Europa auf der Straße

Prolog

Donnerstag, 26. Mai 2011, 22:10: Das nun folgende Medienprotokoll erklärt seit Mittwoch dem 18. Mai 2011 detailiert, warum die Berichterstattung in Sachen Spanien, aber auch sonst, in den vergangenen Tagen dubios erschien.

Sinn dieses Medienprotokolls ist es, eine Informationslücke zu schließen, die im Zuge der Ereignisse in Spanien entstand. Der Ursprung der Informationslücke sind unterschiedlich schnelle Informationsflüsse in den sozialen Netzwerken und den Leitmedien. Diese zeitliche Lücke kann gesamtgesellschaftliche Verwirrung stiften.

Aufgrund des Austauschs von Direktinformationen existiert keine sozial gefühlte Gleichzeitigkeit. Ebenso mag der Eindruck entstehen, dass sich Nachrichten “wiederholen”. Dahinter steckt der selbe Effekt. Auch die Redakteure erfahren zu unterschiedlichen Zeiten von Nachrichten, besonders wenn die herkömmliche Nachrichtenbeschaffung durch massive Verbreitung von Direktinformation gestört wird. Dadurch entstand in den letzten Tagen ein gewisses Informationschaos.

Auch wenn man selbst nicht in sozialen Netzwerken aktiv ist, ist man von diesem Effekt betroffen: Informationen, die in sozialen Netzwerken ausgesendet werden, erreichen auch externe Akteure. Während für den Großteil der Menschen Massendemonstrationen “aus dem nichts” entstehen, geht ein anderer Teil von einem Informationsdefizit in den regulären Medien aus.

Mittwoch, 18 Mai 2011, 14:55: In Spanien regt sich Unmut. Seit dem vergangenen Sonntag, dem 15. Mai. 2011 wird in der spanischen Hauptstadt demonstriert. Während Quellen wie dpa  und el Pais  von Protesten mit 3000 – 10.000 Teilnehmern sprechen, beziffert die taz die Demonstranten auf Spaniens Straßen auf bis zu 130.000.

In zweierlei Hinsicht scheinen dabei einige Aspekte der Berichterstattung dubios: In den etablierten Medien gibt es zum jetzigen Zeitpunkt fast keine Meldungen über die von den Organisatoren getaufte “Spanische Revolution”. Teilweise firmieren die seit Tagen laufenden Demonstrationen auch unter dem Titel “DEMOCRACIA REAL YA!”. Laut der Seite, von der niemand weiss, wer sie letztendlich kontroliert, finden seit dem Wochenende Proteste in mehreren Städten Spaniens statt.

130.000 Demonstranten konnten bislang zwar nicht bestätigt werden, klar ist aber, die Aktivisten nutzen gezielt die sozialen Netzwerke um ihre Anliegen zu verbreiten. Hierfür spricht auch, dass weder auf Twitter, noch auf Facebook die Organisatoren bislang sehr viele Menschen um sich versammelt haben, die Zahl der Anänger aber stetig wächst. Die Facebookseite “Spanish Revolution” zählt zum jetzigen Zeitpunkt rund 9000 “Fans”. Ein ähnliches Bild zeichnet sich hinsichtlich eines Twitterkanals der Veranstalter ab. Gleichzeitig sind Tweets, die mit den Protesten in Zusammenhang stehen im spanischen Twitter unter den “trending topics”: #esunaopcion #yeswecamp. Dies lässt auf eine bereits signifikante Verbreitung der Kampagne schließen. Die Democracia-Ya-Seiten sind allerdings nicht mit den Revolutionsseiten gleichzusetzen. Es handelt sich dabei eher um zwei verschiedene Stufen, von daher besteht auch kein Grund zu überbordener Hektik.

Protestiert wird vor allem gegen die Kürzungspläne der sozialistischen Regierung unter José Luis Zapatero, die im Zuge der Finanzkrise auf das Land zukommen. Doch auch die Ablehnung der politischen Klasse insgesamt ist groß: Nicht wenige Politiker des Landes stehen unter Korruptionsverdacht, viele haben sich während des Baubooms persönlich bereichert.

