Wohlstand für alle

Die Reaganomics Der US-Wahlkampf hob die wirtschaftspolitischen Differenzen zwischen Barack Obama und Mitt Romney deutlich hervor. Der Widerstreit ist repräsentativ für eine westliche Wirtschaftsgeschichte, die der Ökonom Johannes Müller skizziert, und dabei die neoklassische Lehre, für die auch die der gescheiterte republikanische Präsidentschaftskanditat stand, scharf kritisiert.

Von Johannes Müller

Erste Kernthese: Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 markiert im historischen Kontext das Ende des Neoliberalismus. Die alte Idee des Wirtschaftsliberalismus – die 1929 zum ersten Mal scheiterte – endet damit erneut in einer globalen Krise!

Zweite Kernthese: Echte soziale Marktwirtschaft kann nur funktionieren bei einem fairen Interessensausgleich zwischen Arbeit und Kapital. Sobald eine Seite in der marktwirtschaftlichen Ordnung strukturell die Übermacht gewinnt, sei es Kapital oder Arbeit, kommt es zwangsläufig zu einer Wohlstandsvernichtung.

Bildlich kann man sich die Kapital- und Arbeitnehmerinteressen wie Planken auf einer Autobahn vorstellen, zwischen denen eine marktwirtschaftliche Ordnung im historischen Zeitablauf schwankt. Die Schwankungen werden dabei durch das permanente Zerren von Kapital- und Arbeitnehmerinteressen an der marktwirtschaftlichen Ordnung ausgelöst und spiegeln damit die sich ändernden Kraftverhältnisse dieser Interessenspole wieder. Wohlstand für alle entsteht nur längerfristig, wenn es zu einem Gleichgewicht der Interessenspole kommt.

Das Ende des New Deal

Die ökonomische Denkschule des Neoliberalismus, die von den USA ausgehend in den letzten 30 Jahren die Wirtschaftspolitik weltweit am stärksten beeinflusst hat, bevorzugt durch ihr Pochen auf die „reine Marktlehre“ eindeutig die Kapitalinteressen gegenüber den Arbeitnehmerinteressen. Dies machen alle verteilungspolitischen Analysen deutlich. Von 1980 bis 2006 sind die Realeinkommen von 80 Prozent der US-Bürger nur um 12 Prozent gestiegen. Bei den „oberen“ 20 Prozent waren es 75 Prozent, bei den reichsten 1 Prozent knapp über 200 Prozent.

Die Renaissance des alten Wirtschaftsliberalismus in Form des US-Neoliberalismus brach sich Anfang der 1980er Jahre Bahn, als R. Reagan zum ersten neoliberalen Präsidenten der USA gewählt wurde. Sein marktradikaler Reformstil erhielt weltweit schnell das Label „Reaganomics“ und war schlecht für die Realeinkommen der Unterprivilegierten.

In der Ära des US-Neoliberalismus war es vorbei mit dem New Deal-Grundkonsens, wonach mehr Wirtschaftswachstum automatisch auch mehr Wohlstand für alle (!) US-Bürger bedeutete. Reaganomics – die neue liberale Wirtschaftspolitik mit ihrer radikalen Deregulierung der Arbeits- und Finanzmärkte sowie der massiven Senkung der Einkommenssteuerspitzensätze war unter Wohlstandsaspekten gut für die Reichen und schlecht für die Armen. Eine Zeit extrem wachsender Einkommensdisparitäten, ähnlich wie vor der Weltwirtschaftskrise von 1929, war in den USA erneut angebrochen.

Wie entscheidend es für den materiellen Wohlstand einer Nation ist, ob eine neoliberale oder soziale Wirtschaftspolitik betrieben wird, lässt sich besonders leicht an der US-Einkommenspolitik festmachen. Ein einkommenspolitischer Vergleich der zwei neoliberalen Präsidenten Reagan und G. W. Busch mit dem eher sozialpolitisch orientierten demokratischen Präsidenten Bill Clinton ist an dieser Stelle besonders interessant.

