Kaleidoskop des Neusprechs (Teil 2)

Soziale Realität ist nichts, was einfach so existiert. Soziale Realität hat ihren Ursprung in der Wahrnehmung der Menschen, die letztendlich zu Handlung führt.

Von Florian Hauschild

Jeder Mensch nimmt die Welt zunächst auf eine andere Art und Weise wahr – abhängig von den eigenen Lebenserfahrungen und Informationen, die das Individuum in seinem Leben gemacht und verarbeitet hat. Im sozialen Kontext führt diese Wahrnehmung beim Menschen zu individueller Handlung. Die aggregierten individuellen Handlungen sind soziale Realität.

Handlung kann durch Normen, Gesetze, Verordnungen und Regeln beeinflusst werden. All diese Institutionen begründen ihre Wirkungsmacht jedoch in letzter Instanz auf dem Glauben der Individuen an die Legitimität selbiger. Sprich: Wenn ich nicht an die Sinnhaftigkeit einer Regel glaube, folge ich ihr nicht. Der Regelgeber kann dann versuchen, dieses Nichtfolgen durch Androhung von Strafe zu unterbinden. Meist gelingt dies eine Weile – so lange bis eine kritische Masse an Individuen dies durchschaut und sich von Strafe oder durch Androhung von Gewalt nicht mehr sanktionieren lässt. Die Regel beginnt dann im gesamtgesellschaftlichen Kontext ihre Wirkungsmacht zu verlieren.

Eine weitere Möglichkeit der Handlungsbeeinflussung bietet gleichsam die Beeinflussung von dem, was der Handlung zu Grunde liegt: die Wahrnehmung.

Gelingt es Wahrnehmung im großen Umfang zu beeinflussen, bedarf es oft keiner explizit formulieren Regeln oder übertriebener Sanktionsmechanismen mehr, da derart manipulierte Individuen glauben, ihr Handeln sei per se vernünftig und richtig. Zahlreiche soziale Phänomene, die oft mit dem Wortbaustein „-ismus“ enden, lassen sich auf diese Weise verstehen: Nationalismus, Terrorismus, Fanatismus aber auch Totalitarismus und Diktatur.

Fragt man nun was Wahrnehmung in letzter Instanz bestimmt, so sind dies – vor allem in unserer schnelllebigen, informationsgefluteten und zu oft diskursfreien Zeit – sehr häufig einzelne Begriffe. Auch Begriffe, die wie in Teil 1 dieser Serie  beschrieben, teilweise bewusst für Propaganda- und Manipulationszwecke konstruiert wurden.

Im Folgenden sollen nun weitere propagandistische Beispiele aus der aktuellen politischen Debatte aufgegriffen und dekonstruiert werden. Die Zusammenstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Allgemeingültigkeit.

Als wirkungsvolle Gegenmaßnahme gegen das Neusprech empfiehlt es sich, die Begriffe entweder nicht in der propagandistischen Verwendung zu reproduzieren, oder aber sie mit Anführungszeichen bzw. dem Vorschub „so genannt“ zu kennzeichnen. Erst durch eine bewusste Dekonstruktion der durch Herrschaftsinteressen missbrauchten Begrifflichkeiten kann es dem Individuum schließlich gelingen, sich dem Kantschen Leitsatz der Aufklärung anzunähern; Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Wissenschaft/ler bzw. Experte

Das Wort „Wissenschaft“ bezieht sich eigentlich auf den Sachverhalt „Wissen schaffen“. Wissen kann geschaffen werden, indem bereits vorhandene Erkenntnisse neu verknüpft und verbreitet werden. Information wird zu Wissen, wenn die am kommunikativen Prozess beteiligten Akteure eben jene Information für valide und verbreitungswürdig halten.

Wissen hat niemals eine „Quelle“, da jeder Akteur letztendlich nur eine Durchlaufstation der Information darstellt. Information kann einen Absender haben, Wissen nicht. Wissen ist per se frei und kann als Produkt gesamtgesellschaftlicher Interaktion von niemandem „besessen“, „veräußert“ oder „erworben“ werden.

Im heutigen Diskurs hat es sich durchgesetzt, den Begriff „Wissenschaft“ vor allem für die universitär-institutionalisierte Form der Informationsverbreitung zu gebrauchen. Ein „Wissenschaftler“ ist nach diesem Verständnis dann meist eine Person, die einen subkulturinternen „Titel“ oder „Grad“ vorweisen kann. Für Medienkonzerne tätige Lohnschreiber (s. Teil 1) ziehen solche Personen meist als Fürsprecher für teils sehr krude Thesen heran und titulieren diese Fürsprecher dann oft auch als „Experten“.