Gleichzeitig ist in Spanien jeder fünfte Erwerbsfähige ohne Job, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei rund 40 Prozent. Damit stehen die derzeitigen Proteste in einer Reihe mit den Demonstrationen in Frankreich und Griechenland, wo in den vergangenen Monaten ebenfalls heftig – wohl aber im bisher weit größeren Ausmaß – gegen die Spar- und Kürzungspläne der Regierungen protestiert wurde.

Fraglich bleibt, ob die Organisatoren der Proteste in Spanien weitere Anhänger mobilisieren und sich auch in den Massenmedien Gehör verschaffen, oder ob die Demonstrationen im Sand verlaufen werden. Die jüngsten Proteste lassen sich durchaus in einen größeren Rahmen einordnen. Vor allem in den südeuropäischen Ländern regt sich bereits seit geraumer Zeit Unmut. Während Deutschland die Rezession von 2009 bislang verhältnismäßig gut überwunden hat, spitzt sich die wirtschaftliche Lage in den südlichen Ländern Europas weiter zu.

Immer deutlicher wird dabei aber auch, dass sich die daraus resultierende Unzufriedenheit sich nicht in diffuser Form kanalisiert, sondern von Aktivistengruppen organisiert und gesteuert wird.

++++++TICKER+++++++

– ca. 16:30: Als erstes Massenmedium berichtet Spiegel Online von den Ereignissen. Rund zwei Stunden nach le bohémien. Eine Lehrstunde bezüglich des Nachrichtenflusses im digitalen Zeitalter.

– 16:52: Es scheint als handelt es sich bei den in facebook gestarteten Aufrufen um ein europaweites Phänomen. Auf facebook wurde soeben die Seite “Italian Revolution – Democrazia reale ora” gegründet, die sich sofort mit “Democracia real ya!” verbunden hat.

– 16:57: Die Facebookseite “Democracia real ya!” wurde vor fünf Minuten von der Redaktion entdeckt. Sie zählt bereits viele Anhänger. Tendenz steigend.

– 17:11: Andere Facebookseiten aus Europa mit ähnlichen Aufrufen werden gegründet. Sie ähneln in ihrer Ästhetik “Democracia real ya” das bislang der größte Ausläufer der Kampagne ist. Wo sich das Zentrum der Kampagne befindet, bleibt allerdings unklar und scheint uns zum derzeitigen Zeitpunkt auch nicht die zentrale Frage zu sein. Es ist weiterhin möglich, dass dei Facebookseiten aus den anderen europäischen Ländern lediglich Nacharmer von “Democracia real ya!” sind und mit der ursprünglichen Kampagne nicht in Verbindung stehen. Alle Seiten senden jedoch massive Direktinformationen aus, die sich nach und nach im sozialen Netzwerk verbreiten während die Massenmedien mit der Berichterstattung erst zeitlich verzögert reagieren können.

– 17:38: Auf der Facebookseite von “Democracia real ya!” heißt es:

  • Millones de parados y ninguno callado
  • Millones de desempleados y ninguno parado
  • Basta de falacia, queremos democracia
  • El pueblo unido funciona sin partidos
  • Si al pueblo maltratan, el pueblo se levanta
  • Nuestro dinero no es para el banquero
  • Si seguís con esa, haremos la islandesa
  • Si votas lo de siempre, te joden igualmente
  • Democracia es otra cosa, esta es asqueroso  (usw.)

Übersetzung: “Millionen von Beschäftigungslosen. Doch wir werden nicht schweigen. Millionen von Entlassenen aber wir werden nicht stoppen. Schluss mit der Täuschung. Wir wollen Demokratie, das vereinigte Volk funktioniert ohne Parteien. Wenn man das Volk schlecht behandelt , wird das Volk sich erheben. Unser Geld ist nicht für die Banken. Wenn ihr so weiter macht , machen wir euch den Isländer. Wenn du so wählst wie immer, verarschen sie dich weiter. Demokratie ist etwas anderes, das hier ist ekeleregend”

– 18:34: Erfahren nun mehr und mehr Menschen von den Ereignissen in Spanien und klicken dann bei den mittlerweile europaweit exisitierenden Facebookseiten auf “gefällt mir” oder hinterlassen einen Kommenatar sorgen sie für eine weitere Verbreitung des Aufrufes und der darauf folgenden Direktinformation. Nachdem spon bereits um 16:30 berichtet hat, wird die Nachricht nun Stück für Stück durch die etwas schwerfälligeren Kanäle der Massenmedien sickern. Bewiesen ist jedoch jetzt schon: Die Medien wollen uns nicht hintergehen, sondern es dauert einfach eine gewisse Zeit bis die Informationen im Nachrichtensystem durchsickern. Klar ist auch: Der Facebook-Effekt stiftet Verwirrung. Auch bei uns zu Beginn.