Präsident Clinton ist es in seiner Amtszeit von 1993 bis 2000 gelungen, das alte New Deal-Ideal der 50er und 60er Jahre zu neuem Leben zu erwecken. In seiner Amtszeit sind die Realeinkommen aller US-Bürger spürbar gestiegen. Zwar war der reale Einkommenszuwachs beim 1.Quintil mit 44,6 Prozent am höchsten, aber auch das 5. Quintil der Einkommensschwächsten konnte mit einem Zuwachs von 19 Prozent beachtlich zulegen. Zudem wurden in der Amtszeit von Clinton die realen US-Mindestlöhne zumindest moderat um 3 Prozent angehoben.

In der Rückschau muss man feststellen, dass es Clinton insgesamt über zwei Präsidentschaftsperioden hinweg in fast idealer Weise gelungen ist, Wirtschaftswachstum, Schaffung neuer Arbeitsplätze und materiellen Wohlstand für alle miteinander in Einklang zu bringen. Dies ist zweifelsohne die hohe und anspruchsvolle Schule intelligenter Wirtschaftspolitik!

Im krassen Gegensatz zu dieser wirtschaftspolitischen Meisterleistung steht der letztlich veraltete „Tonnen“-Kapitalismus der neoliberalen Wirtschaftspolitik. In der neoliberalen Wirtschaftspolitik dreht sich fast alles nur um quantitatives Wirtschaftswachstum und Markteffizienz um jeden Preis. Nachhaltigkeit und Qualität neu geschaffener Arbeitsplätze sowie die Qualität der Wohlstandsmehrung für die Bürger eines Landes, ausgedrückt durch die nationale Einkommensverteilung, sind kaum von Interesse. Der Neoliberalismus vertraut dabei auf simple Heilsrezepte nach dem Motto: Neue Arbeitsplätze schafft man am besten über sinkende Reallöhne.

Diesem einfältigen ökonomischen Weltbild sind in den USA vor allem die Präsidenten Reagan und G.W Bush gefolgt. Beide haben in ihrer Amtszeit massive prozentuale Kürzungen bei den realen Mindestlöhnen zugelassen mit allen negativen sozialen Begleiterscheinungen für die Bezieher niedriger Einkommen. An dieser Stelle zeigt sich erneut: Neoliberale Wirtschaftspolitik ist im Kern anspruchsloses Quantitätsdenken in Bezug auf Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze.

Einkommenszuwachs unter Blair

Eine ganz hervorragende Leistung in der Wirtschaftspolitik muss man auch dem britischen Labour-Premierminister Tony Blair bescheinigen, zumindest soweit es um die Wohlstandsmehrung für alle geht. In seiner Amtszeit von 1997 bis 2007 hat er das Kunststück fertig gebracht, die realen Einkommenszuwächse aller Briten mit rund plus 20 Prozent relativ gleichmäßig zu steigern. Besonders bemerkenswert: In seiner Amtszeit stiegen die Einkommen der ärmeren Quintile sogar noch etwas stärker als jene der reicheren Quintile.

Verantwortlich für diese Entwicklung sind insbesondere die 1999 von Labour in Großbritannien eingeführten Mindestlöhne. Sie haben in der Regierungszeit von Blair um real über 25 Prozent zugelegt. Die Mindestlöhne sind zwar nur für rund 1 Prozent der Gesamtlöhne in Großbritannien direkt relevant, strahlen aber als Grenzsteine in der Entlohnung auf die unteren Tariflohnschichten aus und schützen diese vor einem unkontrollierten Abwärtsdrift.

In der Regierungszeit von Blair ist es der britischen Wirtschaftspolitik zudem gelungen – entgegen allen Prognosen von konservativen Ökonomen – trotz kräftig steigender Mindestlöhne mehr Arbeitsplätze in den unteren Lohngruppen zu schaffen. Einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen des Kunststücks, steigende Mindestlöhne und steigende Arbeitsplätze im UK-Niedriglohnsektor gleichzeitig zu realisieren, muss der in 1999 in Großbritannien eingesetzten Low Pay Commission zugeschrieben werden. Ihre auf sorgfältiger Analyse des UK-Arbeitsmarkts basierenden Empfehlungen an die Adresse der britischen Regierung zur jährlichen Mindestlohnanhebung waren in der Vergangenheit größtenteils situationsgerecht.

