Linke Identität
Weltrevolution in der Szenekneipe

Ein Diskurs unter Marxisten. Im Mittelpunkt steht der unter Pseudonym antwortende “Viktor Vladimirowitsch Starogin”. Heraus kommt eine schonungslose Dialektik über die Probleme einer zersplitterten Linken aus ungewohnter Perspektive.

Das Gespräch führte Sascha Becker, Blogger des DWR-Autorenkollektivs. “Marxisten im le Bohémien?” mag manch einer fragen. Wir halten dagegen: Die Kritik der politischen Ökonomie bleibt universal.

Genosse Viktor Vladimirowitsch –

Starogin: Ich grüße euch, Genossen!

Wir freuen uns, endlich einmal mit dir über diejenigen Fragen sprechen zu können, die uns und unsere Leserschar sicher sehr viel mehr interessieren als die bekannten neunundneunzig Prozent.

Starogin: Leider, ja.

Also über Fragen der Wirtschaft, gestellt aus einer nicht auf Effizienz und Umsatz eingeengten Perspektive…

Starogin: Gegen Effizienz habe ich gar nichts. Man sollte nur wissen, in welche Richtung sie geht. Die Perspektive, von der ihr sprecht, ist nicht in einem intellektuellen Sinne eingeengt oder sogar dumm – sie ist es vor allem in einem quantitativen Sinne, weil sie lediglich die Interessen einer Minderheit vertritt. Die entgegengesetzte Perspektive, die wir vertreten, ist einfach die Perspektive der Mehrheit der Bevölkerung auf diesem Planeten und damit, in einem mittelbaren Sinne, sogar aller Menschen – was die erste Sichtweise letztlich dann doch dumm macht.

Die Mehrheit der Bevölkerung würde uns da aber nicht zustimmen.

Starogin: Mit dieser Erwägung fängt das geistige Elend schon an. Die Mehrheit der Menschen würde auch nicht zustimmen, wenn man ihnen sagte, dass Nukleinsäuren wichtiger für ihr Wohlbefinden sind als Geld, Alkohol und Geschlechtsverkehr zusammen.

Zugegeben.

Starogin: Was für Menschen wichtig, ja notwendig ist, hängt nicht von ihrer Zustimmung ab. Was objektiv wichtig ist für einen Menschen, das läuft ohnehin, sagen wir mal, unterhalb eines durchschnittlichen Bewusstseins ab. Was sich der Herr Mensch so dazu denkt, das hat geringen Einfluss auf sein Rückenmark, bildlich gesprochen.

Der Zustand unserer Gesellschaften legt nahe, dass die Menschen kaum zu wissen scheinen, was für sie wichtig und notwendig ist.

Starogin: Natürlich nicht. Ärzte, Lehrer, Ingenieure und andere für den quasi physischen, objektiven Erhalt einer Gesellschaft wesentliche Personen richten sich nicht nach Meinungen und Zustimmungen, sondern nach dem Stand der Wissenschaften, in denen sie ausgebildet worden sind. Und bestenfalls werden dort keine Meinungen ermittelt, sondern Tatsachen.

Unsere Perspektive, die wir in diesem Gespräch vertreten möchten, ist also einfach eine Perspektive der Tatsachen?

Starogin: Wissenschaftlicher Sozialismus, ja.

Ist das nicht ein bisschen simpel, sich einfach auf das Faktische zu berufen?

Starogin: Es ist kein bisschen simpel, wir haben es nur simpel ausgedrückt. Es gibt zahllose Tatsachen, die gegen die Marktwirtschaft sprechen, überprüfbare, unleugbare, bezifferbare Tatsachen. Erst auf der Grundlage dieser Belege kann man für eine andere Gesellschaftsform überhaupt argumentieren. Erst kommen die Fakten, dann die Utopie. Erst das Konkrete, die Erfahrung, dann das Argument, das sie zitiert. Und bei diesem Vorgang des Erkennens geht es nicht um die Mehrheit, sondern um die Wahrheit. Mehr nicht. Oder, theologisch formuliert: Auf Erden sind wir Bettler, im logischen Raum aber sind wir Könige, denn wir haben die besseren, die meisten, die kritischsten Argumente.

Da haben wir aber doch ein Grundproblem des Kommunismus…

Starogin: Die Freiheitsfrage?

Genau.

Starogin: Wieso? Jede nützliche Wissenschaft hat dieses „Grundproblem“ und löst es auf ihre Art: indem sie die Wahrheit und ihre Folgen präsentiert und sie die Leute spüren lässt oder umgekehrt den Leuten die Begriffe gibt, die dazu, was sie schon spüren, passen. Kein Mensch zweifelt an der Kariesbehandlung, wenn er die segensreichen Folgen selbst erfahren kann. Wenn Freiheit Leiden bedeutet, muss sie geheilt werden. Wahrheit im sozialistischen Sinne ist ebenso erfahrbar wie medizinische Wahrheit – ohne den Vergleich zu weit treiben zu wollen. Der Schmerz hört auf oder zumindest: das Befinden bessert sich, das einmalige Geschenk des Lebens wird ernst genommen. Der Mensch gibt seine Freiheit freiwillig für die Dauer der Behandlung ab – anders gesagt: er bleibt frei.

Wie soll das gehen, wenn man den Arzt an der Behandlung hindert?

Starogin: Indem der verhinderte Arzt Schmerz und Behandlung erklärt, und nach hundert Quacksalbern, die seine Schmerzen nur verschlimmert haben, wird der Patient den neuen Arzt verlangen.

Und das ist dann die Revolution?

Starogin: Ja, warum nicht?

Aber wie kommt der Patient zum Arzt? Wie entsteht eine Mehrheit für den Sozialismus?

Starogin: Tja. Gar nicht.

Gar nicht?

Starogin: Unter den jetzigen ökonomischen Verhältnissen ist es unmöglich, eine Mehrheit vom Sozialismus oder auch nur vom notwendigen Versagen der Marktwirtschaft zu überzeugen. Die bestehenden Machtverhältnisse machen Aufklärung doch inzwischen zu einem Glücksfall bei Einzelnen. Die meisten Kapitalismusinsassen erwerben sich im Laufe eines 80-jährigen Lebens keineswegs das nötige Vorwissen, um die Gesellschaftsordnung zu begreifen, in der sie gelebt haben.

Kannst du da eine Zahl nennen oder ist das nur pessimistische Intuition?

Starogin: Kürzlich lese ich von einer Umfrage, nach der 55 % der Deutschen Merkels Sparkurs in der sogenannten ‚Euro-Krise‘ unterstützen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist also für die Unterdrückung der Bevölkerung – wenn auch vorerst der nichtdeutschen Bevölkerung am Mittelmeer. Die Mehrheit der Menschen im Westen vertritt in vielerlei Fragen Meinungen, die ihren Interessen konträr zuwiderlaufen. Es sind folglich nicht ihre Meinungen.

Sie sind beeinflusst im Sinne der Profiteure.

Starogin: Natürlich. Wer die Ressourcen hat bestimmt die öffentliche und zunehmend auch die private Meinung. Die meisten Menschen nehmen ihre Informationen in Form von Überschriften und Kurzmeldungen hegemonialer Medien wahr. Da ist weder Platz für detailliertes Argumentieren noch für grundlegend abweichende Perspektiven. Das sind Peitschenhiebe für Scheuklappengäule, nichts sonst. Sie denken nicht, sie werden gedacht. Sie fühlen nicht, sie reagieren auf gesetzte Reize. Der BILD-Leser etwa ist ein Pawlowscher Konsument, mehr nicht. Der Mensch dem Menschen eine Laborratte! Das kann man ja schön bei Adorno nachlesen, der in den Vierzigern noch dachte, er übertreibt mit seiner Kulturkritik. Heute ist sie eher untertrieben, und das heißt etwas.

Was ist mit alternativen Medien?

Starogin: Welche denn? Generell sind die doch meist noch schlimmer! Die haben dann, jenseits von Publikum und Auflage, die Narrenfreiheit, in obskuren Meinungsnischen ihre eigene Verwirrung zu pflegen und treiben so mit ihren Privatideen den letzten Rest an Realitätskontakt und journalistischer Seriosität aus. Verwirrung ist hingegen fast schon ein pharmazeutisches Produkt in einer Gesellschaft, in der die Vernunft dazu dient, Rentner auszuhungern, systematisch den Planeten zu zerstören und Angestellte möglichst gründlich um ihre Lebenszeit zu bringen.

Gut, wir grenzen die Frage auf sozialistisch und kommunistisch orientierte Medien ein…

Starogin: Von den 1000 Leuten, die sie lesen, überzeugen die 0,01 % (ja, das ist nur eine intuitive Zahl). Weil schlicht niemand sie aufschlägt, der nicht schon ihre Überzeugungen teilt und eben Konsument seiner eigenen gedruckten Überzeugung ist. „Gegenstandpunkt“, „Junge Welt“, „Konkret“ und was weiß ich wer noch alles halten höchstens ein paar Gefährten bei Laune, Tendenz sinkend. Das ist kein Funke, der in die Scheune überspringt – eher ein paar zerstrittene Wüstenmäuse inmitten einer Elefantenstampede. Das – wohl verstanden! – ist keine inhaltliche Wertung, sondern nur eine Abschätzung der Effizienz solcher Medien.

Also egal wer was wo schreibt: unter den herrschenden gesellschaftlichen Machtverhältnissen ist eine Mehrheit gegen die Marktwirtschaft oder für eine humanere Gesellschaft – wie auch immer man sie nennen mag – ausgeschlossen?

Starogin: Da bin ich mir leider sicher. Wer schreibt ist doch ohne Einfluss, was er schreibt ebenfalls – wichtig sind nur die Leute, die ihn oder sie bezahlen. Die bestimmen über die Verbreitung, die Präsentation und damit letztlich über die Durchsetzungskraft eines Gedankens. Zahlungskräftige, einflussreiche Leute finanzieren nur selten ihre eigene Abschaffung. Das ist ein hoffnungsloser Krieg. Und übrigens, was heißt da „Mehrheit“? Selbst zwanzig Prozent wären schon ein Märchen. Inzwischen haben sich derartige Monopole an Geld und Einfluss emporakkumuliert, dass deren Gewicht die ehemals so genannten ‚Progressiven‘ oder ‚Alternativen‘, also Staats- und Marktfeinde, die ernstlich die politökonomische Ordnung in Frage stellen, tief unter die 0,5-Prozent-Hürde drückt. „Nonkonformismus“ scheint mir inzwischen schon eine Floskel aus den Poesiealben merkwürdig menschlicher Jahrzehnte zu sein…

Nehmen Subkulturen, progressive und regressive, nicht eher zu?

Starogin: Ja, die patriarchalische Subkultur nimmt unter jungen Männern aus islamischen Familien zu. Und weiter?

Ist das kein Nonkonformismus?

Starogin: Soll das ein Witz sein? Wenn ich mich einer weltweit herumplärrenden Strömung von hasserfüllten Phalluskriegern anschließe, ist das genau das Gegenteil von individuell und nonkonform. Subkulturen sind das ja nur, wenn überhaupt noch irgendwo, in nichtislamischen Ländern. Nonkonformisten können sich nicht auf Staaten berufen, die ihre Meinung womöglich mit Atomwaffen unterstützen, und auch nicht auf Aufmerksamkeitsmonopolisten wie den Deutschen Fussballbund zum Beispiel. Und selbst wenn – was heißt das schon, ein Nonkonformist zu sein? Damit fängt alle Vernunft zwar an, aber für sich genommen ist das trotzdem noch Dummheit. Sogenannte ‚Subkulturen‘ sind doch kollektive Kulte, sonst nichts. Irrationale, rückschrittliche Kompensationen der Tatsache, dass im Kapitalismus die Konkurrenz die soziale Währung ist, in der kommuniziert wird. Nehmt nur Anhänger jedweder Jugend- und Musikkulturen – das sind kollektive Anpassungsrituale, gemeinsame Bäder in der Ähnlichkeit, die alle teilen wollen – kurz narzisstische Privat- und Intimveranstaltungen, selbstidentifikatorischer Gruppensex. Selbst wenn die nonkonform wären, wäre damit ja nichts gewonnen, da sich diese Nonkonformität in ästhetischen Fragen erschöpft und keineswegs nach außen wirkt in die gesellschaftliche Dimension. Selbst politische Subkulturen sind ja oft Lifestyle-Biotope, deren Anhänger und Anhängerinnen auch nicht anders leben als ihre Eltern und Nachbarn – und oft nicht einmal anders denken. Jede Sub- oder Gegenkultur oder Szene, oder welchen Namen man auch immer finden mag für diese eng abgegrenzten und sich abgrenzenden Identitätskommunen, hat ihren Zweck in der Zugehörigkeit, in Nestwärme, nicht in Aktion. Das gilt auch für linksradikale Zirkel. Man kann nicht von ihnen verlangen, raus ins Freie zu stolpern: Unterm Druck der großen wilden Welt ist der Einzelne von ihnen hilflos und die Gruppe immer viel zu klein, um zu bestehen. Das sind Gesinnungsfamilien, aber keine gesellschaftlichen Bewegungen.

Du hältst also nichts von den Hoffnungen gewisser Linker auf eine Art aufgeklärtes subkulturelles Bewusstsein?

Starogin: Ich halte von den Hoffnungen nichts, und von diesen gewissen Linken halte ich noch weniger. Nur weil man eine schwuler jüdischer Punk aus Peru ist, steht man noch nicht auf der richtigen Seite – wenn ihr das damit meint.

Kommt diese Faszination nicht einfach aus der Parteinahme für das Proletariat, die Opfer der Geschichte, die Geknechteten?

Starogin: Vielleicht. Diese Parteinahme, wie ihr sagt, ist im übrigen nicht mehr als eine Parteinahme für die zugleich verkannten eigenen Interessen. Der dandyhafte Applestudent mit Markenschuh und Style-Bewusstsein ist ein Proletarier, ob er das Wort mag oder nicht. Die Solidarität mit jenen scheinbar fernen Menschen, die meist mehr leiden als diejenigen, die dieses Leiden beschreiben, und für die man das Wort ‚Unterschicht‘ erfunden hat, um die privilegierteren Proletarier eine Stufe höher, in der ‚Mittelschicht‘ ansiedeln zu können, ist von der Solidarität mit dem prekären herumapplenden Nachbarn, der mit mir am Starbucks-Tischchen um ein paar Klicks konkurriert, doch nicht verschieden. Solidarität ist eine Kardinaltugend jedes Sozialisten – das heißt: jedes Menschen, der noch einer sein will. Aber Solidarität heißt nicht, die Denkweisen der Lumpenproletarier zu fetischisieren, wie es meinetwegen der elternfinanzierte Berliner Jungmarxist tut, wenn er daherkommt und sich nach einer Pasoliniphase durch ein paar schaurig-jämmerliche Milieus ethnologisiert, um diese ach so exotischen Erfahrungen unter Glas mit nach hause zu nehmen, darüber zwei Artikelchen zu schreiben und sich als Hornbrillenrebell auf der Seite der Gequälten zu inszenieren. Das ist auf den Kopf gestellte Spießigkeit. Wer oben ist lügt, aber wer ganz unten ist hat auch nicht recht. Demütigung ist keine gute Aufklärerin.

Wer oder was ist denn eine gute Aufklärerin?

Starogin: Die richtigen Begriffe an der richtigen Stelle, also leider auch der Zufall und die Krise. Man muss die Theorie deshalb lebendig halten – und das glaubt im Grunde jeder Marxist heute, jeder in seiner eigenen Gegenöffentlichkeit – für jenen historischen Moment, in dem die plötzliche, ungeahnte Gelegenheit ihre Verbreitung und Anwendung ermöglicht.

Eine Art Kairos also?

Starogin: Genau. Marxismus ist wohl zu einem großen Teil heute die Hoffnung auf diesen Kairos.

Ohne Hoffnung geht es nicht?

Starogin: Ohne Hoffnung beginnt der Zynismus. Der Marxismus ist eine kollektive, nicht unkomplizierte Erkenntnisanstrengung mit einer mehr als hundertfünfzigjährigen Erfahrungs- und Argumentationsakkkumulation – niemand, der hoffnungslos und zynisch ist, beteiligt sich an so etwas.

Hoffst du denn auf eine mögliche Revolution?

Starogin: Früher sagte man immer „die Revolution“, das hat sich jetzt also schon zu „einer Revolution“ abgeschwächt; sie ist schon in die Ferne gerückt und nicht mehr so genau erkennbar…

Es geht uns jetzt nicht darum zu bestimmen, was für eine Revolution genau damit gemeint sein könnte, sondern vielmehr um die Frage, ob die derzeitige Krise, die im Rahmen der Marktwirtschaft kaum noch zu bewältigen scheint, Hoffnungen auf eine revolutionäre Aneignung der Produktionsmittel bei dir nährt.

Starogin: Nein, überhaupt nicht.

Warum nicht?

Starogin: Weil ich, wie schon gesagt, die herrschenden Ideologien für viel zu verbreitet und verankert halte. Mit zunehmender Kapitalakkumulation und damit zunehmender Krisenhaftigkeit unserer Gesellschaftsordnung offenbart sich zwar immer mehr die Tatsache, dass dieses Wirtschaftssystem nicht mehr zu retten ist, übrigens nie zu retten war, weil es nichts ist als die Organisation krisenhafter Widersprüche auf vielen Ebenen seiner Wirksamkeit; zugleich aber mit dieser Problemphase des Kapitals findet erwartbarerweise eine ideologische Mobilmachung statt, die im selben Maß verstärkt werden muss, in dem die Ängste der Menschen innerhalb dieses Systems anwachsen. Die Masse wird erfolgreich daran gehindert, eine abstrakte Wirtschaftsordnung für die gesellschaftlichen Probleme verantwortlich zu machen und nach einer, zunächst, ebenso abstrakten Antwort auf diese Probleme zu suchen. Angst verhindert Abstraktion. Dann muss nur noch für jedes einzelne Problem eine andere Scheinursache ‚beworben‘ werden und schon sind die Produktionsmittel mittelfristig gesichert. Statt also ihren Zorn auf die marktwirtschaftlichen Mechanismen zu lenken und das ökonomische System anzugreifen, werden die Menschen in ihrer ideologischen Zurichtung die inneren Konflikte der Gesellschaft forcieren, die sich ja in vielen Staaten nicht erst seit kurzem zuspitzen. An die Stelle des Klassenkampfs treten Kämpfe innerhalb der gleichen Klasse, entlang kultureller und Identitätsgrenzen. Wir kennen die Sündenböcke und Strohpuppen alle, gegen die sich dann wieder einmal die grölende Stimme des Volkes richtet – „Juden“, „Zigeuner“, „Schmarotzer“, „Nestbeschmutzer“, Andersfarbige, Andersgläubige, Anderslebende und Andersdenkende. Teile und herrsche! Das haben sich nicht die Kapitalisten ausgedacht, nein, es hat sich günstigerweise so aus dem Konsumismus entwickelt, dass wir alle lästernde Egoisten geworden sind, die nur ihre persönlichen Träume zu retten versuchen und aus ihrer engen, leidenden Privatheit gar nicht mehr herauswollen, weil sie alles andere für noch schlimmer halten. „Mich erwischt es schon nicht, ich bin besser als die anderen“ oder „Wir stehen zusammen gegen die da gegenüber“ – das sind alles Scheinfronten, die den Frieden sichern. Das Kapital duckt sich indessen ängstlich, aber sicher hinter alle diese Sandsäcke der Volksverblendung.

Was ist deiner Meinung nach die Folge davon? Wird man die Demokratie opfern, um das Kapital zu retten?

Starogin: Ich kann nicht hellsehen. Aber warum sollte man nicht – erst recht, wenn es niemandem auffallen würde? Der Fall Griechenland zeigt, dass die Demokratie zumindest noch ein unvorhergesehener Störfaktor sein könnte. Doch den Betreuern des Kapitals ist da gewiss schon etwas eingefallen, um besser auf Störungen durch den Ungehorsam der Bevölkerung vorbereitet zu sein. Die Stärkung der EU-Institutionen, die momentan im Gespräch ist, geht ja schon in diese Richtung; da herrscht dann eine supranationale Verwaltung über die ohnehin schon nicht mehr repräsentativen nationalen Parlamente und verlängert so den Weg von den Wählern zu den Entscheidern noch einmal erheblich.

Du hast eben gesagt, auch linksradikale Gruppierungen seien keine gesellschaftlichen Strömungen, sondern…

Starogin: Gesinnungsfamilien!

Genau. Kannst du diese Metapher vielleicht argumentativ ein bisschen auffüttern?

Starogin: Aber gern. Die Familie bildet im sozial erkaltenden Spätkapitalismus immer mehr die Solidaritätsgrenze des Einzelnen, also diejenige Sphäre, über die seine Mitmenschlichkeit nur noch selten hinauskommt. Das sieht man schön in amerikanischen Filmen – Filme sind ja laut Žižek die reinsten Abbildungen herrschender Ideologien – in denen der Familienvater einen wahren Massenmord anrichten darf, nur um seine Kleinfamilie zu beschützen, und am Ende damit noch als Held dasteht. – Was tut also der verunsicherte Kleinbürger angesichts von atomarem GAU, Klimaschäden, Arbeitslosigkeit und Krisenpolitik? Er sucht sich ein gebärwilliges Weibchen, feiert einen feudalen Hochzeitstraum, zeugt weitere Kleinbürger, verschanzt sich in einem burgähnlichen Eigenheim, vor dem er vielleicht noch seine Nationalflagge aufzieht, und fährt pünktlich mit einem allradgetriebenen Wehrfahrzeug durch feindliches Gebiet ins Büro seines Ausbeuters.

Gut, aber was…

Starogin: Moment! Eine Gesinnungsfamilie verhält sich sehr ähnlich, nur statt auf materieller auf immaterieller Grundlage, das heißt sie pflanzt sich weder natürlich fort noch bildet sie eine Gütergemeinschaft. Sie basiert lediglich auf einer gemeinsamen Gesinnung, die in der Regel gegen die materiellen Gruppenbildungen gerichtet ist, die den Normen der Gesellschaft entsprechen. Ein Gesinnungsbund ist die zweitstärkste Gruppenbindung in unserer ökonomischen Umgebung. Wer keine Familie gründen kann oder will muss sich eine Gesinnungsfamilie suchen – eine Szene, eine Subkultur, irgendeinen Identitätspakt – deren Bande umso stärker sind, je weiter sich die Gesinnung von der Allgemeinheit entfernt. Nur so wird jene Abgrenzung und Eingrenzung geschaffen, die nach innen eine gewisse Geborgenheit gewährleistet, also das Gefühl, vertraut, geschützt, gekannt und anerkannt zu sein. Freundschaften gibt es ja praktisch nicht mehr; sie sind ephemer und unbehaglich. Keiner hat mehr Zeit für sowas, keiner kann und will sich noch an ein halbes Dutzend Menschen binden, die ständig umziehen oder Überstunden machen oder – schlimmer noch – gar nicht mehr arbeiten. Was bleibt sind Familie und Ehe, die physisch und ökonomisch funktionieren, so dass man für sie weniger Zeit und Verständnis als für Freundschaften opfern muss, ohne ihr Zerbrechen zu riskieren – und eben diese Gesinnungsbündelei gegen den Zeitgeist, die ja eindeutig zunimmt. Der inzwischen wieder salonfähige Nationalismus in Deutschland hat bei seiner Wiedererstehung seit den 90er Jahren übrigens genau davon profitiert, gegen einen Zeitgeist gerichtet zu sein, der ihn zu problematisieren schien. – Solche Identifikationsfamilien sind der einzige Weg aus der Isolation, wenn man sich keine Familie leisten kann oder will: so viel soziale Wahlfreiheit hat man also im Kapitalismus; genau so viel und kein bisschen mehr!

Linke Gruppen funktionieren also als soziale Wärmequelle, als immaterieller Familienersatz?

Starogin: Ja, und wie echte Familien auch stellen sie die Solidaritätsgrenze ihrer Mitglieder dar.

Soll das etwa heißen, es gibt keine Mitmenschlichkeit gegenüber Außenstehenden?!

Starogin: Es gibt keine Sympathie, kaum Empathie, wenig Verständnis und auch keinerlei Versuche, derartige soziale Qualitäten zu aktivieren. Die Mitglieder der Gesinnungsgruppe bestärken sich untereinander natürlich vor allem in ihrer Abgrenzung, Distanz und Differenz. Offenheit ist nicht erwünscht, sie würde ja den sozialen und emotionalen Zweck der Vereinigungen nur stören.

Ist das deine Deutung der chronischen Zersplitterung der Linken?

Starogin: Es ist eine mögliche Deutung. Aber diese Zersplitterung gilt nicht nur für die linke Szene, sie gilt für alle anderen politischen und unpolitischen Gegenkulturen genauso.