– 18:43: Die taz berichtet erneut ausführlich von den Ereignissen, ebenso die Zeit.

– 19:32: Aus Madrid erreichen uns folgende Bilder und folgende. Diese werden nun gekoppelt mit Zensurvermutungen gegenüber den etablierten Medien im sozialen Netzwerk untereinander verteilt. Demnach finden seit Montag schon große Demonstrationen in Spanien statt. Die Massenmedien berichten nun seit einigen Stunden. Die Welle der Informationen zu den Ereignissen hat Deutschland erreicht.

– 22:00: Wir wollen darauf hinweisen, dass  in den Massenmedien keine Zensur oder ein “Ignorieren” der Ereignisse stattfindet und auch nicht stattfinden wird. Der Beweis ist dieser Ticker. Denken Sie daran, dass auch wir ein Medium sind und wie Sie sehen völlig frei bereichten. Die reguläre Nachrichtenverbereitung kann man sich bildlich wie einen Stein vorstellen, den man in das Wasser schmeisst. le bohémien befand sich näher am Einschlagspunkt des Steines als andere. Nach und nach nehmen die Wellen nun ihren Lauf, die Nachricht verbreitet sich. dpa hat wie von uns zitiert die Ereignisse bereits heute Nacht um 3:13 deutscher Zeit publiziert, jedoch findet die Nachricht in den Medien langsamer Verbreitung, als dies in den sozialen Netzwerken und Blogs der Fall ist.  Dies gilt auch für die Ereignisse aus dem Ticker, die Sie, sofern Sie aus dieser Wahrnehmungssphäre kommen zeitverzögert in den großen Blättern nachlesen konnten und weiter nachlesen werden können. Wir werden das im Folgenden darstellen.

Donnerstag, 19. Mai 2011, 09:01: Die Organisatoren veröffentlichen nun den Demonstrationsplan auf ihrer Website. Die Aktivitäten beschränken sich zunächst größtenteils auf Spanien. Auch diese Information verbreitet sich viral per facebook und Twitter.

– 10:02: Weitere Bilder von gestern abend erreichen uns. Zu sehen ist, dass die Proteste höchst profesionell organisiert sind. Offenbar wurden in der Tat zahlreiche Camps errichtet.

– 10:22: Folgendes Video erreicht uns. Es breitet sich ebenfalls per facebook aus. Laut Titel wurde es gestern abend auf einer Demonstration in Spanien aufgenommen. Große Menschenmassen beteiligen sich nun an den Kundgebungen. Der Filmer singt “Sie nennen es Demokratie, aber das ist es nicht.”

– 11:37:  Spiegel online berichtet von den Massenprotesten.

– 11:44: Die Redaktion ist sich nun sicher: Wir sehen hier die erste “Facebookrevolution” auf europäischem Boden. Näheres zum Terminus finden sie in den unten verlinkten Artikeln. Da wir vor der allgemein empfundenen Nachrichtenwelle schwimmen, konnten wir bereits analysieren, dass die Welle sich auf alle Länder Europas ausbreitet.