Innerhalb des Teilsystems der universitär-institutionalisierten Informationsverbreitung lässt sich häufig beobachten, dass die dort handelnden Akteure sehr stark an Teilnehmer von Kaffeekränzchen oder auch Lästerklubs erinnern. Denn meist zählt bei Auseinandersetzungen nicht der argumentative Kern einer Aussage, vielmehr wird im aktuellen Diskurs des universitären “Wissenschafts”systems oft nur noch analysiert woher eine Aussage kommt. Abhängig von ihrem Absender wird die Information dann in eine „Schublade“ oder auch „Schule“ eingeordnet und dann entweder diskreditiert oder hochgejubelt. Der Begriff „Informationssortierer“ würde besser beschreiben, wofür heute gemeinhin der Begriff „Wissenschaftler“ genutzt wird.

Unser Geld

Für Medienkonzerne tätige Lohnschreiber und andere Repräsentanten des gescheiterten neoliberalen Gesellschaftssystems benutzen bei finanzpolitischen und wirtschaftlichen Debatten häufig die Begrifflichkeit „Unser Geld“. Dieser Begriff lässt viele Menschen intuitiv glauben, dass das bestehende Geldsystem in irgendeiner Weise mit demokratischen Prinzipien in Verbindung stünde. Die ist jedoch nicht der Fall. Einfach ausgedrückt lässt sich sagen: Die mathematische Logik des bestehenden Geldsystems  sowie die bestehende Logik der Geldschöpfung sorgen dafür, dass Konzentrationen im Geldsystem wie ein Magnet wirken: Dort wo viel ist, wird – schon allein durch die systemische Logik bedingt – immer mehr angezogen.

Es ist also in der bestehenden Geldordnung systemisch verankert, dass breite Bevölkerungsschichten sukzessive verarmen, während sich in den Händen einiger Weniger immer mehr ansammelt. Natürlich gibt es noch weitere systemische Faktoren, die diesen Prozess bedingen, das Geldsystem spielt dabei jedoch auch eine große Rolle. „Unser Geld“ könnte man zu einem Geldsystem sagen, dass einer dezentralen Geldschöpfungslogik folgt und eine andere Umlaufsicherung als die des Zinses aufweist.

Revolution

Unter einer Revolution wird für gemeinhin ein plötzlicher (meist auch gewaltsamer) Umsturz oder auch Wandel einer Gesellschaftsordnung verstanden. In der Werbesprache wird der Begriff „Revolution“ zudem für jede noch so unbedeutende Veränderung verwendet. Von der Revolution auf dem Mobilfunkmarkt bis hin zur Revolution für „ihr Haar“, revolutioniert sich eigentlich alles ständig. Zumindest wird dies so verlautet.

Möglicherweise hat dies auch den Effekt, dass wirkliche Revolutionen dann gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden, da viele Menschen – hören sie den Begriff Revolution – irgendetwas zwischen brennenden Barrikaden und einem neuen Conditioner mit Veilchenduft erwarten.

Eine sehr anschauliche Definition des Revolutionsbegriffs formulierte Rudi Dutschke. Dutschke begreift Revolution nicht als etwas punktuelles, sondern eher als einen „langfristigen Prozess der Bewusstwerdung“; des Lernens und Lehrens. Ziel einer Revolution ist eine demokratische – sich selbst verwaltende Gesellschaft.

Ziel einer Revolution ist es nicht, alte Eliten durch neue Eliten auszutauschen, sondern eine grundlegende Veränderung herbeizuführen, wie es auch Heinz Sauren in seinem Essay „Revolutionäre Gedanken“ formuliert.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=8W-9EIWWXWY?autoplay=&wmode=Opaque&w=510&h=350]

Demokratie

Der Begriff Demokratie beschreibt eine Gesellschaftsform, in der „das Volk“ herrscht. Es gibt unzählige Definitionen und Konzepte einer Demokratie. Die meisten, insbesondere die so genannten modernen Demokratiekonzepte, sind jedoch unzureichend und beschreiben oder bedingen eher eine Oligarchie: die Herrschaft der Wenigen.

Als einzig wirklich genuines Demokratie-Konzept, lässt sich heute die Deliberative Demokratie nach Jürgen Habermas bezeichnen. In einer deliberativen Demokratie werden Entscheidungen und Lösungen im offenen Diskurs entwickelt und setzen sich von alleine durch – sofern sie richtig sind.

Voraussetzung für ein Funktionieren der deliberativen Demokratie sind deshalb öffentliche Foren, eine Kommunikation des Diskurses unter den Gesellschaftsmitgliedern, sowie die Entmachtung von Personen, die im Diskurs entwickelte Lösungen blockieren.

Im gescheiterten neoliberalen Gesellschaftssystem wurde und wird der Begriff „Demokratie“ in der Regel für die in ihm verankerte oligarchische politische Ordnung verwendet. Politische Parteien sollten als Transmissionsriemen dienen und  demokratische Entscheidungen herbeiführen. Da politische Parteien aber letztendlich auch nur Organisationen sind, folgen diese dem ehernen Gesetz der Oligarchie und entwickeln sich im Zeitverlauf per se zu undemokratischen Machtkartellen. Das Konzept der Parteiendemokratie war – sofern man das eherne Gesetz der Oligarchie anerkennt – von Beginn an zum Scheitern verurteilt.