Bleiben wir trotzdem bei der linken Szene, um deine Deutung vielleicht noch etwas weiterzuführen. Wir alle wissen, wie spinnefeind die zahlreichen oder besser zahllosen Gruppierungen einander sind. Für Marxisten sind alle Nichtmarxisten Analphabeten, die erstmal in die Lesegruppe müssen; hat man aber Marx gelesen, muss man immer noch entscheiden, ob man sich traditionellen Marxisten, Vertretern der neuen Marx-Lektüre, Postoperaisten, Wertkritikern oder anderen Postmarxisten zugesellt; für Anarchisten sind das alles autoritäre Vereine und für Antideutsche ist ohnehin der ganze Rest der Welt außer ihnen selbst, Israel und den USA eine antisemitische Volksfront, die bombardiert gehört, während sie ihrerseits bei vielen als Rassisten gelten…

Starogin: Ja, sie alle sind verliebt in ihre Gleichheit, die sich von allen Anderen scheinbar so sehr unterscheidet, und verachten jeden, der nicht ganz genauso ist wie sie selber. Also auch hier: narzisstische Identitätskommunen und Distinktionsclubs. Je größer die Gleichheit nach innen und je kleiner der Kreis, desto größer die Differenz nach außen – und umgekehrt. Beides erhöht den Familien-Effekt, das Angenommensein und die Bestätigung zugleich von Einzigartigkeit und Zugehörigkeit. Gesellige Auserwähltheit: noch der hirnrissigste Irrenzirkel kann einer Person Zutritt zu dieser euphorisierenden Gefühlssituation verschaffen. Psychosoziale Strategien also, aber sicher keine gesellschaftlichen Strömungen sind solche Gruppierungen.

Entkräftet das denn ihre politischen Aussagen?

Starogin: Das kommt darauf an, worauf sich die jeweilige Aussage bezieht. Wenn man sie als Mittel zur Abgrenzung interpretieren kann, dann ja, wenn nicht, dann nein. Das Marxsche „Kapital“ wird in seinen Grundüberlegungen natürlich in keiner Weise dadurch entkräftet, dass ein paar Studenten durch die gemeinsame Lektüre ihr fades Selbstgefühl aufpeppen wollen. Was mir allerdings immer wieder auffällt ist die Tatsache, dass die Unterschiede zwischen diesen Polit-Clubs meist übertrieben werden, die Abgrenzung wird argumentativ und rhetorisch quasi-militarisiert. Der politische Nachbar oder meinetwegen auch Gegner kommt nie unter der schlimmstmöglichen Beschimpfung weg, es werden ausschließlich Höchststrafen verhängt. Besteht etwa das maximale Verdikt einer Gruppe darin, dass jemand antisemitisch ist – klar, dann ist der politische Gegner und sind alle andersartigen politischen Gruppierungen der Linken natürlich immer wieder „antisemitisch“. Die jeweiligen Begründungsmuster, warum das richtig ist und sein muss, besorgt die Propagandaabteilung der Gruppe qua Presseperiodikum. Der einzige Sinn vieler solcher Organe besteht dann darin, die Familienstrategie der Abgrenzung theoretisch zu verbrämen, zu rationalisieren also. Das meine ich damit, wenn ich sage, dass die Solidarität linker Gruppen, deren gemeinsames Erbe ja die Solidarität ist, kaum mehr über die eigene Identitätsnische hinauskommt. Und noch innerhalb dieser Nischen entstehen neue Nischen, bis jeder bald sich selbst in seiner Privatnische begraben lassen und die Distinktionsstrategie ihr verdientes dialektisches Ende im Solipsismus gefunden hat. Das ist dann die endgültige Bestätigung der herrschenden Verhältnisse durch das isolierte, abgestorbene Subjekt.

Hat die Linke aus diesem Grund keine gesellschaftliche Relevanz mehr?

Starogin: Das ist wohl ein Teil des Grundes, wobei ich hier nur einen psychologischen Erklärungsversuch ihres Gruppenverhaltens in der bestehenden historischen Situation gebe. Also: die Isolierung des Individuums in einer auf Konsum und Konkurrenz gegründeten Gesellschaft fördert die Entstehung narzisstischer Wahlfamilien und damit auch die Abschottung linker Gruppierungen, das wäre meine erste These dazu. Ökonomischer formuliert: die Privatheit der Produktion setzt sich in der Privatisierung des Politischen fort. So. Es bedarf aber noch einer zweiten These. Man sollte einmal darüber nachdenken, warum die Unterschiede zwischen linken Gruppierungen von diesen selbst stets und systematisch übertrieben werden, ohne dass jemals Kompromisse auch nur erwogen würden. Ein Kompromiss wird generell als Verrat an der eigenen Gruppe und Verfälschung der eigenen Wahrheit gewertet, niemals aber im Sinne eines Erkenntnis- oder Organisationsfortschritts, obwohl man letzteres ja nicht schon vorher ausschließen kann. Warum ist das so? Woher dieser Eifer? Und was bewirkt er letzten Endes? Ich kann nicht glauben, dass die enorme Beliebtheit rücksichtsloser Polemik nur als Abgrenzungsstrategie interpretierbar ist. Nun, ich denke, dass damit jede Kooperation schon im Vorhinein verhindert werden soll und zwar deshalb, weil jedem Linken klar ist, dass Kooperation der einzige Weg zu Praxis und politischer Wirksamkeit ist.

Das scheint mir jetzt ein Widerspruch zu sein…

Starogin: Es ist kein Widerspruch, weil meiner Einschätzung nach die überwiegende Mehrheit der Linken politisch und praktisch gar nicht wirksam sein will.

Du zählst die Occupy-Bewegung nicht zur Linken?

Starogin: Doch. Ich sprach ja deshalb auch von einer überwiegenden Mehrheit der linken Gruppen – die Occupy-Bewegung, die ihre Bekanntheit und Aktivität noch aus dem Schwung des Anfangs bezieht, ist eine der wenigen Strömungen, die vor allem auf politische Praxis zielen, leider zuungunsten der theoretischen Vorformulierung ihrer Absichten. Sie zeigt damit zugleich, dass es nicht nur schlechte Gründe gibt, dabei nicht mitzumischen.

Es gibt nicht nur schlechte Gründe – das ist klar – aber deiner Meinung nach wohl vor allem schlechte Gründe gegen Aktivismus?

Starogin: Das kann man doch nicht so allgemein beantworten! Was habe ich gesagt? Ich fasse einmal zusammen: die meisten linken Gruppierungen sind Wahlfamilien, die ihre Differenzen zu politischen Nachbarn maßlos überhöhen, um ihre Identitätsbaracken nicht verlassen und in einen solidarischen Klassenkampf ziehen zu müssen – der freilich auch andere, ganz und gar nicht psychologische Nachteile bedeutete. Die Rationalisierung dieser Nesthockerei funktioniert immer nach demselben Muster. Ich zitiere: „Nein, das sind Rassisten / Antisemiten / Sexisten / Feministen / Leninisten / Trotzkisten / Bellizisten / die haben ‚Das Kapital‘ nicht systematisch / nicht historisch / rein akademisch / unakademisch interpretiert / die haben eine autoritäre Diskussionskultur / die pinkeln im Stehen / die mögen keine Zwölftonmusik / die halten Denundden für ein Genie / einen Volltrottel / die interessieren sich nicht für Ökologie / sind Ökofaschisten / essen Fleisch / sind vegane Spinner / haben das Widerstandpotential der Popmusik nicht erfasst / die sehen sich Pornos an / sehen sich keine an / die beziehen sich auf Bücher aus dem Verlag X, obwohl das derselbe Verlag ist, der vor zehn Jahren in einem Sammelband einmal eine Rede von Y abgedruckt hat, der ja erwiesenermaßen ein Rassist / Antisemit / Sexist / Trotzkist / Bellizist / Stehpinkler ist, was man in unserer Clubgazette Z nachlesen kann. Die verstehen also nicht ansatzweise, worum es in dieser ganzen Scheiße eigentlich geht! Was zu tun ist und so. Deshalb kann man mit denen nicht reden oder zusammenarbeiten. Jeder Kompromiss mit denen wäre reaktionär / faschistoid / antisemitisch / rassistisch / sexistisch / trotzkistisch / bellizistisch / wie wenn man erst Fleisch isst und danach im Stehen pinkelt etc. und damit unvertretbar. Das sind Leute, die bekämpft werden müssen!“ Dieses Muster beinhaltet eine vielleicht nicht bewusst, aber akzeptiert unrealistische Forderung nach Reinheit der Lehre, die als Ausrede für mangelnde Praxisorientierung benutzt wird. Nur wenn alle den von der eigenen Gruppe mehr oder weniger einheitlich erreichten Grad an Erkenntnis und dogmatischer Reinheit erreicht haben, kann man erst beginnen, gemeinsam – was in diesem Falle gar nicht mehr hieße ‚gemeinsam‘, sondern eben einfach ‚wie eine Person‘ – gegen den eigentlichen Gegner vorzugehen, nämlich den Kapitalismus, in dessen Analyse sich komischerweise viele unterschiedliche Gruppen in grundsätzlichen Punkten (Scheinpolitik, Krisenhaftigkeit, Verarmung, Umweltzerstörung, globale Ausbeutungszusammenhänge, ideologische Nebenwirkungen, Kriege usw.) einig sind. Dabei ist jeder einzelnen Gruppierung klar, dass es NIEMALS dazu kommen wird, dass auch nur die Hälfte aller Linken ihrer eigenen Dogmatik beipflichten oder die auch nur dulden wird – sie, die jeweilige Gruppe selbst ist ja ein Beleg der Gründe und Mechanismen, die sie ebenso wie die anderen daran hindern. Die Beseitigung inhaltlicher Unterschiede – notabene nur bei den anderen! – ist also ein nicht erreichbares Scheinziel, das man sich setzt, um das wirkliche Ziel, nämlich die Ablösung der bestehenden Verhältnisse, dessen Erreichung das Erreichen des Scheinziels strategisch vorgeschaltet ist, gar nicht erst ansteuern zu müssen, weil es weniger amüsante Konsequenzen haben könnte.

Das Scheinziel der inneren Einigung ersetzt also das Hauptziel des Widerstandes nach außen?

Starogin: Genau so ist es. Die innerlinken Unterschiede werden im Laufe der Auseinandersetzungen für einige Grüppchen wichtiger als die Kritik am bestehenden System, das damit ja perpetuiert wird. Man könnte also gleich das ganze Kritisieren und Polemisieren sein lassen, der politische Effekt wäre wahrscheinlich der gleiche. Aus dem Widerstand, für den sich in früheren Zeiten Kommunisten haben foltern und ermorden lassen müssen, ohne dass sie ihn aufgegeben hätten, wird ein pubertäres Spiel mit Codes und Fahnenwörtern, das nichts und niemanden weiterbringt außer dem eigenen Ego. Ich schließe daraus, dass für ebendiese Gruppen das bestehende System dann eben einfach nicht das drängende Problem ist. Es ist ganz okay so. Starbucks, Internet, Gratisfilme, ab und zu einen durchziehen und über ein paar Leute lästern, zur Not halt auf Hartz IV, alles easy. Es fehlt in Deutschland die persönliche Betroffenheit, die Widerständler in anderen, härteren Zeiten und an anderen Orten so mutig, aber auch so kaltblütig gemacht hat und immer noch macht. Was dann vom linken Studenten in Germanien in seinem Blog eifrig kritisiert werden kann.

Zu bemängeln, dass jemand wie Max Hoelz ein Kommunist von anderem Schlag war als wir Wohlstandskritiker heute, heißt zugleich, den Wohlstand bemängeln, weil er uns noch nicht kaltblütig gemacht hat. Das ist weder eine haltbare Kritik noch etwas Neues…

Starogin: Nein, aber vielleicht sollte es dennoch einmal wieder gesagt werden: für zumindest einige  linke Gruppen ist es offensichtlich wichtiger, die eigene Identität in einem streitbaren sozialen Zusammenhang zu verwirklichen als eine andere Gesellschaft, in der sie womöglich nicht mehr die Lufthoheit über ihr privates Ideenreich genießen könnten, sondern die Wahrheit mit anderen teilen müssten. Vergemeinschaftung, Gleichheit, Solidarität – schlimme Vorstellungen für Linke…

Im Spätkapitalismus hat sich also, etwa zwischen dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Durchschlagen der gegenwärtigen Krise auf die sogenannten Mittelschichten in Deutschland, eine Situation entwickelt, in der Angehörige linksradikaler Randgruppen von den individualistischen Optionen der Konsumgesellschaft psychologisch und privat so sehr zu profitieren scheinen, dass Angriffe auf diese Gesellschaft in den Hintergrund getreten sind. Würdest du das so unterschreiben?

Starogin: Nein. Denn die Individuen profitieren nicht von diesem Individualismus, nicht einmal scheinbar. Die Konsumgesellschaft bietet keinerlei ‚Optionen‘, die nicht am Ende Zwänge wären. Der und die Einzelne macht dabei Verlust. Um zugleich auf euren Einwand von eben zurückzukommen: Linksradikale heute können und wollen sich vom Konsumismus natürlich nicht ausschließen. Wie  sollten sie auch? Entscheidend ist aber, ob sie seine Optionen erweitern wollen – oder ob sie mit diesem Schmalspurindividualismus zufrieden sind. Ob sie ihre Gegenwart in dieser pseudohedonistischen Zwangsgesellschaft ideologisch verklären und genießen können – oder ob ihnen das richtige Bewusstsein dazwischenkommt und eine Identifizierung mit den ‚Optionen‘ dieses Beglückungssystems dauerhaft verhindert. Das ist doch die Frage, das ist doch der Unterschied, auf den es ankommt!

Konkret?

Starogin: Ob sie sich also mit der Filterlosen im einen und einem verbalen Distinktionsbeweis im anderen Mundwinkel in der Berliner Szenekneipe schon dermaßen lebenskönnerisch und solitär vorkommen, dass es in einer alternativen Gesellschaft gar nicht mehr besser für sie laufen könnte. Diese Selbstverliebtheit, die typisch ist für unsere Gesellschaft, in der jeder glaubt, dass man sich für ihn interessieren müsse, zugleich aber keiner sich für den anderen interessiert und niemand diesen Widerspruch überhaupt bemerkt – dieser Narzissmus, der die gesellschaftliche Bedrohung, die mögliche Zerstörung des geliebten Selbst so völlig verkennt, verdrängt oder vergisst, weil die alltägliche Zerstörung fremder ‚Selbste‘ ja nicht in dieselbe Kategorie fällt, das ist heute der Wendepunkt vom vielleicht richtigen zum ganz sicher falschen Bewusstsein, von der Vernunft zur Ideologie, von der Kritik zur Affirmation, vom Menschen zum Konsumenten, vom Sozialisten zum Sozialdemokraten, vom Linksradikalen zum Bohemien und in jedem Fall zum Vollidioten!

Was bedeutet das bezogen auf die Zersplitterung der Linken?

Starogin: Das bedeutet, dass der wahre Individualismus, den zu vertreten überhaupt erst die Existenzberechtigung der Linken ist, sich nicht in Apple-Produkten und irgend bestehenden Identitätsangeboten verwirklichen kann, sondern einzig und allein auf dem Weg des Klassenkampfs. Das heißt durch die Ablösung immer rigiderer Zwänge der Marktgesellschaft durch eine vergemeinschaftete Produktion. Punkt. Dahinter geht kein Weg zurück, der aus Unterwerfung und Lebensmüdigkeit herausführen soll. Und das muss und kann man auch begreifen!

Und Gruppen, die das nicht begreifen, wären für dich also keine Kooperationspartner?

Starogin: Soll das eine Fangfrage sein?

Nur ein Bemühen um Präzision.

Starogin: Das käme auch hier auf den konkreten Fall an, auf die begriffliche Ausgangssituation der Gruppe, ihre Ziele, ob man diese dem Klassenkampf unterordnen könnte oder sie davon herleiten könnte und so weiter. In den allermeisten Fällen kann man das. Das ist ja der Witz an der Geschichte…

Danke für deine verlustreich in dieses Gespräch investierte Lebenszeit.

Starogin: Danke ebenso. Wieder ein Schritt weiter auf dem Weg zum profitlosen Dasein…

 

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92 Kommentare zu "Linke Identität
Weltrevolution in der Szenekneipe"

  1. Leonard sagt:

    Der Klassenkampf “von oben”, der ständig mehr oder minder bewusst betrieben wird, erscheint den Herrschenden als völlig normale Ausübung ihrer Rechte und ihrer ganz selbstverständlichen Macht; nur den beherrschten Klassen und Schichten der Gesellschaft erscheint diese Praxis – aber erst wenn und sobald sie diese in ihrem Bewußtsein reflektiert – als das, was sie ist, nämlich Klassenkampf “von oben”.

    Die aktuell zu beobachtende Berliner und Brüsseler Politik, die im Kern eine Politik für die privaten Vermögenden und ihre ebenso privaten Institutionen (Banken und sonstige Unternehmen) ist, ist ein einziger großer Beleg hierfür.

    Der spontane Widerstand von unten gegen ihre “vernünftige Politik”, d. h. ihren Klassenkampf von oben, wird von den Herrschenden als (böser) KLASSENKAMPF oder mindestens als Unvernunft diffamiert, was wirklich nicht verwundern kann.

    Erst wenn die beherrschten Klassen & Schichten jenseits spontaner Wut und eines noch unreflektierten, aktionistischen Widerstandes die “vernünftige Politik” als
    => Klassenkampf von oben reflektieren und begreifen, werden sie befähigt, die Notwendigkeit des
    => Klassenkampfs von unten einzusehen und auf Grundlage dieser Einsicht eine
    => Praxis des politisch orientierten emanzipatorischen Widerstandes zu entwickeln:

    was zu befördern wäre!

    Das ist die Aufgabe, an deren praktischer Lösung alle Linken, d.h. alle ernsthaft an der Emanzipation der beherrschten Klassen & Schichten orientierten Menschen, arbeiten sollten.

  2. niemand sagt:

    Soll das eine Satire sein? Es mag provozierend klingen, aber das Einzige, was mir zur sprachlichen Qualität dieses Textes einfällt, sind die Cassiber, die die ebenso gewalttätigen wie armen Irren der Raf in ihren Gefängniszellen verfasst haben. Wie kann man Menschen, die Texte solcher Art verfassen, klar machen, dass sie sich völlig auf dem Holzweg befinden? Dass sie lieber erst mal kritisch über sich selbst nachdenken sollten, bevor sie sich Gedanken darüber machen, auch noch den Rest der Menschheit mit ihrem Wahn zu beglücken?

    • auch niemand sagt:

      “Wie kann man Menschen, die Texte solcher Art verfassen, klar machen, dass sie sich völlig auf dem Holzweg befinden?”

      Wie wärs mit einem Argument?

  3. HAM sagt:

    Die Entstehung von linken „Gesinnungsfamilien“ und .„narzisstischen Identitätskommunen“ wird von “Viktor Vladimirowitsch Starogin” (“VVS) zutreffend beobachtet und beschrieben. Allerdings verbleibt die Argumentation auf den Ebenen von Deskription und psychologischer Deutung, denn die Frage nach dem „WARUM?“ dieses Phänomens wird ausgeklammert.

    Offensichtlich gibt es derzeit ein Bedürfnis nach der Bildung derartigen „Gesinnungsfamilien“
    Aber es fehlen die soziologische Analyse und die wissenschaftliche Reflexion dieses Phänomens.

    „VVS“ meint:
    Sogenannte ‚Subkulturen‘ sind doch kollektive Kulte, sonst nichts. Irrationale, rückschrittliche Kompensationen der Tatsache, dass im Kapitalismus die Konkurrenz die soziale Währung ist, in der kommuniziert wird. Nehmt nur Anhänger jedweder Jugend- und Musikkulturen – das sind kollektive Anpassungsrituale, gemeinsame Bäder in der Ähnlichkeit, die alle teilen wollen – kurz narzisstische Privat- und Intimveranstaltungen, selbstidentifikatorischer Gruppensex.
    es hat sich günstigerweise so aus dem Konsumismus entwickelt, dass wir alle lästernde Egoisten geworden sind, die nur ihre persönlichen Träume zu retten versuchen und aus ihrer engen, leidenden Privatheit gar nicht mehr herauswollen, weil sie alles andere für noch schlimmer halten. …
    Die Mitglieder der Gesinnungsgruppe bestärken sich untereinander natürlich vor allem in ihrer Abgrenzung, Distanz und Differenz. Offenheit ist nicht erwünscht, sie würde ja den sozialen und emotionalen Zweck der Vereinigungen nur stören. …
    Je größer die Gleichheit nach innen und je kleiner der Kreis, desto größer die Differenz nach außen – und umgekehrt. Beides erhöht den Familien-Effekt, das Angenommensein und die Bestätigung zugleich von Einzigartigkeit und Zugehörigkeit. …
    Was mir allerdings immer wieder auffällt ist die Tatsache, dass die Unterschiede zwischen diesen Polit-Clubs meist übertrieben werden, die Abgrenzung wird argumentativ und rhetorisch quasi-militarisiert.“

    Unbestreitbar gibt es diese psychosozialen Bedürfnisse der Individuen nach Gemeinschaft, nach Angenommensein, nach positiver Bestätigung und Anerkennung etc. Irrational ist jedoch die praktizierte psychologische Strategie, denn die Gruppenmitglieder bestätigen sich gegenseitig ihre Überlegenheit gegenüber anderen, indem sie die anderen abwerten. Daher auch diese Abgrenzung und Militanz. Irrational deshalb, weil sie außerhalb ihres Gruppenkontextes in ähnlicher Weise Abgrenzung, Abwertung und Militanz erleben und erleiden. Folglich erleben sie sich als umzingelt von einer Welt von Idioten und Feinden.

    Erklärt ist damit allerdings noch nichts, denn wie jede nur aufs Psychologische reduzierte Begründung ist auch diese tautologisch, denn diese psychosozialen Bedürfnisse gab es zu allen Zeiten und wird es zu allen Zeiten geben, nur wurden sie in besseren Zeiten anders ausgelebt. Wissenschaftliche Rationalität und mitmenschliche Solidarität widersprechen nicht diesen Bedürfnissen, ganz im Gegenteil, allerdings erfordern sie dazu eine entsprechende soziokulturelle Realität.

    „VVS“ weist auf die Diskrepanz der imaginierten Gruppenidentität und der gesellschaftlichen Praxis dieser Gruppen hin:
    „Selbst politische Subkulturen sind ja oft Lifestyle-Biotope, deren Anhänger und Anhängerinnen auch nicht anders leben als ihre Eltern und Nachbarn – und oft nicht einmal anders denken. Jede Sub- oder Gegenkultur oder Szene, oder welchen Namen man auch immer finden mag für diese eng abgegrenzten und sich abgrenzenden Identitätskommunen, hat ihren Zweck in der Zugehörigkeit, in Nestwärme, nicht in Aktion. Das gilt auch für linksradikale Zirkel. Man kann nicht von ihnen verlangen, raus ins Freie zu stolpern: Unterm Druck der großen wilden Welt ist der Einzelne von ihnen hilflos und die Gruppe immer viel zu klein, um zu bestehen. Das sind Gesinnungsfamilien, aber keine gesellschaftlichen Bewegungen.“

    Eine von der Gruppe imaginierte Überlegenheit einerseits, andererseits ein angepasstes und konformistisches Sozialverhalten ist kennzeichnend für Gruppenidentitäten in der Pubertät. Man möchte autonom sein und imaginiert sich in seinem Selbstbild so, aber befindet sich objektiv im Zustand familiärer und schulischer Abhängigkeit und Fremdbestimmung.

    So erinnert auch die heutige „linke Szene“ – und nicht nur diese – sehr an dieses Verhalten.

    Das heutige „linke Spektrum“ ist – so meine These – soziologisch nicht identisch mit der APO oder der „Neuen Linken“ Ende der 60-er, denn deren Aktivisten rekrutierten sich aus anderen Schichten.

    Bei einer soziologisch-analytischen Betrachtung des heutigen „linken Spektrums“ wird m. E. deutlich, warum dieses heute politisch weitgehend irrelevant ist. Die heutigen Linken verfügen nicht über Macht- und Einflusspositionen in der Gesellschaft. Viele gehören zu den prekarisierten Schichten. Vor 100 Jahren waren die Industriearbeiter noch ein gesellschaftlicher Machtfaktor, weil sie über Produktionsmacht verfügten: Alle Räder stehen still, Wenn dein starker Arm es will.

    Aufgrund ihrer realen sozialen Ohnmacht flüchten sie in die Identitätswelten eines „Second Lifes“, „VVS“ spricht von „Identitätsbaracken“:
    „Ich fasse einmal zusammen: die meisten linken Gruppierungen sind Wahlfamilien, die ihre Differenzen zu politischen Nachbarn maßlos überhöhen, um ihre Identitätsbaracken nicht verlassen und in einen solidarischen Klassenkampf ziehen zu müssen – der freilich auch andere, ganz und gar nicht psychologische Nachteile bedeutete.“

    Hier stellt sich die Frage, welchen Sinne es macht, in „in einen solidarischen Klassenkampf zu ziehen“, welcher über die alltäglichen Frustrationen hinaus noch weitere „andere, ganz und gar nicht psychologische Nachteile bedeutete“ .
    In einer solchen Konstellation wird man kaum MitstreiterInnen finden, denn die wollen lieber „Spaß haben“ und „gut drauf sein“.

    Daher auch die beschriebenen Gruppenphänome in der linken Szene. Jene Individuen, die im „Real Life“ ohne Einfluss sind und deren Meinung dort nicht zur Kenntnis genommen wird, konstruieren sich in ihren Gruppen ein „Second Life“, wo sie Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten. Logischerweise beschränken sich deren politische Aktivitäten auf „Symbolpolitik“, welche sich vor allem in Empörungs- und Betroffenheitsdiskursen sowie in politisch unwirksamen Symbolhandlungen wie Petitionen und Demonstrationen ausdrückt. Über Politik-Simulation kommt dies nicht hinaus.

    Diese Konstellation ist Ausdruck der realen gesellschaftlichen Machtverhältnisse.