Aus dieser Erfahrung lässt sich lernen, dass bei genügend sensibel gesetzten Mindestlöhnen kein Konflikt zwischen Arbeitsplätzen und Lohnuntergrenzen bestehen muss. Vergleicht man in Großbritannien die reale Einkommensentwicklung unter dem Labour-Premierminister Tony Blair und der neoliberalen Premierministerin Margaret Thatcher, so fällt sofort die für neoliberale Wirtschaftspolitik typische Einkommensspreizung zwischen Arm und Reich auf.

In der Regierungszeit von Thatcher (1979-1990) stiegen die Realeinkommen des reichsten Quintils um 47 Prozent, während es im ärmsten Quintil gerade einmal 4,5 Prozent waren. Allerdings können sich die ärmeren Bevölkerungsschichten in Großbritannien – im Vergleich zu denen der USA – damit trösten, dass sie im Zuge der neoliberalen Wirtschaftspolitik zumindest ein kleines Stück vom kräftig gewachsenen Einkommenskuchen abbekommen haben.

Wirtschaftspolitik unter Schröder

Besonders interessant ist es aus deutscher Sicht, die Wirtschaftspolitik von Blair und Alt-Bundeskanzler Schröder unter dem Aspekt „Wohlstand für alle“ miteinander zu vergleichen.

Beide waren fast zeitgleich Regierungschefs in ihren jeweiligen Ländern. Allerdings fällt ihre wirtschaftspolitische Bilanz – zumindest im Rahmen der Einkommenspolitik – völlig unterschiedlich aus. Während es Blair als Premierminister von Großbritannien in seiner Amtszeit vorbildlich gelungen ist, allen Bevölkerungsschichten einen deutlichen realen Einkommenszuwachs zu ermöglichen, konnte unter Alt-Bundeskanzler Schröder nur das reichste Quintil in Deutschland einkommenspolitisch wirklich zufrieden sein.

Dieses unter sozialpolitischen Aspekten besonders unbefriedigende Ergebnis Schröderscher Wirtschaftspolitik kommt nicht von ungefähr. In der deutschen Wirtschaftspolitik hat man insbesondere seit 2002 einseitig auf das simple neoliberale Rezept zum Abbau von Massenarbeitslosigkeit, nämlich Lohnflexibilisierung – genauer Reallohnsenkung – gesetzt. Als Folge dieser Politik verfügt Deutschland nunmehr in Europa über einen der größten Niedriglohnsektoren.

Im Jahre 2006 waren gemäß einer Studie des Essener Instituts für Arbeit und Qualifikation etwa 6,5 Mio Menschen, also rund 22 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland im Niedriglohnsektor beschäftigt, wobei sie für Durchschnittlöhne von 6.89 € (West) und 4.86 (Ost) arbeiteten. Damit hat der Niedriglohnsektor von 1996 bis 2006, also in nur 10 Jahren, um gut 43 Prozent in Deutschland zugenommen. Reallohnsenkungen als Folge geringer Lohnzuwächse, Tariföffnungsklauseln und rasant zunehmende Zeitarbeit in Kombination mit Hartz IV sind in den letzten Jahren in Deutschland vornehmlich zu Lasten der unteren sozialen Bevölkerungsschichten gegangen.

Im Ergebnis hat die Summe dieser sozialpolitischen Veränderungen zu dem einmaligen Phänomen in Deutschland geführt: Der Konjunkturaufschwung von 2003 bis 2008 war der erste in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, in dem die Realeinkommen breiter Bevölkerungsschichten gefallen sind. Der Aufschwung hatte jedoch noch weitere gravierende Schwächen, die typische Folge neoliberaler Angebotspolitik sind.