– 13:22: Soeben hat die Redaktion die deutsche Facebookseite der Kampagne entdeckt. Zum jetztigen Zeitpunkt zählt sie knapp über 1000 Anhänger. Auch diese Seite wird sich nun mit exponentieller Geschwindigkeit im sozialen Netz verbreiten und sendet dabei in Direktinformationen aus, die sich viral verbreiten. Da der Nachrichtenfluß in den herkömmlichen Medien allerdings einer linearen Logik folgt und zudem immer eines publizierenden und prüfenden Akteuers bedarf, kommen diese Medien mit der Berichterstattung nicht hinterher. Denken Sie auch daran, dass in den Medienhäusern viele verschiedene Menschen arbeiten, von denen auch jeder nur Bruchstücke der tatsächlichen Ereignisse in Spanien kennt. Generell gilt: Was Sie jetzt wissen, wissen wir zu großen Teilen schon seit Mittwoch, dem 18. Mai 2011, wie Sie an den Tickerzeiten sehen. Es entsteht also eine zeitliche Lücke in der Wahrnehmung der Menschen und der Darstellung  der Wirklichkeit in den Medien. Viele Menschen fühlen sich dadurch hintergangen und verbreiten die Aufrufe zu Protesten weiter bzw. nehmen an diesen teil. Dies geschieht gerade in ganz Europa. Eine klassische “Facebookrevolution”. Zur Veranschaulichung: Als unsere Berichterstattung Mittwoch mittag begann zählte die Gruppe “Spanish Revolution” 6000 “Fans”, mittlerweile 77.000 (Stand, 20. Mai. Tendenz erst steigend.). “Fan” heißt nicht automatisch Unterstützer. Ein weiterer Hinweis: Erst einige Tausend Menschen haben diesen Ticker gelesen, Sie gehören also zu einer kleinen Gruppe “zeitnah” informierter Menschen.

– 18:28: Vor knapp einer halben Stunde berichtete die SZ über die Demonstrationen in Spanien. Wie von uns aufgezeichnet hängen die Kanäle der Massenmedien aber der Kommunikation in den sozialen Netzwerken hinterher. Bitte versuchen Sie aber zu verstehen, dass dies kein Zensurversuch ist, sondern in der Natur der Sache des Nachrichtenflusses liegt.

– 22:20: Unsere Nachrichtenanalyse ergibt, dass wir der allgemeinen Berichterstattung mittlerweile sehr weit voraus sind. Zahlreiche Medien berichten nun aber von den Ereignissen rund um die “Spanische Revolution”. In der Wahrnehmungsphäre der sozialen Netzwerke wird der Umgangston zunehmend rüder. Die Ungleichzeitigkeit der Informationen auf Nachrichtenkanälen und in sozialen Netzwerken wird dort nicht erkannt.

– Freitag, 20. Mai 2011, 9:27: Spiegel online berichtet nun erneut von den seit letztem Montag stattfindenden Demonstrationen in Spanien, erklärt dabei aber nicht wieso dies erst der dritte Artikel der Redaktion zu diesem Thema ist. Wahrscheinlich ist sich Spiegel online weder dem von uns oben beschriebenen time-lag-Effekt, noch dem wahren Ausmaß der Organisation der Proteste bewusst. Hierfür spricht auch, dass mit keinem Wort auf die in mittlerweile ganz Europa wachsenden Nebenzweige von “Democracia real ya!” eingegangen wird. Folgendes Video wurde gestern auf Youtube eingestellt. Es zeigt Massenproteste in Sevilla.

– 09:51: Die google-News-Suche “Spanische Revolution” nennt nun 167 Nachrichtenquellen. Immer mehr Menschen erfahren nun also von den Ereignissen in Spanien. In den sozialen Netzwerken verbreiten sich derweil in rapider Geschwindigkeit Fotos und Videos der Massenproteste. Die zeitliche Differenz zwischen der Wahrnehmung in den sozialen Netzwerken (exponentielle Nachrichtenverbreitung) vs. der zeitverzögerten Darstellung der Ereignisse in den etablierten Medien (lineare Nachrichtenverbreitung) stiftet nun bei vielen Menschen Verwirrung. Nehmen Sie sich ausreichend Zeit diesen Effekt zu verstehen. Die taz berichtet zeitnaher, macht sich scheinbar aber auch nicht die Mühe die Stimmungslage in den sozialen Netzwerken zu recherchieren. Unseren Lesern empfehlen wir die Lektüre dieses Zeit-Artikels.

– 11:32: Bereits gestern fand eine kleine Kundgebung von Sympathisanten der “Democracia ya”-Bewegung am Brandenburger Tor statt. Geplant ist, diese Kundgebungen nun auch in Deutschland, wie auch in allen anderen Ländern Europas nach und nach anwachsen zu lassen.

