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Nietzsches Nihilismus
Prozesse der Auflösung

Nietzsche hatte einen Prozess der Auflösung von allgemeingültigen Werten wie kaum ein anderer verkündet. Die Postmoderne knüpft an seine Überlegungen an und radikalisiert sie in vielerlei Hinsicht. Doch eine auf der Auflösung von Werten beruhende Haltung hat skrupellose Machtpolitik zur Folge.

Foto: Timothy Allen / flickr / CC BY-SA 3.0

Von Alexander Ulfig

Wie kaum ein anderer Denker diagnostiziert Friedrich Nietzsche (1844-1900) das Aufkommen des Nihilismus, das heißt die Auflösung der die abendländische Kultur prägenden Werte. Die bisher geltenden Werte, die auf den Platonismus, das Christentum, aber auch auf die Philosophie der Aufklärung zurückgehen, haben ihre Orientierungskraft verloren. Nietzsche bestimmt den Begriff des Nihilismus auf folgende Weise:

„Nihilism: es fehlt das Ziel; es fehlt die Antwort auf das ´Warum?` was bedeutet Nihilism? – daß die obersten Werthe sich entwerthen.“(1)

Zu den sich in Auflösung befindenden Werten gehören vorwiegend Wahrheit, Objektivität, die zentrale Stellung des Menschen, das erkennende Subjekt als Ausgangspunkt und Zentrum der Erkenntnis, Vernunft als Richtmaß des Erkennens und Handelns und die Moral, genauer: zentrale moralische Werte wie Gleichheit und Gerechtigkeit.

Nihilismus bedeutet für Nietzsche zunächst, dass es keine Wahrheit gibt, wobei er Wahrheit in einem metaphysischen Sinne als sie absolute Beschaffenheit der Dinge, als „Ding an sich“ auffasst:

„Die ´wahre Welt` – eine Idee, die zu Nichts mehr nütz ist, nicht einmal mehr verpflichtend, – eine unnütz, eine überflüssig gewordene Idee, folglich eine widerlegte Idee: schaffen wir sie ab!“(2)

Was sich anstatt einer festen Beschaffenheit der Dinge, anstatt von Tatsachen herausbildet, sind Kraftpunkte, aus denen unterschiedliche Perspektiven hervorgehen, die wiederum unterschiedlichen Interpretationen zugrunde liegen. Statt Tatsachen und Wahrheit gibt es nur unterschiedliche Perspektiven und unterschiedliche Interpretationen der Welt. Nietzsches erkenntnistheoretische Positionen wird daher als Perspektivismus bezeichnet.

Nach Nietzsche kann es keine übergreifende bzw. ausgezeichnete Perspektive/Interpretation geben, keine, die Objektivität garantieren würde. Die einzige Funktion von Interpretationen ist es, dem Willen zur Macht zu dienen. Anders formuliert: Der Wille zur Macht entscheidet jeweils darüber, welche Perspektive und welche Interpretation bevorzugt werden soll. Tatsachen werden also durch Interpretationen ersetzt:

„Gegen den Positivismus, welcher bei dem Phänomen stehen bleibt ,es giebt Thatsachen`, würde ich sagen: nein, gerade Thatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen. Wir können kein Factum ´an sich` feststellen …“.(3)

Diese Bestimmung des „Positivismus“ ist veraltet und falsch, denn der moderne Positivismus, also die empirische Forschung geht davon aus, dass die Beobachtung immer schon theoriebeladen ist, d.h. in einem theoretischen Rahmen vonstatten geht.(4)

Nietzsche geht ferner davon aus, dass nicht nur die äußere Welt, sondern auch das erkennende und moralische Subjekt nichts „Gegebenes“ ist. Vielmehr ist es etwas „Hinzu-Erdichtetes“, „Dahinter-Gestecktes“. Die Auflösung des Subjekt in Interpretationen bringt folgendes Zitat deutlich zum Ausdruck:

„Man darf nicht fragen: ´wer interpretiert denn?`, sondern das Interpretieren selbst, als eine Form des Willens zur Macht, hat Dasein (aber nicht als ein ´Sein`, sondern als ein Prozeß, ein Werden) als ein Affekt. Die Entstehung der ´Dinge` ist ganz und gar das Werk der Vorstellenden, Denkenden, Wollenden, Erfindenden. (…) – Selbst ´das Subjekt` ist ein solches Geschaffenes, ein ´Ding`, wie alle Andern …“(5)

Die für den Nihilismus charakteristische Auflösung der Welt und des Subjekts in Kräfteverhältnisse, Perspektiven und Interpretationen, die Konstruktion der Dinge und die herausragende Rolle der Macht werden wir später in den Schriften Michel Foucaults wiederfinden.