Wachstum

Wachstum bedeutet „Zunahme von etwas“. Die Repräsentanten des gescheiterten neoliberalen Gesellschaftssystems ließen und lassen in ihren Presseerklärungen häufig verlauten, dass sie ihre „Arbeit“ dem Ziele des „Wachstums“ unterordnen. Fragt man sich was eigentlich wachsen soll ist die Antwort recht einfach: „Wohlstand“.

Fragt man sich wie die Repräsentanten des gescheiterten neoliberalen Gesellschaftssystems „Wohlstand“ messen ist die Antwort jedoch eher ernüchternd: Durch „Wachstum“ des BIP.  Mit der Problematik des BIP als relevante Kennzahl beschäftigt sich auch Rudolf Hickel.

Das BIP beschreibt den Gesamtwert aller in einer Volkswirtschaft hergestellten Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft hergestellt wurden und dem Endverbrauch dienen.

Dies kann also von Prostitution bis hin zu Tellerminen, Computern, Zugfahrten oder auch Tiernahrung zunächst einmal alles sein. Ereignet sich beispielsweise irgendwo ein Autounfall bei dem fünf Menschen sterben bedeutet dies Wachstum des BIP. Die am Unfall beteiligten Autos müssen ersetzt oder repariert werden, die Dienstleistung „Rettungsdienst“ wird in Anspruch genommen oder auch – natürlich besser für das „Wachstum“ – die Bestattungsbranche (Särge, Beerdigung, Traueranzeige in der Tageszeitung, Leichenschmaus etc. werden konsumiert). Das alles bedeutet „Wachstum“. Wachstum kann natürlich auch bedeuten, dass ein Biobauer heute mehr Kartoffeln anbaut und verkauft als gestern. Auch das ist „Wachstum“.

Oft sprachen und sprechen die Repräsentanten des gescheiterten neoliberalen Gesellschaftssystems von „Wachstumsimpulsen“. Der Herstellung gewisser Güter soll also auf die Sprünge geholfen werden. Da die Entscheider über Subventionen, Investitionen  und  anderer „Wachstumsimpulse“ aber in der Regel von Lobbyinteressen korrumpiert werden, findet „Wachstum“ – also die Zunahme von etwas – meist eher in Bereichen statt, die der Mehrheit der Gesellschaft keinen Nutzen bzw. Schaden bringen.

Zum Thema:

– Propaganda in Deutschland – Kaleidoskop des Neusprechs (Teil 1)

– Das alte System ist gescheitert – Bauen wir neues auf!

– Rettung der Welt – Was Sie sofort tun können:  Zehn Empfehlungen

– 10 Strategien der Manipulation – Gehirnwäsche nach Sylvain Timsit

– Platons Höhlengleichnis

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23 Kommentare zu "Kaleidoskop des Neusprechs (Teil 2)"

  1. Brad Wurst sagt:

    Sehr guter Artikel voll exzellenter Gedanken!

  2. Solveigh Calderin sagt:

    Ja.

    “Ziel einer Revolution ist eine demokratische – sich selbst verwaltende Gesellschaft.”

    Ja – das hat übrigens Lao-Tse schon vor über 2,000 Jahren formuliert:

    Das Tao Te King, Vers 57

    Der echte Einfluss

    Zur Leitung des Staates braucht man Regierungskunst,
    zum Waffenhandwerk braucht man außerordentliche Begabung.

    Um aber die Welt zu gewinnen, muss man frei sein von Geschäftigkeit.
    Woher weiß ich, dass es also mit der Welt steht?
    Je mehr es Dinge auf der Welt gibt, die man nicht tun darf,
    desto mehr veramt das Volk.
    Je mehr die Menschen Mittel des Wohlstands haben,
    desto mehr kommt Reich und Haus in Verwirrung.
    Je mehr die Leute Kunst und Schlauheit pflegen,
    desto mehr erheben sich Wunderlichkeiten.
    Je mehr die Gesetze und Befehle prangen,
    desto mehr gibt es Diebe und Räuber.

    Darum spricht ein Berufener:
    Ich handle nicht, und das Volk wandelt sich von selbst.
    Ich liebe die Stille und das Volk wird von selber recht.
    Ich habe keine Geschäfte und das Volk wird wird von selber reich.
    ich habe keine Begierden, und das Volk wird von selber einfach.

    (In der Übersetzung von Richard Wilhelm)

  3. name required sagt:

    “Ziel einer Revolution ist es nicht, alte Eliten durch neue Eliten auszutauschen, sondern eine grundlegende Veränderung herbeizuführen…”

    man muss sich aber auch die frage stellen, _warum_ alte eliten durch neue ersetzt wurden. Der che z.b. hatte es ja nicht vor und dennoch ist alles beim alten geblieben. Eines der (vielen) gründe ist meiner meinung nach, dass man innerhalb eines einzigen landes keine echte, dauerhafte veränderung erzielen kann. Ein land ist vom handel mit anderen länder abhängig und das bleibt es auch nach einer umwälzung. Das ist auch der grund, warum die regierung allendes angreifbar war. Man kann keine kapitalismusfeie seifenblase schaffen. Darum müssen revolutionäre bzw menschen, die eine echte veränderung wollen anfangen, global zu denken, wobei global denken, lokales agieren nicht ausschließt. Und man sollte auch aufhören zu denken, dass demonstrationen in einem “fernen” land für das eigene vorhaben irrelevant wären (die aussage kam schon von mehreren leuten) und lieber anfangen, sich als teil einer weltweiten bewegung zu sehen. Weil es ist tätsächlich eine globale bewegung. Noch ganz neu, aber trotzdem. Das wäre imho die richtige antowort auf die ambition mit der “weltordnung”. Das wäre auch teil des “langfristigen prozesses der bewusstwerdung”. Die nation ist schon längst gestorben. Was noch davon übrig bleibt ist eine art gespenst.