    „VVS“ sagt:
    Von den 1000 Leuten, die sie lesen, überzeugen die 0,01 % (ja, das ist nur eine intuitive Zahl). Weil schlicht niemand sie aufschlägt, der nicht schon ihre Überzeugungen teilt und eben Konsument seiner eigenen gedruckten Überzeugung ist. „Gegenstandpunkt“, „Junge Welt“, „Konkret“ und was weiß ich wer noch alles halten höchstens ein paar Gefährten bei Laune, Tendenz sinkend. Das ist kein Funke, der in die Scheune überspringt – eher ein paar zerstrittene Wüstenmäuse inmitten einer Elefantenstampede. Das – wohl verstanden! – ist keine inhaltliche Wertung, sondern nur eine Abschätzung der Effizienz solcher Medien.“

    Wenn man dieses langweilige, antiquierte und trockene Zeug dieser Linken liest, so ist es doch nicht verwunderlich, dass heute sich dafür kaum jemand interessiert. Da kann kein Funke überspringen, weil es keine neuen, zündenden Ideen für die Gestaltung der Zukunft gibt. Das linke Spektrum ist weitgehend „retro“ ausgerichtet, die systemerhaltende Linke verbreitet die Illusion einer Rückkehr in die goldenen 70-er Jahre, die Marxisten-Leninisten haben bis heute noch nicht realisiert, dass marxistische Revolutionstheorie längst auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet ist. Es gibt keine Revolution der Massen, denn die lohnarbeitenden Massen sind anti-revolutionär eingestellt. Jedoch finden Weiterentwicklungen von gesellschaftlichen Transformationstheorien kaum Resonanz.

    Dieses bei den meisten Linken (noch?) vorherrschende Retro-Bewusstsein mit der traditionellen Fixierung auf „Klassenkampf“ verunmöglicht ihnen, bereits vorhandene strukturrevolutionäre Tendenzen in dieser Gesellschaft zu erkennen und aus der Analyse der tatsächlichen Prozesse in dieser Gesellschaft konkrete Utopien zu entwickeln.

    • “Unbestreitbar gibt es diese psychosozialen Bedürfnisse der Individuen nach Gemeinschaft, nach Angenommensein, nach positiver Bestätigung und Anerkennung etc. Irrational ist jedoch die praktizierte psychologische Strategie, denn die Gruppenmitglieder bestätigen sich gegenseitig ihre Überlegenheit gegenüber anderen, indem sie die anderen abwerten. Daher auch diese Abgrenzung und Militanz. Irrational deshalb, weil sie außerhalb ihres Gruppenkontextes in ähnlicher Weise Abgrenzung, Abwertung und Militanz erleben und erleiden. Folglich erleben sie sich als umzingelt von einer Welt von Idioten und Feinden.”
      Dieses Phänomen ließe sich noch im 19. und 20. Jahrhundert auf den nationalstaatlichen Chauvinismus übertragen. Mit der voranschreitenden Ökonomisierung durch den neoliberalen Kapitalismus sind dann aber schrittweise ein konsumistischer Pseudo-Individualismus und konsumistische Subkulturen entstanden, die die nationalstaatliche Fokussierung durch diese neue Ideologie der Identitätsbildung abgelöst bzw. ersetzt haben.

  4. FetteBeute sagt:

    Vielleicht wäre es besser gewesen den Leuten in diesem Text relativ unmißverständlich zu erklären, dass die Gesellschaft schlichtweg die Kontrolle über das Wirtschaften verloren hat. Der Mensch ist heute Opfer dieses Wirtschaftssystems. Das kann man anhand von relativ einfachen Beispielen dokumentieren. Auch wenn der Text inhaltlich doch ein gewisses Niveau pflegt und die wesentlichen ernstzunehmenden Aspekte einer Kritik am aktuellen Wirtschaftssystem (u.a.) umfasst, so ist gleichzeitig relativ sicher das der “Uneingeweihte” davon einfach kein Wort versteht. Beispielhaft dafür ist der Kommentar von ‘niemand’ weiter oben.
    Worum geht es also im Kern? Eine gutes Wirtschaftssystem soll die Güterversorgung der Bevölkerung sicherstellen und NICHT die Bevölkerung tyrannisieren.
    Niemand ist aktuell daran interessiert ein solch gutes Wirtschaftssystem zu formulieren. Also geht die Tyrannei weiter. Ein erbärmliches Schauspiel. Traurig und elendig, durch und durch.

  5. HAM sagt:

    Der Text des fiktiven Interviews befasst sich mit dem Phänomen der Zersplitterung der Linken in „Gesinnungsfamilien“ und „narzisstische Identitätskommunen“. Es bilden sich auch im linken Spektrum – wie in der Gesellschaft überhaupt – Identitätsgemeinschaften, welche die Charakteristik von Sekten aufweisen. Sekten sind Identitätsgemeinschaften, und zwar selbstreferentielle soziale Systeme, welche durch gemeinsame wissenschaftsferne bzw. anti-wissenschaftliche Glaubensinhalte gekennzeichnet sind.

    Diese Sekten befriedigen elementare menschliche Bedürfnisse nach Gemeinschaft, also nach Zusammengehörigkeit, Nähe, Geborgenheit, Akzeptanz, gegenseitige Achtung, Solidarität etc. – und dies in einem kapitalistischen Gesellschaftssystem, welches in seinem Alltag durch Ausbeutung, Übervorteilung, Betrug, Konkurrenz, Feindseligkeit („homo homini lupus“) gekennzeichnet ist.

    Neben den Sekten, welche Glaubens- und Identitätsgemeinschaften darstellen, bringt die kapitalistische Gesellschaft zugleich einen anderen Typ von Gemeinschaft hervor, nämlich Banden. Das sind mafiöse Strukturen, welche vom gemeinsamen ökonomischen Interesse der anti-sozialen Selbstbereicherung bestimmt sind. „Brothers in Crime“ nennt sie Wolfgang Pohrt im gleichnamigen Buchtitel. Im Verlagstext heißt es zu diesem Buch:
    Schon 1992 hatte Wolfgang Pohrt unter Berufung auf den Horkheimer-Satz, wonach die gesellschaftliche Herrschaft »aus ihrem eigenen ökonomischen Prinzip heraus in die Gangsterherrschaft« übergehe, die aktuelle Entwicklung beschrieben …
    Statt noch einmal über die mittlerweile hinlänglich bekannten Machenschaften der herrschenden und der anderen Klassen sich zu verbreiten, unternimmt Pohrt den Versuch, die Bedingungen zu bestimmen, unter denen sich auflöst, was Gesellschaft war, und an deren Stelle ein System von Gruppen, Cliquen und Banden tritt.

    Nach Horkheimer tendiert der Kapitalismus aus ureigenstem Prinzip zur Verbrecherherrschaft. Das ist eine soziologische Gesetzmäßigkeit, vergleichbar mit einem Naturgesetz.

    Die Zersplitterung der Gesellschaft durch „Sekten“, also durch Glaubens- und Identitätsgemeinschaften, sowie durch „Banden“, also antisozialen Ausbeutungs-, Betrugs-, Plünderungs- und Raubgemeinschaften, ist ein typisches Phänomen von kapitalistischen Gesellschaften im Stadium ihres Niederganges. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise gab es vergleichbare Phänomene. Man denke z. B. an „Al Capone“ oder „Bonnie und Clyde“.
    Und historisch gab es in gesellschaftlichen Krisenzeiten immer unzählige Glaubens- und Identitätsgemeinschaften.

    Selbstverständlich gibt es auch Mischformen von „Sekte“ und „Bande“. Man denke an Organisationen wie „Scientology“, „Hell Angels“ etc.
    „Netzwerke“ etc. in Parteien haben eine ähnliche Funktion.
    In den kapitalistischen Gesellschaften hat sich eine „Mafia aus Finanzwelt und Politik“ herausgebildet:
    „Europas oberster Korruptionsbekämpfer spricht von einem Milieu, in dem Bereicherung Ziel des Handelns ist. Und die Politik macht mit.“ (Die Welt vom 1.6.11). Wolfgang Hetzer meint in diesem Artikel, dass es eine „Leitkultur der Korruption” gebe und wirtschaftliche Rationalität abgedankt habe. Die Finanzwelt folge der Logik der Mafia, nämlich der Orientierung am höchstmöglichen Gewinn bei minimiertem Risiko. Dazu werden alle Mittel eingesetzt, die Wirksamkeit versprechen, etwa in Kontakten mit Wirtschaft, Verwaltung und Politik.

    Die Bildung von „Sekten“ und „Banden“ – so meine These – sind Symptome eins gesellschaftlichen Niedergangsszenarios. Beide „Organisationsformen“ erfüllen Bedürfnisse, zum einen psychosoziale Bedürfnisse, zum anderen ökonomische. Aus der Perspektive der Individuen erscheint ihnen daher ihr Handeln als rational, hingegen aus einer objektiven wissenschaftlichen Außenperspektive als irrational, weil die Folgen dieses Handelns – nämlich gesellschaftliche Destruktion – im Widerspruch zu den subjektiven Zielen stehen.

    Diese Widerspruch gehört zur Normalität der kapitalistischen Gesellschaft, nämlich dass das subjektiv als rational erlebte Handeln objektiv irrational ist, eben weil es den objektiven Interessen der handelnden Menschen widerspricht. Dieses Phänomen wird in der Sozialphilosophie mit Begriffen wie Entfremdung, Verdinglichung und Fetischisierung beschrieben.

    Marx spricht davon, dass sich die Systemlogik hinter dem Rücken der Individuen durchsetzt, Freud konstatiert, dass das Handeln der meisten Menschen aus unbewussten Motiven erfolgt.

    Das ist der Grund, weshalb bislang in den entwickelten kapitalistischen Ländern bislang noch nie eine sozialistische Revolution stattgefunden hat, eben weil rationale Aufklärungsstrategien angesichts der durch das System erfolgten psychischen Konditionierung der Menschen unwirksam sind.

    Auch der gesellschaftliche Niedergang lässt sich daher nicht aufhalten.

    Was jedoch nicht bedeutet; dass der Kapitalismus ein ewiges Leben besitzt. Im Gegenteil, die Prozesse der gesellschaftlichen Selbstzerstörung werden immer deutlicher und damit die Chancen für eine Transformation dieses Systems.

  6. HAM sagt:

    Es gibt auch andere Linke …

    Das oben abgedruckte, fiktive Interview wurde bereits am 9.7.2012 auf der DWR-Website publiziert.

    Am 22.10.2012 schieb ein „Schorsch“ einen Kommentar dazu.

    Erst 3 Monate danach antwortete das „dwrkollektiv“ auf diesen Kommentar.

    Als Beispiel für ein Interesse an Kommunikation wird dies niemand ansehen, sondern als ein kommunikatives Defizit.

    Interesant wäre, zu erfahren, wie der Genosse “Viktor Vladimirowitsch Starogin” dieses Phänomen von kommunikativem Desinteressse beurteilt.

    Bei mir als Außenstehendem drängt sich der Eindruck auf, dass, wenn er von linken „Gesinnungsfamilien“ und „narzisstische Identitätskommunen“ spricht, sehr stark von den Erfahrungen mit seinem Gruppenkontext beeinflusst ist.

    Es ist ja nicht so, dass das gesamte linke Spektrum durch selbstreferentielle, narzisstische Psychogruppen gekennzeichnet wäre.

    Es gibt Individuen und Arbeitsgruppen, deren gesellschaftliche Relevanz unbestreitbar ist, weil sie wichtige soziologische, ökonomische und sozialpsychologische Forschungsarbeit und Theoriebildung leisten.
    Der „wissenschaftliche Sozialismus“ zeichnet sich gegenüber anderen sozialistischen Tendenzen dadurch aus, dass er Wissenschaft in das Zentrum seiner revolutionären und emanzipatorischen Arbeit stellt.

    Aufgabe von revolutionären Intellektuellen ist es, die gesellschaftswissenschaftliche Forschung und Theoriebildung voranzutreiben. Wie in allen anderen Lebensbereichen ist wissenschaftliche Theoriebildung eine entscheidende Voraussetzung gesellschaftlicher Fortentwicklung. Die revolutionären Wissenschaftler übernehmen dabei eine vorwärtstreibende Funktion als „kollektiver Theoretiker“ im Kontext des „gesellschaftlichen Gesamtarbeiters“ (vgl. Hans-Jürgen Krahl).

  7. DWR sagt:

    Lieber “HAM”,

    du hast dir nun soviel Schreibarbeit und mir inzwischen auch einige Einwände gemacht, dass ich wohl darauf antworten muss, obwohl – und das ist meine erste Antwort – ich von sogenannten ‘Online-Diskussionen’ nicht viel halte:

    Ich nehme mir also auch mitunter die Freiheit, auf Kommentare nicht zu antworten und halte die Interpretation dieser Freiheit als “kommunikatives Defizit”, gelinde gesagt, für einen skurrilen Einwand. Nicht zuletzt, da du mir doch selbst in deinem ersten Kommentar “psychologische Deutung” sogar vorwirfst. In besagtem Fall handelt es sich außerdem um einen Kommentar, den wir für gar nicht ergänzungsbedürftig gehalten haben und als Ergänzung zu unserem eigenen Text stehen ließen.

    So bin ich auch jetzt noch so frei, deine recht hausbackene Unterstellung, ich spräche in dem Text ja nur von “Erfahrungen mit [meinem eigenen] Gruppenkontext”, einfach nicht zu kommentieren; schließlich stehe ich hier nicht als Person vor einem Revolutionsgericht, sondern möchte mich lediglich zu meinem Text äußern.

    Mit Bezug auf deine Kommentare sind dabei m. E. zwei wesentliche Punkte zu klären:

    1. Der Vorwurf, “psychologische Deutung” zu betreiben statt “die Frage nach dem „WARUM?“ dieses Phänomens” zu behandeln, ist sicher allgemein berechtigt – gegenüber meinem Text jedoch nicht, in dem zwei wesentliche gesellschaftliche Gründe für die (nicht nur) linke Entsolidarisierung gegeben werden: nämlich Konsumismus und Konkurrenz. Ersterer stellt das einzelne Individuum ins Zentrum aller profitablen Antworten auf die alte Frage, wie man zu leben habe. Letztere macht Solidarität sogar zu einer Untugend im ökonomischen Überlebenskampf.

    Auch die psychologisch-deskriptive Ebene möchte ich doch verteidigen, steht sie doch zwischen dem Individuum und der Gesellschaft und kann das Verständis der Beziehung zwischen beiden schon manchmal erleichtern. Viele Marxisten verachten ja die Psychologie, fragen sich aber trotzdem, warum es mit der Agitation nicht recht weitergeht, obwohl doch – ohne psychologische Zwischenebene betrachtet – die Lohnabhängigen alle Gründe hätten, für eine andere Gesellschaft einzutreten. Um die Antwort auf solche Fragen ging es mir ja gerade in obigem Text, der darum ohne Psychologisieren nicht auskommen konnte.

    2. Der übliche Einwand, bestimmte marxistische Begrifflichkeiten seien nicht up to date. Du schreibst:

    “Es gibt keine Revolution der Massen, denn die lohnarbeitenden Massen sind anti-revolutionär eingestellt. Jedoch finden Weiterentwicklungen von gesellschaftlichen Transformationstheorien kaum Resonanz. Dieses bei den meisten Linken (noch?) vorherrschende Retro-Bewusstsein mit der traditionellen Fixierung auf „Klassenkampf“ verunmöglicht ihnen, bereits vorhandene strukturrevolutionäre Tendenzen in dieser Gesellschaft zu erkennen und aus der Analyse der tatsächlichen Prozesse in dieser Gesellschaft konkrete Utopien zu entwickeln.”

    Ja, die Lohnarbeiter sind anti-revolutionär eingestellt, kein Zweifel. Mein Gegenargument ist schlicht: das muss nicht so bleiben. Ob dieses Argument gilt, ist freilich nicht objektivierbar und überanstrengt jedwede Diskussion.

    Und der “Klassenkampf” – dieses Wort, das ich ganz bewusst benutze, ist noch immer als Stein des Anstoßes gut und wird, wie beim Genossen “niemand”, mindestens mit der RAF assoziiert. Auch du beschränkst dich auf das Bekenntnis von ‘marktgängigen’ Assoziationen, wenn du mit Begriffen wie “Fixierung” und “Retro-Bewusstsein” erneut psychologisierst OHNE einen einzigen Grund gegen diesen Begriff ins Feld zu führen. Ich will nichtsdestotrotz kurz einen simplen Grund dafür nennen: die Überwindung einer Gesellschaft, die auf Ungleichheit beruht, auf der Benachteiligung vieler zum Vorteil weniger oder – noch unmarxistischer gesagt: in der es manchen doch durchaus sehr gut, wenn auch vielen schlecht geht, wird niemals im Konsens möglich sein. Und diejenigen, die bei einem radikalen gesellshcafltichen Wandel am meisten verlören, sind gerade diejenigen, die sich am besten wehren können. Wer wollte das bestreiten? Mehr ist mit dem “Klassenkampf” nicht gemeint.

    Sehr neugierig bin ich tatsächlich, von welchen “Weiterentwicklungen von gesellschaftlichen Transformationstheorien” du sprichst, da mir ein so allgemeiner Begriff doch wenig Prüfbares an die Hand gibt. Auch “konkrete Utopien” interessieren mich natürlich.
    Schließlich bin ich nicht Marxist, weil man mich dazu gezwungen hätte, sondern weil ich an jeder ausgearbeiteten Theorie zur Erkärung des Kapitalismus interessiert bin. Und wenn ich eine besser als die von Marx fände, wäre das natürlich wunderbar.

  8. HAM sagt:

    @DWR 7. März 2013 um 22:48

    Unser Diskurs weist zwei Gegenstandsbereiche auf, nämlich
    1. die Zersplitterung der linken Szene in „Gesinnungsfamilien“ und .„narzisstische Identitätskommunen“ und die Frage nach der Erklärung der Genese diese Phänomens.
    2. das marxistische Klassenkampfparadigma und die Kritik daran.
    .
    zu 1:
    Zunächst finde ich es sehr wichtig und anerkennenswert, dass im fiktiven Interview jener Typ von „linker“ Gemeinschaftsbildung, welcher dort als „Gesinnungsfamilie“ und „narzisstische Identitätskommune“ bezeichnet wurde, kritisch dargestellt wurde. Obwohl diese Struktur der Gemeinschaftsbildung nicht nur im linken Spektrum, sondern überall in der Gesellschaft verbreitet ist, gibt es nach meiner Kenntnis noch keinen treffenden wissenschaftlichen Terminus dafür.
    Auch der Begriff der „Sekte“ erfasst das Phänomen nicht in seiner Komplexität. Zutreffend ist: Es sind Glaubens- und Identitätsgemeinschaften, welche sich eine subjektive Realität und Dogmen konstruieren, es sind selbstreferentielle Systeme, die Individuen verweigern einen Meta-Diskurs und sind unfähig zu dialektischem Denken und Argumentation. Die Art der Identitätsbildung hat eine „Drogenfunktion“, da sie Verdrängung und Umdeutung der Realität sowie Realitätsflucht ermöglicht und so auf – im psychoanalytischen Sinne – regressive Weise Angst und Unlust reduziert. Marx nennt Religion „Opium des Volkes“ – diese verinselten Gruppen haben eine in quasi-religiösen Drogenfunktion. Die Praxis dieser Gruppen ist pseudo-rational ist, Zielsetzung und Praxis stehen in Widerspruch zueinander bzw. widerspricht die Praxis den objektiven Interessen der beteiligten Individuen. Die Mitglieder einer derartigen „Sekte“ befinden sich im Zustand einer kollektiven kognitiven Dissonanz.
    .
    Wobei „Sekte“ besser zu religiösen oder politischen Gruppen passt, da Glaubensinhalte leichter identifizierbar sind. Jedoch umfasst aber dieser Typ von „Identitätsfamilie“ generell alle Gruppen mit dieser Art von irrationalem bzw. pseudo-rationalem Welt- und Umweltbezug. Beispielsweise auch Astrologie- und Kräuter-Gläubige, Ernährungsdogmatiker und-fetischisten verschiedenster Orientierung, Körperkultler, Fan-Gemeinschaften unterschiedlichster Art (z. B. Fußball-Fans).
    .
    Individuen mit einer derartigen Psyche werden in der analytischen Psychologie als Neurotiker bezeichnet, hier hingegen handelt es sich Kollektive bzw. „Communities“, welche eine Identitätsstruktur aufweisen, welche als „Kollektivpsyche“ benannt werden könnte. Diesem Phänomen einer „Kollektivpsyche“ auch kollektive Wahnbildungen zuzuordnen, wie jene anti-rationalen kollektiven Deutungsmuster von Fanatikern im Nationalsozialismus, bei den Marktgläubigen, im Marxismus-Leninismus und in Gottesstaaten
    .
    Wie ist die massenhafte Entstehung von „Sekten“ quer durch die gesamte Gesellschaft zu erklären?
    .
    Sekten gab es in der Menschheitsgeschichte schon immer, in der historischen Betrachtung wird deutlich, dass Art und Umfang der Sektenbildung Ausdruck einer gesellschaftlichen Veränderung sind.
    Wer wie ich die APO-Zeit erlebt hat, weiß dass die Zersplitterung der Linken ein Phänomen ist, welches Ende der 60-er Jahre aus der 68-er-Bewegung entstand.
    Nachfolgend sollen einige der bekannteren oder größeren Organisationen bzw. Gruppen genannt werden:
    KPD-ML (1968)
    Revolutionärer Kampf (RK) (1969?)
    GIM (1969)
    marxistische Juso-Gruppen („Stamokapler“ und „Anti-Revisonisten“ ab ca. 1970)
    KBW (1970)
    KPD-AO (1970)
    Sozialistische Arbeitergruppe (SAG) (1970)
    Marxistische Gruppe (MG) (1971)
    KB Nord (1971)
    KABD/MLPD (1972)
    Voran (1973)
    .
    Zu den politischen Neugründungen sind auch militante Gruppen zuzurechnen, wie:
    Rote Armee Fraktion (RAF) (1970)
    Bewegung 2. Juni (1972)
    Revolutionäre Zellen (RZ) (1973?)
    .
    Diese Gruppen bildeten jeweils einen selbstreferentiellen sozialen Kontext, sie hatten ihre eigenen Kneipen, Veranstaltungen etc. Ein gruppenübergreifender Diskurs fand nicht statt, obwohl viele der Führungspersonen eine gemeinsame politische Vergangenheit im SDS hatten.
    .
    Es gab jedoch nicht nur die Sektenbildung mit politischen Zielsetzungen, sondern auch in anderen Bereichen. Als Beispiele für neu-religiöse Gruppen sind z. B. an die „Hare-Krishna-Bewegung“, die „Jesus People“ oder an die „Bhagwan-Sekte“ zu nenne,
    Weiterhin gab es Aussteigergruppen, welche (Land-)Kommunen bildeten (z.B. Hippie-Kommunen oder die Muehl-Kommune).
    .
    In diesem Kontext sind auch die drogenkonsumierenden Gruppen zu betrachten.
    .
    Etwas später entstanden die Frauengruppen mit eigenen Frauen-Cafes, -Kneipen und – Buchläden, weiterhin Öko-Gruppen sowie unzählige Psychogruppen.
    .
    All diese Gruppen bildeten Glaubens- und Identitätsgemeinschaften. Und ein gemeinsames Merkmal ist die Ferne zu und der Verlust von wissenschaftlicher Rationalität.

    Bei den militanten Gruppen zeigen sich das subjektive Leiden an der Gesellschaft und die daraus resultierende Aggressivität. Diese Menschen hielten die gesellschaftliche Alltagsrealität nicht mehr psychisch aus, genauso wenig wie die Drogensüchtigen.

    Das Phänomen der Bildung von irrationalen bzw. pseudorationalen Glaubens- und Identitätsgemeinschaften ist jedoch keineswegs ein historisch neues Phänomen. Sondern es ist typisch für gesellschaftliche Krisenzeiten, es ist bekannt zum Beispiel aus Dekandenzära der zaristischen Gesellschaft sowie aus der Zwischenkriegszeit zwischen WK I und WK II.
    .
    Die Irrationalität des gesellschaftlichen Systems führt zur Irrationalität in den Köpfen der Individuen. In gesellschaftlichen Krisenzeiten werden die “außengeleiteten Menschen” zu Irren, weil das sie steuernde System so irre geworden ist.
    .
    Das ist keine neue Erfahrung. So funktionieren Gesellschaften, in denen die meisten Menschen von “unbewussten Motiven”, d.h. vom sozialen System, gesteuert werden, welches sie selbst nicht durchschauen.
    Es handelt sich um Symptome eines soziokulturellen Niedergangsszenarios. Christopher Lash bezeichnete die Umbruchepoche seit Ende der 60-er Jahre als „Zeitalter des Narzissmus“ (1980).
    .
    zu 2:
    Das marxistische Klassenkampfparadigma und die Kritik daran.
    .
    Unbestreibar haltet es sich bei der spätkapitalistischen Gesellschaft um eine Klassengesellschaft. Eine auf dem Stand der wissenschaftlichen Entwicklung stehende Klassenanalyse findet sich z. B. bei Hans Jürgen Krysmanski.