Doch der Nihilismus betrifft auch den Bereich der Moral. Nietzsche zufolge entsteht Moral immer aus partikularen, das heißt auf eine bestimmte Gruppe von Menschen eingeschränkten Interessen. Und sie hängt von solchen Interessen immer ab. Eine allgemeingültige, für alle Menschen geltende Moral ist für Nietzsche eine Täuschung. Eine Moral, die von gleichen Rechten für alle Menschen spricht, täuscht nur vor, für alle Menschen zu sprechen. In Wirklichkeit bringt sie nur die Interessen der Schwachen zum Ausdruck, die mit ihrer Hilfe die Herrschaft der Starken/Vornehmen beseitigen möchten.(6)

Nietzsche verwechselt hier den Entstehungs- mit dem Begründungszusammenhang. Auch wenn man zeigen könnte, dass Moral aus bestimmten partikularen Interessen entsteht, sagt das noch nichts über ihre Geltung aus. Auch wenn man nachweisen könnte, dass die Moral, die von gleichen Rechten für alle Menschen spricht, aus den Interessen der Schwachen, Unterdrückten und Unterprivilegierten hervorgegangen ist, wäre damit kein Einwand gegen die Richtigkeit dieser Moral formuliert.

Nietzsche entwickelt im Gegenzug zu einer Ethik der Schwachen, die sich in erster Linie im Christentum manifestiert, eine „Ethik der Vornehmheit“. An dieser Stelle muss hervorgehoben werden, dass die „Ethik der Vornehmheit“ nicht individualistisch ausgerichtet ist, was viele Nietzsche-Interpreten nicht sehen oder nicht sehen möchten. Die Einzelperson (das Individuum) stellt in ihr nicht den höchsten Wert dar. Vielmehr ist diese Ethik „Art-erhaltend“ und „Art-züchtend“.(7) Sie ist an der Schaffung einer „Rangordnung“ interessiert. Individuen können geopfert werden, wenn es der Züchtung eines neuen Menschen-Typus, die Züchtung des Übermenschen dient. Die Rangordnung begründet ein „Sonderrecht“ für die Starken.(8)

Die Moral der gleichen Rechte ist nach Nietzsche „lebensfeindlich“, denn sie behindert die Starken in ihrer Machtausübung. Sie lässt für die Starken keine Sonderrechte zu.

Die „Ethik der Vornehmheit“ soll das Verhältnis der Starken zu den Schwachen regeln. Die Letzteren sollen sich den Ersteren vollständig unterordnen. Zu diesem Zweck soll zunächst die Demokratie beseitigt werden, denn sie macht den Menschen zum „Zwergthiere der gleichen Rechte und Ansprüche“.(9)

Die Starken sollen bei der Durchsetzung ihrer Sonderrechte und Privilegien rücksichtslos gegen die „Missrathenen, Verkleinerten, Verkümmerten, Vergifteten“ vorgehen.(10) Sie haben das Recht, „gegen die Wesen niedrigeren Ranges, gegen alles Fremde nach Gutdünken oder ´wie es das Herz will`“ zu handeln.(11)

„Das höchste Gesetz des Lebens, von Zarathustra formulirt, verlangt, dass man ohne Mitleid sei mit allem Ausschluß und Abfall des Lebens, – daß man vernichte, was für das aufsteigende Leben bloß Hemmung, Gift, Verschwörung, unterirdische Gegnerschaft sein würde …“(12)

Der Starke soll demnach hart, mitleidslos und skrupellos gegen die Schwachen und Minderwertigen agieren. Dabei ist ihm jedes Mittel recht. Das entartete Leben soll rücksichtslos „nieder- und beiseitegedrängt“ werden.

