur Instabilität, Inflation und Arbeitslosigkeit führt. Es sollten daher Arbeitsplätze zu einem Minimaleinkommen geschaffen werden, die nicht von lang- oder kurzfristigen Gewinnerwartungen von Unternehmen geleitet sind.

Eine Institutionalisierung der Arbeitslosigkeit über die Zahlung von Transfereinkommen ohne Arbeitsmöglichkeit lehnt Minsky ab, da diese Zahlungen inflationär wirken können. Einem Einkommen steht kein werthaltiges Äquivalent gegenüber, das nur über Arbeit geschaffen werden kann.

Der Verdienst Minskys

Die Immobilienkrise in den USA hatte ihren eigentlichen Ursprung in der Implementierung des „Washington Consensus“ Anfang 1980. Die Liberalisierung der Märkte, das Zurückdrängen der Gewerkschaften und später dann die Verlagerung
arbeitsintensiver Produktion in Billiglohnländer wie China, hatten zur Folge, dass das BIP in vielen Volkswirtschaften zwar kräftig zulegen konnte, die Bedeutung der Finanzwirtschaft ebenfalls deutlich zunahm und die Managergehälter sowie die Einkommen aus Vermögenswerten explodierten, die durchschnittlichen Gehälter und Löhne jedoch stagnierten und die Mittelschicht zurückgedrängt wurde. Es gab keinen „Trickle down-Effekt“, wie es sich die Verfechter der freien Märkte vorstellten, vielmehr blieb es nur eine vage Vorstellung.

In Wirklichkeit wurden die Einkommensunterschiede immer größer. Um den „American Dream“ aufrechtzuerhalten, gab man den Mittel- und Unterschichten mit staatlich geförderten Hilfen die Möglichkeit, sich ein Eigenheim zu finanzieren. Dies löste einen Boom bei den Eigenheimimmobilien aus, der zu noch mehr Kreditaufnahmen verleitete, um einen steigenden Konsum zu finanzieren. Es stiegen also nicht die Realeinkommen, sondern die durch Kredite finanzierten Ausgabensteigerungen. Die „Sicherheit“ der Kredite resultierte aus der Fiktion, dass bei steigenden Immobilienpreisen der Wert jederzeit realisiert werden könnte. Dies funktioniert jedoch nur so lange, wie genügend Käufer den Verkäufern gegenüberstehen. Es war also abzusehen, dass diese Kreditblase irgendwann platzen würde, da es sich hierbei auch nur um ein Ponzi-Schema handeln konnte.

Minsky ist diese Entwicklung sicherlich nicht verschlossen geblieben und in seinen letzten Lebensjahren kritisierte er scharf den sogenannten „Geldmanagerkapitalismus“. Auch die Stagnation bei Löhnen und Gehältern war eine Entwicklung, die Minsky als überzeugter Keynesianer nicht gutheißen konnte.

Doch der eigentliche Verdienst von Minsky ist, dass er die fundamentalen Einsichten von Keynes – die sonst wohl im allgemeinen Mainstream untergegangen wären – hervorgehoben und die Instabilität des Gesamtsystems als endogene Größe erkannt hatte. Doch die Reformen, die Minsky vorschlug, dürften im Sinne der Machterhaltung der herrschenden Eliten nicht einfach zu beschreiten sein.

Die ungekürzte Fassung des Beitrags ist dem Arbeitspapier/Abteilung Wirtschaft der FH Hannover zu entnehmen

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13 Kommentare zu "Die Logik der Spekulation"

  1. Systemfrager sagt:

    Tja, die Bastardkeynesianer
    Stimmt, bei Keynes ist die Finanzwelt unstabil, aber vor allem ist Keynes ein Nachfragetheoretiker (und kein Geldtheoretiker). Minsky ist die berühmte stehende Uhr, die zwei Mal täglich die richtige Zeit zeigt. Er taugt nichts. Kurz zusammengefasst:

    Börsenaltmeister Kostolany prägte das Bild von dem Mann mit dem Hund. Wenn das Herrchen aufsteht, ist der Hund schon an der Türe und will raus. Öffnet der Mann die Türe, rennt der Hund aus dem Haus, links die Straße runter – bis er merkt, dass der Mann rechts abbiegt. Dann flitzt er wie ein Irrer zurück und gradeaus über die nächste Kreuzung, bis er merkt, dass der Mann da wieder links abgebogen ist usw. Der Hund symbolisiert die Börsenkurse (und den Finanzmarkt) und der Mann die reale Wirtschaft.