-22:04: Vergegenwertigen Sie sich abermals die Geschwindigkeit des Nachrichtenflusses in sozialen Netzwerken im Vergleich zum linearen Nachrichtenfluss in den Hauptmedien. Die divergierenden Informationsstränge werden sich nun zunehmend vermischen, da es sich hier um ein Ereignis besonderer Bedeutung handelt, über das viel kommuniziert wird. Nachrichten aus sozialen Netzerken werden über Blogs also zunehmend in die regulären, “älteren” Nachrichten getragen. Dies führt zu einer ungeordnet wirkenden Nachrichtenlage, zu Informationschaos. Bleiben Sie kritisch und seien Sie sich im klaren darüber, dass nirgendwo Massendemontrationen “aus dem nichts” entstehen. Auch nicht in Deutschland. Demonstrationen bauen sich immer langsam auf, was im Übrigen gerade europaweit geschieht. Wenn Sie von dem Anwachsen der Demontrationen nichts gehört haben und in den sozialen Netzwerken oder in Gesprächen von plötzlichen Massendemonstrationen hören, liegt das an den aufgezeigten Mechanismen. Auch uns wurde dies erst nach und nach bewusst.

Samstag, 21. Mai 2011, 13:40: Ein Radiointerview, soeben von uns gefunden, bestätigt unseren Kenntnisstand von Mittwoch, 18. Mai 2011, 14:55. Wir hoffen durch die folgende Darstellung das aufgezeigte Wahrnehmungsparadoxon veranschaulichen zu können. Das Radiointerview wurde bereits am 19. Mai veröffentlicht. Im Text wird auch auf die Organisationsweise der Demontrationen hingewiesen.

– 13:57: Telepolis veröffentlichte gestern diesen Artikel. Vergegenwertigen Sie sich aber auch hier wieder: Der Artikel spiegelt nicht die Wirklichkeit zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wider, sondern bezieht sich auf Ereignisse, die einige Tage zuvor stattfanden. Hier im Ticker ist dies belegt. Sie stoßen nun relativ “zeitnah” auf diesen Informationsstrang. Höchstwahrscheinlich deshalb weil Sie gezielt danach gesucht haben.

– 14:10 Das ZDF heute journal berichtete gestern, (22 Uhr) über die Ereignisse und verweist auf die von uns bereits Donnerstag, 19. Mai 2011, 11:44 angesprochene Organisation der Demonstrationen im Internet. Wir gehen davon aus, dass sich die Informationsstränge aus den sozialen Netzwerken, den Blogs und den Leitmedien nun zunehmend vermengen werden. Hier ein weiterer Bericht des ORF von gestern, 20. Mai 2011. Der Begriff “Democracia real ya!” spielt dabei noch keine Rolle. Der Informationsstrang entspricht also in etwa unserem Kenntnisstand von Mittwoch, 18. Mai 2011, 16:30. Sollte Sie dies alles verwirren, gönnen Sie sich einfach die Zeit in Ruhe über den von uns erläuterten time-lag-Effekt zu reflektieren.

– 14:25: Arte berichtete bereits am 19. Mai 2011 über die “Spanische Revolution” und bestätigt viele von uns im Ticker dargestellten Ereignisse. Da es sich bei Arte aber um ein Nischenmedium handelt gelangt diese Quelle erst jetzt zu uns. Vergegenwertigen Sie sich, dass das Durchsickern der Informationen in die Leitmedien immer eine gewisse Zeit beansprucht.

– 15:56: Die konservative Wiener Zeitung “Die Presse” meldet sich am heutigen Samstag mit diesen Zeilen ebenfalls zu Wort: “Es geht um eine Jugend, die, ohne selbst Aussicht auf gute Beschäftigungsverträge, ausreichend große Wohnungen oder eine abgesicherte Pension zu haben, für die Kredite ihrer Vorgängergeneration geradestehen muss. Wer unter ihnen nicht erbt oder in die dünne Schicht des Managements aufsteigt, wird von allen künftigen Krisen und Verwerfungen hauptbetroffen sein. Ihr Ärger ist schlicht verständlich und wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit in ganz Europa ausbreiten.