Mit seiner „Ethik der Vornehmheit“ legitimiert Nietzsche die Schaffung von Privilegien und Sonderrechten für auserwählte Gruppen, Skrupellosigkeit beim Durchsetzen eigener Interessen und Willkür. Der Wille zur Macht bestimmt Nietzsche zufolge die gesamte Wirklichkeit. Er ist das Prinzip und die Kraft, die alle Bereiche der Realität durchdringt. Im moralisch-politischen Bereich erhält Nietzsches Konzeption des Willens zur Macht eine ganz besondere Brisanz, denn sie kann dazu benutzt werden, eine Politik, der es nur um Machtgewinnung und Machterhalt geht, zu legitimieren.

Postmoderner Nihilismus

Die Postmoderne ist eine einflussreiche geistig-kulturelle Strömung der Gegenwart. Doch ihre Wirkung erstreckt sich nicht nur auf den geistig-kulturellen Bereich, sondern mittlerweile auf alle relevanten Bereiche unserer Gesellschaft. Besonders stark ist ihr Einfluss in der Politik. Die Postmoderne lehnt sich an die Diagnosen und Konzepte Nietzsches an. Auch die Postmoderne ist daran interessiert, Werte wie Wahrheit, Objektivität, erkennendes und moralisches Subjekt als Zentrum der Welt, Vernunft und allgemeingültige moralische Grundsätze aufzulösen, zu dekonstruieren.

Michel Foucault (1926-1984), der wohl prominenteste Denker der Postmoderne, bezeichnet sich selbst als „Nietzscheaner“.(13) Auch nach Foucault kann es Wahrheit im Sinne von allgemeingültigen Erkenntnissen, insbesondere Erkenntnissen über den Menschen, nicht geben. Vielmehr hängt „Wahrheit“ immer von der Perspektive der Betrachtenden und von Machtverhältnissen ab. „Wahrheit“ ist immer machtgeleitet. Und das bedeutet, dass sie immer parteiisch ist. Es kann keinen neutralen Standpunkt und keine Objektivität geben.(14)

Es gibt gemäß Foucault keine allgemeingültige Erkenntnis über den Menschen, es gibt nur unterschiedliche Interpretationen. Eine Interpretation hängt von der jeweiligen Perspektive und von dem jeweiligen sozio-kulturellen sowie geschichtlichen Kontext ab.

„Es gibt kein absolut Erstes, das zu interpretieren wäre, denn im Grunde ist alles immer schon Interpretation, jedes Zeichen ist an sich nicht die Sache, die sich der Interpretation darböte, sondern eine Interpretation anderer Zeichen.“(15)

Der relativistisch-historistische Charakter des Foucaultschen Ansatzes tritt in den folgenden Äußerungen besonders deutlich in Erscheinung:

„ … man findet nicht die Lösung eines Problems in der Lösung eines anderen Problems, das zu einem anderen Zeitpunkt von anderen Leuten aufgeworfen wurde.“
„Eine Periode, die nicht die unsere ist, besitzt keinen exemplarischen Wert … nichts, zu dem man zurückgehen könnte.“(16)

Da es nach Foucault kein allgemeingültiges Wissen geben kann, jegliche Erkenntnis relativ zu ihrem sozio-kulturellen und geschichtlichen Kontext ist, kommt es darauf an, „ein besonderes, lokales, regionales Wissen“ herzustellen.(17)

Aber nicht nur Wahrheit, Objektivität und Allgemeingültigkeit sollen aufgelöst werden, auch das Subjekt soll der Dekonstruktion zum Opfer fallen. In diesem Zusammenhang ist Foucaults Anti-Humanismus zu sehen.(18) Er lehnt nicht nur die Annahme eines erkennenden und nach allgemeingültigen moralischen Normen handelnden Subjekts ab, sondern bezweifelt auch, dass der Mensch das Zentrum der Welt und der Geschichte ist. Der Mensch ist für Foucault nur eine soziale Konstruktion, die menschliche Vernunft nur ein Mittel der Beherrschung. Das menschliche Wissen und Handeln dienen immer bestimmten Machtinteressen.