  4. TomTom sagt:

    Dürfte ich als sogenannter “Wissenssortierer” mich mal gegen die hier vorgenommenen Verallgemeinerungen verwahren? Die Arbeit von 95% der Wissenschaftler besteht ganz sicher nicht drain, die Studien der restlichen 5% in “Schulen” einzuordnen und zu diskreditieren/ hochzujubeln. Das ist einfach nur Bullshit.

    • Nunja ich meinte auch nicht Studien einordnen sondern Argumente einordnen…dies sollte sich aber in der Tat eher auf die theoretisch arbeitende Zunft beziehen. Dass die Empiriker recht fleißig dabei sind das gescheiterte neoliberale Gesellschaftssystem samt all seiner Subsysteme aktiv zu legitimieren ist richtig ;-)

    • oberham sagt:

      Nun, ich würde Wissenschaftler als nur allzu willfährige, hochkonditionierte, willige, Wissenshelfer titulieren.
      Wie überall gibt es hier auch kritische Geister, wie überall in einer veschwindenden systemirrelevanten Minderheit.

      Wie die Lohnschreiber, sind die Lohnwissenschaftler in erster Linie Ihrem Lohnherrn verpflichtet – wobei sich ja der Beitrag auf das Neusprech bezog – da finde ich den Ausdruck “Wissenssortierer” doch sehr passend.

      Grundprinzip ist eben – zur Quelle drängt es mich – nur die Quelle ist der Plutokrat – erst wenn wir uns zutrauen und uns zumuten, von der “Pisse” zu leben, bis die Quelle ihre Magnetkraft verloren hat und es einen See mit weiten Ufern für alle gibt, könnten wir auf eine andere Art der Gesellschaft hoffen.

      Der revolutionäre Geist im Hier und Jetzt kann unmöglich ein abhängig, beschäftigter mit hohem zu versteuerndem Einkommen sein, der pragmatisch seinem Lohnherrn dient und dann auch noch sein Gehalt systemkonform verkonsumiert.

      Der Einkommensmillionär, der subversiv seinen Geist zur subtilen Sabotage nutzt und die erlösten Mittel in den Dienst einer bedürftigen Gruppe stellt, sozusagen der managende Robbin Hood – bleibt wohl eine romantische Utopie.

      Realität ist, der an den Rand der Gesellschaft sich Stellende, der beobachtet und seine Teilnahme am Wahnsinn weitestgehend zu vermeiden sucht – dabei – wo sich die Gelegenheit bietet Sinnvolles zu tun, mit Freude und Tatkraft sich einbringt.

  5. “Als einzig wirklich genuines Demokratie-Konzept, lässt sich heute die Deliberative Demokratie nach Jürgen Habermas bezeichnen. In einer deliberativen Demokratie werden Entscheidungen und Lösungen im offenen Diskurs entwickelt und setzen sich von alleine durch – sofern sie richtig sind.”

    Dass es das einzige wäre, ist so nicht ganz korrekt. Genau genommen gibt es auch weitere sinnvolle Demokratie- Konzepte, wie das partizipatorische, das in eine ähnliche Richtung geht:

    “Kritische Theorie: partizipatorische Demokratie (Crawford B. Macpherson, Peter Bachrach, Amitai Etzioni)
    Wie der Name bereits ausdrückt steht im Zentrum des Konzeptes der partizipatorischen Demokratie die Beteiligung der Bürger am politischen Prozess. Als normatives Postulat wirkt das Ideal der individuellen Selbstbestimmung. Folge dieses Postulats ist in der partizipatorischen Demokratie die Forderung nach allseitiger politischer Beteiligung sowie einer gesamtgesellschaftlichen Demokratisierung. Damit wird der Bogen über den staatlichen Bereich hinaus gespannt und die Demokratisierung aller Gesellschafts- und Lebensbereiche, in denen Herrschaft ausgeübt wird, angestrebt. Die partizipartorische Demokratietheorie wird wie die deliberative Theorie typologisch den Kritischen Theorien zugeordnet. Sie unterschiedet sich jedoch vom deliberativen Ansatz von Habermas u.a., welcher eine anarchistische Stossrichtung aufweist. Partizipatorische Demokratie wird auch unter Begriffen wie starke Demokratie (Benjamin R. Barber), expansive Demokratie (Warren) oder assoziative Demokratie (Hirst) diskutiert. In die Reihe partizipativer Demokratietheorien ist ferner das Konzept des Kommunitarismus (Etzioni) zu stellen. Die Idee des gesellschaftlichen Kollektivs ist eine normative Begleitkategorie dieser Demokratietheorie.”