Bevor auf diese Schwächen näher eingegangen wird, soll jedoch als erstes mit dem häufig von neoliberaler und konservativer Seite zu hörendem Fehlurteil aufgeräumt werden, wonach der Konjunkturaufschwung in Deutschland, der 2008 mit der Finanzkrise zu Ende ging, aufgrund einer massiv propagierten Lohnzurückhaltung besonders arbeitsplatzfördernd gewesen sei.

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22 Kommentare zu "Wohlstand für alle"

  1. Es ließe sich darüber streiten, ob ein Herr Reithofer, Topmanager bei BMW, für seine 6,2 Mio. Euro Jahresgehalt genug gearbeitet hat, doch wenn es sich für BMW rechnet, sei es ihm gegönnt. Allerdings lässt sich nicht darüber streiten, dass die Familie Quandt, Hauptaktionär bei BMW, für ihre 650 Mio. Euro Rendite, die sie 2011 abkassierte, gar nicht gearbeitet hat.

    Sinkende Reallöhne im Verhältnis zum BIP gibt es in Deutschland schon seit den 1970er Jahren. Siehe “Nettolöhne in % BIP” der Darstellung 2 im folgenden Artikel:

    http://www.swupload.com/data/Geld-Geldmengen-Geldillusionen.pdf

    Die Ursache sind die exponentiell ansteigenden Kapitaleinkommen auf Kosten der Mehrarbeit anderer, die sowohl von der “hohen Politik” als auch von der “etablierten” VWL stets “übersehen” werden:

    Der blinde Fleck der Volkswirtschaftslehre
    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/11/der-blinde-fleck-der.html

    Eine “Schuld” daran hat niemand, zumindest kein einzelner Wirtschaftsteilnehmer. Die Misere resultiert allein aus einem religiös bedingten, allgemeinen Unverständnis gegenüber der grundlegendsten zwischenmenschlichen Beziehung, dem Geld:

    Geld – wie es (noch) ist und wie es sein soll
    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/10/geld.html

  2. Sebastian Müller sagt:

    Man sollte bei allen Fakten zu der Wirtschaftspolitik Bill Clintons einen weiteren Fakt nicht vergessen: Unter seiner Ägide wurde 1999 der Glass-Steagall-Act aufgehoben, was mit ein Grund für die spätere Finanzkrise ist. Wie man sieht, war auch Clinton nicht von neoliberalen Beratern befreit. http://de.wikipedia.org/wiki/Glass-Steagall_Act

  3. Don M. Tingly sagt:

    nimmt man zu diesen fakten noch die argumente Collin Crouch’s über den einfluss der konzerne/geldeliten auf die politik, drängt sich doch unmittelbar die frage auf: wie soll dieser prozess jemals wieder umgekehrt werden?

    ein system das einseitig das oberste vermögens-quintil bevorzugt, es immer reicher macht, ihm dabei aber zusätzlich via lobbyismus, parteispenden etc. beinahe uneingeschränkte macht über die politischen entscheidungsträger einräumt, ist ja eigentlich bereits eine plutokratie.

    ich würde die USA (und vermutlich auch UK) auch bereits als solche bezeichnen.

    woher soll also der impuls zur geforderten rückkehr zu ordo-liberalen grundsätzen kommen?
    wie soll die bewusste unterminierung der bildung via gebühren, verwahrlosung öffentlicher schulen, verflachung öffentlich-rechtlicher medien etc. aufgehalten werden?

    wer erklärt den mittelständischen anhängern der tea-party-bewegung, dass sie ihre eigenen schlächter wählen?

    ich lese allüberall durch die gesamte blogger-szene ähnliche befunde betreffend unser westliches wirtschaftssystem.
    allein: wo bleiben die konkreten vorschläge, wie daran etwas zu ändern ist?

    mit fünf zelten vor der EZB in Frankfurt?

    einer demo mit deutschlandweit weniger teilnehmern, als die all-samstägliche narkose genannt fußball-bundesliga?

    oder alle vier jahre mit einem kreuzchen bei Oskar und Sarah?

    das ist alles zu wenig! wir brauchen eine umfassende änderung kollektiven bewusstseins. die schreiende ungerechtigkeit, die ausbeuterische struktur und die mangelnde nachhaltigkeit unseres wirtschaftssystems müssen in die köpfe. und das am besten anstelle von werbeslogans, verschwurbeltem polit-sprech und dünnbrett-reality-soaps.