Somit gelangen wir zu dem für Foucault zentralen Begriff der Macht. Richard Wollin bezeichnet Foucaults Machtbegriff als „an undifferentiated monolith, capable of explaining everything and nothing“.(19) Auf deutsch heißt es: „Macht“ ist ein Allerweltsbegriff, der auf alles und somit auf nichts bezogen werden kann. Foucault selbst bestimmt Macht auf folgende Weise:

„Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kräfteverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten … und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.“(20)

Alle sozialen Beziehungen, d.h. die gesamte soziale Welt, sind von Machtkonstellationen durchsetzt, die sich permanent verändern und umformen. Dabei sollte Macht nicht negativ betrachtet werden. Sie hat eine produktive Funktion; sie produziert die Realität, das heißt „Gegenstandsbereiche“, „Wahrheitsmerkmale“ und schließlich das Individuum und sein Wissen.(21)

Foucault beantwortet uns jedoch nicht die Frage, welche Macht legitim und welche nicht legitim ist, anhand welcher Kriterien „gute“ von „schlechter“ Macht unterschieden werden kann. Um diese Frage zu beantworten, wäre der Bezug auf feste Prinzipien bzw. allgemeingültige Normen notwendig. Foucault lehnt jedoch einen solchen Bezug ab. Normen haben seiner Ansicht nach die Funktion, Machtkonstellationen zu verdecken.

Foucault übernimmt von Nietzsche auch die Grundannahmen seiner Moralkritik. Er lehnt eine Moral, die sich an alle Menschen richtet, ab. Im Hinblick auf die antike Moral verwirft er die „Anstrengung …, sie (die antike Moral, A.U.) allen gleich zugänglich zu machen …“.(22) Eine allgemeine Verbindlichkeit von moralischen Werten und Normen kann es demnach nicht geben. Foucault schwebt eine Moral vor, die sich „an eine sehr geringe Anzahl von Individuen“, „eine ganz kleine Minderheit“ richten würde, an Menschen, die „ganz besonders“ sind.(23)

Daraus folgt, dass „Moral“ und das aus ihr folgende politische Handeln nur partikular sein können, d.h., sie können nur eine bestimmte Gruppe von Menschen in einer bestimmten sozio-kulturellen Lage und in einer bestimmten geschichtlichen Situation betreffen. Foucault geht es nicht um allgemeingültige Werte und Normen als Grundlage der Politik, sondern „um regionale, spezifische und kontextbezogene Ausübung der politischen Selbstbestimmung“.(24)

Er lädt dazu ein, Politik nur für bestimmte Gruppen zu machen, also Partikularinteressen durchzusetzen. Da Foucault einerseits allgemeingültige Werte und Normen ablehnt, andererseits Macht rehabilitiert, ihr positive Attribute zuschreibt, legitimiert seine Position eine Politik, die in der skrupellosen Durchsetzung von Macht besteht. Skrupellos ist diese Politik deshalb, weil sie keine Rücksicht auf allgemeingültige Werte und Normen, also Werte und Normen, die für alle Menschen gelten sollen (z.B. Gerechtigkeit oder Gleichheit vor dem Gesetz) nimmt. Sie ist parteiisch und präferiert bestimmte Gruppen vor anderen Gruppen.

Seite 2: Die Quotenpolitik als Machtpolitik

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13 Kommentare zu "Nietzsches Nihilismus
Prozesse der Auflösung"

  1. Sarah sagt:

    Wow! Ich bin begeistert von diesem sachlichen und differenzierten und gut recherchierten Text. Ich kann mich dieser Auffassung nur voll und ganz anschließen. Hatte diese Diskussion über Objektivität schon mit vielen anderen Frauen, die sich ebenfalls als Feministinnen definierten. Ich habe mich immer gefragt, wenn es keine Objektivität gibt – somit keine allgemeingültigen Werte – und nur das Machtstreben im Fokus steht, müsste es nach dieser Auffassung denn nicht völlig legitim sein, im Interesse meiner Machterweiterung/-erhaltung, die zu töten, die mir im Weg stehen? Bitte verstehen Sie, dass dies nur eine hypothetische Frage ist.

    Ich habe aber eine Frage – sie sagen:

    “Nietzsche verwechselt hier den Entstehungs- mit dem Begründungszusammenhang. Auch wenn man zeigen könnte, dass Moral aus bestimmten partikularen Interessen entsteht, sagt das noch nichts über ihre Geltung aus. Auch wenn man nachweisen könnte, dass die Moral, die von gleichen Rechten für alle Menschen spricht, aus den Interessen der Schwachen, Unterdrückten und Unterprivilegierten hervorgegangen ist, wäre damit kein Einwand gegen die Richtigkeit dieser Moral formuliert.”