    Nahezu alle Geldtheorien analysieren die Tollheiten des Hunds und nehmen den Mann gar nicht zur Kenntnis! Bis ins Detail werden dort die Inflationszahlen und die Immobilienpreise und die Staatsverschuldung aus den meisten Finanzkrisen der letzten Jahrhunderte auf der ganzen Welt, aufgeschlüsselt. Eine unglaubliche Fleißarbeit, aus der wir lernen, wie sich der Hund verhält.

    Aber das Hauptproblem ist: Finanzkrisen sind niemals die Ursache! Finanzkrisen sind ein Symptom und eine Folge – höchstens noch ein Verstärker von anderen Problemen. Das ganze Geschwätz darüber, dass die Finanzwirtschaft die Realwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würde ist so ähnlich wie die Vorstellung des Hunds, dass manchmal das Herrchen tatsächlich links läuft, WEIL er, der Hund, schon zuvor links abgebogen ist: Also eine Wahnvorstellung!

    Oder mit anderen Worten: Will ich Finanzkrisen verstehen, dann komme ich nicht weiter, indem ich irgendwelche Zahlenreihen nebeneinander stelle (und macht es auch noch so viel Mühe, diese Zahlen zu bekommen), sondern ich muss mir die realen Ursachen anschauen, … Eine solche Betrachtungsweise hätte nebenbei den Vorteil, dass Politiker mit etwas Glück nicht mehr versuchen würden, den Hund zu steuern, sondern den Mann.

    • Sebastian Müller sagt:

      Minsky war kein Bastard-Keynesianer – er krtisiert die “neoklassische Synthese” des Bastard-Keynesianismus ja selbst:

      “Um „Stabilizing an unstable Economy“ wirklich verstehen zu können, ist es ratsam zuerst das Buch „John Maynard Keynes“ zu lesen, das 1975 erschienen ist. Minsky beschreibt darin, wie die neoklassische Synthese von Keynes dazu geführt hat, dass elementare Bestandteile der „Allgemeinen Theorie“ von Keynes verloren gegangen sind.”

      Dies ist im übrigen auch kein Bastard-Keynesianischer Blog und auch keine B-K-Autoren.

    • Jean de Feqt sagt:

      darf ich, als unbedarfter besucher, mir die frage erlauben wie denn der mann aussieht der den hund steuert? ist es der produktive teil der wirtschaft? oder eher die energielieferanten? ist es der (hoffentlich mit kapital) ausgestattete mensch/konsument?

      danke
      ein apologet der wissenschaft

  2. Stefan Voß sagt:

    Zunächst einmal haben sich weder Minsky noch Keynes mit der Rolle des Hundes befasst. Im Gegenteil: In seiner berühmten Korrespondenz mit Tinbergen lehnt Keynes die Ökonometrie und die Vermessung der ganzen Auswüchse sogar weitestgehend ab. Ein Blick in die Lektüre der General Theory ermöglicht auch den Einblick, dass Keynes die realen Investitionen zum Ausgangspunkt der ökonomischen Entwicklung macht. Keynes/Minsky negieren jedoch die Neutralität des Geldes – im Gegensatz zur Neoklassik. Ein wichtiger Unterschied zur Neoklassik besteht auch darin, dass die Geldmenge nicht exogen durch die Zentralbanken vorgegeben ist, sondern auch endogen durch die Geschäftsbanken erzeugt werden kann. Unter diesen Voraussetzungen hat die Finanzwirtschaft im Umkehrschluss auch einen großen Einfluss auf die Realwirtschaft, weil erst durch die Kreditvergabe der Banken größere Investitionen ermöglich werden.