    • pabst von ohain sagt:

      @don m. tingly
      wie könnte man ihre meinung einem breiteren publikum näher bringen. schreiben sie doch mal einen offenen brief an angela merkel. die antwort, falls sie eine bekommen, wäre doch sehr aufschlußreich. sonst bleibt nur noch die piratenpartei, die suchen noch eine linie ihrer politik . im wahlkampf könnte man ein paar leute erreichen um ihre ideen publik zu machen.
      Kreuze bei oskar und sarah werden nicht viel bringen.

  4. Sebastian Müller sagt:

    Was kaum thematisiert wird, ist, dass wir auch eine Bewusstseinsänderung bei den Eliten selbst brauchen. Gerade sie müssten begreifen, dass sie sich mit der Politik der kollektiven Prekarisierung langfristig ins eingene Fleisch schneiden – denn diese wird irgendwann zu einer Destabilität führen, die auch zum Nachteil der wenigen Reichen führen wird.

    • Karin D. sagt:

      Es fängt doch schon an. Noch nie in der Geschichte meiner Stadt wurden so viele Läden, Tankstellen, Apotheken usw. überfallen wie heute.
      Woran liegt es? Miete zahlen? Voller Kühlschrank?
      In diesem Zusammenhang sollten wir neben der Beschaffungskriminalität auch noch die Überlebenskriminalität thematisieren.
      Denn sonst wird es schlimmer werden, wenn wir immer mehr Menschen abhängen zu Wohle von immer weniger Menschen.

    • Dr. Wo sagt:

      Bevor den Reichen irgendetwas ins eigene Fleisch schneidet, wird die übrige Bevölkerung noch erheblich Not leiden. Frühestens dann wird irgendwer oder irgendetwas den Reichen “ins Fleisch schneiden”.

  5. Don M. Tingly sagt:

    eine elitäre bewusstseinsänderung etwa im sinne einer “revolution von oben” schließe ich aus.
    eine klasse, die ihre position über viele generationen durch rigorosen egoismus und einen beinahe schon psychopathischen mangel an empathie erreicht hat, wird weder innerhalb einer, noch über mehrere generationen dazu fähig sein.

    im gegenteil: im zuge ihrer klassen-inzestuösen abschottung, geben diese menschen ihre a-sozialen einstellungen nahtlos an folgende generationen weiter. kontake bestehen von der krabbelgruppe an, ausschließlich zur eigenen peer-group. später nennt sich das dann “netzwerk”. neokonservative und inhumane werte werden permanent reproduziert und sozial stabilisiert.

    ein kritisches in-frage-stellen des eigenen lebens und seiner grundlagen findet zu keiner zeit statt. das kapitalistische weltbild durchdringt buchstäblich mit der muttermilch jede pore.

    man kann dieses phänomen sehr schön beobachten, wenn man sich die aussagen der jugendlichen trader vor den US-ausschüssen zum thema subprime-krise ansieht. da verteidigen juvenile mit-zwanziger ihr verhalten vor und während des zusammenbruchs mit einer ganz natürlichen selbstverständlichkeit. das leid und elend von millinonen geschädigter, gehört für sie einfach zum “spiel”.

    nein. die sind noch nicht mal zynisch. denn zynismus würde ja das wissen um das falsche am eigenen tun voraussetzen. dieses bewusstsein ist aber in universitärer und unternehmerischer sozialisation vollkommen abtrainiert worden.

    zynisch sind höchstens noch ein paar ältere herren an der spitze (Blankfein, Paulson et al.), die Milton Friedman noch persönlich kannten und damit eine ära, in der der totale kapitalismus noch nicht die jederzeit erlebte wirklichkeit war.