    Völlig antiquiert und historisch obsolet ist jedoch das marxistische Klassenkampfparadigma, wonach durch „Klassenkampf“ und eine „proletarische Revolution“ die kapitalistische Klassengesellschaft überwunden werden kann und soll.
    Eine ausführliche Kritik findet sich z. B. in den Texten von Robert Kurz aus „konkret“ 5/2000 und 6/2000 mit den Titeln:
    „Wir haben ihn so geliebt, den Klassenkampf
    Das letzte Gefecht des Arbeitsmarxismus (Teil 1)“ und
    „Auschwitz als Alibi? Die letzten Gefechte der Restlinken (2. Teil)“
    .
    Die Feststellung der historischen Obsolenz des marxistischen Klassenkampfparadigmas erfolgte bereits zuvor bei Theoretikern, wie Horkheimer, Adorno und Marcuse . So auch bei Hans-Jürgen Krahl, dem führenden Theoretiker des SDS, über den Dutschke sagte: „Er war der Klügste von uns allen …“
    Später auch z. B. bei André Gorz.
    .
    Trotzdem gibt es heute nur wenige Linke, bei denen die Weiterentwicklungen von systemtransformativer Theorie angekommen sind, im Spektrum der Linken ist nach wie vor weit verbreitet der Retro-Marxismus mit Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert.
    .
    Tatsächlich ist der Klassenkampf, wie Robert Kurz ausführt, ein systemimmanentes Phänomen, in dessen Zentrum der Verteilungskampf steht.
    .
    Der Soziologe, Prof. Dr. Hartmut Rosa, schreibt:

    „Ich möchte hier die These vertreten, dass die unheilvolle Konzentration der politischen Linken auf die Frage der Verteilungsgerechtigkeit niemandem anderen als dem neoliberalen Gegner in die Hände spielt und das unheilvolle Spiralsystem, welches jener betreibt, in Gang hält..“
    .
    Kern dieser These ist, dass sich die linksliberale Linke, bei der Verteilungsgerechtigkeit und Umverteilung durch Steuerpolitik im Zentrum steht, sich zum Helfershelfer der Neoliberalen macht.
    .
    Rosa führt hierzu aus:
    „Auf den ersten Blick scheint die Sache klar zu sein: Die spätmoderne kapitalistische Gesellschaft erzeugt systematisch Gewinner und Verlierer, und sie lässt die Gewinne der Sieger ebenso wie die Verluste und Leiden der Verlierer immer größer werden. Folglich tut die politische Linke gut daran, ebendiese Verteilungslogik zum Hauptgegenstand ihrer Kritik zu machen. Und die faktischen Verhältnisse drängen diese Kritik ja auch unmittelbar auf: Die öffentliche Diskussion konzentriert sich aktuell auf das unbestreitbare Skandalon, dass die Gehälter der Spitzenmanager in Deutschland inzwischen das 400fache des einfachen Angestellten oder Arbeiters betragen – und geradezu explodieren, während die Reallöhne am unteren Einkommensende schrumpfen. Klarer Fall, Attacke?

    Irrtum! Ich möchte hier die These vertreten, dass die unheilvolle Konzentration der politischen Linken auf die Frage der Verteilungsgerechtigkeit niemandem anderen als dem neoliberalen Gegner in die Hände spielt und das unheilvolle Spiralsystem, welches jener betreibt, in Gang hält.“

    Diese These besagt, dass die linksliberale „Verteilungslinke“ sich entweder
    a) unbewusst zu Helfershelfern – Lenin würde von „nützlichen Idioten“ sprechen – der Neoliberalen macht, weil sie diesen Irrtum nicht erkennen.
    b) ein Teil betreibt dies aus zynisch egoistischen Kalkül , was wahrscheinlich für nicht wenige der BerufspolitikerInnen, Medienleute etc. zutrifft.

    Warum halten so viele Linke, auch jene, welche ernsthaft und ehrlich einen Systemwandel wollen, nach wie vor am obsoleten Klassenkampfparadigma fest?
    Warum durchschauen sie nicht, dass sie sich damit objektiv zu Helfershelfern der reaktionären Neoliberalen machen, weil sie einen falschen Weg propagieren, der noch nie in einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft erfolgreich war, sondern überall scheiterte?
    Die historische Erfahrung zeigt seit über 100 Jahren, dass der Klassenkampf keine emanzipatorische Strategie ist, sondern systemimmanent bleibt und so die Klassengesellschaft perpetuiert.
    Offensichtlich gibt es nur wenige, welche wie z. B. Robert Kurz in der Lage sind, ihre ML-Weltanschauung kritisch zu reflektieren und ihre Gefangenheit im ML-Klassenkampfparadigma zu überwinden.

  9. Leonard sagt:

    an HAM:

    “Völlig antiquiert und historisch obsolet ist jedoch das marxistische Klassenkampfparadigma, wonach durch „Klassenkampf“ und eine „proletarische Revolution“ die kapitalistische Klassengesellschaft überwunden werden kann und soll.”

    Aber: wie soll denn nun mit der Agenda 2010 – und zukünftig mit der Agenda 2020 – politisch umgegangen werden? Siehe:

    http://www.sozialismus.de/kommentare_analysen/detail/artikel/mit-der-agenda-2020-aus-der-abwaertsspirale/

    Mit Passivität? Oder mit Aufklärung, Selbstorganisation und Widerstand?
    Was also ist die Alternative zum “Klassenkampf”? Gibt es eine?

    Im übrigen: ob es unter der Bedingung eines offenen historischen Horizonts irgendwann eine soziale Revolution gibt – oder eben nicht – und wer sie ggf. trägt, das wird nicht in irgendwelchen Köpfen, sondern in der historisch-gesellschaftlichen Praxis entschieden und bleibt eine offene Frage.

  10. HAM sagt:

    @Leonard 11. März 2013 um 17:21

    Aber: wie soll denn nun mit der Agenda 2010 – und zukünftig mit der Agenda 2020 – politisch umgegangen werden? … Mit Passivität? Oder mit Aufklärung, Selbstorganisation und Widerstand?
    .
    Die logisch übergeordnete Frage ist, wie mit den zu erwartenden gesellschaftlichen Entwicklungen umgegangen werden soll? Welche Vorgehensweise macht Sinn?
    .
    Diess ist eine Systemfrage . Marx bezeichnet den Kapitalismus als ein „falsches System“. Man könnte auch sagen, dass es sich bei der Marktwirtschaft um eine „Anti-Ökonomie“ handelt, weil sie nicht der Verbesserung des gesamtgesellschaftlichen Reichtums, sondern zwangsläufig in ein Niedergangsszenario einmündet.

    Aufgrund des wissenschaftlichen-technischen Fortschritts wäre eine kontinuierliche Verbesserung des allgemeinen Wohlstands möglich. Nicht jedoch nicht im kapitalistischen System, sondern hier tritt das Gegenteil ein: die arbeitende Bevölkerung muss immer mehr und länger arbeiten, was jedoch eine zunehmende Pauperisierung nicht aufhält.
    .
    Denn das kapitalistische System ist eine Kapitalverwertungsmaschine, welche ab einem gewissen Entwicklungsstadium aufgrund ihrer Eigengesetzlichkeit nicht mehr das Wachstum der Realökonomie fördert, sondern diesem sogar entgegenwirkt, während zugleich im monetären Bereich eine Aufblähung erfolgt.
    .
    Es kommt zu einer realwirtschaftliche Abwärtsspirale und zunehmenden Wohlstandsverlust der arbeitenden Bevölkerung. Immer größere Teile der Arbeitsbevölkerung werden prekarisiert. Die Zustände in den USA, und GB und Südeuropa zeigen, wohin die weitere Entwicklung gehen wird.

    Um diesen Vorgang zu verstehen, sei z. B.auf das Buch von Ernst Lohoff und Norbert Trenkle: „Die große Entwertung. Warum Spekulation und Staatsverschuldung nicht die Ursachen der Krise sind.“ Vgl. hier.
    .
    Da es sich um eine Systemgesetzlichkeit handelt, ist die realwirtschaftliche Abwärtsspirale unaufhaltsam, wenn dieses „falsche System“ nicht durch ein neues System einer gemeinwohlorientierten Ökonomie ersetzt wird.
    .
    Systemimmanente Verteilungskämpfe besitzen daher die Charakteristik eines Kampfes auf einem sinkenden Schiff für die Verbesserung der Situation der Passagiere in der Billigklasse.
    .
    Leonard:
    Was also ist die Alternative zum “Klassenkampf”? Gibt es eine?
    .
    Robert Kurz ist zuzustimmen, wenn er gegen den „Klassenkampf“ für die Entstehung einer schichten- und klassenübergreifenden systemtransformativen Bewegung argumentiert:
    „Die Gesellschaft polarisiert sich dann quer durch alle Funktionsträger, Klassen, Gruppen, Schichten usw. in ein Lager, das die herrschende Form mit aller Gewalt erhalten und ein Gegenlager, das sie überwinden will. Der Maschinenarbeiter in der Rüstungsindustrie, die alleinerziehende Mutter, der Langzeitarbeitslose, die Elendsunternehmerin, der Billiglöhner und selbst der Manager usw. können bei dieser einmal in Gang gekommenen Polarisierung hüben oder drüben stehen, das kann gar nicht “objektiv” vorentschieden sein.
    Die ihre eigene Beschränktheit nicht begreifenden Restideologen des “Klassenkampfs” blicken mit grundlosem Hochmut auf die Beschränktheit der neuen sozialen Bewegungen seit den 80er Jahren herab. Zum einen waren diese Bewegungen eine unreflektierte Reaktion auf das Ende der Arbeiterbewegung. Zu Recht konnten ihre Träger mit der anachronistisch gewordenen arbeiterbewegungsmarxistischen Form der Kapitalismuskritik nichts mehr anfangen. Damit verloren sie allerdings in falscher Unmittelbarkeit und auf der Grundlage eines kruden Naturbegriffs den kritischen Bezug auf das Ganze der kapitalistischen Gesellschaft; sie formierten sich als “Einpunktbewegungen”, die auf ihre Weise nicht weniger als die alte Arbeiterbewegung auf die kapitalistischen Formen fixiert blieben. Zum andern aber konstituierten sie sich tatsächlich bereits selbst, es waren der Form nach keine qua “Stellung im Produktionsprozeß” des Kapitals vorsortierten “Klassenbewegungen” mehr.
    Die auf die Erscheinungsebene beschränkte Ein-Punkt-Kritik hat sich inzwischen ebenfalls völlig erschöpft; die Erkenntnis ihrer Grenzen setzt die erneuerte Kritik des gesellschaftlichen Ganzen, also des Kapitalverhältnisses, auf die Tagesordnung. Aber dies kann keine Rückkehr zur Klassenkampf-Ideologie sein.

    .
    Leonard:
    Im übrigen: ob es unter der Bedingung eines offenen historischen Horizonts irgendwann eine soziale Revolution gibt – oder eben nicht – und wer sie ggf. trägt, das wird nicht in irgendwelchen Köpfen, sondern in der historisch-gesellschaftlichen Praxis entschieden und bleibt eine offene Frage.
    .
    Es wäre falsch und völlig gegen die Intention des „wissenschaftlichen Sozialismus“ gerichtet, den Stellenwert der „Theorie in den Köpfen“ zu unterschätzen oder sogar in anti-intellektueller Weise zu ignorieren.

    „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie” sagt Kurt Lewin in Anspielung auf die 11. Feuerbachthese. Ohne zutreffende Theorie in den Köpfen lässt sich keine Brücke, kein Hochhaus oder kein Flugzeug bauen und ohne diese lässt sich auch keine Gesellschaft erfolgreich transformieren.
    Fehlt diese Theorie in den Köpfen so ist das Scheitern der „historisch-gesellschaftlichen Praxis“ bereits vorentschieden.

    Und dies ist ganz und gar nicht eine „offene Frage“.

  11. DWR sagt:

    Ich will nur kurz anmerken, dass ich weder im Interview noch in meiner Kommentar-Antwort noch sonstwo “systemimmanente Verteilungskämpfe” verteidige.

    Nochmals: “Klassenkampf” ist der Kampf um die ÜBERWINDUNG der Klassengesellschaft, und es ist eine nachträgliche sozialdemokratische Verfälschung des Begriffs, wie er bei Marx und Engels vorkommt, wenn man irgendwelche Verteilungskämpfe, Gewerkschaftsarbeit oder auch den Kampf um den Arbeitstag als Wesen des “Klassenkampfs” darstellt. Verteilungskämpfe werden entlang der Klassengrenzen geführt, aber sie ersetzen nicht den Kampf um eine Abschaffung aller Klassengrenzen!

    Ich kenne Kurz’ Kritik an diesem Begriff, teile sie aber in einem entscheidenden Punkt nicht: dass das Lager, das die herrschenden Formen erhalten, und das, das sie abschaffen will, nicht (näherungsweise!) objektiv vorherbestimmbar wären, halte ich für falsch. Denn es werden gewiss nur wenige der Profiteure und Produktions-Mächtigen sein, die ihren Reichtum und Einfluss gegen eine Teilhabe an der Selbstverwaltung aufgeben werden. Denn sie haben objektiv (!) auch einfach weniger und weniger gute Gründe, das zu tun, als die Mehrheit der Abhängigen und Pauperisierten.

    Ich benutze diesen Begriff außerdem aus zwei weiteren Gründen gerne – und höre mir die (meist mit Kurz oder anderen antideutschen Autoren argumentierende) Schelte darüber auch nicht zum ersten Mal an:
    1. beharrt der Begriff KLASSENkampf auf dem Vorhandensein von Klassen und negiert klar die Schimäre einer allgegenwärtigen Mittelschicht; es gibt mindestens zwei (ja: objektive) Klassen, die der Kapitaleigner und die der Lohnabhängigen
    2. betont der Begriff KlassenKAMPF die Notwendigkeit des Kampfes – und wendet sich damit gerade gegen die arbeitermarxistische Einrichtung im System als auch gegen die, übrigens von Kurz stark gemachte Vorstellung, der Kapitalismus würde schon von alleine zusammenbrechen; nein, das tut er nicht, es bedarf der Agitation und der Strategie, um ihn zu Fall zu bringen. Ob das wahrscheinlich ist, steht auf einem anderen Blatt. Es ist zumindest möglich.

  12. Leonard sagt:

    an DWR:

    Abgesehen davon, dass auch die systemimmanenten Abwehrkämpfe wichtig sind und für das Leben der Betroffenen hier und heute ihre Notwendigkeit und ihre Berechtigung haben, im günstigsten und wünschenswerten Falle auch dadurch, dass sie über sich selbst hinausweisen und – als Phasenübergang auf der Bewußtseinsebene – die Systemfrage aufwerfen, kann ich mich diesen Erläuterungen anschließen.

  13. Leonard sagt:

    Zur Bedeutung der Agenda 2010, die bekanntlich unter Kanzler Schröder (SPD) mit dem Koalitionspartner DIE GRÜNEN realisiert worden ist, gibt es einen ausgezeichneten und wichtigen Artikel von Tomasz Konicz, der die Folgen dieses politischen Programms für die Klassenlage der Lohnabhängigen ebenso wie für ihr Bewußtsein verdeutlicht:

    http://www.jungewelt.de/2013/03-14/005.php

  14. ernte23 sagt:

    @Klassenkampfvertreterinnen:

    Angenommen, man kann tatsächlich eine eindeutige Zuordnung der Bevölkerung zu einer der Klassen vornehmen – die Zweifel daran lasse ich mal beiseite- , dann bleibt für mich zunächst folgendes an der klassenkämpferischen Vorstellungswelt im Dunkeln:
    Sollen Strategie und Agitation als Vorbereitung auf eine revolutionäre Situation irgendwann in der Zukunft dienen? Oder geht es schon um Strategie und Agitation für die Gegenwart?
    Trifft letzteres zu, dann halte ich es sogar für einfacher in Anlehnung an den schon erwähnten Rosa die gut begründbare These zu verbreiten, dass der Kapitalismus ein dämliches Spiel ist.

  15. DWR sagt:

    Eine eindeutige Zuordnung ist doch auch nicht nötig, solange man die gesellschaftliche Spaltung nicht verkennt. Und um mal nicht zu sehr vom Thema abzukommen: ich kann das Wort “Klassenkampf” (das ich aus dargelegten Gründen gern verwende) auch weglassen und dennoch sagen, worauf es mir ankommt, dass es nämlich keine Lösung der in unserer bürgerlichen Gesellschaft sich akkumulierenden Probleme und Nöte gibt – innerhalb dieser, auf Markt und Ware basierenden Gesellschaft.
    Eine Überwindung von Markt und Ware aber ist nur auf der Grundlage einer darüber aufgeklärten Mehrheit möglich – oder unmöglich. Warum sollte ich also meine begrenzte Lebens- und noch begrenztere freie Zeit für eine Agitation vergeuden, die sich in dem, was schon ist und schlecht ist, also in der “Gegenwart” erschöpft? (Wobei mir nicht klar ist, was mit dem Gegensatz von “irgendwann in der Zukunft” und “Gegenwart” gemeint ist.)

  16. ernte23 sagt:

    Nun, ich dachte bei “irgendwann in der Zukunft” an eine Art revolutionären Schlachtplan, auch wenn sich Revolutionäres gar nicht abzeichnet. Aber man weiß ja nie, so hat man schonmal einen Plan, wie die Massen zu führen sind.

    Für die aktuelle Situation halte ich die Klassenkampfbegrifflichkeit für wenig ratsam. Angesichts der Marginalisierung der Linken muss man doch über alle, die eine Überwindung des Kapitalismus für wünschenswert halten oder zumindest begonnen haben, kritischer zu werden, froh sein, selbst wenn sie nicht der objektiv ausgebeuteten Klasse angehören.

  17. DWR sagt:

    Das stimmt leider. Aber mit dem Begriff ist ja keine Zurückweisung kritischer oder revolutionärer (ja, wieder so ein scheinbar obsoletes Wort) Geister inbegriffen, ganz im Gegenteil: wenn ein Investmentbanker, Großunternehmer oder Berufspolitiker seinen Job hinschmeißt, weil ihm plötzlich dessen Destruktivität aufgegangen ist – ja, man merkt schon, dass das nach einer Rarität klingt – ist das, wenn er sich den vernünftigen Kritikern anschließt, für diese natürlich besser als wenn immer nur prekäre, vielseitig zerquälte und ressourcenschwache Studenten anklopfen.

    Also, wie gesagt: eine trennscharfe Vorentscheidung darüber, wer beim “Klassenkampf” auf welcher Seite mitmachen ‘darf’ oder mitmachen ‘wird’, ist natürlich ebenso unsinnig wie pathetische Berufungen auf eine angeblich homogene Arbeiterklasse, die immer auf der richtigen Seite agieren würde. Trotz alledem wird es keine Überwindung des Kapitalismus ohne eine breite Bewegung in der Mehrheit der Bevölkerung, also innerhalb der lohnabhängigen Klasse geben. Und ‘führen’ muss sich diese Klasse dann natürlich schon selbst. Wer daran zweifelt, dass sie das kann, der sollte dann auch an sich selbst zweifeln.

  18. HAM sagt:

    Die Frage ist, wie heute die entwickelten kapitalistischen Gesellschaften nach Klassen zu differenzieren sind?
    .
    Bildet das Management eine Klasse? Im sog. Realen Sozialismus bildete die Parteibürokratie zweifelsohne eine „neue Klasse“ (vgl. z. B. Milovan Đilas (1958) „Die neue Klasse. Eine Analyse des kommunistischen Systems“).
    .
    Der „Arbeitermarxismus“ verstand unter „Arbeiterklasse“ hauptsächlich Industriearbeiterschichten, welche den gesellschaftlichen Reichtum produzierten und lange die Mehrzahl der arbeitenden Bevölkerung ausmachten. Heute liegt ihr Anteil bei ca. 10%. Der größte Teil dieser Industriearbeit ist durch Maschinen ersetzt wurden.
    .
    Ein neuer Typ eines „körperlich Arbeitenden“ ist entstanden, nämlich der „Kopfarbeiter“, welcher nur einfache, repetitive Teilarbeit ausübt. Auch bei der „Hirnarbeit“ kann – so meine These – zwischen „körperlicher“ und „geistiger“ Arbeit“ differenziert werden. Nehmen wir z. B. die repetitive Teilarbeit in einem Callcenter, bei Banken, Versicherungen etc.. Das ist keine „geistige Arbeit“ (vgl. dazu Alfred Sohn-Rethel: „Geistige und körperliche Arbeit.“).
    .
    Heute leistet ein großer Teil der Arbeitsbevölkerung im gesamtgesellschaftlichen Sinne nur unproduktive und unnütze Arbeit. Die meisten dieser Erwerbstätigkeiten aus der Werbe-, Versicherungs-, Unterhaltungs-, Sport-, Juristen-, Sozialarbeiterbranche etc. wird es in einer vernünftigen, nachkapitalistischen Gesellschaft nicht mehr geben.
    .
    Soziologisch gibt es gute Gründe, die wissenschaftlich-technische Intelligenz als eigene Klasse zu fassen, denn entscheidend für den gesellschaftlichen Fortschritt ist der wissenschaftlich-technische Fortschritt. Und diese wissenschaftlich-technische Intelligenz schafft zunehmend die einfachen, repetitive Teilarbeiten und damit die „Industriearbeiterklasse“ ab und ersetzt diese durch Automaten, Computer und Roboter. „Innerhalb der nächsten drei Jahre will der taiwanische Technikhersteller Foxconn eine Million Industrieroboter anschaffen. Die Fertigungsautomaten sollen einen Teil der Mitarbeiter ersetzen, berichtet die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua.“ (SPON 31.07.2011)
    .
    Heute schreien die „Vertreter der Arbeiter“ nach „Arbeit, Arbeit, Arbeit…!“ PolitkerInnen vertreten hirnlose Parolen, wie: „Sozial ist, was Arbeit schafft“, und werden trotzdem bzw. gerade deshalb wiedergewählt.
    .
    Anstatt den Ersatz einfacher und geistloser Arbeiten durch Maschinen zu begrüßen, wird die „Arbeitslosigkeit“ beklagt und es werden „Beschäftigungsprogramme“ und „Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen“ gefordert. Und „keynesianische Linke“ unterstützen und propagieren derartige idiotischen Forderungen.
    .
    Die Industriearbeiterschaft, also die „Arbeiterklasse“ im retromarxistischen Verständnis, vertritt schon seit langem keine emanzipatorischen gesamtgesellschaftlichen Forderungen mehr. So haben sich auch den emanzipatorischen Zielsetzungen der Studentenbewegung in der 68-er Zeit kaum Individuen aus den „Arbeiterschichten“ angeschlossen, im Gegenteil, damals waren die meisten Lohnarbeiter Anhänger oder Sympathisanten der „systemkonservativen“ Sozialdemokratie. Sie wollten keinen Systemveränderung, sondern eine Verbesserung ihrer Situation im System, und zwar ohne Rücksicht auf die Interessen der Menschheit oder von arbeitenden Menschen in anderen Teilen der Erde.
    .
    Soziologisch kann man die damaligen Kämpfe in der 68-er Zeit bei entsprechendem abstraktem Denkvermögen durchaus als „Klassenkampf“ zwischen fortschrittlicher Intelligenz und reaktionären Arbeiterschichten begreifen.
    Die revolutionären Studenten wollten das System der entfremdeten Lohnarbeit überwinden – das Gros der Lohnarbeiter jedoch nicht. Und schon gar nicht die Organisationen der Lohnarbeiter – sozialdemokratische Partei und Gewerkschaften, welche schon längst zu systemerhaltenden Kräften geworden waren.
    .
    Meine These ist, dass heute die Polarisierung der Gesellschaft nicht an jenen – von einer obsoleten marxistischen Klassendifferenzierung gezogenen – Klassengrenzen geschieht, sondern neu bestimmt werden muss.
    Es gibt gesellschaftliche Polarisierungen, wie:
    fortschrittlich vs. konservativ/reaktionär
    sozialdarwinistisch vs. solidarisch
    egoistisch vs. gemeinwohlorientiert
    intelligente Gesellschaftsorganisation vs. non-intelligente
    etc.
    .

    Heute stimmt die Gleichung „intelligent = links“ nicht mehr.
    Waren in der 68-er Zeit die intelligenteren und intelligentesten Studenten links orientiert, so stimmt dies schon lange nicht mehr. Von den intelligenteren Studenten ist die Mehrzahl heute – wie es heißt – „pragmatisch“ ausgerichtet, d.h. auf den persönlichen Erfolg im Marktgeschehen.

    Und umgekehrt, nämlich „links = intelligent“, stimmt diese Gleichung schon gar nicht mehr. Auch wenn kritisch-intelligente Gesellschaftstheorie sich fast ausschließlich nur bei linken Theoretikern findet, so sind die meisten, welche sich heute als „links“ ansehen, – sorry! – in Bezug auf ihr Gesellschaftsverständnis doch recht „doof“, sei es, dass sie „sozialdemokratisch“ auf systemimmanente Reformen fixiert sind, sei es, dass sie im Internet und in ihren “Gesinnungsfamilien” einen „linken Kindergarten“ praktizieren, wie es der Genosse “Viktor Vladimirowitsch Starogin” oben ausführt, sei es, dass sie einem Retro-Marxismus anhängen und sich in leninistischen und trotzkistischen Sekten organisieren.
    .
    Sie alle begreifen den gesellschaftlichen Wandel nicht und ihr Handeln ist non-intelligent.

  19. Leonard sagt:

    Hick-hack bringt uns nicht weiter. Die bisher angesprochenen Kontroversen und Probleme sind wichtig und ernst zu nehmen. Sie führen mich zu der Frage, ob eine soziologische Klassenanalyse mit wissenschaftlicher Qualität und auf der Höhe der Zeit vorliegt, oder ob das nicht der Fall ist? Welche hierzu ausgewählte Literatur kann genannt werden? Wer forscht gegenwärtig zu diesem Themenbereich?