    Aber wenn moralische Werte nur aus einem Machtinteresse entstehen, löst das nicht nicht die Kategorien von “gut” und “böse”, “richtig” und “falsch” auf? Also, dass die moralischen Werte einer Person (die ja nur Machtinteresse sind) den moralischen Werten (ebenfalls Machtinteresse) einer anderen Person gegenüberstehen und die stärkere Macht sich durchsetzt?

    Denn wie will man, wenn es keine Objektivität und Allgemeingültigkeit mehr gibt, sondern, nur Subjektivität und Interpretation, Kategorien zur Bewertung eines moralischen Wertes aufstellen bzw. diese Werte nach “richtig” oder “falsch” einteilen oder bemessen – also einen Maßstab entwickeln, nach dem das gemessen wird? Es gibt doch keinen Maßstab, wenn alles subjektiv ist, nur der eigene und das heißt: Jeder darf nach seinen eigenen Vorstellungen leben und alles tun um sich durchzusetzen.

    Ich würde mich fragen, wie die Menschen mit dieser Auffassung es finden würden, wenn man diese Auffassung konsequent leben würde?

    Liebe Grüße

    • Alexander Ulfig sagt:

      @ Sarah
      “Entstehungszusammenhang” meint hier, dass man mit der Entstehung der Moral ihre Gültigkeit begründet wird; Daraus, dass die Moral der gleichen Rechte von Unterdrückten, Unterprivilegierten und in Nietzsches Worten “Schwachen” aufgestellt bzw. von ihnen durchgesetzt wurde, wird von Nietzsche auf die Falschheit dieser Moral geschlossen. “Begründungszusammenhang” bedeutet, dass man die Moral, genauer: moralische Normen nicht im Rekurs auf ihre Entstehung, sondern anhand von bestimmten Kriterien begründet. Zu den Kriterien gehören z.B.: Übereinstimmung mit bestimmten Werten, Akzeptanz durch die Mehrheit der Bevölkerung, , Bewährung dieser Normen, ihre Nützlichkeit usw.

  2. Rafael sagt:

    @Sarah

    Zitat: “Ich würde mich fragen, wie die Menschen mit dieser Auffassung es finden würden, wenn man diese Auffassung konsequent leben würde?”

    Im Grunde ist es eine rhetorische Frage…

    Ich bin davon überzeugt, daß in das Herz eines jeden Menschen das in der Moralphilosophie und -theologie genannte Naturrecht gesenkt ist, welches seine Präzisierung, Verdeutlichung, in den 10 Geboten findet. Diese definieren dem menschlichen Gewissen, das nicht zur Willkür verkommen ist, was ein objektives Gut, das zu suchen ist, und was vom Übel, was zu meiden ist. (Gut/Böse entsprechen nicht unbedingt dem rein menschlich subjektiven Richtig/Falsch!)

    Gerade dieses übergeordnete Universalrecht und die 10 Gebote legen die grundlegenden Pflichten des Geschöpfes dem Schöpfer gegenüber (Direktbezug) und der Geschöpfe untereinander (Indirekteinbezug des Schöpfers, des Gesetzgebers) fest und ermöglichen ein sittliches Vernunft- und Willensgeleitetes Leben der Familie, des Volkes etc. überhaupt.

    Dies galt bis zur Aufklärung mit ihrem Deismus, später Atheismus und noch später Antitheismus als das objektiv gültige sittliche Recht.

    Nun, an der Stelle fallen gerade notwendigerweise alle (A)gnostiker, Atheisten etc. ins bodenlose Nichts, weil Sie das Geschaffensein, ergo ein Verantwortungsverhältnis einem übergeordneten Schöpfergeist (causa prima) gegenüber, strikt ablehnen. Konsequenterweise führen die bereits zu Absatzbeginn genannten (Geistes)haltungen zum Subjektivismus, Autonomismus, Zerfall der Familien, Volkes, Staates und bereiten den Weg in den Totalitarismus vor. In den Totalitarismus deshalb, weil der ins Chaos abgeglittene Mensch seine persönliche mißverstandene und mißbrauchte Freiheit (Freiheit im Prinzip: die Möglichkeit sich für das Gute zu entscheiden) als Bedrohung wähnt und nach mechanischen starken übergeordneten Gesetzen bis in seine Gedanken hinein verlangt.