  6. ernte23 sagt:

    @Sebastian Müller: Warum sollte eine Politik der weiteren Prekarisierung zum Nachteil der Reichen sein? Dann schaffen sie sich halt Wachmannschaften und -gerätschaften an! Wenn diese ausreichend entlohnt werden, sind sie loyaler als die staatliche Polizei. Das einzige, was dem/r ein oder anderen daran aufstoßen könnte, wäre das Leben im goldenen Käfig, abgetrennt von der „normalen” Welt, was aber bei weitem nicht alle aus dieser Sphäre stören dürfte.

    @Don M. Tingly: Mir geht es ähnlich, dass die paar kritischen Menschen, die es überhaupt gibt, irgendeinen Zugang zur nicht-denkenden Mehrheit finden müssen. Die einzige Chance sehe ich auf der kulturellen Ebene und dem damit verbundenen Aufzeigen, dass unsere gegenwärtige von der Ökonomik geprägten Verhaltensmuster eben nicht optimal sind, uns eher ins Unglück stürzen. Dabei muss ich immer an die Paraphrasierung von Emma Goldmann über die russische Revolution denken: „If I can’t dance I don’t want to be part of your revolution!”

  7. Dr. Wo sagt:

    “Zweite Kernthese: Echte soziale Marktwirtschaft kann nur funktionieren bei einem fairen Interessensausgleich zwischen Arbeit und Kapital. Sobald eine Seite in der marktwirtschaftlichen Ordnung strukturell die Übermacht gewinnt, sei es Kapital oder Arbeit, kommt es zwangsläufig zu einer Wohlstandsvernichtung.

    Bildlich kann man sich die Kapital- und Arbeitnehmerinteressen wie Planken auf einer Autobahn vorstellen, zwischen denen eine marktwirtschaftliche Ordnung im historischen Zeitablauf schwankt. Die Schwankungen werden dabei durch das permanente Zerren von Kapital- und Arbeitnehmerinteressen an der marktwirtschaftlichen Ordnung ausgelöst und spiegeln damit die sich ändernden Kraftverhältnisse dieser Interessenspole wieder. Wohlstand für alle entsteht nur längerfristig, wenn es zu einem Gleichgewicht der Interessenspole kommt.”

    Diese These ist irreführend, weil sie nicht deutlich macht, ob ein Interessengegensatz zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern oder einer zwischen Arm und Reich gemeint ist.

    Seit Jahrzehnten wird bei solchen Formulierungen der Interessengegensatz zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern verstanden, der aber mit dem Scheitern des Ziels “Wohlstand für alle” nichts zu tun hat. Das Scheitern dieses Ziels kann man nur verstehen, wenn man den Interessenkonflikt zwischen Arm und Reich vor Augen hat: http://meudalismus.dr-wo.de/html/sozialpartner.htm

  8. “Echte soziale Marktwirtschaft kann nur funktionieren bei einem fairen Interessensausgleich zwischen Arbeit und Kapital.”

    Unsinn. Die echte Soziale Marktwirtschaft wurde nie verwirklicht:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/08/personliche-freiheit-und-sozialordnung.html

    Es wurde übersehen, dass der eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation erst dann zu verwirklichen ist, wenn die reale Angst vor der bevorstehenden Auslöschung unserer gesamten “modernen Zivilisation” durch die globale Liquiditätsfalle (Armageddon) insgesamt größer wird als die seit Urzeiten eingebildete Angst vor dem “Verlust” der Religion:

    http://www.swupload.com//data/3-Verwandlungen.pdf

  9. Umdenker sagt:

    Ob wir eine echte soziale Marktwirtschaft schon hatten oder erst noch herstellen müssen, ich wage die These, dass beides nur eine Aufschiebung unserer Probleme bedeutet und nicht deren Lösung. Nur weil wir den Wohlstand besser verteilen, ändert es doch nichts an den Paradoxa des Kapitalismus.