  20. HAM sagt:

    @ernte23 15. März 2013 um 19:00
    Nun, ich dachte bei “irgendwann in der Zukunft” an eine Art revolutionären Schlachtplan, auch wenn sich Revolutionäres gar nicht abzeichnet. Aber man weiß ja nie, so hat man schonmal einen Plan, wie die Massen zu führen sind.

    Mir geht es nicht um die Entwicklung eines „revolutionären Schlachtplans“, so wie dies bei Revolutionsstrategen wie beispielsweise Lenin oder Trotzki und entsprechenden „Nachfolgern“ oder Imitatoren (z.B. die K-Gruppen der 70-er Jahre oder die heutigen ML-Sekten) der Fall ist.
    Sondern ich stimme jenen Sozialwissenschaftlern zu, die jenen Typ einer „jakobinischen Revolution“ oder überhaupt einer „Revolution von unten“ für historisch überholt und daher obsolet halten.
    Was keineswegs bedeutet, dass ich den Kapitalismus als letztes Stadium der Menschheitsgeschichte ansehe und einen gesellschaftlichen Wandel für ausgeschlossen halte.
    Nein, im Gegenteil, ich gehe davon aus, dass der Kapitalismus sich im Finalstadium befindet und die der marktförmige, kapitalistische Akkumulationstyp an sein Ende gelang.
    .
    Man kann sich vorstellen, dass ein postkapitalistisches, neofeudales System mit Beibehaltung der Privateigentumsordnung und der plutokratischen Herrschaft entsteht. Die Nazi-Ökonomie kann als ein erster Prototyp eines nachkapitalistischen Systems angesehen werden, wobei es sich heute keineswegs um einen „nationalen Sozialismus“ mit Volksgemeinschaft etc., sondern um einen globalen Wirtschaftsfaschismus mit gnadenlosem Sozialdarwinismus auch gegen die eigenen Bevölkerungen handeln würde.
    .
    Der Neoliberalismus kann hierzu als ein Übergangsstadium angesehen werden und die gesellschaftliche Situation wie z. B. heute in Griechenland als Zukunftsperspektive. Also Dritte-Welt-Zustände als Zukunftsperspektive in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften (vgl. Tendenzen in USA, GB).

    Sicher ist, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse in den ehemaligen kapitalistischen Wohlstandsstaaten sich gravierende ändern werden. Und es wird dort die heutigen Mittelschichten mehrheitlich bös erwischen. Selbstverständlich werden sich damit auch die gesellschaftlichen Macht- und Kräfteverhältnisse verändern. Die Frage ist, ob sich daraus eine systemtransformative Bewegung heraus hin zu einer solidarischen, gemeinwohlorientierten Gesellschaftsordnung entwickeln kann und wird.

    • ernte23 sagt:

      @HAM. Mit Klassenkämpfern meinte ich eher DWR und Leonard. Tatsächlich habe ich nämlich schon Menschen wie angedeutet argumentieren hören, weil sie anscheinend so in die marxsche Sprache und Prophezeihung verliebt sind, dass sie einfach daran festhalten, ob das heute irgendwen kratzt oder nicht…

      Momentan sieht alles nach der Wiedererrichtung der Verhältnisse des Manchester-Kapitalismus aus, wie es der Grandseigneur der Neoliberalen Hayek auch haben wollte. Der Unterschied zum 19. Jh. ist nur der, dass die Unterlegenen in diesem Kampf ums Dasein am Markt zunehmend weniger Nischen finden. Für diese sehen die meisten Neoliberalen in reichen Gesellschaften die Versorgung mit Lebensmitteln vor, eventuell auch den Schutz vor dem Erfrierungstod, aber nicht viel mehr. Etwas Luft nach unten haben wir also noch, und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie genutzt werden wird, um die Marktevolution weiter zu beschleunigen.

  21. HAM sagt:

    @DWR 15. März 2013 um 22:44
    Also, wie gesagt: eine trennscharfe Vorentscheidung darüber, wer beim “Klassenkampf” auf welcher Seite mitmachen ‘darf’ oder mitmachen ‘wird’, ist natürlich ebenso unsinnig wie pathetische Berufungen auf eine angeblich homogene Arbeiterklasse, die immer auf der richtigen Seite agieren würde. Trotz alledem wird es keine Überwindung des Kapitalismus ohne eine breite Bewegung in der Mehrheit der Bevölkerung, also innerhalb der lohnabhängigen Klasse geben.
    .

    Nun ja, das ist die alte linke Dogmatik.
    .
    Wäre es in Wirklichkeit so, dass es eine „breite Bewegung in der Mehrheit der Bevölkerung, also innerhalb der lohnabhängigen Klasse geben“ als unabdingbare Voraussetzung für eine gesellschaftliche Strukturrevolution geben muss, so wird diese erst am St. Nimmerleinstag – also niemals – realisiert werden.

  22. Reyes Carrillo sagt:

    Zusammenfassung:
    Karl Marx ist – mit Abstrichen – klasse, Marxisten sind in Europa schrecklich, in Deutschland kaum zu ertragen!
    Wissenschaftsapotheotische Besserwisser mit fatalem Hang zur untauglichen Psychoanalyse sind graduell noch unerträglicher.
    Und intellektuelle Gemeinschaftsmasturbationen wie diese – sind einfach nur wunderbar! Vielen Dank! Und viel Spaß noch!

  23. HAM sagt:

    @Reyes Carrillo 16. März 2013 um 21:03
    intellektuelle Gemeinschaftsmasturbationen
    .
    Frau Carillo,
    was wollen Sie mit diesem Plädoyer für Non-Intellektualität erreichen?

    • Reyes Carrillo sagt:

      Lieber HAM,

      Sie tun mir eigentlich schon viel zu viel Ehre an, wenn Sie auf meine kleine, zweifellos jedoch arg platte Provokation mit einer solchen sachlich-ruhigen Frage reagieren. Andererseits ist es natürlich überhaupt nicht nett von Ihnen, mich auf diese Weise zu einer möglichst ernsthaften Antwort zu nötigen und mich dadurch um meine Polemik zu bringen. Aber: Strategisch gut gemacht!

      Ich bin zunächst einmal wirklich äußerst beeindruckt ob Ihrer intellektuellen Fähigkeiten, ob Ihres großen Wissens, das aus jeder Ihrer Zeilen tropft. Das meine ich absolut ehrlich und vollkommen jenseits jeglicher Polemik. Diese klare Verbeugung vor Ihren intellektuellen Ressourcen, die natürlich genauso wenig eine dümmlich-kalkulierende Schmeichelei sein soll, ist ja zunächst völlig frei von einer inhaltlichen Bewertung und steht für sich selbst. Ebenso rezipiere ich Ihren Diskurs vornehmlich mit DWR, dessen intellektuelle Möglichkeiten ja auch zu beeindrucken wissen, aber auch mit den anderen beteiligten Kommentatoren, wirklich mit größtem Genuss und empfinde ihn demgemäß tatsächlich als “wunderbar”! Das ist in vielerlei Hinsicht tatsächlich großes linkstheoretisches Theater!
      Weiters werden Sie mir sicher zustimmen, dass gegen Masturbation im allgemeinen wie im besonderen nichts vorzubringen ist. Diese Analogie mit der spürbar lustvollen Diskussionsfreude innerhalb dieses Diskurses bot sich also an. So wie ich ganz allgemein intellektuelle Diskurse, naturgemäß vorzüglich linkstheoretischer Genese, für eine – bewusst oder unbewusst – verlagerte libidinöse Ersatzhandlung begreife. (Was ich aber keineswegs auch nur ansatzweise in die Nähe einer klinischen Kategorie rücken möchte!)

      Ich kann also ohne jede Kosmetik sagen, dass ich beim Lesen dieses Diskurses einmal viel gelernt habe, vor allem teilweise wirklich spannende, sehr interessante neu-alte Positionen zu diesen und jenen Phänomenen, andere Zuordnungen, Verknüpfungen, Kategorisierungen usw. usw. Gut, das Rechthaberische, Besserwisserische, die Wahrheit für sich Reklamierende ist frau gewohnt innerhalb solcher Diskurse. Geschenkt. Ihre – meines Eindrucks nach – besondere Vorliebe für die Psychoanalyse, Ihre Überbewertung der Wissenschaft(en) bei gleichzeitiger Abwertung (unter Verwendung psychoanalytischer Kategorien) aller anderen nicht eindeutig wissenschaftlich gestützter rationaler und jenseits des Rationalen erfahrbarer Welt- und Lebensperzeptionen oder, anders gesagt, Ihre generelle, einseitige Abwertung des genuin nur subjektivisch Erschließbaren zugunsten des singulär Objektivierbaren empfinde ich als die größte Schwäche Ihrer hier in diesem Diskurs erkennbaren, ansonsten teilweise wirklich gut nachvollziehbaren Thesen. Ich hatte übrigens gerade einen sehr interessanten Disput mit einem konservativ-liberalen Zeitgenossen zu diesem partiellen Punkt. Zur Psychoanalyse selbst (ein zu großes Feld) sei nur kurz gesagt, dass ich mich vor Herrn Freud selbstverständlich tief verbeuge ob seiner für seine Zeit revolutionären Ideen, ich die Psychoanalyse aber schon seit einiger Zeit für gescheitert erachte, was vor allem – und hier bin ich zumindest begrifflich bei Ihnen – ihre objektiv verifizierbaren Heilungserfolge innerhalb der Tiefenpsychologie betrifft. Darüber hinaus halte ich sie in ihrer dogmatischen Singularität der Kategorien für das Subjektive (ich schließe hier den Kreis) für ungeeignet, gesellschaftliche Phänomene, die, dabei bleibe ich, auch subjektive Lebenswelten “objektiv” mit einschließen muss, adäquat zu erfassen. Für soziopsychologische Analyse- und Definitionskategorien zur Erfassung Gruppen- oder ganz allgemeiner Identifikationsphänomene dagegen ist sie (im Verbund mit soziologischen Kategorien) freilich nach wie vor das passende Instrument bzw. der Goldstandard.
      Zum anderen jedoch erlebe ich – einmal mehr – geradezu körperlich, was ein linkstheoretischer Diskurs auf diesem Niveau bedeutet: Zu wenig. Ich gebe aber zu, dass in mir eine nicht transformierbare, zumindest aber reflektierte Intellektuellen-Allergie gegenüber linkstheoretischen Befreiungsrittern lauert, die in meiner gänzlich antiintellektuellen Herkunft zu finden ist. Meine Eltern haben mir als Beispiel Zeit ihres Lebens kaum verzeihen können, dass ich überhaupt studiert hatte und sahen dies schon als “Verrat” an ihrer stolzen Klasse (!) an. Sie sehen, ich trage schwer.
      Der Kommentator Leonard hatte hier schon einige wichtige Fragen aufgeworfen, die Sie – meiner Rezeption nach – nur ausweichend beantwortet haben. Die Frage nach dem Handeln im Jetzt und Heute bleibt! Sie wollen offenbar die “System”frage an erste Stelle setzen, da der Kapitalismus in Ihrer Wahrnehmung eh am Verenden ist – und erreichen damit gar nichts. Deshalb, leider, muss diese Frage an zweite Stelle rutschen. Jetzt und Heute. Ob systemimmanent oder systemüberwindend – ein Mindestlohn und dessen Nutznießer, nur als Beispiel, kehren sich einen feuchten Kehricht um solche intellektuellen Maßstäbe. Warum sollte man das Eine, Zentrale aus den Augen verlieren, indem man für das Nahe liegende kämpft? Alles andere ist altbekannte, hoch narzisstische Dogmatik.

  24. HAM sagt:

    @Leonard 16. März 2013 um 14:03
    Die bisher angesprochenen Kontroversen und Probleme sind wichtig und ernst zu nehmen. Sie führen mich zu der Frage, ob eine soziologische Klassenanalyse mit wissenschaftlicher Qualität und auf der Höhe der Zeit vorliegt, oder ob das nicht der Fall ist?
    .
    Ansätze zu einer soziologischen Klassenanalyse auf Basis einer materialistischen Gesellschaftstheorie sowie „auf der Höhe der Zeit“ gibt es vereinzelt.
    .
    So zur „herrschenden, globalen Klasse“ bei H. J. Krysmanski. Wobei diese Analyse auf das westliche, plutokratische System beschränkt ist. Es gibt m. E. keine Globalanalyse. Was wissen wir über die herrschenden Klassen in China, in Russland etc., über deren Bewusstsein und deren Ziele?
    .
    Die Differenzierung der Gesellschaften nach Klassen aufgrund objektiver (materialistischer) Kriterien ist das eine, die Frage nach den in einer Gesellschaft vorfindlichen Bewusstseinsformen das andere.
    .
    Welche Beziehungen gibt es zwischen objektiver Klassenlage und Klassenbewusstsein?
    .
    Es scheint, dass es so etwas wie „Klassenbewusstsein“ nur „oben“ gibt, aber nicht bei den Mittel- und Unterschichten. In einer liberalen Gesellschaft, wo eine kleine Minorität herrscht und ausbeutet, kann dies nur dauerhaft funktionieren, wenn verhindert wird, dass die beherrschten und ausgebeuteten Klassen ein realitätsadäquates Bewusstsein entwickeln. Hierzu wurde eine riesige Industrie der Bewusstseinsmanipulation aufgebaut.
    .
    Zu diesem verinselten, verblendeten und gegen die Realität selbstimmunisierenden Bewusstsein der lohnabhängigen Massen sind z. B. die empirischen Forschungen von P. Bourdieu sehr interessant: „Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz 1997“. Die Psychoanalyse dieses Phänomens ist wiederum eine andere Frage.
    .
    In diesem Zusammenhang ist das oben angesprochene Phänomen der linken „Gesinnungsfamilien“ und „Identitätsgemeinschaften“ zu verstehen, auch dort manifestiert sich ein verinseltes, verblendetes und gegen die Realität selbstimmunisierendes Bewusstsein, ein Abbild des Alltagsbewusstseins der Massen.
    .
    Der entwickelte Kapitalismus funktioniert nur (noch), wenn er über 90% der Bevölkerung systematisch verblödet.
    .
    Daraus resultiert das massenhafte Erscheinungsbild eines „homo demens“, wie bei M. Schmidt-Salomon formuliert. Vgl.

    Eine Grundthese von Schmidt-Salomon ist:
    Die grosse Konfliktlinie unserer Zeit verläuft nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen klug und blöde!

    So etwas hören Linke überhaupt nicht gern. Zumal, wenn sie zur „Arbeiterklasse“ eine sozialarbeiterische Beziehung entwickelt haben, so eine Art politisches Helfersyndrom. Und womöglich noch glauben, dass es sich hierbei um eine potentiell revolutionäre Klasse handelt.

    Wie bereits angesprochen, ist das in der linken Szene vorherrschende Bewusstsein ein Abbild des Alltagsbewusstseins der Massen. Es ist ein empiristisches, wissenschaftsfernes Bewusstsein, basierend auf Alltagserfahrungen.

    So wie es oben der Genosse „Starogin“ formuliert:
    Unter den jetzigen ökonomischen Verhältnissen ist es unmöglich, eine Mehrheit vom Sozialismus oder auch nur vom notwendigen Versagen der Marktwirtschaft zu überzeugen. Die bestehenden Machtverhältnisse machen Aufklärung doch inzwischen zu einem Glücksfall bei Einzelnen. Die meisten Kapitalismusinsassen erwerben sich im Laufe eines 80-jährigen Lebens keineswegs das nötige Vorwissen, um die Gesellschaftsordnung zu begreifen, in der sie gelebt haben.

    • Leonard sagt:

      Insgesamt kann ich dieser Sichtweise zustimmen. Der Forschungsbedarf für materialistische soziologische Analysen der Klassenstrukturen in objektiver und subjektiver, bewußtseinsmäßiger Hinsicht ist erkannt. Zitat:

      “Welche Beziehungen gibt es zwischen objektiver Klassenlage und Klassenbewusstsein? Es scheint, dass es so etwas wie „Klassenbewusstsein“ nur „oben“ gibt, aber nicht bei den Mittel- und Unterschichten. In einer liberalen Gesellschaft, wo eine kleine Minorität herrscht und ausbeutet, kann dies nur dauerhaft funktionieren, wenn verhindert wird, dass die beherrschten und ausgebeuteten Klassen ein realitätsadäquates Bewusstsein entwickeln. Hierzu wurde eine riesige Industrie der Bewusstseinsmanipulation aufgebaut.”

      Ich denke, so ist es. Was die oben gestellte,tatsächlich zentrale Frage angeht: dazu habe ich weiter oben eine These formuliert, die zwar die Dialektik zwischen den objektiven Klassen und den Übergang vom Sein zum Bewußtsein aufgreift, nicht aber die heutige gesellschaftliche Bewusstseinsmanipulation. Diese gab es allerdings auch früher schon, in Gestalt der Religionen, deren Einfluß in Europa geschwunden ist und daher ersetzt werden mußte.

      Nichts können die Herrschenden so wenig brauchen wie den mündig gewordenen Menschen im Sinne von Immanuel Kant, der selbständig zu denken und zu handeln in der Lage ist.

      Deshalb tun sie im Hinblick auf Sozialisiation, mediale Steuerung und sozialpsychologische Beeinflussung alles, um Entwicklungen zur Mündigkeit zu blockieren. Wenn das Brot unten knapper wird, müssen wenigsten die ablenkenden Spiele ausgeweitet werden.
      Es ist zwar möglich, sich dem zu entziehen, aber dazu gehört ein besonderes Maß an Anstrengung und Mühe, sowie Mut, weil man sich dem Konformismus, der die unauffälligste und häufigste aller Verblödungsformen ist, entziehen und entgegenstellen muß. Daher ist es eine wichtige offene politisch-stragische Frage, ob und ggf. wie die Wirkung dieser Blockade beseitigt werden kann. Selbst innerhalb des Bildungssystems ist das schwierig, weil alles und alle auf Anpassung an das Bestehende ausgerichtet ist. Diese innere Haltung, die als Selbstverständlichkeit daherkommt, und die überdies meist unbewußt bleibt, müßte als erstes bewußt gemacht und verändert werden.

  25. HAM sagt:

    @Reyes Carrillo 17. März 2013 um 15:05

    Hallo Frau Carrillo,

    vielen Dank für Ihren freundlich-ironischen Kommentar!
    .
    Sicherlich ist „gegen Masturbation im allgemeinen wie im besonderen nichts vorzubringen“. Gut masturbiert ist besser als schlecht kopuliert.
    Das „Do it yourself“ des vereinzelten Einzelnen, wie das egozentrische Leben überhaupt, stößt jedoch auf Grenzen. Denn das Erreichen einer orgiastischen Ekstase und somit höchsten Glücksgefühls hat ein gelingendes erotisches Zusammenspiel zur Voraussetzung, das Gegenteil jenes liberalen „homo homini lupus“-Verhalten. Wobei es sich hier um Lebens- und Liebeskunst und keine „Wissenschaft“ handelt.
    .
    Desgleichen sind „intellektuelle Gemeinschaftsmasturbationen“ nicht wirklich befriedigend. Auch beim intelligenten Diskurs geht es um das Wechselspiel, es ist die dialektische Kommunikation, welche Lust macht und Entwicklung ermöglicht. Und auch beim intellektuellen Spiel gilt: Competition makes more fun! Im Idealfall sind alle Teilnehmer Gewinner.
    .
    Wenn bei mir von Psychoanalyse die Rede ist, dann meine ich nicht das Dogmengebäude von Freudianern, sondern die Analyse von Psychostruktur und Psychodynamik.
    .
    Was Wissenschaft betrifft, so ist diese nicht jedermanns bzw. jederfraus Sache. Ich selbst halte die Differenzierung zwischen Wissen und Glauben/Nichtwissen für eine der wichtigsten kulturellen Errungenschaften.
    .
    Zur psychoanalytischen Therapie ist anzumerken, dass Adorno deren Heilungsversprechen als Schwindel ansah und davon sprach, dass der vermeintlich Geheilte nach Behandlungsende sich dem irren Ganzen anähnelt. Fromm sah in den symptomfreien „Normalen“ die eigentlich Kranken: „Glücklich der, der ein Symptom hat!“

    .
    So wie Marx „alle Fortschritte und Inkonsequenzen in einem falschen System“ als den „höchsten Rückschritt“ ansah.
    .
    Ich gebe aber zu, dass in mir eine nicht transformierbare, zumindest aber reflektierte Intellektuellen-Allergie gegenüber linkstheoretischen Befreiungsrittern lauert, die in meiner gänzlich antiintellektuellen Herkunft zu finden ist. Meine Eltern haben mir als Beispiel Zeit ihres Lebens kaum verzeihen können, dass ich überhaupt studiert hatte und sahen dies schon als “Verrat” an ihrer stolzen Klasse (!) an
    .
    Auch mir sind jene proletarischen Milieus nicht unbekannt, welche stolz auf ihre Bildungsferne sind. Und bei denen die Bezeichnung „Theoretiker“ ein Schimpfwort darstellt. Ein derartiges Verhalten ist in der PSA bekannt als jener Abwehrmechanismus der „Verkehrung ins Gegenteil“, der Volksmund nennt es: „Aus der Not eine Tugend machen“.
    .
    Die Frage nach dem Handeln im Jetzt und Heute bleibt! Sie wollen offenbar die “System”frage an erste Stelle setzen, da der Kapitalismus in Ihrer Wahrnehmung eh am Verenden ist – und erreichen damit gar nichts. Deshalb, leider, muss diese Frage an zweite Stelle rutschen. Jetzt und Heute. Ob systemimmanent oder systemüberwindend …
    .
    Was haben denn all die linken Reformer in den letzten vier Jahrzehnten erreicht?
    Die Menschen arbeiten mehr und länger als je zuvor in dem letzten halben Jahrhundert. Die Pauperisierung und Prekarisierung nimmt zu. Die Sozialsysteme – Bildung, Gesundheit, Lebensstandsicherung – werden immer schlechter. Die Menschen werden immer depressiver und die psychischen Erkrankungen erreichen immer neue Höchststände.
    .
    Die Feststellung des Niedergangs des Kapitalismus entstammt nicht meiner subjektiven Wahrnehmung, sondern ist das Resultat einer wissenschaftlichen Analyse. Warum müssen die Lohnarbeiter immer mehr und immer länger für immer weniger Kaufkraft arbeiten? Warum hat sich die für die Reproduktion einer Familie notwendige Arbeitszeit seit den 70-er Jahren fast verdoppelt?
    Das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ erklärt es. Die Ausbeutung muss intensiviert und extendiert werden, um dem systemischen Fall der Profitrate entgegenzuwirken.
    Das ist die wissenschaftliche Erklärung. Die Intensivierung und Ausweitung der Ausbeutung der Lohnarbeit als Kompensationsmechanismus des Falls der Profitrate sind jedoch nicht grenzenlos steigerbar.
    .
    Wie erklären marxistische Theoretiker, wie Robert Kurz et al., dass der Kapitalismus an eine innere Schranke stoßen wird?
    Dass im industriellen Produktionsprozess immer mehr menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzt wird und dass dieser Prozess irreversibel ist, ist empirisch evident. Zu den Marxschen Grunderkenntnissen gehört, dass der Profit auf Mehrwertaneignung beruht. Ohne Profit gibt es keine Kapitalakkumulation. Mehrwertgenerierung setzt lebendige menschliche Arbeit, d.h. ausbeutbare Lohnarbeit, im Bereich der materiellen(!) Reichtumsproduktion, also der sog. Realwirtschaft, voraus.
    Ohne Lohnarbeiter im industriellen Bereich gibt es keine Mehrwertgenerierung, ohne Mehrwertgenerierung gibt es keine Kapitalakkumulation.
    .
    Die logische Schlussfolgerung: Das System der Kapitalverwertung wird an eine innere Schranke stoßen.
    .
    Dieser Prozess ist schon längst im Gange. Aus dem „Produktionskapitalismus“ ist schon längst ein Betrugs- und Raubkapitalismus geworden, wo die Bevölkerungen mit Privatisierungen von Volkseigentum, Staatsverschuldung etc. ausgeplündert werden.
    .
    Was jedoch nicht bedeutet, dass, wenn das System der Kapitalakkumulation dysfunktional wird, zugleich das plutokratische Herrschaftssystem „zusammenbricht“.
    .
    Aber es wird eine Situation entstehen, wo immer mehr Menschen ein neues System wollen.
    .
    Was in der heutigen historischen Situation ein erreichenswertes Ziel?
    Aus meiner Sicht ist es die wissenschaftliche Aufklärung über sozioökonomische Zusammenhänge, damit die Menschen wissen, was auf sie zukommt.
    Und vor allem dass sich ein Bewusstsein darüber entwickelt, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt schon längst ein Leben in Wohlstand für alle bei Reduzierung der notwendigen Reproduktionsarbeit möglich macht.
    Aber dies ist eine Systemfrage!

  26. Rosi sagt:

    Mag den Strang nicht mit Zwischeneinwürfen unterbrechen, doch ich möchte hier allen Beteiligten mein Kompliment aussprechen (kann somit nicht widerstehen).

    Es ist eine Freude, einem solchen Diskurs zu folgen.