    Beste Grüße!

    Rafael

  3. fruuf sagt:

    “Auch wenn man nachweisen könnte, dass die Moral, die von gleichen Rechten für alle Menschen spricht, aus den Interessen der Schwachen, Unterdrückten und Unterprivilegierten hervorgegangen ist, wäre damit kein Einwand gegen die Richtigkeit dieser Moral formuliert.”—–

    Hier verwechselt Nietzsche nicht, hier ist Nietzsche seiner Erkenntnis treu.
    Das Beispiel der Herrenmoral im Vergleich zur Sklavenmoral (Jenseits von Gut und Böse – Zur Genalogie der Moral) Der Autor hat hier nicht konsequent der perspektivischen Erkenntnistheorie Nietzsches gedacht, sondern sich von vom Subjekt geschaffenen Werten wie “Richtig” im Sinne der Erkenntnis einer existierender Wahrheiten verleiten lassen. Nietzsche wird man hiermit meines Erachtens nicht gerecht. Seine Umwertung aller Werte geschieht aus der Erkenntnis des freien und selbstbestimmten Wesens, das Wesen des Übermenschen, dessen Bewusstsein nach dem Tod des Monotheismus sich selbst Moral wird.

  4. fruuf sagt:

    Erlaube mir noch darauf hinzuweisen, dass die meines Erachtens sehr treffliche Beschreibung der irrationalen Ansprüche des Feminismus m.E. hier nicht mit Nietzsche legitimiert werden können.
    Dieser Feminismus macht genau das mit der Moral, was von Nietzsche daran ritisiert wird. Er argumentiert aus der “Opferrolle des Schwächeren” auf der Basis einer Moral der Gleichmacherei, die die vermeintlich “Stärkeren” einer Rüchsichtslosigkeit bezichtigt, die nach ethisch-moralischen Konventionen (der westlichen Demokratiekultur) per se verwerflich sei und per Gesetz korrigiert werden müsse.

    Das ist natürlich die Instrumentalisierung einer Moral des Schwachen als Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen – Mit Nichten als etwas, das sich aus Nietzsches Philosophie heraus legitimieren lassen könnte, zumal Nietzsche in seinem Werk die Meinung über das Weib und seine Stellung auch deutlich zum Ausdruck bringt.
    “„Alles am Weibe ist ein Räthsel, und Alles am Weibe hat Eine Lösung: sie heisst Schwangerschaft.” – Das dürfte wohl nichts sein, was der Feminismus bejahen wird.

    • Alexander Ulfig sagt:

      “Dieser Feminismus macht genau das mit der Moral, was von Nietzsche daran ritisiert wird. Er argumentiert aus der “Opferrolle des Schwächeren” auf der Basis einer Moral der Gleichmacherei …”
      Ja, das ist die Rhetorik des Feminismus, in Wirklichkeit geht es um die Durchsetzung einer Politik der Privilegierung für eh schon privilegierte Personen, einer Politik, die von mächtigen Lobbygruppen, betrieben wird.

  5. rote_pille sagt:

    guter artikel. in den schriften der liberalen nationalökonomen sieht man auch wie sie sich gegen nietzsches relativierung der moral wehren. dabei geht es auch um die behauptung der marxisten, dass die wissenschaft der nationalökonomie “bürgerlich” ist und ihre argumente nur “den interessen der herrschenden klasse dienen” würden. genau dasselbe behaupten die feministinnen, nur die nationalökonomie sind hier die allgemeinen sozialwissenschaften und die “herrschenden klassen” das “patriarchat”.

  6. waltomax sagt:

    Was ist denn diese “Höherentwicklung” des Lebens und welche Kriterien liegen einer solchen zugrunde?