    Wie soll es z.B. ressourcen- und umwelttechnisch funktionieren, wenn wir den Wohlstand nun rasch für alle steigern und in die reiche Konsumwelt einbinden? Wie sollen Kräfte der Kapitalakkumulation verhindert werden (auch mit direkten wie indirekten genialen Steuermodellen wird es immer den Drang bestimmter Akteure geben absolut mehr zu besitzen als Andere und somit entsteht auch automatisch machtpolitischer Einfluss dieser Gruppen. Schaffen sie es nicht auf legale, dann eben auf illegale oder zumindest illegitme Weise, durch z.B. Einflussnahme auf die Legislative). Die “soziale Marktwirtschaft” ist zwar eine milde und möglichst sanfte Form des Kapitalismus, es verschafft uns also richtig angewandt viel Zeit, aber es wird niemals dem System inherente bestimmte Paradoxa aufheben.

    • Don M. Tingly sagt:

      vollkommene zustimmung.

      jede gesellschaftsform, die prinzipiell unbegrenzte kapitalakkumulation zulässt wird relative machtungleichgewichte produzieren, die wiederum genutzt werden, die akkumulation durch einzelne zu erleichtern – auf kosten anderer.

      genau das haben wir doch in D erlebt. in nicht einmal zwei generationen ist aus einer relativ homogenen nachkriegsgesellschaft mit ordoliberaler, sozialer marktwirtschaft eine zerissene, neoliberale ellbogengesellschaft geworden.

      wenn wir eine nachhaltige, friedliche gesellschaft wollen, brauchen wir zunächst eine enteignung von vermögen oberhalb eines wertes, der auch künftig als vermögensobergrenze dienen muß. die wirtschaft muß regional subsidiär, kleinteilig und mit fairen handelsbeziehungen organisiert werden.

      es bedarf einer beweislastumkehr bezüglich der nachhaltigkeit jeder wirtschaftlichen unternehmung. im zweifel hat diese zu unterbleiben. die menschen brauchen freien zugang zu lebensmitteln, wohnung, kleidung, bildung und medizinischer versorgung.

      notwendig ist dazu allerdings ein totaler bewusstseinswandel: weg vom konsumismus heutiger ausprägung, hin zu einem holistischen, bescheiden(er)em, empathischen weltbild, das der natürlichen begrenztheit unseres planeten und dem recht auf glück jedes menschen rechnung trägt.

      und nein. das bedeutet kein zurück zur steinzeit. auf dem weg sind wir jetzt.

  10. “Ob wir eine echte soziale Marktwirtschaft schon hatten oder erst noch herstellen müssen, ich wage die These, dass beides nur eine Aufschiebung unserer Probleme bedeutet und nicht deren Lösung.”

    Lesen müsste man können – oder wollen. Aber machen Sie sich nichts daraus – es gibt noch sehr viele Patienten wie Sie, die keine blasse Ahnung haben und sich dennoch einbilden, sie wüssten schon was:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/08/behandlung-eines-privatpatienten.html

  11. ernte23 sagt:

    Ordoliberalismus ist eher die deutsche Spielart des Neoliberalismus, die eben den Markt in der vollkommenen Konkurrenz oder zumindest einen Näherungszustand anstreb(t)e. Sozial ist in ihrer – der ursprünglichen – Lesart die soziale Marktwirtschaft in dem Sinn, dass der Markt die sozialen Beziehungen der Gesellschaft regeln sollte, hat also nichts aber auch gar nichts mit Gemeinwohlorientierung zu tun. Der Staat ist in der Hinsicht gefordert, die Unternehmen zu überwachen, ob sie auch brav miteinander konkurrieren. Darin besteht der Unterschied zum angelsächsischen Neoliberalismus, der Konzentrationsprozesse für den Preis der Freiheit hält. In der Tat, ist ein zur Konkurrenz antreibender Wirtschaftsüberwachungsstaat eine etwas paradoxe Vorstellung…

  12. ernte23 sagt:

    Wollte meinen Kommentar auch gar nicht als Antwort auf Freiwirtschaft verstanden wissen, sondern zur Begriffsklärung über Ordoliberalismus beitragen.