    Freundlichen Gruss
    Rosi

  27. Leonard sagt:

    an HAM:

    Dem kann ich zustimmen. Die innere Schranke wird im Verlauf der Großen Krise immer stärker spürbar, und sie wird zugleich immer destruktiver. Die negativ betroffenen Bevölkerungsmassen – derzeit besonders in Südeuropa – müssen das aber erst einmal jenseits ihres spontanen Widerstands b e g r e i f e n und dann politsch-praktisch angemessen r e f l e k t i e r e n. Im politischen Labyrinth gibt´s aber fatalerweise auch falsche Wege. Dabei spielt dann die gesellschaftliche Bewußtseinsmanipulation – Irreführung, Ablenkung, Umlenkung – ebenso eine Rolle wie ungesteuerte sozialpsychologische Prozesse – z. B. Selbsttäuschung.

    Was ist zu wünschen und anzustreben, und was sollte geschehen?

    1 Die unmittelbare Krisenerfahrung sollte in eine theoretisch vermittelte Erkenntnis verwandelt werden.
    2 Die Konformität und Passivität sollte von Nonkonformität und Aktivität abgelöst werden.
    3 Die Mutlosigkeit sollte durch mutige Zuversicht ersetzt werden.

    Und hier, zum Beispiel, geht´s weiter:

    http://www.metropolis-verlag.de/Veranstaltungen/home.do;jsessionid=815E1AEF80BCC4ED566638966005DCBD

  28. Reyes Carrillo sagt:

    @HAM 18.03.

    Lieber HMA,

    vielen Dank für Ihre Antwort! Dass es nicht bei einer “gewöhnlichen” Antwort bleiben würde (gut, wer definiert das?), sondern diese einen/Ihren pastoral-dozierenden Charakter wiedergeben würde, war vorausschaubar. Innerhalb dieses Rahmens halte ich das aber gut aus. Zumal ich Ihnen ja schon beichtete, dass dieser seine Wirkung auf mich nicht verfehlt hat! (Pardòn für “pastoral” übrigens!)
    So wie ich es nach einem ersten Überflug übersehen kann, bleibt nun eigentlich doch nur unser beider Wertschätzung für die Masturbation als eine gemeinsame Identität stiftendes Element übrig. Je nach Wahrnehmungskonditionierung mag dies sehr viel oder auch sehr wenig sein. Ich jedenfalls beschließe für mich, es als sehr viel zu verbuchen. Es gibt fürwahr schlimmere Übereinstimmungen.
    Ihre verblüffend frohlockende, in meinen Augen aber verbrämend-idealisierende, wenn nicht gar romantisierende Einschätzung, dass solcherart Diskursen die Chance auf “Entwicklung” inhärent wären oder diese im “Idealfall alle zu Gewinnern” machten, will ich Ihnen gerne lassen. Ich sehe das jedoch keineswegs so und fühle mich folglich mit der Beschreibung von “libidinösen Ersatzhandlungen” näher am Kern der Sache. Gerade Ihr Disput mit DWL zeigt doch beispielhaft, wie schrecklich fruchtlos und unbefriedigend das allgemein und nicht nur hier im besonderen schon bei Nichtigkeiten endet. Dem Lesegenuss als solchen ist damit freilich nichts genommen!
    Dass Sie es für die größte kulturelle Errungenschaft halten, Wissen von Glauben/Nichtwissen zu unterscheiden, ist Ihnen völlig unbenommen, ist mir aber in dieser groben, undifferenzierenden Dimension einfach zu einseitig im wörtlichen Sinne. Ich kann deshalb nur meine Kritik erneuern, dass Ihre Abwertung anderen, (subjektiven) “Wissens”-Welten gegenüber die elementare Schwäche Ihrer Theorie kennzeichnet. Im Übrigen hatten Sie ja diesen Teil meines Kommentars eh weggelassen, was ich natürlich verstehen kann. Ihrer Wissenschaftsapotheose frönen Sie ja im weiteren Verlauf Ihrer Replik ein ums andere Mal. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde das völlig in Ordnung, dass Sie die Dinge so verstehen und ich sie anders erlebe. Verstehen und erleben, zwei Seiten derselben Medaille, die Belichtung aber nur einer Seite bleibt stets defizitär. Deshalb ist auch Ihr Weltbild in meinen Augen defizitär, da es sich zu viele Ausblendungen leistet – und von einer dieser Ausblendung inhärenten wiewohl natürlich logischen Arroganz lebt. An der ich persönlich übrigens nichts auszusetzen habe, mir ist sie temporär ja selbst immanent, sie aber dessen ungeachtet zu benennen ist.
    Als Sie mir übrigens meinen Intellektuellen-Abwehrmechanismus – klar! – psychoanalytisch erklären wollten und dabei sogar noch den Volksmund sprechen ließen, musste ich kurz lachen, zumal ich im Überfliegen Ihrer Zeilen bei PSA zunächst selbstverständlich (!) an das “prostataspezifische Antigen” denken musste und ich mich fragte, womit ich mir diese Intimitäten Ihrerseits nur verdient habe? Aber im Ernst: Vor mir auf dem Schreibtisch liegt gerade ein Infoblatt zu diesem Test, für den sich mein Lebensgefährte gerade entschieden hatte…
    Ihre rhetorische Frage, was denn “all die linken Reformer in den letzten vier Jahrzehnten erreicht” haben, stellt sich für mich unter dem Aspekt schon einmal nicht, als dass ich keine Alternative immerhin zu den Versuchen, etwas zu erreichen erkennen kann. Und wenn, dann halte ich den Einzug der DIE LINKE., also einer genuin linken Partei in den deutschen Bundestag für schon erwähnenswert. Wobei man zu dieser Partei, ihrer Entstehung usw. ganze Abhandlungen bemühen müsste.
    Ihrer Ist-Analyse des bundesrepublikanischen Wirklichkeit stimme ich indes natürlich zu, zumal ich denke, dass dies eh Konsens aller linksbewegten Kräfte ist. Am Konsens hinsichtlich der jeweiligen Gegenwartsbeschreibung hat es der Linken ja generell nie gemangelt. Dafür, dass der Kapitalismus verenden wird, braucht es nun wirklich keiner “wissenschaftlichen” Verifizierungen; im Übrigen hatte ich dieser Feststellung auch nicht widersprochen, im Gegenteil.
    Und nun schreiben Sie: “Aus meiner Sicht ist es die wissenschaftliche Aufklärung über sozioökonomische Zusammenhänge, damit die Menschen wissen, was auf sie zukommt”. Sind Sie wirklich so naiv oder tun Sie nur so? Da schreiben Sie sich die Finger wund und zerlegen den Menschen und seine verschiedenen soziopsychologischen Rollen in seine Einzelteile – und scheitern am Ende auf ganzer Strecke. Mit diesem Satz zeigen Sie, dass Sie vom Menschen offenbar wirklich sehr wenig verstehen und zeigen überdies, wie letztlich untauglich, ich sagte es in meinem vorangegangenen Kommentar bereits, diese soziopsychologischen Analysen verpuffen.
    Auch wenn Sie von sich schreiben, dass Ihnen “proletarische Milieus nicht unbekannt” seien, darf ich feststellen, dass Sie Ihnen im Umkehrschluss dann auch nicht sehr bekannt sein dürften. Die “Proletarier”, die ich kennen gelernt habe, erkennen die “sozioökonomischen Zusammenhänge” Ihrer Klasse in einer völlig anderen Dimension! Und zwar vor allem über dezidiert subjektive Erlebens- und Erfahrungskategorien. Und erst diese generieren die Rezeptionsfähigkeit, einen theoretischen Überbau überhaupt fruchtbar werden zu lassen. Erfolgreiche Gesellschaftsgeneralvertreter wie Hugo Chávez oder Fidel Castro wussten oder wissen das.
    Für ein hochkapitalistisches Land wie Deutschland gelten naturgemäß noch einmal ganz andere Maßstäbe.
    Fazit: Ich halte viel von Ihrer Analyse innerhalb vieler Einzelphänomene, halte Ihre Theorie im Gesamten aber, soweit hier ersichtlich, für utopisch. Zudem würde ich in selbst in dieser von Ihnen so formulierten Gesellschaft nicht leben wollen. Die Gründe dafür habe ich innerhalb meiner beiden Kommentare genannt.
    Übrigens: Alleiniger Maßstab kann ja schließlich nur die Kategorie “Erfolg” sein. Der Erfolg Ihrer Theorie in den letzten vier Jahrzehnten: Gar keiner. Der Erfolg der linken Reformer im selben Zeitraum: So gut wie keiner. Also eindeutig mehr! Ich gehe also weiter gegen den Neoliberalismus und alle seine Sekundärerscheinungen auf die Straße und halte – auf Sie sicher doof wirkende – Plakate hoch!

  29. HAM sagt:

    Liebe Frau Carrillo,

    darf ich Sie freundlichst auf ein Missverständnis hinweisen?
    Aus dem Satz. „Gut masturbiert ist besser als schlecht kopuliert.“ lässt sich keineswegs eine beiderseitige „Wertschätzung für die Masturbation“ ableiten, denn eine derartige Vorliebe ist bei mir nicht existent. Schon gar nicht für verbale Onanie, zudem wenn es diesen an intellektuellem Witz mangelt. Das führt eher zu aversiven Reaktionen. Denn als Wissenschaftler liegt meine eindeutige Präferenz auf dem fachlich fundierten, auf Wahrheit und Erkenntnisfortschritt ausgerichteten dialektischen Diskurs.

  30. HAM sagt:

    @Leonard 18. März 2013 um 14:58
    Was ist zu wünschen und anzustreben, und was sollte geschehen?
    1 Die unmittelbare Krisenerfahrung sollte in eine theoretisch vermittelte Erkenntnis verwandelt werden. …“

    .

    Diesen Punkt halte ich für ganz wichtig, zugleich aber für sehr schwierig. Denn als Systemkrise wird die gegenwärtige gesellschaftliche Situation nur von einer ganz kleinen Minderheit erlebt. Die wenigsten Menschen verstehen ökonomischen Zusammenhänge, wie die Pleiten bei Quelle, Schlecker etc., als Symptome einer Systemkrise, sie begreifen nicht, dass es bei Privatisierungen von Staatseigentum um die Enteignung ihres Anteils am Volksvermögen geht, und dass sie mit Staatsverschuldung und „Bankenrettungen“ zu Gläubigern und damit de facto enteignet werden.
    .

    Nur bei einem Teil der Menschen sind die Auswirkungen der Krise in ihrem Alltag deutlich erfahrbar. Viele derjenigen, welche die Rede von einem „Systemreset“ nachschätzen, begreifen aber nicht, dass damit zugleich ihre Rentenansprüche, ihre Lebens- und Rentenversicherungen sowie ihre Sparvermögen und Kapitalanalagen „resettet“ werden.
    .

    Gesellschaftliche Krisen rufen bei den Individuen Gefühle von Angst und Ohnmacht und gehen einher mit Orientierungsverlust. Anders als die Weltwirtschaftskrise I handelt es sich heute um einen Epochenumbruch, historisch vergleichbar mit dem Zusammenbruch des Zarismus.
    .

    Das alte System erleidet einen kontinuierlichen Niedergang und steuert auf den Zusammenbruch zu, während das neue System noch nicht erkennbar ist.
    .

    Woran sollen sich die Menschen orientieren? Wie gehen sie damit psychologisch um? Nun ja, im Prinzip nicht anders als kleine Kinder, wenn sie im Fernsehen etwas sehen, was sie psychisch nicht verarbeiten können: Sie halten sich die Augen zu. Und so erinnert das Verhalten vieler Menschen an die drei berühmten Affen.
    .

    Natürlich halten sie sich nicht wirklich Augen, Ohren und Mund zu, sondern dies geschieht psychologisch im Gehirn und meist unbewusst. Die Realität wird verdrängt, die Individuen konstruieren sich schöne Scheinwelten, sie meiden und verweigern den Diskurs. Auf der Erscheinungseben sehen wir realitätsflüchtiges, pseudo-rationales. irrationales, fatalistisches etc. Verhalten, Konsum von Psychodrogen, Bildung von selbstreferentiellen Sekten etc.
    .

    No drugs no future“(Günter Amendt).

    Ohne Drogen – so Amendt – funktionieren die Menschen im Neoliberalismus nicht mehr systemfunktional und daher sind diese Psychodrogen im Neoliberalismus unverzichtbar. Schon Kinder – und zunehmend Kleinkinder und Babys – erhalten Psychodrogen. Sie nennen es „Therapie“.
    .

    Insofern sehe ich die Bildung der vom „Genossen „Starogin“ beschriebenen linken „Gesinnungs- und Identitätsfamilien“ gelassen. Solche Gruppenbildungen wirken angstreduzierend und geben eine gewisse Orientierung. Andere betreiben aus ähnlichen – meist unbewussten – Motiven Symbolpolitik und Aktionismus. Das sind Psychomechanismen, die mit rationaler Politik wenig gemein haben.
    .

    Dies alles gehört zu derartigen gesellschaftlichen Umbruchphasen und lässt die Gesellschaft wie ein Irrenhaus erscheinen (vgl. zaristische Dekadenzphase). Aber dies ändert sich auch wieder, wenn die Menschen die Strukturen des Neuen erkennen.
    .

    Genau aus diesem Grund ist die Entwicklung einer wissenschaftlichen Theorie des gesellschaftlichen Umbruchs so wichtig. Sie gibt eine rationale Orientierung und entängstigt. Und bildet – last not least – eine Basis für solidarisches Handeln auf Basis rationaler Interessenverfolgung.

  31. HAM sagt:

    @Leonard
    .

    P.S.
    Gibt es zu dieser Veranstaltung noch weitere Informationen?

  32. Reyes Carrillo sagt:

    @HAM, 19.3.
    Lieber HAM,
    Sie dürfen mich natürlich stets und zu jeder Zeit “freundlichst” auf alles hinweisen! Selbst Ihre “aversive Reaktion” (sind Sie eigentlich noch fähig, überhaupt einen halbwegs umgangssprachlichen Satz zu formulieren?) ist in meinen mütterlich-verständnisvollen Händen wohlwollend aufgehoben. Auch Ihre staubige Humorlosigkeit. Schön indes finde ich, dass nun auch Sie meine Selbstbefriedigungs-Bilder übernehmen. Geht doch! Aber mal ganz ehrlich: Das ist doch Satire, was Sie da schreiben, nicht wahr?
    Im Ernst: Sie sind schon ein ganz schön verschrobenes Prachtexemplar Ihrer Weltanschauung, mein Lieber: Stets vollmundig den “kleinen Mann”, das Proletariat mit aufgeblasenen Backen im Munde führen, aber keinen blassen Schimmer von dessen Lebenswelt haben! Wie maßen Sie sich mit Ihrem singulär verkopften, dramatisch eingeschränkten Wahrnehmungsspektrum eigentlich an, überhaupt irgend jemanden zu vertreten? Ich kenne wirklich niemanden, egal wo auf diesem Globus, dessen Klasse bzw. Rechte Sie angeblich vertreten, der von Ihrem eitlen Geschwurbel auch nur ansatzweise einen Mehrwert generieren könnte, materiell oder immateriell. Sie sind verliebt in Ihre Theorie, ins Denken, ins Analysieren, ins Predigen – und wollen nah am Menschen sein? Das ist doch armselig! Aber leider allen Hardcore-Marxisten gleich. “Denn als Wissenschaftler liegt meine eindeutige Präferenz auf dem fachlich fundierten, auf Wahrheit und Erkenntnisfortschritt ausgerichteten dialektischen Diskurs.” Oh weh, oh weh, ihr Wissenschaftler! Ich sage nur noch Amen und bin dann mal weg aus Ihrem mehrwertfreien Wolkenkuckucksheim. Nett war’s trotzdem mit Ihnen.

    • Johnson Nash sagt:

      Erstens danke für diesen Artikel. Egal wie man dazu steht, er regt zum Nachdenken an. @Herr Carillo auch wenn ich mich hiermit eines Vorurteils an VVS schuldig mache, so muss ich mich Ihnen anschließen. Als nur ein weiterer Vertreter des “Plebs” grenzen meine Erfahrungen mit unseren Elfenbeinturmintellektuellen an eine absolute Zumutung. Geistige Gruppenmasturbation wird dann gerne in das rechtschaffende Gewand des intellektuellen politischen Diskurses gesteckt egal wie durchsichtig die Kleidung mit jedem “du verstehst doch sowieso nichts also halte gefälligst deinen Mund” wird. An der umfassenden Arroganz solchen Verhaltens ändern dann auch weder die politische Linie noch der gerechte Zweck etwas. Es mag sein daß mein “Stand” sich nicht immer sehr gewählt oder gar eloquent ausdrückt und ja an einem gewissen Verständnis mangelt es vielen von uns auch. Anders ausgedrückt: Wir können euch keine Lösung bieten und oft mangelt es am Wissen warum aber an unserem Geschrei von Unten erkennt man zumindest, daß etwas schief läuft. Wer das einfach ignoriert und gleichzeitig von Solidarität und anderen Sachen spricht, ist entweder unendlich von sich selbst überzeugt oder ein kleingeistiger Heuchler der sich seine Egokicks auf kosten anderer holen möchte… Zuguterletzt finde ich es einfach immer wieder witzig wie selbsternannte “Sozialwissenschaftler” (nicht an VVS gerichtete) der Meinung sind uns “einfachen Menschen” sagen zu können warum wir uns wie fühlen und was davon zu halten sei. Anmaßend und arrogant.

  33. Leonard sagt:

    Wie ich es sehe: Die “soziale Klasse” ist philosophisch ein Wesensbegriff, nicht ein Begriff auf der Erscheinungsebene. Die oben zu lesenden Klagen und Befunde orientierten sich aber ausschließlich an dieser unmitttelbren Erfahrungs- und Erscheinungsebene und am zugehörigen Alltagsbewußtsein. Der philosophische, rationale Zugang zum Problem der Gesellschaftlichkeit führt nun zu Kategorien, die das Wesen treffen, aber er beantwortet wegen der Dialektik mit der irrationalen Seite der Gesellschaftlichkeit bei weitem nicht alle Fragen. Verzichtbar ist sie deswegen jedoch nicht.

    Ich möchte diejenigen Teilnehmer der Diskussion, die Wert auf eine philosphische Fundierung legen, gern auf die Schriften von Bodo Gaßmann hinweisen:
    http://www.vereindialektik.de/

    Klar ist aber auch, dass die irrationale, psychologische bzw. sozialpsychologische Seite der Gesellschaftlichkeit dieselbe praktische Bedeutung hat wie die rationale Seite, selbst wenn diese zuletzt ein objektives, irrationales Ganzes erkennt. Sie spielt eine wesentliche, komplizierte und weitestgehend oder völlig unverstandene Rolle dabei, ob und auf welche Art und Weise das gesellschaftliche Sein tatsächlich das Bewußtsein bestimmt. Aber über Psychologie und Sozialpsychologie war zur Zeit der Entstehungsgeschichte der materialistischen Philosophie in der zweiten Hälfte des 19. Jh. noch sehr wenig bis gar nichts bekannt. Und hier kommen G. H . Mead und wohl auch S. Freud ins Spiel.

  34. Reyes Carrillo sagt:

    Leonard, 23.03.

    Vielen Dank für Ihren beide Ebenen aufgreifenden Überblick. Nur, was machen Sie mit der dritten Ebene, dem Idealismus (als philosophischen Begriff)? Diesem galt ja mein Werben für die Anerkennung auch “subjektiver Erfahrungs- und Erlebenswelten”. Ich halte alle drei Ebenen für unerlässlich, um Leben und Gesellschaft angemessen verstehen zu können. Der wirklich äußerst überhebliche Versuch der materialistischen Philosophie, diese dritte Ebene völlig auszublenden oder via psychoanalytischer Kategorien wegzurationalisieren ist in seiner Dogmatik unerträglich und deshalb leider um nichts “besser” als jede andere Dogmatik. An dieser Stelle sei gesagt, dass ich selbst weder einer Religion noch einer Kirche angehöre, jedoch schlichtweg diese Dimensionen zu respektieren habe, die für satte ca. 5 Mrd. religiöse Menschen auf diesem Globus von erheblicher Relevanz sind. Wie kann man sich anmaßen, sich darüber zu erheben?!?
    Ich habe darüber hinaus leider immer noch nicht verstanden, welcher Nutzen aus der rationalen, materialsitisch philosophischen Ebene, der dieser Diskussion zugrunde liegt, gezogen werden kann – und vor allem, wie dieser zum Wohle des Menschen transformiert werden soll? Denn nur um dieses kann es doch gehen, oder?

  35. Leonard sagt:

    Ich versuche eine Antwort:
    1. Ich halte diese Diskussion hier für wichtig im Hinblick auf das Erkennen dessen, was wir noch nicht oder nicht hinreichend genau wissen. Und das ist einiges.
    2. “Subjektive Erfahrungs- und Lebenswelten” können auf der Erscheinungsebene wahrgenommen und miterlebt werden; sie werden vom Alltagsbewußtsein in irgendeiner Art und Weise reflektiert.
    3. Das (richtige oder falsche oder das religiöse oder nicht-religiöse) Denken der Menschen, ihre (positiven oder negativen, oder auch religiösen) Gefühle und ihre unterschiedlichen Motive, sie spielen auf dieser Ebene des Alltagsbewußtseins eine wichtige Rolle, indem sie die widersprüchliche gesellschaftliche Praxis, die durch menschliches Handeln (sei es als Charaktermaske, sei es als Subjekt) konstituiert wird, konkret mit bestimmen. In Lateinamerika steht vermutlich (ich kenne mich da nicht aus) die Befreiungstheologie dafür. Im Begriff der widersprüchlichen gesellschaftlichen Praxis, unserer unmittelbaren Erfahrungsbasis, faßt sich das jedenfalls alles zusammen.
    4. Diese Praxis muss aber als ganze im Hinblick auf die Wesensebene reflektiert werden, und dass heißt, es muss ein Zugang zu den maßgeblichen Kategorien und den treibenden Gesetzmäßigkeiten gefunden werden. In der Philosophie (und der Gesellschaftswissenschaft) hat sich das in den 1840er Jahren im Übergang von Hegel über Feuerbach zu Marx vollzogen. Im Anschluß an die Religionkritik der Junghegelianer hat Marx in seinen Frühschriften die Religion nicht verworfen, sondern er hat sie begriffen, indem er ihre gesellschaftlichen Funktionen erkannte und benannte und sie damit gesellschaftstheoretisch erklärte. Ob einem religiös denkenden oder fühlenden Menschen das einleuchten kann, das weiß ich nicht. Jedenfalls begründet der hier bezeichnete Übergang, dass Religion (die doch wohl gemeint ist) auf der Wesensebene keine Rolle mehr spielt.
    5. Das Marxsche Denken ist ein empirisch gesättigter Rationalismus im kritischen Anschluß an die Hegelsche Logik. Die irrationale Seite des menschlichen Lebens und das menschliche Unbewußte erscheinen – unzureichend – als etwas, was rationalisiert werden kann oder gar nicht existiert. Es existiert aber, wie wir seit Freud wissen. Und deshalb sind erhebliche Ergänzungen und Erweiterungen (s. o.) nötig. Ihr Fehlen erklärt, weshalb der – offensichtlich höchst problematische – Übergang vom gesellschaftlichen Sein zum gesellschaftlichen Bewußtsein sich eben nicht so – oder nicht so einfach – abspielt, wie er von Marx erwartet worden war.
    6. Welchen Nutzen hat die Erkenntnis der Wahrheit? Dass jeder Mensch, statt länger zu irren, für sein Handeln und sein Leben die richtigen Schlußfolgerungen ziehen kann, mit Folgen für ganze Gesellschaften. Geschieht das, ist das Ziel der Philosophie erreicht.

  36. Reyes Carrillo sagt:

    @Leonard, 24.3.
    Vielleicht nehmen Sie es ja selbst nicht – mehr? – wahr, da für Sie unzweifelhaft: In Punkt sechs Ihrer Zusammenfassung sprechen Sie von der “Erkenntnis der Wahrheit”. Und dies zeigt glasklar die irrwitzige und niemals zu akzeptierende Basiskrux all Ihrer/dieser Thesen wiewohl auch die Arroganz (nicht Ihre persönliche natürlich) dieser philosophischen Betrachtungen. Es ist mir vollkommen unbegreiflich, wie egal welche Weltanschauung, Philosophie, Religion usw. usf. solch einen durch nichts zu rechtfertigenden Wahrheitsanspruch für sich zu reklamieren wagen kann? Welche Haltung muss man einnehmen, um derartiges anzunehmen? Wie leicht Ihnen auch diese Begriffe in die Tasten fließen: dass der Mensch nicht länger “irren” müsse und so die “richtigen” (!) Schlussfolgerungen für sein Leben ziehen mögen usw. Da muss ich wirklich schwer schlucken, wenn ich so etwas lese. Da brüten am grünen Tisch irgendwelche Theoretiker unter Verwendung hochkomplexer philosophischer Kategorien und Parameter das “Richtige”, das “Wahre” für den armen, einfachen “irrenden” Proletarier resp. Mensch aus, auf dass es ihm einst besser gehe, lehnen aber jegliche Hier-und-Heute-Intervention zur Verbesserung seiner gegenwärtigen Lebensumstände ab, da systemimmanent. Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen! Ich halte das alles für regelrecht grenzwertig, vornehmlich jedoch das elitäre, abgehobene Selbstverständnis derer, die sich dieser Disziplin widmen. Angesichts der Realitäten, die ich vor allem aus meiner Heimat kenne, ist dies geradezu – pardòn – lachhaft. Mit natürlich einer großen Bitterkeit in diesem nicht befreienden Lachen. Das dürfen Sie mir nicht übel nehmen. Ich begreife auch nicht, was die arrogante Dogmatik dieser Philosophie von der unsympathischen Dogmatik beispielsweise einer katholischen Kirche unterscheiden soll? Das meine ich mitnichten naiv, diese Frage stellt sich tatsächlich. Es kann einfach nicht angehen, dass sich irgendjemand anmaßt, das Wahre und Richtige für sich zu reklamieren. Ganz einfach.
    Ich will Sie, um das nochmal ganz klar zu machen, keinesfalls persönlich angreifen. Ich bin da inzwischen vorsichtiger. Zudem will ich Sie für nichts verantwortlich machen, was Sie nicht geschrieben haben, ich aber hier doch zusammenfassend aufgreife. Aber mit der Selbstverständlichkeit Ihrer Formulierungen vor allem in Punkt sechs haben Sie wirklich einen Volltreffer gelandet. Das wirklich Fatale ist, dass nirgendwo ein konkret dem Menschen zugute kommender Mehrwert zu entdecken ist, während selbst ein Papst für Hunderte von Millionen Menschen eine zwar rätselhafte, dessen ungeachtet zu respektierende subjektive Bereicherung darstellt.
    Da sie stets am Menschen scheitern wird, wird sich eine solche Philosophie niemals durchsetzen können. Das zumindest ist denn doch noch tröstlich und beruhigend.
    Ich weiß natürlich, dass ich Sie mit meiner Argumentation nicht erreichen kann, dass Sie sie sicher auch als einigermaßen “doof” subsumieren werden, da sie sich nicht an die in Ihrer Zusammenfassung vorgegebenen Kategorien hält. Doch das ist hinzunehmen.