  7. vonkorf sagt:

    Erstaunlich, völlig ausgeblendet bleibt doch hier der Gegensatz, der Widerspruch, als Antrieb aller (menschlichen) Dinge. Ein jeder selbst kann doch beobachten, dass alles widersprüchlich ist. Die Frage ist aber, wie wird damit umgegangen. Bekanntlich ist Kant mit seiner Pflichtethik gescheitert. Ganz einfach, weil persönliche Bedürfnisse, Interessen usw. Vorrang haben. Das ist heute nicht anders. War noch zu Zeiten feudalabsolutistischer Herrscher eindeutig, wer das Sagen hatte, sind heute diese (Herrschafts-)Verhältnisse anonym geworden. Es existieren Zwischeninstanzen wie eine Legislative. Gehen wir zum Beispiel in die USA. Dort finden wir aber keinen wirklichen Volksvertreter. Sondern lauter Leute, die das Interesse ihres „Standes“ wahrnehmen.

    • Leonard sagt:

      Warum benennen Sie nicht präzise den Argumentationspunkt, bzw. den Begriff, an dem aus Ihrer Sicht vom Autor Nicht-Identität (Widerspruch) mit der daraus folgenden Dialektik anstelle von Identität zu setzen wäre? Das wäre interessant, weil es ausgehend davon weitergedacht werden könnte.

  8. Lila Hart sagt:

    An sich wirklich toller, pointierter Text: Kompliment!

    Leider sind die beiden Schlussfolgerung stark verallgemeinernd bzw. ‘wertend’ und für mich persönlich kreuzfalsch.

    Abgelehnt wird imho in beiden Fällen eine fälschlich festgeschriebene ‘Essenz’ eines ‘Universalsubjekts’ mit idealtypisch teleologischer Entwicklung. In dem Sinne ist Nietzsches Abscheu gegen die ‘Schwachen, Missratenen’ nicht etwa (wie bereits im Dritten Reich voll und ganz missverstanden) als Sozialdarwinismus oder Eugenik zu verstehen, sondern als Verachtung von Mittelmass, Mief, Normalisierung, Durchschnitt, Bieder- und Kleinbürgerlichkeit. Es geht darum, sein Leben ‘in Fülle und aus dem Vollen’ zu leben, möglichst viel zu experimentieren, wagen, wachsen – also im Sinne eines kreativen, schöpferischen Werdensprozesses. Das hat mehr mit alter Mystik (z. B. den Gesetzen von Hermes Trismegistus oder eben dem titelgebeneden Zoroaster/Zarathustra) und der ‘vitalistischen’ Affektlehre von Heraklit und Spinoza zu tun, die eine ständige ‘Erweiterung’ der Sinne, Emotionen, Verknüpfungen anstrebt (also: ein immer dichteres Netzwerk / Rhizom). Das ist eine sehr ‘progressive’, ‘liberale’, d.h. freiheitliche Konzeption, keine faschistoide, die auf ‘unwertes Leben’ spuckt!

    Genauso geht es auch bei Foucault nicht im Geringsten (!) um Rechtfertigung von Macht oder gar Herrschaft, sondern darum, dass z.B. ‘Revolution’ und ‘Widerstand’ nicht sui generis / eo ipso, also ein für alle Mal bestimmt werden kann, sondern immer gegen die Macht- und Kräfteverhältnisse des ‘Diagramms’ der jeweiligen Zeit gesetzt werden muss – das, was Deleuze ‘Vektoren des Wunsches/Begehrens’ nennt, also strategisch in einem mehrdimensionalen Raum positioniert (ähnlich wie die feministische Standpunkttheorie, an der im Übrigen nix defensiv oder larmoyant ist, siehe z.B. Haraways Cyborg-Manifesto). Auch diese Konzeption beruht vor allem darauf, dem eigenen Handeln und der eigenen Entwicklung – kurz: der Existenz – eine gewisse, komplett ‘individuelle’ (also raumzeitlich singuläre) Ästhetik geben zu können, die sich aus der eigenen Positionierung/Bewegung ‘gegen’ bzw. innerhalb der Verhältnisse (Episteme/Wissensordnung, Dispositiv als materielle Blaupause, Diskurs als Streuung der Aussagen, Subjektivierung als Selbst-bezug etc.) ergibt. Das heisst also, Widerstand wäre vor allem ein ‘Negativ’ im Sinne eines Diapositivs oder Katalysator, der die Verhältnisse ‘umkehrt’ und damit verborgene oder exkludierte ‘Realitäten’ (Erfahrung, Ereignisse, minoritäres Wissen) ans Licht bringt.