    Wo ich gerade dabei bin: Was die Freiwirtschaft anbelangt, bin ich mir nicht sicher, inwieweit die Analyse nicht etwas zu kurz greift. Die Abschaffung des Zinses allein wird noch keine Änderung der Verhältnisse mit sich bringen, wird die Frage nach den Überflüssigen, die die zunehmende Automation hervorbringt, auch nicht abschließend beantworten können.

    • Sebastian Müller sagt:

      In der Tat, weder fußt die Zinskritik auf einer realisierbaren Grundlage, noch würden sich alleine damit die komplexen Probleme des Kapitalismus lösen lassen.

    • Karin D. sagt:

      Eine Änderung der Verhältnisse würde nur durch eine Revolution stattfinden.
      Leider sind die Menschen in D. zu verblödet worden für so etwas. Tittitainment, Brot und Spiele und wenn sie kein Brot mehr haben essen sie halt Kuchen.
      Nur, man kann es anhand der Geschichte sehen, erwischt man nie alle die für den Mist verantwortlich sind.
      So geschieht es in Afrika Jahrzehnt um Jahrzehnt. Einer schreit sich Freiheit auf die Flagge, nur um einen bekloppten Despoten durch einen noch bekloppteren zu ersetzten. Aber auch dort ändert sich z.Z. etwas. Auch dort blicken die Menschen langsam durch und verstehen was geschieht. Man könnte also geneigt sein an D. zu glauben und zu hoffen.

  13. “Was die Freiwirtschaft anbelangt, bin ich mir nicht sicher,…”

    Wenn Sie sich nicht sicher sind, sollten Sie Ihre Vorurteile für sich behalten.

    “…die Zinskritik…”

    Wer “Zinskritik” sagt, sagt damit nur, dass er nichts verstanden hat und auch nichts verstehen will. Der folgende Text ist schon für 12-jährige Schulkinder verständlich,…

    Der blinde Fleck der Volkswirtschaftslehre
    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/11/der-blinde-fleck-der.html

    …nicht aber für “Erwachsene”, die von sich glauben, sie wüssten schon was.

  14. Leo sagt:

    Am 19.09.2009 erschien in junge welt (S. 10 f.) ein empfehlenswerter ausführlicher Artikel von Otto Köhler mit dem Titel: “Wohlstand für alle? Wie Ludwig Erhard im Januar 1945 mit dem später gehängte SS-Einsatzgruppenführer Otto Ohlendorf die Soziale Marktwirtschaft erfand”. Wer sich zum Thema “Soziale Marktwirtschaft” äußert, sollte diesen Text gelesen haben.

    Ergänzend ist zu verweisen auf: Ralf Ptak: Mythos Soziale Marktwirtschaft, siehe:
    http://www.sopos.org/aufsaetze/3cc9a4fe2b1de/1.phtml

    Erhards Formel “Wohlstand für alle”, die sich damals auf die Verbindung von profitgetriebener Kapitalakkumulation (“Wachstum”) und Sozialstaat (korrigierender sekundärer Umverteilung) stützte, und die den damaligen globalen gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen entsprach, wird von der Praxis der vorsätzlich armuts-produzierenden Politik im Geiste der “Neuen Sozialen Marktwirtschaft” ins Gegenteil verkehrt, was wiederum wesentlich den gesellschaftlichen Macht- und Kräfteverhältnissen geschuldet ist.

    Das Wahrheitsmoment dieser Formel verweist allerdings auf eine neue Ökonomie, die nicht länger systemisch bedingt für die Konzentration des Reichtums auf dem einen Pol und die Konzentration der Armut auf dem anderen Pol sorgt, sondern tatsächlich WOHLSTAND FÜR ALLE mit sich bringt.

  15. Leo sagt:

    Hinweis auf die Rezension:

    Ulrike Herrmann: Hurra, wir dürfen zahlen

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=5626

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