  3. Systemfrager sagt:

    >>> Ein Blick in die Lektüre der General Theory ermöglicht auch den Einblick, … | Voß
    Wann hast du nun vor, General Theory zu lesen?
    Nein, man muss es nicht tun, wie viele wissen ganz genau was dort steht, auch wenn sie nicht gelesen haben … war nur eine Frage.
    ;-)

    • Systemfrager sagt:

      >>> Sie wissen absolut nichts!
      Das ist nich selten ein großer Vorteil,
      Besser nichts zu wissen, als etwas falsch zu verstehen
      ;-)

      ZB zu den letzten gehören die Bastardkeynesianer, also die Geldkeynesianer,

      • Stefan Voß sagt:

        ein kleiner Hinweis: Robinson bezeichnete die Vertreter der neoklassischen Synthese als “Bastardkeynesianer”. Robinson und Minsky sind post Keynesianer. Daneben gibt es noch die Neu-Keynesianer wie Stiglitz und Krugman. “Geldkeynesianer” oder “Geldkeynesianismus” ist nicht existent.

    • Systemfrager sagt:

      So, die letzte Bemerkung für dich:
      Keynes hat gesiegt, mit der These, dass die Nachfrage fehlen kann
      (Ob seine Erklärung stimmt, ist eine andere Frage)
      All diejenigen, die alles andere in ihm sehen – nur nicht das -, und da hast du Recht, da gibts wirklich sehr bunte Hunde, sind Bastardkeynesianer

      • Systemfrager sagt:

        Ob du “beeindruckt bist”, das interessiert niemanden.
        Dein Problem ist, dass du offensichtlich mit deinem Latain am Ende bist, so dass du von der Sachebene auf die persönliche Ebene flüchtet.
        Das ist nicht sehr “beeindruckend”.
        :)

        PS
        Übrigens, in den Kommentaren wird geduzt, um den eingebildeten akademischen A*cher klar zu vermitteln, dass sie da keine a priori Autoritäten sind.

        • Sebastian Müller sagt:

          @Systemfrager

          ich bitte Sie hiermit, von einem agressiven und beleidigenden Duktus abstand zu nehmen. Ansonsten sehe ich mich gezwungen, Ihre Kommentare zu entfernen.

          Anbei noch einmal unser Kommentarleitfaden zu Erinnerung…

        • Systemfrager sagt:

          Ja, Sebastian
          ein bisschen über das Ziel bin ich hinausgeschossen …
          ich merke gerade, du hast versucht fair zu sein …

          Man muss aber aufpassen:
          Ich habe auch einen Kommentarblock, selbstgebastellt, so dass ich auf richtig feindliche Attacken nicht selektiv reagieren kann, dann muss ich flächendeckend sperren … und man vertreibt dann wirklich sehr erfolgreich Blogbesucher. Nein, es ist kontraproduktiv nach einer “hohen” Diskussionkultur zu streben

          Übrigens, wenn es um wirklich kritische Blogs geht, dann ist die hohe Empfindlichkeit so etwas wie contradictio in adiecto

  4. bankank sagt:

    Gratulation zum feinen Artikel!

    Mir fehlt hier noch der Link von der Makro zu Mikroökonomie. Ja die beschriebenen Faktoren fördern spekulative Klimata. Das Klima meint das Sentiment (das den politischen Konsens beinhaltet).

    In der letzten Blase nach 2001, war es keine Abzocke der Oberschicht – Alle haben schlechtswegs begonnen zu spekulieren. Was ist Spekulation? Der Glaube ohne Reale Arbeit/Reale Produktion mit einer rein renditeorientierten Wette Vermögen und Einkommen “zu verdienen.” Wieso “rein-renditeorientiert”? In Abgrenzung zum riskanten Verhalten des Unternehmers. Letztlich verändern makroökonomische-politische Entscheidungen unser Bewußtsein (je nachdem wie gefestigt es ist)…..Die Frage ist daher, ob der richtige Ansatzpunkt und die Letztverantwortung in der Makro-/ der Politik liegen kann….oder nicht doch auf der Mikroebene liegt.

    http://www.banktank.org/index.php/philosophie/heidegger/143-heidegger-iii-sein-und-zeit-zeit-ist-geld

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