    Das sind zwei wesentliche Merkmale und Schlüsse dieser Theorien und machen für mich auch ihren Reiz aus. (Dass beide auch ihre Ambivalenzen beinhalten und in mehrere Aspekten missverständlich bis problematisch sind, ist klar – darum halte ich es persönlich am liebsten mit Deleuze/Guattari, die für mich einen Schritt weitergehen und tatsächlich ein ‘nichthierarchisches/nonlineares Denken der Multiplizitäten ‘ ermöglichen (v.a. das für mich unerreichte Werk ‘Tausend Plateaus’, das viele eher schubladisierende Wertungen gewohnte ‘Schöngeister’ nicht verstanden haben – Künstler, Aktivisten und Revolutionäre dafür umso mehr…)

    Herzlich,

    x

    Lila

    • Alexander Ulfig sagt:

      “… möglichst viel zu experimentieren, wagen, wachsen – also im Sinne eines kreativen, schöpferischen Werdensprozesses.” Das ist eine Nietzsche-Interpretation, die heute “in” ist und auf die individuelle Selbstverwirklichung, auf den sog. “Selbstverwirklichungsindividualismus”, einen großen Wert legt. Ich habe im Artikel belegt, dass Nietzsches “Ethik der Vornehmheit” keine individualistische Ethik ist; vielmehr ist sie “Art-erhaltend” und “Art-züchtend”; sie rechtfertigt Sonderrechte für eine auserwählte Gruppe von Menschen, wendet sich gegen Demokratie und gleiche Rechte für Alle, wendet sich somit gegen heute akzeptierte Menschenrechte..
      Und warum spricht Nietzsche so verachtend, so menschenverachtend über die Anderen, die von ihm genannten “Schwachen”? Warum möchte er sie “nieder- und beiseitedrängen”? Ist es nur eine Rhetorik, die keine inhaltliche Bedeutung hat?
      ” …um Rechtfertigung von Macht oder gar Herrschaft …” Ich habe nicht geschrieben, dass Foucault bestimmte Macht und Herrschaft rechfertigen möchte. Ich habe aufgezeigt, dass sein Relativismus bezüglich allgemeingültiger Werte und Normen einer auf partikulare Interessen ausgerichteten Politik, einer reinen Machtpolitik Tür und Tor öffnet. Anders formuliert: Reine Machtpolitik ist m.E. die Konsequenz des oben genannten Relativismus.

      • fruuf sagt:

        Nietzsches Philosophie liegt m.E. die Aussage zugrunde, dass wir keine allgemeingültigen Werte oder Normen aufgrund der Begrenztheit unserer eigenen Erkenntnismöglichkeiten haben, sondern nur im Interesse allgemeiner Prinzipien der Macht und Entwicklung, der Natur und des Arterhaltes, Normen und Werte (auch ethische-moralische und religiöse) geschaffen haben. Hierbei ist es also der Wille zur Macht, der wenn er einem Stärkeren entgegensteht, sich dieser Mittel bedient. Sie sind somit nicht “moralisch”, altruistisch, sondern egoistisch, auch wenn man dies bis zur Unkenntlichkeit vor sich selbst verleugnet.

        Nietzsche fragt sinngemäß, was Nächstenliebe Wert sei im Vergleich zu Nächstenfurcht, da erstere doch beliebig, zweite aber absolut ist. Er schafft durch seine “Umwertung aller Werte” eine Realitätssicht, durch die Konditioniertheit von Haltungen und Überzeugungen, deren Existenz wir als natürlich oder als wesenshaft oder von Gott gegeben betrachten, die aber von seiner Betrachtungsgrundlage beobachtet doch auf einfache strukturelle Bedingtheit gründen. Ein Hindernis am Verständnis von Nietzsche besteht aus meiner Sicht darin, zu glauben, man hätte bei aller Freiheit des Geistes doch grundsätzlich unantastbare Werte. So lange man das glaubt sieht man sich eben immer noch in einer Art “Ebenbild der Gottheit”. Bei Nietzsche aber ist Gott tot, der Übermensch hat ihn überwunden und hat nun die Aufgabe sein eigener Gott zu sein.

        Somit kann Nietzsches Philosophie aus meiner Sicht als religiös-spirituelle Weiterentwicklung betrachtet werden.

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