  6. oberham sagt:

    Unser Geld – in wenigen Zeilen sehr deutlich das Prinzip beschrieben.
    Dutschke spricht mir aus der Seele – dieser Clip sollte jedem Menschen, in seiner Sprache, immer und immer wieder vermittelt werden.
    In der Konsumgesellschaft, kann man – meiner Meinung nach – durch sein Verbrauchsgebaren einen persönlichen Beitrag zur andauernden Revolution leisten.

    Nachhaltig, bescheiden und überschüssige Mittel an bedürftige abführen – durchaus bis zum erreichen des Grundfreibetrags, d.h. keinerlei Steuern an einen korrupten Staat bezahlen, sondern seine Leistungskraft in den Dienst der Gerechtigkeit stellen.

    In diesem Kontext finde ich es zutiefst verachtenswert, dass sich NGO Mitarbeiter in den Verwaltungsbereichen schamlose Gehälter genehmigen – gleichzeitig aber fachlich hochqualifizierte Mitarbeiter an den Brennpunkten für praktisch nichts Ihr Leben aufs Spiel setzen.

    Also, bitte genau hinsehen – es gibt NGO´s die hier relativ ethisch handeln. (d.h. Verwaltungskosten sind niedrig – die Topverdiener liegen im niedrigen zweistelligen Bereich – oder sind sogar ehrenamtlich tätig).

    Niedriglöhner sollten sich völlig dem Arbeitsprozess verweigern, sie könnten damit wirkungsvoll den wirtschaftlichen Apparat schädigen und gewaltlos eine transformation des gesamten Wirtschaftsapparats einleiten.

    Leider sind gerade die niederen Lohngruppen sehr mit konsumorientierten Menschen durchsetzt, Menschen, die mir manchmal wirklich schon wie programmierte Biokonstruktionen erscheinen – die teilweise aggressiv auf Verzichtsappelle reagieren, die sich gegenseitig anfeinden und die sich freiwillig einem andauernden Brainwashing der Medien aussetzen.

    Das Establishment hat sich Dutschkes Aufruf schon vor einigen tausend Jahren zu Eigen gemacht, es hat sich der Erfindung des Glaubens bedient, einer permanenten Manipulation des Geistes, einer Revolution, die den Menschen über Jahrhunderte zum völlig wehrlosen, “gläubigen” Untertan stetig weiterformte.

    Seit etwa drei Jahrhunderten erleben wir einen Systemwechsel, der Glaube wird zunehmend durch den Gott des Konsums ersetzt. Leichtmetallfelgen treten an die Stelle des theologisch polierten Selbstbewußtseins – beides glänzt blödsinnig im figurativen Machwerk des Alltags.

    Sorry – aber Dutschke erreicht uns nicht in der nötigen Anzahl – wer könnte es finanzieren, dass die hochglänzende Werbeindustrie, sowie die Resttheologie durch einen Bewußtseinsfindungsprozess der die breiten Bevölkerungsschichten erreicht überplaktiert wird?

    Betrachten wir unsere Schulen, dort wird doch in erster Line formales Hirntraining mit ornamentaler Ausschmückung – mal mehr oder weniger kritischer Reflexion des Status Quo betrieben – den kritischen, den systemkritischen Abiturienten kann man nicht völlig abschaffen, doch er entspring nicht selten mehr einer pupertären Kontrahaltung, den einer pädagogischen Anfütterung die die Neugierde und das Weiterentwickeln eines starken Willens zur Hinterfragung beförderte.

    Erwachsenwerden bedeutet nicht selten, die völlig Abgrenzung vom globalen Irrsinn, das sich Hinwenden zu pragmatischen Lebensentwürfen mit mehr oder weniger sozial ausgeprägten Coaspekten.

    Manchmal frage ich mich, ob wir uns nicht vom Neusprech nur zu gerne das Hirn vernebeln lassen, fast so als wäre die kognitive Droge die gesündere für unseren Organismus, da ja, der kritische Freigeist nicht selten im Suff und anderen Drogenräuschen seinen Körper ruinierte und alsbald das Zeitliche segnete.

    Nun, ich kann hier immer noch interessiert mitlesen und manchmal tippen – so ganz ohne Neusprechrausch und Alkohol und Drogen.

    • Solveigh Calderin sagt:

      “Niedriglöhner sollten sich völlig dem Arbeitsprozess verweigern, sie könnten damit wirkungsvoll den wirtschaftlichen Apparat schädigen und gewaltlos eine transformation des gesamten Wirtschaftsapparats einleiten.”

      Das halte ich – entschuldige diese drastische Ausdrucksweise – für absolut zynisch gegenüber denjenigen, die GEZWUNGEN sind, sich für fast nichts zu verdingen, um ein halbwegs “normales” Leben zu führen. Wenn Du auch nur versucht hättest, von Hartz IV (bitte ohne Hängematte und Rückhalt) zu leben, würdest Du nicht so etwas schreiben!

