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Inklusion
Quoten – Anti-inklusive Etikettierungen

Inklusion wird erst dann zu verwirklichen sein, wenn von Quoten keine Rede mehr ist. Bis dahin bleibt jede Quotierungsforderung seitens Bürgerrechtlern und Aktivisten ein Schuss ins eigene Knie.

Quoten

Bild: SGB / USS / flickr / CC BY-NC-SA 2.0

Quoten, egal ob im öffentlichen oder im privatwirtschaftlichen Bereich, rangieren auf der Liste vermeintlicher Gerechtigkeitskriterien seitens der politischen Linken stets ganz oben. Freilich mit unterschiedlicher Akzeptanz: Besonders polarisieren die sogenannten Frauenquoten, da der Kampf der Geschlechter ein Thema ist, in den buchstäblich jeder irgendwie involviert ist. Eher ein Nischendasein fristet – zum Glück – der dennoch immer mal wiederkehrende Vorschlag einer Migrantenquote im öffentlichen Dienst, welche jedoch kaum umsetzbar zu sein scheint. Weithin etabliert scheint dagegen die sogenannte Schwerbehindertenquote.

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass hier keine Auseinandersetzung mit der Frauenquote erfolgen soll – das Thema wurde und wird anderswo zur Genüge beackert. Der Vorschlag einer Migrantenquote wiederum ist bislang zu abstrakt und unausgegoren, um ihn ernsthaft auch nur zu diskutieren (wenngleich vieles, was hier nun an Argumentation folgen wird, wohl auch genauso hierauf zutreffen würde). Ebenso wenig soll es hier um allzu spezifische, prozedurale Detailfragen oder um Bewertungen der Effektivität von Behindertenquoten (à la „bloße Symbolpolitik oder wirksame Gleichberechtigung?“) gehen.

Im Fokus steht eine Problematik, die wundersamer Weise selten thematisiert wird, die aber aufgeworfen muss, um einen gravierenden Widerspruch zu diskutieren, der sich gesellschaftlich ergibt, wenn das vermeintliche Gleichstellungsinstrument der Behindertenquote einerseits und das UN-initiierte Paradigma der Inklusion von Menschen mit Behinderung andererseits nebeneinander her existieren sollen.

Die letztgenannte Zielsetzung wirft bekanntlich mehrere Baustellen auf, die bereits Bestandteil der politischen Debatte sind: Allem voran die Frage der schulischen Inklusion, nebenher auch die Herausforderungen in Hinblick auf architektonische Barrierefreiheit oder die ganz grundsätzliche Frage, wie man gesamtgesellschaftlich ein solch inklusives Miteinander überhaupt erreichen kann.

Gerade der letzte Punkt ist eine berechtigte Frage, wenn man bedenkt, welch ein ehrgeiziges Ziel es ist, das mit dem Grundsatz der Inklusion verfolgt werden soll: Behinderung, gleich welche, wird zu einem Merkmal von vielen, neben Haarfarbe, Augenfarbe, Statur usw. – nicht mehr. Menschen mit Behinderung werden im inklusiven Weltbild nicht mehr als eine „eigene Gruppe“ gesehen, sondern als Individuen wie andere auch, deren physische und psychische Bedürfnisse wie etwa dem nach Mobilität / Zugänglichkeit oder dem nach Respekt / Toleranz ganz selbstverständlich entsprochen wird, ohne dies als einen besonderen Akt der „Gnade“, als Almosen an eine benachteiligte Minderheit zu begreifen, die netterweise auch etwas partizipieren darf, aber ansonsten irgendwie anders ist als alle anderen. Inklusion bedeutet also auch so etwas wie Normalisierung des Verhältnisses zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, mit dem Anspruch, genau deswegen beide Kategorien endgültig der Vergangenheit angehören zu lassen.

Die Problematik, die hier aufgeworfen wird, wird langsam deutlich. Während die neue weltgesellschaftliche Institution der Inklusion in Deutschland Einzug hält, werden zugleich tausende Menschen regelmäßig und dauerhaft via Ausweis mit einem Sondergruppenstatus versehen: „Behindert“ ist eben nicht einfach nur eine soziale Zurechnung innerhalb von Interaktion, sondern eine bürokratische, rechtliche Kategorie, verbindlich gemacht durch ein Ausweis-Dokument! Die Sonder-Etikettierung als „behindert“ wird damit nicht nur nicht aufgelöst, sondern sie wird auch fortlaufend weiter verfestigt und zementiert, indem jedes Jahr hunderte von Menschen mit dem verheißungsvollen Gleichbehandlungsversprechen der Behindertenquote dazu verleitet werden zu glauben, es brächte nur Vorteile, zu dieser Zementierung beizutragen. Sicherlich: Nicht selten materielle, in jedem Fall individuelle Vorteile für Betroffene sind sichtbar. Langfristig und mit Bezug auf die gesamtgesellschaftliche Lage jedoch wird hier der Inklusion massiv entgegen gearbeitet. Denn eine gesellschaftliche Gruppe kann nicht als „normal“ und „wie andere auch“ rezipiert werden, wenn ihre Gleichbehandlung davon abhängig ist, dass ein Ausweis-Dokument ihre Nicht-Normalität aufzeigt und sogar noch rechtlich formalisiert. Beides zusammen geht nicht.