Sonntag, 22. Mai. 2011: Weitere Informationen gibt es in den unten stehenden Kommentaren. An einigen Kommentaren werden Sie sehen, dass die Kommentatoren aus ganz unterschiedlichen Wahrnehmungsspähren kommen. Beachten Sie dabei auch im Besonderen die Zeitpunkte zu denen die Kommentare abgegeben wurden. Sie entsprechen nicht Ihrem “Jetzt”.

Zu empfehlen ist auch folgender Artikel der Rhein-Zeitung, der auf die Internationalisierung der Kampagne eingeht, aber auch dem Trugschluss unterliegt, die Medien hätten nicht ausreichend berichtet.

Montag, 23. Mai. 2011, 22:15: Mehr und mehr erreichen uns Reaktionen von Menschen, die nun bereits von der Thematik “Spanien” gehört haben und nun verwirrt sind, warum die Medien nicht mehr berichten bzw. empfinden, dass das Thema plötzlich wieder “verschwindet”. Auch wird davon abgesehen eine unübersichtliche Nachrichtenlage wahrgenommen. Dies zu erklären war von an Beginn das Hauptanliegen dieses Artikels. Seien Sie sich im Klaren darüber, dass jeder von Ihnen gerade seine ganz eigene Version der derzeitigen Lage in Spanien hat. Reden Sie mit 3-5 Freunden um zu erkennen, dass die Mehrzahl der Menschen in Deutschland immernoch völlig im Unklaren bezüglich der Ereignisse in Spanien ist. In beiden Fällen gilt: Lesen Sie einfach unsere Darstellung der Ereignisse im Ticker, wenn Sie irgendetwas für Sie neues wissen wollen. Prüfen Sie alle Quellen und orientieren Sie sich an den dort vermerkten Zeitangaben. Nach unserem Erkenntnisstand formierte sich am 15. Mai. 2011 eine Protestbewegung in Spanien, die sehr rasch anwuchs und dann mehrere Massendemonstationen abhielt. Zum jetzigen Zeitpunkt – 27. Mai. 2011 – sind die Menschen zu einer friedlichen Demokratiebewegung herangewachsen. Unser Kommentar – bereits am vergangenen Donnerstag verfasst – beschäftigt sich näher mit diesem Thema. Auch haben sich in ganz Europa mittlerweile friedliche Solidaritätsgruppen gebildet, die ebenfalls mit stetig wachsender Teilnehmerzahl demonstrieren. Dieses Video zeigt die Bewegung in Berlin zum Zeitpunkt 22. Mai. 2011.

Dienstag, 24. Mai 2011: Falls noch Unsicherheiten bestehen, finden Sie hier eine weitere geordnete Zusammenfassung der Geschehnisse in Spanien seit vergangenem Mittwoch. Sobald Sie alles hier im Ticker beschriebene realisiert haben, können Sie helfen diese Informationen weiterzutragen. Wenn Sie zu den Menschen gehören, die in den letzten Tagen ebenfalls über Spanien berichtet haben, könnte es nun eine Aufgabe sein, den hier dargestellten linearen Verlauf nachzustellen und Ihren Lesern zu erklären, warum die Nachrichtensituation in den letzten Tagen so ungeordnet gewirkt hat. Damit werden die hier zusammengetragenen Informationen Stück für Stück ins normale Nachrichtensystem eingespeist. Die Unklarheiten lösen sich dann nach und nach auf. Gönnen Sie sich einfach die Zeit, sich der zeitlichen Verdichtung in sozialen Netzwerken bewusst zu werden. Die zentrale Frage, die Sie sich immer stellen sollten: Wenn in den Medien irgendetwas verschwiegen worden sein soll, warum gelang uns es dann all dieses Material zusammenzutragen? Um es noch einfacher zu sagen: Medien bilden immer die Vergangenheit ab. Alles was Sie hier gelesen haben, ist bereits geschehen. Wenn Sie davon nichts gewusst haben, fragen Sie sich ob die Theorie der Wahrnehmungsstörung durch zeitliche Verdichtung von Information in sozialen Netzwerken stimmen könnte.