      Was hältst Du davon, wenn sich die Hoch- und Höchstverdiener dem Arbeitsprozess vollkommen verweigern und auch Hartz IV kassieren, denn “damit könnten sie den gesamten wirtschaftlichen Wirtschaftsapparat schädigen..”. Die Schädigung wäre viel stärker, nebenbei bemerkt!

      “Leider sind gerade die niederen Lohngruppen sehr mit konsumorientierten Menschen durchsetzt, Menschen, die mir manchmal wirklich schon wie programmierte Biokonstruktionen erscheinen – die teilweise aggressiv auf Verzichtsappelle reagieren, die sich gegenseitig anfeinden und die sich freiwillig einem andauernden Brainwashing der Medien aussetzen.”

      Auch das halte ich für eine sehr überhebliche und auch zynische Äußerung. “Konsumorientiert”? Ja, natürlich. Jeder Mensch möchte essen, trinken, sich kleiden, ein Dach über dem Kopf haben, Gesundheitsfürsorge und Bildung haben! Dafür reicht das Hartz IV nicht aus. Also sind diese Menschen GENÖTIGT, sich für fast nichts zu verdingen, um die Haushaltskasse wenigstens mit ein paar Euro aufzufüllen, sie haben nichts anderes, als den TV, denn es ist für sie schlicht nicht möglich, Kino oder Theater zu finanzieren, ich könnte die Liste hier unendlich weiterführen…

      Neulich habe ich die demagogische Äußerung eines FDP-Poliitkers gehört, der behauptete, “die Hartz-IV-Empfänger bekommen vom Arbeitsamt ein Auto gesponsert, damit sie zur Arbeitsaufnahme flexibler sind”. DAS ist gefährlich und hetzt die Menschen gegeneinander auf, um noch mehr Lohnabbau, noch mehr Sozialkosten streichen zu können! – Und vielleicht, um eine ultrarechte Diktatur zu errichten?

      • oberham sagt:

        Ich möchte nicht zynisch gegenüber Menschen sein, die Harz IV erleiden müssen. Ich möchte auch nicht demagogisch Menschen gegeneinander aufhetzen.
        Ich finde in Deutschland ist niemand gezwungen Niedriglohnjobs anzunehmen – er sollte eben gerade ausschließlich Hartz IV beziehen – wobei – zugegeben, die Sanktionierungsmaschinerie dieses Ansinnen wohl tatsächlich sehr erschwert.
        Richtig, es wäre schön würden sich die Höchstverdiener dem System verweigern – nur, die lieben doch gerade ihr System.

        Es mag überheblich klingen, doch gerade die Menschen, die im Job nur Entwürdigung und kaum Lohn erhalten, definieren sich oft nur noch über die bescheidenen Konsummöglchkeiten die Ihnen bleiben – und begeben sich dadurch noch stärker in den Strudel aus Entwürdigung, Ausbeutung und Hoffnungslosigkeit.

        Ich weiss nicht inwiefern sie die Möglichkeit haben in solchen gesellschaftlichen Kreisen zu verkehren, ich kenne jedenfalls viele Hartz IV Empfänger, viele Menschen, die in Wohnungen hausen müssen, die absolut unzumutbar sind – Menschen, die vom Amt in Wohnraum gezwungen werden, der nur der Mietwucherei und der Spekulation dient – nur diese Menschen reagieren in ihrer Situation oft mit Schuldbewußsein und Scham, sie versuchen eine Fassade zu finanzieren, was Ihnen den letzten Rest Freiheit nimmt.

        Vor allem sobald sie den ein oder anderen Lohnsklavenjob für 5 Euro die Stunde erhalten reagieren sie mit völlig irrrationaler Antipathie gegen jene, die kreativ genau dieses Szenario zu umgehen versuchen.

        Der Systemverweigerer wird als fauler Schmarotzer gesehen, selbst wenn er keinen Cent vom Staat erhält, man
        hält ihm dann die Straßenbenutzung vor, selbst wenn er gar kein Auto hat – der dürfte dann eigentlich nicht mal mit dem Fahrrad den Radweg nutzen.

        So machen sich die Lohnsklaven sogar noch selbst zum Stimmvieh für die reaktionären Kräfte, sie werden überall betrogen – und Vielen kann man es nicht einmal vermitteln – sie suchen bei sich eine Schuld, die es nicht gibt.

        Es ist mir klar, dass meine Beispiele, bzw. diese Formulierungen sehr schräg ankommen können, nur, ist es eben nicht gerade dieser Zwang, ein halbwegs “normales” Leben führen zu wollen, der dem System sein Heer an Lohnsklaven zur Verfügung stellt. Von diesem Zwang müssten sich die Menschen befreien!

        Persönlich habe ich keinerlei Hängematte oder Rückhalt, kein großes Einkommen und keinen Bedarf, der sich nicht mit etwa 500 Euro im Monat (einschließlich Wohnraum) befriedigen läßt.