  37. Leser sagt:

    Vll. nehmen Sie es ja selbst nicht – mehr? – wahr, da für Sie unzweifelhaft: in all Ihren Texten bestreiten Sie die intellektuelle Fähigkeiten vieler Menschen, „Wahrheiten“ im wissenschaftlichen Konsens analysieren zu können.

    Und dies zeigt glasklar die irrwitzige und niemals zu akzeptierende Basiskrux all Ihrer „Argumentationen“, wiewohl auch die Arroganz dieser rein subjektiven Einzel-Betrachtung.

    Es ist mir vollkommen unbegreiflich, wie, egal welche persönlichen Kindheitserlebnisse, Entwicklungen und Lebensumfeld, man einen durch nichts zu rechtfertigenden subjektiven Ereignishorizont als Anti-Theorem zu reklamieren wagen kann.

    Welche Haltung muss man einnehmen, um derartiges anzunehmen?

    Wie leicht Ihnen auch diese Begriffe in die Tasten fließen: dass Menschen sich alle “irren” müssten und so die “richtigen” (!) Schlussfolgerungen für die Wissenschaften ziehen mögen usw. Da muss ich wirklich schwer schlucken, wenn ich so etwas lese.

    Da brüten am grünen Monitor irgendwelche Individuen – unter Verwendung simpler individueller Erfahrungskategorien und Parameter – das “Richtige”, das “Wahre” für die bedauernswerten, einfach “lebensfremden” Theoretiker (resp. Mensch) aus, auf dass es ihm hier und heute besser gehe, lehnen aber jegliche Intervention zur Verbesserung seiner zukünftigen Lebensumstände ab, da alles rein subjektiv sei.

    Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen! Ich halte das alles für regelrecht grenzwertig, vornehmlich jedoch das elitäre, abgehobene Selbstverständnis derer, die sich dieser Disziplin widmen.

    Angesichts der Realitäten, die viele Wissenschaftler vor allem aus den Erfahrungswelten der Menschheitsentwicklung betrachten, ist dies geradezu – pardòn – lachhaft. Mit natürlich einer großen Bitterkeit in diesem nicht befreienden Lachen. Das dürfen Sie mir nicht übel nehmen. Ich begreife auch nicht, was die arrogante Dogmatik dieser Einzeldarstellungen von der unsympathischen Dogmatik beispielsweise eines Predigers der katholischen Kirche unterscheiden soll? Das meine ich mitnichten naiv, diese Frage stellt sich tatsächlich. Es kann einfach nicht angehen, dass sich irgendjemand anmaßt, das Wahre und Richtige in wissenschaftlicher (resp. menschlicher) Zusammenarbeit für undenkbar deklariert (für falsch) und somit wiederum rein für sich selbst reklamiert (für richtig und wahr). Ganz einfach.

    Ich will Sie, um das nochmal ganz klar zu machen, keinesfalls persönlich angreifen. Ich bin da inzwischen vorsichtiger. Zudem will ich Sie für nichts verantwortlich machen, was Sie nicht geschrieben haben, ich aber hier doch zusammenfassend aufgreife. Aber mit der Selbstverständlichkeit Ihrer Formulierungen – vor allem in den umfangreichen Selbstdarstellungen vs. intellektueller Theorien – haben Sie wirklich Volltreffer gelandet. Das wirklich Fatale ist, dass nirgendwo ein konkret dem Menschen zugute kommender Mehrwert im Ergebnis zu entdecken gewesen sei, während selbst ein Hitler für zig Millionen Menschen eine zwar sehr verführerische, dessen ungeachtet zu respektierende subjektiv empfundene Bereicherung darstellte.

    Da sie mit den Menschen scheitern wird, wird sich eine solche Individual-Philosophie niemals für die Zukunft der Menschheit einsetzen können. Das ist weder tröstlich, noch beruhigend.

    Ich weiß natürlich, dass ich Sie mit meiner Argumentation nicht erreichen kann, dass Sie sie sicher auch als einigermaßen “lebensfremd” subsumieren werden, da sie sich nicht an die in Ihrer Erfahrungswelt fest vorgegebenen Kategorien hält. Doch das ist hinzunehmen.

  38. Leonard sagt:

    Ihre Frage war oben:

    “Ich habe darüber hinaus leider immer noch nicht verstanden, welcher Nutzen aus der rationalen, materialistisch philosophischen Ebene, der dieser Diskussion zugrunde liegt, gezogen werden kann – und vor allem, wie dieser zum Wohle des Menschen transformiert werden soll? Denn nur um dieses kann es doch gehen, oder?”

    Meine Antwort war oben:

    “Welchen Nutzen hat die Erkenntnis der Wahrheit? Dass jeder Mensch, statt länger zu irren, für sein Handeln und sein Leben die richtigen Schlußfolgerungen ziehen kann, mit Folgen für ganze Gesellschaften. Geschieht das, ist das Ziel der Philosophie erreicht.”

    Ich versuche jetzt, das zu erläurtern. Ich habe nichts darüber gesagt, was “die Wahrheit” ist. Sie ist sicher nicht einfach gegeben. Als Ziel aber ist sie für Erkenntnisprozesse unverzichtbar. Es gibt einen Denkweg (neben etlichen anderen), auf den ich hingewiesen habe, übrigens einschließlich nicht weniger und schwieriger offener Fragen. Hält man ihn für den richtigen Denkweg (was, mit Gründen, unterschiedlich beurteilt werden mag), dann muss man ihn gehen, um zu sehen wohin er führt. –

    Vielleicht denken Sie bei dem Wort “Wahrheit” an sogenannte “Glaubenswahrheiten”, aber so etwas ist hier nicht gemeint. Es geht um Erkenntnis im philosophischen und wissenschaftlichen Sinn, also immer auch um einen möglichen Irrtum. Es gibt genügend historische Beispiele dafür, die uns an unseren Mangel an Erkenntnis und an unsere Irrtumsfähigkeit erinnern, und auch daran, dass solche Irrtümer mit Verantwortung verknüpft sind.

    Aber wenn Erkenntnis zu Einsicht und damit zu Änderungen im Denken und Handeln führt, durch die allein sich etwas bessern kann, dann ist sie den Menschen nützlich. Wenn Menschen einsehen, dass sie ihre soziale Lage nur selbst verbessern können, dann werden sie das – anstatt die bisher undurchschauten Verhältnisse weiter zu dulden – vermutlich auch tun. Dass das leichter gesagt als getan ist, das muß wohl kaum betont werden.

  39. Reyes Carrillo sagt:

    Mit dieser Beschreibung, die auch Relativierungen zulässt, kann ich schon besser leben. Leider jedoch bilden Sie mit dieser Ihrer persönlichen Freiheit, Ihren Denkansatz – zumindest theoretisch – im Wettbewerb auch anderer Denkrichtungen und Erkenntniswege einzuordnen (“Erkenntnis” ist hier natürlich ausdrücklich nicht in ihrer philosophischen Dimension gemeint) eine Minderheit ab. Die Mehrheit der Anhänger Ihrer Denk-Zunft legt da schon strengere, also absolutistischere Maßstäbe ihren Theorien zugrunde. Was ich vor allem psychologisch nicht verstehen kann: Jedes bis zu einem gewissen Grad auch Relativierungen, Zweifel und Irrtum zulassendes Denkgebäude erfährt gerade darüber eine eigene Kraft, Überzeugungsfähigkeit – und letztlich auch Attraktivität. Das habe ich bei Marx’ theoretisierenden Nachfahren eh nie kapiert, warum sie sich dieser Chance freiwillig und ohne jede Not (oder doch?) berauben.

  40. Leonard sagt:

    “Das habe ich bei Marx’ theoretisierenden Nachfahren eh nie kapiert, warum sie sich dieser Chance freiwillig und ohne jede Not (oder doch?) berauben.”
    Ja, idealerweise sollte es diese Offenheit immer geben. Aber die Frage beantwortet sich teilweise, indem die ganz konkrete reale Geschichte mit ihren Konflikten und Randbedingungen in den Blick genommen wird, in die das nachmarxsche Denken und Handeln verwoben war und ist: wie im Falle der russischen und der chinesischen Revolution, aber auch der in Jugoslawien oder in Kuba zum Beispiel.

  41. HAM sagt:

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    @Leonard 23. März 2013 um 22:53
    Wie ich es sehe: Die “soziale Klasse” ist philosophisch ein Wesensbegriff, nicht ein Begriff auf der Erscheinungsebene.

    Zustimmung.
    Marx sieht in seiner philosophisch-ökonomischen Betrachtung die Arbeiterklasse als potentielles revolutionäres Subjekt. Die empirische Arbeiterklasse erhält damit in der Marxschen Revolutionstheorie eine historisch-emanzipatorische Zuschreibung, welche jedoch nicht vom geschichtlichen Verlauf bestätigt wird..
    .
    Die alles war bereits in den 70-er Jahren ein großes Thema in der politischen Diskussion und ein Resultat war jener „Abschied vom Proletariat“, wie es André Gorz nannte.
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    In der marxistischen Diskussion wurde zwischen „Klasse an sich“ und „Klasse für sich“ differenziert. Den Unterschied macht die Qualität des „Klassenbewusstseins“.
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    „Klasse an sich“ ist die empirische Arbeiterklasse, welche systemimmanente Verteilungskämpfe führt. „Klasse an und für sich“ ist eine Marxsche „Erfindung“, ein Mythos. In dieser Erzählung soll die empirische Arbeiterklasse zum revolutionären Subjekt werden, das Proletariat soll durch seine Befreiung von der kapitalistischen Klassenherrschaft die ganze Menschheit befreien und ihr eine Zukunft als klassenlose Gesellschaft eröffnen.
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    Unter den Marxismus-Gläubigen entwickelte sich diese Revolutionsidee zu einer „Diesseitsreligion“. Zuvor – zu Zeiten der christlichen Jenseitsreligion konnte sich die Arbeitsbevölkerung über das „irdische Jammertal“ hinwegtrösten (s. „Opium des Volkes“), indem sie an ein Leben im Paradies nach dem Tode glaubte.
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    In der marxistischen Erzählung beginnt das Paradies auf Erden – der Kommunismus – nach der proletarischen Revolution. Und die „Arbeiterklasse“ ist dort der Messias, welcher die arbeitende Menschheit von ihren Qualen erlöst und das sozialistische Paradies bringt.

    So wie die Zeugen Jehovas auf das „Königreich Gottes auf Erden“ warten, so warten die Marxismus-Gläubigen seitdem auf die proletarische Revolution, welche zum Paradies des Kommunismus führen soll.
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    Aber die „Arbeiterklasse“ macht und will keine Revolution. DWR schreibt oben in seinem Kommentar (7. März 2013 um 22:48):
    Ja, die Lohnarbeiter sind anti-revolutionär eingestellt, kein Zweifel. Mein Gegenargument ist schlicht: das muss nicht so bleiben. Ob dieses Argument gilt, ist freilich nicht objektivierbar und überanstrengt jedwede Diskussion.
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    Was nicht objektivierbar ist, daran kann man nur glauben. Mit Wissenschaft hat es nichts zu tun. Es belegt, dass es sich bei der Marxschen Revolutionstheorie nicht um eine wissenschaftliche Theorie handelt, sondern um eine Glaubenssache.
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    Damit die „Klasse an sich“ zur „Klasse an und für sich“ wird, müsste sie einen Prozess der Bewusstseinsentwicklung durchlaufen, in dem sie sich über ihre objektive Stellung im Weltprozess und über ihren welthistorische Mission der Befreiung der Menschheit bewusst wird.
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    Bereits Lenin formuliert in aller Klarheit, dass dazu die Lohnarbeiterklasse nicht in der Lage ist:
    Wir haben gesagt, daß die Arbeiter ein sozialdemokratisches [= sozialrevolutionäres, HAM] Bewußtsein gar nicht haben konnten. Dieses konnte ihnen nur von außen gebracht werden. Die Geschichte aller Länder zeugt davon, daß die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches [= systemimmanentes, verteilungskampffixiertes, HAM] Bewußtsein hervorzubringen vermag, d.h. die Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeitet notwendigen Gesetze abzutrotzen u.a.m. Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgegangen, die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden. Auch die Begründer des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, Marx und Engels, gehörten ihrer sozialen Stellung nach der bürgerlichen Intelligenz an.
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    Lohnarbeiter sind keine Sozialwissenschaftler. Sie verfügen nicht einmal über eine höhere Bildung im Sinne einer bürgerlichen Allgemeinbildung. Ihre Möglichkeiten, das Gesellschaftssystem zu verstehen, sind aufgrund ihrer Bildungs- und Wissenschaftsferne limitiert.
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    Ziel der Arbeiterbildung war, dieses Bildungs- und Wissenschaftsdefizit zu kompensieren. Lenin hingegen wollte dieses Problem primär organisatorisch lösen. Die Organisation der Berufsrevolutionäre sollte zum „Kopf“ der Arbeiterbewegung werden und die Führung übernehmen:
    Solche Arbeiter, Durchschnittsmenschen aus der Masse, sind fähig, in einem Streik, einem Straßenkampf gegen Polizei und Militär riesige Energie und Opfermut an den Tag zu legen, sie sind fähig (und nur sie allein können es), den Ausgang unserer ganzen Bewegung zu entscheiden – aber gerade der Kampf gegen die politische Polizei erfordert besondere Eigenschaften, erfordert Berufsrevolutionäre. Und wir müssen nicht nur dafür sorgen, daß die Masse konkrete Forderungen „stellt“, sondern auch dafür, daß die Masse der Arbeiter aus ihrer Mitte in immer größerer Zahl solche Berufsrevolutionäre „stellt“. Wir sind also bei der Frage der Wechselbeziehung zwischen der Organisation der Berufsrevolutionäre und der reinen Arbeiterbewegung angelangt. (Lenin in „Was tun?“)
    .
    Die historische Erfahrung legt die Konsequenz nahe, der Marxschen Revolutionstheorie einen Platz im Theoriemuseum zuzuweisen.

    • Leonard sagt:

      Ja, das ist bekannt, und es ist zugleich recht beruhigend für die Herrschenden. –
      Stefan Breuer kommt in seiner Dissertation: Die Krise der Revolutionstheorie, Syndikat: Frankfurt/Main 1977 im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit Herbert Marcuse im Hinblick auf die Arbeiterklasse zu denselben desillusionierenden Ergebnissen. Auch Iring Fetscher hat in einer seiner einschlägigen Schriften die – sinngemäße – Einschätzung publiziert, die Arbeiterklasse habe ihren ´kairos´ gehabt und ihn verpaßt; er dachte dabei vermutlich an 1918/19 als Datum dieser historischen Entscheidung. –
      Aber auch wenn die Arbeiterklasse nicht revolutionär ist und es wahrscheinlich auch nicht werden wird, auch dann bleibt ein irrationales, widersprüchliches, abstraktes, von der blinden Verwertung des Wertes getriebenes Gesellschaftssytem, das an immanente Grenzen stoßen kann oder muss und möglicherweise zur Selbsttransformation tendiert.
      Also stellt sich die wieder völlig offene Frage, was denn von wem zu tun sei, heute mehr denn je.

      • HAM sagt:

        Warum hält sich die Vorstellung so fest in den Köpfen, eine Revolution könne nur von „unten“ komme? Ist es nicht eher so, dass Armut und Elend zu Resignation, Demoralisierung und Entsolidarisierung führen?
        .
        Warum nicht aus der Mitte der Gesellschaft, aus den Intelligenzschichten?
        Die sog. 68-er-Bewegung war eine Revolte von materiell privilegierten(!) Intelligenzschichten. Warum gibt es auch bei den Reichen Alkoholismus, Drogenkonsum, Depressionen und Suizide?
        .
        Und auch bei der bürgerlichen Revolution waren es auch Teile der Intelligenz, welche eine Revolution im Menschen- und Gesellschaftsbild induzierten.
        Der Sturm auf die Bastille war doch gar nicht das entscheidende Moment.
        .
        In der Sowjetunion gab es eine „Revolution von oben“, welche das erstarrte System des Sowjetkommunismus beseitigte.

        • Leonard sagt:

          Ist das nicht eine schiefe Interpretation? Ich habe von einer offenen Frage gesprochen. Ich meinte das auch. Als offene Frage ist sie klärungsbedürftig. Ich sehe keine Grund, von vornherein etwas auszuschließen.

  42. HAM sagt:

    @Leonard 26. März 2013 um 18:47
    Ich habe von einer offenen Frage gesprochen. Ich meinte das auch. Als offene Frage ist sie klärungsbedürftig.
    .
    Das habe ich auch so verstanden.
    Meine Frage: Warum hält sich die Vorstellung so fest in den Köpfen, eine Revolution könne nur von „unten“ komme? bezog sich nicht auf Sie persönlich, sondern auf eine in der „linken Szene“ nach wie vor vorherrschende Vorstellung.
    .
    Meine Position zu dieser Frage ist, dass die revolutionäre Arbeiterbewegung aus den Zeiten von Luxemburg, Lenin und Trotzki untergegangen ist und dass die lohnarbeitenden Massen kein potentielles „revolutionäres Subjekt“ sind und auch in der Zukunft nicht als solches handeln werden. Die Hoffnungen auf die Macht und das revolutionäre Potential der Massen sind längst durch die Realität widerlegt worden.
    .
    Nun, dies sind keine neuen oder gar einzigartigen Erkenntnisse. Im Gegenteil, geschätzt 99% aller Sozialwissenschaftler würden diesen Aussagen zustimmen. Aber im linken Milieu sind nach wie vor die Hoffnungen auf „linke Mehrheiten“ oder eine Revolution der Massen weit verbreitet.
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    Das ist irrational, jedoch lässt sich dieser „linke Glaube“ psychologisch erklären. Das ist nicht anders als bei Religionen, welche Veränderungen der Welt durch das Kommen eines Messias erhoffen.
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    Ein wesentliches Ziel der Arbeit von Marx und Engels war, das Streben nach und den Kampf um eine sozialistischen Gesellschaft auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen. Sie nannten dies „wissenschaftlichen Sozialismus“ und wollten so den unwissenschaftlichen Utopismus der Frühsozialisten überwinden.
    .
    Heute verfolgt nur noch eine kleine Minderheit das Konzept des „wissenschaftlichen Sozialismus“, die Mehrheit der linken Szene hängt subjektivistischen Konstrukten und Glaubensvorstellungen an, es fehlt ihren Wunschvorstellungen und Hoffnungen – wie bei den Frühsozialistischen – eine wissenschaftliche Basis.
    .
    Wenn wir die Grundposition der Soziologie, mit der sie sich als Wissenschaft begründet, teilen, dass gesellschaftliche Entwicklungen gesetzmäßig verlaufen und dass diese Gesetzmäßigkeiten wissenschaftlich erkannt werden können, dann müssten die Sozialwissenschaften eigentlich in der Lage sein, zuverlässige Prognosen im Sinne von mehr oder minder wahrscheinlichen Zukunftsszenarien zu stellen.
    .
    Wenn – so meine These – die heutige Weltgesellschaft, also insbesondere die Ökonomie und das Herrschaftssystem, mit wissenschaftlichen Mitteln analysiert werden, dann erscheint die Frage einer möglichen Transformation dieser Gesellschaft nicht mehr als „offene, erklärungsbedürftige Frage“. Denn dann werden jene Strukturen der Realität deutlich, welche dem Alltagsbewusstsein verborgen sind.
    .
    Der Sozialwissenschaftler Ossip K. Flechtheim prägte den Begriff der „Futurologie“ als wissenschaftlich begründete, systematische und kritische Behandlung von Zukunftsfragen. Sein Buch „Futurologie – Der Kampf um die Zukunft.“ erschien 1970. Eine „Revolution von unten“ – so eine These seines Buchs – sah er für die Zukunft als nicht (mehr) möglich an. Ich habe dieses Buch Anfang der 70-er gelesen und diese These entsprach auch meinen Erfahrungen, theoretischen Kenntnissen und Schlussfolgerungen.
    .
    Aber immerhin gab es zu dieser Zeit in den kapitalistischen Gesellschaften noch eine freiheitlich-sozialistische Systemopposition, die sog. 68-er-Bewegung, und in Chile gab es 1970 einen Wahlsieg der sozialistischen „Unidad Popular“ und in Portugal 1974 eine „Nelkenrevolution“.
    .
    Allerdings erlitten die freiheitlich-sozialistischen Bewegungen gegen Mitte der 70-er eine totale Niederlage. Der entscheidende Grund war aus meiner Sicht der damals herrschende „kalte Krieg“ zwischen den Blöcken. Und jedem der zwei Blöcke wurden die emanzipatorischen Linken mit allen Mitteln als Feinde bekämpft und so zwischen den Blöcken zerrieben. Im Westen war die Entstehung des Linksterrorismus von den Geheimdiensten gefördert worden. Die demokratische Regierung in Chile wurde mit einem Militärputsch blutig beseitigt. In Südamerika herrschten Militärdiktaturen, welche Folter und Mord praktizierten. In Europa wurden Systemkritiker durch offene oder verdeckte „Berufsverbote“ und „Schwarze Listen“ exkludiert. Und in den bürokratischen Diktaturen im Ostblock wurden Kritik und Opposition mit Terrorurteilen unterdrückt, wie z. B. im Fall von Rudolf Bahro.
    .
    In dieser Zeit konvertierten ehemalige Linksintellektuelle zu Systemapologeten. Die „Neue Rechte“ in Frankreich rekrutierte sich zum einem großen Teil aus ehemaligen Linken. In der SPD schwenkten die Opportunisten und Karrieristen vom linken auf den rechten Flügel. Der ehemalige Juso-Vorsitzende Gerd Schröder wechselte von der Linksaußenposition der „Göttinger Antirevisionisten“ zu den „Seeheimern“, also zum rechten Flügel der SPD.
    Überhaupt machte die SPD einen Rechtsschwenk. Es gab in der SPD viele Parteiausschlussverfahren gegen kritische Linke. Viele renommierte Sozialisten, wie z. B. Jochen Steffen – bekannt als der „rote Jochen“ – verließen die SPD. Ende der 70-er war dann die SPD „marxistenfrei“ und völlig in der Hand der Parteirechten.
    .
    Ein ähnlicher Prozess lief bei den „Grünen“ ab. Hatten sich die Grünen als linke, ökosozialistische Partei gegründet, so herrschten dort später die rechten „Realos“.
    .
    So bestand auch das „rotgrüne Projekt“, was in der rot-grünen Regierung Schröder-Fischer umgesetzt wurde, in neoliberalen Gegenreformen (z.B. Hartz-„Reformen“, Agenda 2010), welche treffend als „reaktionäre Modernisierung“ benannt wurden.
    .
    In den vier Jahrzehnten nach der „68-er-Zeit“ hat sich die Welt völlig verändert. Der Ostblock – das sowjetkommunistische System – existiert nicht mehr. Es wurde durch eine „Revolution von oben“ – ausgeführt von bürokratischen Eliten – beseitigt. Die großen kommunistischen Parteien des Westens, wie die KPI oder die KPF, gibt es nicht mehr oder sind politisch bedeutungslos geworden. Die meisten sozialdemokratischen Parteien haben sich vom Sozialliberalismus verabschiedet und sind neoliberal geworden.
    .
    Das Herrschaftssystem hat sich in der kapitalistischen Welt völlig verändert. Es ist zu einem Empire geworden, in dem die Nationalstaaten nur noch Subsysteme eines imperialistischen Gesamtsystems darstellen. Es hat sich ein System der Klassenherrschaft der Superreichen, der Herrschaft einer globalen plutokratischen Klasse mit unbegrenzter und unbegrenzbarer Macht herausgebildet.
    .
    Ein paar tausend Milliardäre und ihre Funktionseliten beherrschen die kapitalistische Welt, ein Großteil dieser Welt befindet sich in ihrem Privateigentum, sie verfügen über „Privatstaaten“, wie die „City of London“ oder die sog. Steueroasen, sie unterhalten große Privatarmeen, ihnen gehören die großen Medien und sie kontrollieren die Nachrichtenagenturen und damit die Informationen, die nationalen Regierungen funktionieren wie Marionetten in ihrem Interesse.
    .
    Der Soziologe Hans-Jürgen Krysmanski hat als Wissenschaftler die „Power Structure“ und das neue, supranationale Herrschaftssystem zum Gegenstand seiner Forschungen gemacht und informiert im Interview darüber.