Mittwoch, 25. Mai 2011: Das Ausmaß der bisherigen Protestwelle in Griechenland, die dem selben Organisationsmuster folgt. Auf Youtube wurde gestern folgendes Video hochgeladen. Die Lücke zwischen Medienberichterstattung und Informationsaustausch per Internet schließt sich nun merklich. Stéphane Hessel, so etwas wie der geistige Vater der Protestbewegung, äußert sich zu den Vorgängen.

Donnerstag, 26. Mai 2011, 8:22: Aus Griechenland berichtet nun auch Reuters, sowie auch die ARD. Die europäische “Facebook”-Revolution, die nach unserem Kenntnisstand nun eher eine friedliche Demokratiebewegung bleiben wird, gewinnt also zunehmend an Fahrt. Ihnen sollte immer bewusst sein, dass es nicht “die Medien” gibt, sondern dass auch jeder Redakteur zu einem ganz unterschiedlichen Zeitpunkt auf die Geschichte trifft und sich den linearen Ablauf der Ereignisse dann erst vergegenwertigen muss. Dies stiftet allgemeines Informationschaos. Wenn Sie den Ticker gelesen haben, wissen Sie einfach nur schon mehr als alle die dies nicht taten bzw. sind einfach auf eine Quelle gestoßen, die alle Ereignisse der vergangenen Woche linear ordnet. Nach unserem Erkenntisstand sollten uns bald Bilder der Protestwelle aus Italien oder Frankreich erreichen. Nach den bisherigen Erfahrungen dauert es ungefähr eine Woche um mittels des Facebook-Effekts aus kleinen Demonstrationen Massenproteste heranwachsen zu lassen. Wir wollen jedoch betonen, dass alle Proteste friedlich verlaufen und uns in der Sache auch berechtigt erscheinen. Die Zivilgesellschaft wird im Anschluss an die Demonstrationen geeignete Maßnahmen ergreifen müssen, damit das zeitliche Paradoxon des massiven Austauschs von Direktinformation künftig keine Verwirrung mehr stiftet.

Bereits gestern veröffentlichte das ZDF folgenden Beitrag. Er geht auf die mittlerweile gefestigte Demokratiebewegung ein. Die Bewegung nennt sich selbst “Bewegung 15. Mai – Die Empörten”.

Auch in Portugal wächst nun die Protestwelle heran, wie hier zu sehen. Dem Text ist zu entnehmen, dass der Aufbau der Bewegung bereits am 12. Mai. 2011 begann. In Italien war die Bewegung vor zwei Tagen noch recht klein, wie man auf diesem Video aus Bologna sieht.

– 17:55: Soeben berichtete die Zeit erneut von der spanischen Demokratiebewegung. Wie dem Artikel zu entnehmen, plant die Bewegung sich zu manifestieren. Auch werden ernsthafte Strukturen außerhalb von Facebook aufgebaut, was unserer Meinung nach sehr lobenswert ist und auch in Deutschland und anderen Ländern geschehen sollte. Ein zentralistisches Netzwerk kann keine Antwort auf ein Demokratiedefizit sein.

– 18:43: Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht eine Fotostrecke der Massenproteste in Spanien. Die großen Medien holen nun merklich auf.

-22:10: Ein taz-Redakteur macht sich Gedanken über die Ursachen der spanischen Demokratiebewegung. Die NZZ berichtet derweil von den Protesten in Griechenland und stellt ebenfalls einen Bezug zu den Demonstrationen in Spanien her.

-23:21: Zum Abschluss ein Artikel der Hannoversche Allgemeine. Wie es weitergeht, können Sie hier nachlesen.

 Zum Thema:

– Eine europäische Sache – Kommentar der Redaktion zu den Ereignissen

– Empört euch! Wie aus einer “Facebook-Revolution” eine europaweite Demokratiebewegung wurde

– Über “Facebook-Revolutionen”

– Ein weiterer Artikel über “Facebook-Revolutionen”

– Freiheit auf arabisch – Schein und Sein der arabischen Revolutionen

– Analyse über den Einfluss von Social Media auf die Spanische Revolution 2011

– Reden ist Silber, Schweigen ist Schuld – Über die unsägliche Rolle des deutschen Journalismus im Zuge der Entstehung des Movimiento 15-M

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