        Mein Lebensstil läßt sich natürlich nicht auf jeden übertragen, allerdings bin ich überzeugt, dass sich die Gesellschaft nur ändern wird, wenn große Gruppen der Gesellschaft sich nicht aus Not, sondern ganz bewußt für eine phasenweise vielleicht sogar übertriebene Bescheidenheit entscheiden.

        Der Mensch muss seine Bedürfnisse völlig neu definieren! Lebensqualität kann nicht länger am Maß der Konsumfähigkeit gemessen werden, sie muss sich durch Freiheit, Frieden, Würde, gesunde – gute – spannende Ernährung, soziales Miteinander und freudespendende Kommunikation, eine intakte Natur, eine nachhaltige “Erwirtschaftung” der Nahrung, der Erlebnismöglichkeiten, der Wohn- und Sozialräume, der Infrastruktur uvm definieren.

        Gerade Ihr abschließendes Beispiel vom Automobil für den Hartz-IV Empfänger ist doch de facto ein Bedrohungsszenario für diese Menschen – das Auto, genauso wie der Fernseher sind doch Folterinstrumente, das sind doch keine bereichernden, sondern beschränkende Lebenselemente.

        Womit sie recht haben – die Menschen werden gegeneinander gehetzt – wie Gladiatoren – das ist ein grundsätzliches Spielprinzip seit tausenden von Jahren – ich bin sicher, wir können diesen Kreis nur über unsere Ansprüche durchbrechen, machen wir uns frei von all dem was völlig wertlos und unnötig ist, nehmen wir den Stippenziehern einen großen Teil ihrer Macht über uns.

        Nun, ich kann nicht in wenigen Sätzen meine Ansichten begründen und argumentativ unterfüttern – ich versuche das ab und zu in meinem Blog – wobei – sicher auch manche Irrungen und Wirrungen in meinen cerbebralen Windungen umherfloaten – der Versuch einer Antwort…..

    • “Niedriglöhner sollten sich völlig dem Arbeitsprozess verweigern, sie könnten damit wirkungsvoll den wirtschaftlichen Apparat schädigen und gewaltlos eine transformation des gesamten Wirtschaftsapparats einleiten.”

      Problem ist dabei immer, wie man die Verweigerung begründet, was für eine totale Verweigerung kaum gerichtsfest hinzukriegen sein dürfte.
      Eine praktikablere Möglichkeit wäre ein Kompromiß, eine eingeschränkte Verweigerung, z.B. aus Gewissensgründen jegliche nicht gemeinnützige Arbeit abzulehnen.
      Dabei kann man sich dann auf das GG berufen, das Grundrecht auf Gewissensfreiheit wird durch das SGB nämlich nicht eingeschränkt.
      Ich kann allerdings aus eigener Erfahrung sagen, daß das kein leichtes Unterfangen ist: bei mir läuft es langsam, aber sicher, auf eine juristische Auseinandersetzung mit dem JobCenter hinaus.
      Erschreckend ist dabei die mangelnde Sensibiltät der JobCenter-Mitarbeiter für verfassungsrechtliche Zusammenhänge, so gilt es z.B. als völlig selbstverständlich, daß das Recht auf ein menschenwürdiges Leben erst verdient werden müsse – das eigentliche Grundrecht verkommt in der Amtsstube zum Privileg des willfährigen Mitläufers.

  7. Der Duderich sagt:

    Sicher, wenn man Einflussmöglichkeiten jenseits unserer Multiple-Choice-Demokratie sucht, kommt man fast zwangsweise auf kritisch reflektiertes Konsumverhalten. Den Kapitalismus aber mit solchen Mitteln bekämpfen oder gar überwinden zu können, halte ich dann doch für naiv…
    Solveigh hat schon Recht: Als Hartz IV-Empfänger werde ich doch gerade genötigt auf Billig-Lebensmittel (Aldi, LIDL, Penny – die allesamt nicht als Betriebsratfreundlich und gehaltsspendabel gelten) oder Billig-Kleidung (KIK, dito) zurückzugreifen um den Bauch vollzukriegen und den Körper einzukleiden.
    So sind Niedriglöhner und Sozialleistungsempfänger gezwungen eine Niedriglohnpolitik zu manifestieren, deren Opfer sie sind.
    … und das Karussel macht eine weitere Runde.

    Ein Perpetuum mobile menschenverachtender Dynamik…

  8. le karl sagt:

    “Ist das System relevant?” lautet die Überschrift. Ja, denn, frei nach den spanischen Transparenten: Es ist keine Krise, es ist das System. Gerade deshalb ist es relevant, das System. Weil wir nämlich keine Krise bewältigen müssen, auch keinen “Schwarzen Schwan” (http://bit.ly/dCMltE), sondern ein mit Vorsatz und erschreckender Zielstrebigkeit etabliertes Perpetum Mobile abschaffen müssen, das allein zum Zweck der Geldvermehrung und der Instrumentalisierung von Kapitalströmen errichtet wurde.