Es wird erkennbar, dass es sich mit anderen Quoten nicht sonderlich anders verhält. Die soziale Kategorie des Geschlechts im Gender-Sinne wird niemals gesellschaftlich dekonstruiert werden können, solange es Frauenquoten gibt. Migranten werden, auch mit deutschem Pass, erst recht eine Sondergruppe bilden, wenn sie – wie bereits jetzt schon in manchen Parteien wie der SPD üblich – über Migrantenquoten auf Positionen welcher Art auch immer rücken. Man sollte vorsichtig sein, was man sich wünscht. Gesellschaftliche Kollektivzurechnungen kann man nicht dekonstruieren, wenn sie im gleichen Atemzug formalisiert verfestigt werden (und Betroffene dies willig mitmachen müssen, um auf Gleichbehandlung hoffen zu können).

Inklusion im Sinne sozialer Dekonstruktion wird erst dann zu verwirklichen sein, wenn von Quoten, für wen auch immer, keine Rede mehr ist, wenn sie aus unseren Gesetzen vollends gestrichen werden. Bis dahin bleibt jede Quotierungsforderung seitens Bürgerrechtlern und Aktivisten ein Schuss ins eigene Knie. Eine Erkenntnis, die es umso nötiger macht, mal ganz grundsätzlich zu diskutieren, was wir denn nun eigentlich wollen. Wir, das ist das Volk, der Staat, die Betroffenen. Es gilt, eine Entscheidung zu treffen: Geht es wirklich um gesellschaftlichen Wandel oder geht es um ein paar gnädige, almosenartige Bevorteilungen, die der Mainstream der betreffenden Gruppe netterweise zugesteht („Wir sind mal so nett und stellen dich trotzdem ein, obwohl du so anders und unnormal bist!“)?

Inklusion bedeutet mehr als Fahrstühle. Inklusion bedeutet auch mehr als in gemeinsamen Klassen zu lernen (ja, vielleicht sogar ganz anderes als das). Sie bedeutet eine tiefgreifende Veränderung im Denken, eine andere Wahrnehmung des anderen – aber auch nicht selten eine Veränderung im Denken der Betroffenen selbst, eine andere Selbstwahrnehmung! Menschen mit Behinderung, die von ihrer sozialen Umwelt und der übrigen Gesellschaft ständig als „Behinderte“ behandelt bzw. auf dieses Merkmal reduziert werden, werden sich auch selbst nicht selten genau darauf reduzieren, da die Fremdbeschreibung in vielen Fällen zur Selbstbeschreibung wird. Resultat ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, im Zuge derer die Betroffenen dann die gesellschaftlich vorherrschenden Klischees selber bestätigen. Die Sozialpsychologie bezeichnet diesen Vorgang als „Andorra-Effekt“.

Wer eben diesen vermeiden, wer sozial dekonstruieren, wer inkludieren möchte, der hat keine andere Wahl, als das Instrument der Quoten – mindestens langfristig – aufzugeben und sie durch alternative, wirklich inklusive Mechanismen zu ersetzen. Und selbst dies bietet noch keine Gewähr: Gesellschaftliche Zurechnungen wie die des Sondergruppenstatus „(schwer-)behindert“ sind zumeist tief im sozialen Prozedere und in den Köpfen verankert. Allein dies zu ändern, ist schon eine gewaltige Herausforderung für die Vision der Inklusion. Die Tatsache allerdings, dass wir diesen Sondergruppenstatus sogar über offizielle, amtliche Dokumente und über arbeitsrechtliche Instrumente und Prozeduren formalisieren und über bürokratische Organisationen verfestigen, wird die Umsetzung der Vision schlicht unmöglich machen. Wir werden uns entscheiden müssen. Auch wenn manche dies nicht gern hören werden.

Artikelbild: SGB / USS / flickr / CC BY-NC-SA 2.0

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2 Kommentare zu "Inklusion
Quoten – Anti-inklusive Etikettierungen"

  1. Andreas Säger sagt:

    Obiges gilt _selbstverständlich_nicht_ für Ausländerquoten.

  2. Chris Huwer sagt:

    Die Argumentationsführung ist nachvollziehbar und foglerichtig.
    Die Quoten langfristig aufzugeben sollte das Ziel sein. Allerdings kann diese Frist sehr lang werden. Z.B. Frauenquote in Aufsichtsräten. Wenn erstmal durch Quoten mehr Frauen in diesen Positionen tätig sind, werden auch mehr Frauen entscheiden, wer in Zukunft in den erlesenen Kreis aufgenommen wird. Dadurch werden Männerbünde geschwächt und Frauenquoten langfristig unnötig. Aber nur dadurch, dass es sie vorher gegeben hat.

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