    Die wichtigsten Hebel

    Die zentralen Hebel, um aus dem Gängelwagen auszubrechen ist zum einen die Frage, wem etwas nützt (qui bono), zum anderen die, welchen Weg das Geld nimmt (follow the money). Beide Hebel werden gern von Verschwörungstheoretikern bedient, deren Modelle jedoch, sobald sich der Blick über Obsessionen wie 9/11, Chemtrails oder German New Medicine hinaus weitet, jegliche Sinnfälligkeit größerer Systeme vermissen lassen.

    Was bedeutet es nun fern des medialen Getrommels, wenn beispielsweise die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) Subventionen oder Staatsschulden geißelt? Vordergründig wird kaum einer nicht zustimmen – Subventionen stehen im Ruch administrativer Klüngelwirtschaft und fehlgeleiter Staatsausgaben. Nicht anders ist die Wahrnehmung der Staatsschulden, denn Schulden sind per se einfach schlecht.

    Beispiel “Subventionen”

    Die logische Kette ist länger, als jede vordergründige Argumentation vermuten lässt. Mit der berechtigten Kritik an Subventionen wird nämlich das Handeln des Staates insgesamt unter Generalverdacht gestellt, wobei sämtliche Ausgaben über einen Kamm geschoren werden. Dieses vehemmente Geißeln des Staates und seiner Organe, diese geradezu patologische Fixierung auf staatliches Handeln als Kristallisationspunkt gemeinschaftlichen Wollens gab es vor geraumer Zeit schon einmal. Die Abschaffung des Staates als ordnender und nicht zuletzt moralischer Fixpunkt ist unserem Gemeinwesen seinerzeit schlecht bekommen.

    Die Lösung der INSM: Die Wirtschaft. Die weiß, wie man besser wirtschaftet als der Staat. In Form von Public Private Partnerships, Privatisierung von Gemeingütern und so weiter. Wer sich ernsthaft mit dem Thema befasst hat weiß, wie groß und übelrichend der Haufen hinter dieser Kulisse ist. Die allgemein gehaltene Kritik an Subventionen weist direkt auf die konkreten Interessen von Unternehmen, deren Handeln einzig dem Shareholder Value geschuldet ist. Gebt UNS die Verantwortung für das Wirtschaften, lautet die nr schwach verklausulierte Botschaft. Deshalb bekommt Deutschland in den Ranking der INSM oder der Bertelsmannstiftung regelmäßig die hinteren Plätze zugewiesen, weil eben überall “Nachholbedarf” bestünde.

    Beispiel “Staatsschulden”

    Kaum anders verhält es sich mit den Staatsschulden. Der Zinsdienst nimmt in jedem Bundeshaushalt einen immer größer werden Teil ein und verringert den Spielraum der Politik. Größter Posten: “Arbeit & Soziales”, gefolgt von “Neuverschuldung” und “Bundesschuld (Schuldzinsen)”. Das sieht nicht gut aus, niemand will für Transferleistungen, Verschuldung und Zinsen derartige Summen ausgeben. Nur: Was bedeuten diese Zahlen? Sicher nicht, dass Millionen von Arbeitslosen, Alleinerziehenden, Gering- und Hinzuverdienern, prekär Selbstständiger, Behindertern oder Rentnern mit – Neusprech/BILD – “unserem Geld” lustig sind. Doch gerade die Staatsschulden sollen von denen beglichen werden, die sich am Ende der neoliberalen Fresskette befinden, von denen, die keine Mindestlöhne bekommen, die mit Zeitverträgen arbeiten, die ein Praktikum nach dem anderen machen, deren Löhne innerhalb eines Jahrzehnts um ein Fünftel gesunken sind, die von den Krankenkassen keine Medikamente mehr bekommen, die ohne Umweg auf Altersarmut zusteuern. Das Geld jedoch ist, um mit Karl Valentin zu sprechen, nicht weg, es ist nur woanders.

    Aus Wahrnehmung wird Realität

    “Ist das System relevant?” war die Eingangsfrage, es ging um Neusprech. Wenn wir über Wahrnehmungen als Auslöser von Handlungen sprechen, die wiederum soziale Realität werden, bedeutet das im Umkehrschluss, dass sich die soziale Realität aus der Wahrnehmung speist. Kants Leitsatz der Aufklärung, “habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen” ist deshalb mehr denn je der Wahlspruch jeglicher Aufklärung, um Wahrnehmung zu gestelten. Auf seine selbstgestellte Frage, ob wir in einem aufgeklärten Zeitalter lebten, lautete seine Antwort damals: “Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.”

    Leider können wir nicht einmal das von unserem jetztigen Zeitalter sagen. Umso wichtiger ist es, daran zu arbeiten.

    (P.S.: Ist etwas länger geworden, weil ein guter Riesling das Denken angeschubst hat. Ich hoffe, nicht zu arg.)

  9. webster sagt:

    Bei so vielen Ergüßen hat ja eigentlich nur ein System bestand. Wär die Lobby nicht wär alles schön…oder hätte, hätte Fahrradkette….

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