    .
    In diesem Interview erfährt man viel über den tatsächlichen Zustand dieser Welt. Das massenmedial geformte Alltagsbewusstsein denkt noch in Strukturen, welche – wie z. B. die Vorstellung von souveränen Nationalstaaten – in der Wirklichkeit des heutigen Weltsystems nur noch als fassadenartiger Schein existieren.
    .
    Um ein aktuelles Beispiel zu nennen. Es gibt die Vorstellung, als bilde Europa ein eigenständiges System mit einer eigenen Währung, dem Euro. So gibt es die Rede, dass „die Deutschen“ in Europa herrschen wollen und dass Europa in Konkurrenz zu den USA stehe.
    Tatsächlich ist Europa nur ein Subsystem im Empire der Milliardäre. Niemals würde eine Merkel gegen die Interessen der Herrschenden in diesem Empire handeln. Und die herrschende, supranationale Klasse hat keine „nationalen“, „amerikanischen“, „europäischen“ etc. Interessen. Die Denkstruktur in dieser Klasse ist die von „kosmopolitischen Herrenmenschen“.

  43. Reyes Carrillo sagt:

    Und schwupps, schon ist er wieder da, dieser überhebliche “Ich hab’s kapiert, bloß die doofen Linksträumer nicht”-Duktus. Es war hier gerade so schön “offen”, so plural geworden… Sie können halt nicht aus Ihrer Haut, aber sei’s drum.
    Ihre lässige Vereinnahme der Soziologie, “Gesellschaft” – Ihrer Version nach – vorhersagen zu können, ist natürlich unseriös, da es kaum eine andere Wissenschaft gibt, deren Interpretationsspielräume und verschiedenen, sich zudem oft extrem widersprechenden Richtungen, also Denkschulen, eine solche generalisierende Aussage überhaupt nicht hergibt. Nein, nein, mit soziologischen Argumenten können Sie letztlich alles erklären wollen. Geradezu klassische Beispiele dazu gibt es ja sogar auf diesem Blog. Das Bedenkliche an Ihrer Wissenschafteritis ist, dass Sie sich – wie so viele andere auch – nicht zu schade sind, die Wissenschaften, bei Ihnen vorzüglich die Psychologie und die Soziologie, aus denen Sie einzelne (!) Schulen, die Ihnen passen, extrahieren, für Ihre eigenen Thesen zu strapazieren. Das ist auch der Grund, warum mir ein solcher “wissenschaftlicher Sozialismus” immer ein Grauen war. Ihre Obsession, die “subjektivistisch”, sich aus Glaubensbekenntnissen nährende, wissenschaftsferne Linke, wie Sie sie beschreiben, kenne ich übrigens in der von Ihnen unterstellten “Mehrheit” nicht. Vermutlich zählen Sie auch die Partei DIE LINKE. dazu.
    Auch völlig ohne jeden wissenschaftlichen Rückgriff ist natürlich so gut wie jedem “Linksträumer” klar, dass es die klassische “Revolution von Unten” (die, wie Sie richtig bemerken, wenn, dann eigentlich aus der bürgerlichen Etage kam) vor allem in Europa nicht geben wird. Bei Spanien und Portugal wäre ich mir da aber trotzdem nicht so sicher, was ein Revolutionchen betrifft.
    Auch oder gerade in Anbetracht des von Ihnen natürlich zutreffend beschriebenen kapitalistischen Machtgefüges auf diesem Globus ist der “linke Traum” nicht nur möglich, sondern geradezu lebenserhaltend. Und das meine ich mitnichten selbstsuggestiv! Denn in Ihrem dann folgenden fulminanten geschichtlichen, globalen Abgesang auf den “real existierenden” Sozialismus fehlen merkwürdigerweise Staaten wie Bolivien, Ecuador, Venezuela und auch Kuba völlig! Wie bitte? Ich dachte, ich lese nicht recht. Mir jedenfalls machen diese Länder – berechtigt! – große Hoffnung! Aber gut, was nicht in Ihr Totenglockenläuten passt, wird einfach ignoriert. Das ist doch wohl ein Witz!

    • Rosi sagt:

      „Mir jedenfalls machen diese Länder – berechtigt! – große Hoffnung! Aber gut, was nicht in Ihr Totenglockenläuten passt, wird einfach ignoriert. Das ist doch wohl ein Witz!

      „Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt“ und zwar mit all jenen, die entweder das Läuten nicht hörten oder für sich subsumierten, „die Hoffnung alleine lässt uns überleben“ (oder umgangsprachlich: „Wird schon werden, wird schon gut gehen, mir passiert schon nichts, andere werden es für uns – sogar in unserem Sinne – lösen“). Das ist kein Einzelphänomen, so vollzieht die „Hoffnung“ ihre Metamorphose zur Illusion. Gerade bei „unbekannten“, schwer zu realisierenden Bedrohungen breitet es sich nicht selten als „Flächenbrand“ aus. Denn nichts ist schwieriger, denn die Illusionen als solche zu identifizieren, selbst wenn sie noch so offensichtlich ist. Eher ganz im Gegenteil, je drastischer die Realität die Illusion beginnt einzuholen, desto heftiger wird sie verteidigt.

      Das ist der „linke Traum“, auf den hier Bezug genommen wird. Hoffnung kann eine tröstende und stabilisierende Wirkung haben, wenn sie nicht dazu missbraucht wird, zur Illusion als Glaubensgrundsatz zu transformieren. Schon um ein Denken zu unterbinden, welches in Zukunft zu gestalterischen Handlungen führen könnte. Die Möglichkeit auf Handlungsfähigkeit wird geopfert einer reinen Prophezeiung im Glaubensgrundsatz. Dabei sollte man ein zukünftiges und potentielles Scheitern weitaus dringender betrachten, als eine subjektiv, dem eigenen Seelenheil geschuldete Hoffnung auf eine bessere Welt, die da eines Tages kommen mögen (wartet Menschheit nicht bereits ewig darauf?). Stellt sich in Nachhinein heraus, die Bedenken waren unbegründet, nun, dann sei es so. Stellt sich jedoch heraus, die Hoffnung war ein Trugbild, diese Nachwirkung ist fatal. (Aber Hauptsache das Seelenheil der Gläubigen wurde nicht angetastet, scheixx auf die Menschheitsentwicklung).

      “Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung. Heute ist alles in Ordnung, das ist unsere Illusion.”
      (Voltaire)

      und

      „Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“
      (George Santayana)

      Das gilt auch für Bedrohung-Szenarien menschlicher Kulturentwicklungen im Lebensraum. Die ganze Menschheitsgeschichte ist gerade auf diesem Feld voller enttäuschter Hoffnungen, die sich im Nachhinein als große Illusionen heraus stellten. Denn das Problem mit Gegenwart und Zukunft ist: Zukunft wird genauso schnell Gegenwart, wie Gegenwart zur Vergangenheit wurde.

      Zukunft ist etwas, was man gestalten muss, wenn sie zur Gegenwart werden soll. Hoffnung alleine reicht dazu nicht aus, auch nicht ein Blick auf andere Nationen (die unsere Retter spielen sollen?). Dazu ist die große Weltgruppe Mensch viel zu sehr in kulturell inhomogenen Untergruppen gesplittet. Je weiter voneinander entfernt, desto größer die Unterschiede.

      Doch es ist nahezu klassisch, wie jene, die dem Glaubensgrundsatz „Hoffnung“ verhaftet sind, gegen andere arbeiten, die bereits Pläne für eine „Arche“ schmieden; man wechselt zwischen offenen Aggressionen und Spott. Das hat natürlich seinen tieferen Grund. Das Bauen der „Arche“ symbolisiert die Kritik an der Kausalfolge Stagnation als Resultat einer solch missbrauchten Hoffnung. Jeder Zweifel am Wirkungsgrad einer solchen „Hoffnung“ gilt es zu unterbinden und das ist mitnichten ein auf „Linke“ zu reservierendes Phänomen, sondern ein allgemein menschliches. Doch politisch in der Wirkung heutzutage deswegen fatal, weil die linke Klientel sich als Opposition des neoliberalen Systems versteht. (Am Rande: „linke Klientel“ ist nicht beschränkt, auf Anhänger der Partei „Die Linke“, sondern darunter fällt jeder, der sich links des Neoliberalismus versteht bzw. dies auf seine „Fahne“ schreibt. Natürlich sind innerhalb dieser heterogenen Gruppe nicht alle gleich, auch nicht alle blind oder rein der Hoffnung verpflichtet, doch solche haben keine Gestaltungsmacht).

      Im Ergebnis würde das bedeuten, so das neoliberale System dem nahezu unausweichlichen Crash unterliegt, man hat keine Pläne, stürzt sich in planlosen, hektischen Aktionismus, dicht gefolgt von Pragmatismus und Opportunismus.

      Und das nur, weil wir das „Läuten“ nicht hören wollen?

      Es wäre ein Witz, wenn die Geschichte sich nicht ständig wiederholen würde. Immerhin stehen wir schon wieder am Rande eines kulturellen Desasters (man mag von Gertrud Höhler denken, wie man man mag, doch darin hat sie Recht, blickt man auf das südliche Europa, könnte man meinen, es handele sich um die wirtschaftlichen und kulturellen Folgen eines Krieges, auf der Verliererseite natürlich).

      Jetzt muss man mir nur noch glaubhaft versichern, daran waren ausgerechnet jene, die dem Glaubensgrundsatz „Hoffnung“ frönten, unbeteiligt, würden mit ihren „Hoffnungsblockaden“ keinerlei destruktive Wirkungen erzeugen. Na dann hoffen Sie man fleißig weiter, warten auf die Retter aus Venuzuela … und vor allen Dingen darauf, dass diese „Trutzburgen“ (noch, wenn nicht nur längst mehr Schein, als denn Sein) um Gottes Willen nicht eines Tages in eine ähnlich neoliberale Kultur rutschen könnten, so die von HAM, wie auch von Krysmanskis beschriebenen Eliten globalisiert (im wahrsten Sinne des Wortes) agieren. Aller Reichtum, alle Macht beginnt mit der Aneignung von Ressourcen und die liegen bekanntlich im Grund und Boden:

      http://jungle-world.com/artikel/2013/11/47325.html

      Wenn die Kubaner schon für ihre Zukunft auf Obama/USA hoffen und dabei am Tropf der Bodenschätze Venezuelas hängen …

      http://videos.arte.tv/de/videos/kubas-abhaengigkeit-von-erdoel-aus-venezuela–7372482.html

      der Kampf um die letzten Bodenschätze erwartungsgemäß härter wird, die europäische, linke Denkrichtung ihre Hoffnungen auf einen vom Kapitalismus nicht absorbierbaren Sozialismus in Kuba/Venezuela … ausrichtet … Gute Nacht Deutschland, gute Nacht Europa, der Letzte macht das Licht aus… wobei .. ist dann nicht mehr wirklich nötig, das geht dann von alleine aus.

      Revolution, in Europa nicht einmal sehr wahrscheinlich, das macht noch keinen sozialistischen Frühling und ist mitnichten ein Garant auf eine Realisierung von solchen „Hoffnungen“. Hoffen, Glauben und auf bessere Zeiten warten, damit kennt man sich auch in Kuba/Venezuela gut aus.

      Was Sie anführen, das sind alles keine Argumente. Mein Fazit zu ihren Ausführungen:

      „So sieht die Realität aus, weil ich das so will, wie ich mir das mir wünsche, denn ich fühle es so , weil ich so bin, deswegen sind andere auf jeden Fall auch so und so möchte ich auch fühlen“.

      Mehr „Argument“ ist da nicht drin. Weder Fakten, noch Sachhinweise, geschweige denn irgend etwas, was man als Beweisführung verstehen könnte, nicht einmal Wahrscheinlichkeiten sind enthalten. Nichts, nur Hoffnungen, Glaube und Gefühle. Das ist kein Diskurs, das ist keine Antithese nur die Darstellung von Wunsch-Szenarien, Transport über das Medium Seelenstriptease. Der geneigte Leser weiß jetzt, wie Sie fühlen, was sie sich wünschen und was aufgrund dessen keinesfalls überdenken möchten. Und wieso auch immer, übertragen Sie dies (kommt gar nicht so selten vor) auf ein unbestimmtes und nicht klar definiertes Wir und die Anderen. Die Anderen sind jene, die sich mit diesen menschelnden Spielchen nicht zufrieden geben. Die bekommen dann automatisch den Stempel, arrogante und verkopfte Theoretiker.

      Nicht zu fassen …

      Und dieses kindisch naive, alle Bereiche des Internets erobernde, völlig geistloses „Meinungs-“Getue (eigentlich ist es eher die pure Selbstdarstellung), welches jeden konstruktiven Diskurs zerstört (von einem solch wissenschaftlichen möchte ich erst gar nicht sprechen), hat seinen Siegeszug nicht nur im real live oder im TV gehalten, sondern längst das Internet durchzogen. Wir haben „Brüll-sich-an-Reality“-TV, -Talkshows, etc. pp., ein heilloses durcheinander Geplappere ohne gegenseitiges Verstehen, schon an solch fehlenden Bemühungen scheiternd. Wer Diskussionskultur sucht, wird kaum noch welche finden.

      Damit haben die „Hooligans des Internets“ den einzig medialen Raum der Interaktionen zu einem Krüppel der Kommunikationswelt verarbeitet. Den führenden Medien mag dies nur recht und billig sein. Eine Vielzahl unabhängiger virtueller Polit-Landschaften sind längst zu Grabe getragen, am Problem sich orientierende oder an der Sache selbst interessiertest Kommentariat hat sich, den „Boden“ verloren gebend, zurückgezogen. Man gibt sich offensichtlich erst zufrieden, wenn die letzte Bastion des Verstandes darnieder liegt. Das hat System, auch wenn die beteiligten Akteure sich nicht immer dessen nicht bewusst zu sein scheinen.

      „Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun!“
      (Edmund Burke)

      Jene sind halt anderweitig beschäftigt, mit Fühlen, Hoffen und Glauben in ihren subjektiven, höchst individuellen, undurchdringlichen Realitätsblasen, die sie überall mit hin schleppen und als verbale Waffe umfunktionieren.

      Perfekter konnte man das in diesem System, für dieses System, bis zur kulturellen Entwicklung im Hier und Heute gar nicht zur Herrschaftskomponente installieren. Nahezu perfekt umgesetzt, als gefestigter Bestandteil der Kultur. Denn nichts ist leichter regierbar, als ein uneinig Volk. Man muss schon formulieren: ein Volk bestehend aus Einzel-Meinungs-Individuen mit der Überzeugung auf eine jeweilig subjektive Meinungshoheit. Tendenz steigend. Wobei sich der Eindruck verstärkt, dass die „Meinungen dabei flacher, simpler und weitaus leichter berechenbarer werden. Wenn wir bei den reinen „like/like not-smileys“ angekommen sind und das immer noch Gesellschaft nennt,, gebe man mir bitte Bescheid.

      Da jeder mit seiner „Meinungskappe“ (Realitätsblase) auf (oder im) Kopf herumläuft, haben wir einen derartigen Subjektivierungsgrad erreicht, dass man nahezu von vielen, völlig in sich geschlossen Einzel-Individuen sprechen kann, deren gesellschaftlichen Berührungselemente lediglich in der pragmatischen Aufgabenbewältigung liegen. Ganz so, wie die Bauteile einer Maschine. Jedes für sich hat sein eigenes Programm. Sie bedingen sich einander, arbeiten jedoch nicht miteinander. Statt dessen erfüllt jedes ausschließlich seine Aufgabe. Was das Nachbarbauteil macht, versteht das andere schon nicht mehr: der Turmbau zu Babel.

      Wie sich hieraus noch ein gesellschaftlicher Konsens ergeben, geschweige denn eine gemeinschaftliche Kultur entwickeln soll, das ist mir ein Rätsel?

  44. Reyes Carrillo sagt:

    Hilfe! Haaallooooo, ist da noch wer?!? Oder möglicherweise ist dieser Artikel schon zu weit “nach unten” gerutscht mit den Wochen?
    Ich finde es schon blöd, dass ich hier offenbar auf weiter Flur die Einzige bin, die Kritik an einigen Inhalten dieses Diskurses anzumelden hat. Ich fange zwar nicht gleich zu weinen an (andererseits…), frage mich aber doch: Wo sind bloß diejenigen Linken, also die “Doofen”, die z.B. der keynesianischen Lehre etwas abgewinnen können, ja, überhaupt die, die auf Systemimmanenz pfeifen und im Hier, Heute und Jetzt etwas machen wollen? Wo die Attac-Leute, letzte Occupy-Verstreute, Linksparteiwähler oder zumindest deren heimliche Sympathisanten, Ökos, attacfreie Globalisierungsgegner, kurz gefragt: wo seid ihr, liebe Linksträumer? Einfach die Leute, die vor allem große Augen und große Ohren haben bei vergleichsweise etwas rudimentärer ausgebildeter Lust an bloßer Denkarbeit, die, die mit diesen Augen und Ohren sehen und hören, was hier und jetzt nicht in Ordnung ist in diesem Land und anderswo, und die neben der Analyse des Übels und staubtrockenen Exegesen der heiligen Schriften bekannter Gesellschaftstheoretiker etwas tun wollen, vor allem dann, wenn’s scheinbar sinnlos ist! Und die auch etwas dagegen haben, einzelne Schulen der Soziologie und der Psychologie als Absolutum verkauft zu bekommen?
    Dieser Diskurs ist definitiv lesenswert, überhaupt keine Frage! Und es stehen teilweise auch wirklich sehr interessante und kluge Sachen darin.
    Wer also eine intellektuelle Frischzellenkur nötig hat, sollte sich hier unbedingt einlesen, bis er satt ist. Aber nach dem dann wohlverdienten Verdauungsnickerchen sollte man und frau sich dann doch vielleicht fragen, wohin das führen soll und was der tatsächliche Mehrwert dessen ist, was man da teils bewundernd teils ungläubig staunend gelesen hat, und vor allem, welche Haltung dem Menschen gegenüber und welches Selbstbild der Diskutanten hier skizziert wurden? Das halte ich für elementar wichtig.
    Es geht natürlich um kein Entweder-Oder, ebenso wenig um ein Ausspielen der “Guten” (z.B. Keynesianer und “Jetztler”) gegen die “Bösen” (marxistische Theoretiker, Wissenschaftler). Ich persönlich erkenne zwar den theoretischen Zweck dieser Philosophie(n) an, bezweifle jedoch stark ihren praktischen Nutzen. Darüber hinaus scheitere ich bereits an ihrem absolutistischen Wahrheitsanspruch. (Ausnahmen bestätigen wie stets die Regel.) Aber: ¿por qué no?
    Nun, vielleicht findet sich ja doch noch ein tapferer Recke oder eine tapfere Reckin, die es wagen, die simple, aber entscheidende Frage nach dem “Und heute?” zu stellen? Freilich, das hier Erörterte lebt natürlich auch von seiner hochgezüchteten intellektuellen Intonation. Diejenigen, deren Gemüt wie meines etwas schlichterer Natur ist, deren gewohntes Vokabular zudem drastisch unterhalb der hier angestimmten Tonlage verläuft, mögen sich vielleicht sogar gar nicht trauen, gegen eine solche intellektuell-geballte Demonstration etwas zu sagen? Weiß man’s/frau’s? Traut euch aber, ich bin ja da!

  45. HAM sagt:

    Denn nichts ist leichter regierbar, als ein uneinig Volk. Man muss schon formulieren: ein Volk bestehend aus Einzel-Meinungs-Individuen mit der Überzeugung auf eine jeweilig subjektive Meinungshoheit. Tendenz steigend. Wobei sich der Eindruck verstärkt, dass die „Meinungen dabei flacher, simpler und weitaus leichter berechenbarer werden. (Rosi)
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    „Rosi“ weist damit auf einen ganz entscheidenden Punkt hin, nämlich auf den Zusammenhang zwischen Herrschaftserhalt und der Vereinzelung von Individuen, die sich mit subjektiven Konstrukten Illusionen über die tatsächlichen gesellschaftlichen Zustände machen.
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    Das bringt eine neue Perspektive und Qualität in die Diskussion.
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    Im fiktiven Eingangsinterview werden von „DWR“ die Existenz von linken „Gesinnungsfamilien“ und „narzisstischen Identitätskommunen“ zutreffend beschrieben. Ich kritisierte, dass die Argumentation auf den Ebenen von Deskription und psychologischer Deutung verbleibt, weil die Frage nach dem „WARUM?“ dieses Phänomens ausgeklammert wird, und wies auf das Fehlen einer soziologischen Analyse und der wissenschaftlichen Reflexion dieses Phänomens hin.
    .
    „DWR“ alias „Starogin“ betont die Notwendigkeit des „Klassenkampfs“:
    Das bedeutet, dass der wahre Individualismus, den zu vertreten überhaupt erst die Existenzberechtigung der Linken ist, sich nicht in Apple-Produkten und irgend bestehenden Identitätsangeboten verwirklichen kann, sondern einzig und allein auf dem Weg des Klassenkampfs. Das heißt durch die Ablösung immer rigiderer Zwänge der Marktgesellschaft durch eine vergemeinschaftete Produktion. Punkt. Dahinter geht kein Weg zurück, der aus Unterwerfung und Lebensmüdigkeit herausführen soll. Und das muss und kann man auch begreifen!
    .
    Daran anknüpfend gab es im Kommentariat eine Diskussion über den „Klassenbegriff“ sowie die bei „Linken“ verbreiteten Vorstellungen über „Klassenkampf“ und „Revolution“.
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    Meine These war, dass es Ansätze zu einer soziologischen Klassenanalyse auf Basis einer materialistischen Gesellschaftstheorie sowie „auf der Höhe der Zeit“ heute nur vereinzelt gibt. So zur „herrschenden, globalen Klasse“ bei H. J. Krysmanski.
    .
    Als ich dies schrieb, kannte zwar die Forschungsergebnisse von H. J. Krysmanski, aber noch nicht das Interview von Ken Jebsen mit ihm. Dank dieses Interviews ist es auch ohne umfangreiche Lektüre möglich, sich konkrete Vorstellungen über das Abstraktum zu machen, was in der Theorie „herrschende Klasse“ genannt wird.
    .
    Den Kern dieser Klasse bilden zwei- bis dreitausend Milliardäre. Bezogen auf eine Million Menschen – und die Weltbevölkerung in den vom „Empire“ beherrschten Teilen der Welt ist wesentlich größer – macht dies 0,0003 % aus. Krysmanski weist selbst darauf hin (vgl. ab 28:00 Min. im Interview), dass die Rede von den „0,1%“ nicht der empirischen Situation entspricht.
    .
    Wie kann eine so verschwindend kleine Minorität ihre Herrschaft ausüben?
    Auch wenn man die Zahl von 10 Millionen Menschen hinzuaddiert, die über mehr als eine Million USD frei verfügbares Vermögen besitzen, sind dies zusammen nicht mehr als 1% aller Menschen auf der Erde.. Diese „1%“ sind in der Mehrzahl jene, die in anderer Terminologie als „höhere Mitteschicht“ bzw. als „Besserverdienende“ bezeichnet werden. Auch sie müssen Erwerbsarbeit leisten, um sich zu reproduzieren. Denn um allein von den Zinsen ein arbeitsfreies Einkommen zu erzielen, von dem man gut leben kann, dazu braucht man schon weit mehr als 10 Mio. USD.
    .
    Was sagen uns diese Zahlen? Nur eine Minderheit hat in den entwickelten kapitalistischen Ökonomien ein objektives, rationales Interesse an der Aufrechterhaltung dieses Systems, weil es ihnen unter den gegenwärtigen Bedingungen noch(!) gut geht. Der Anteil dürfte bei 30 – 40% liegen und wird in Zukunft mit dem Schwinden der gut- und besserverdienenden Mittelschichten immer geringer werden.
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    Wie schaffen es die Superreichen, diese milliardenschweren 0,0003 %, ihre plutokratische Herrschaft aufrechtzuerhalten?
    Krysmanski gibt darauf klare Antworten. Sie beherrschen die Welt der Informationen und der Wissenschaft. So können sie das Bewusstsein und die Psychostrukturen der Massen kontrollieren und manipulieren. Ihnen gehören die Medien und Nachrichtenagenturen, ihnen gehören die Think Tanks und Stiftungen, sie kaufen die besten der käuflichen Wissenschaftler, in ihrem Sold stehen viele Nobelpreisträger. Mit anderen Worten: Sie verfügen über eine käufliche Wissenschaftselite, die ihnen die Herrschaftstrategien ausarbeitet. Die nächste Ebene bilden die Spin doctors“.
    .
    Spin-Doctor ist eine aus dem Englischen übernommene Bezeichnung für einen Medien-, Image- oder politischen Berater und Verantwortlichen für Öffentlichkeitsarbeit. Die Bezeichnung wird von den Massenmedien besonders im Bereich der Politik benutzt und hat eine negative Konnotation, da sie andeutet, dass die als „Spin-Doctor“ bezeichnete Person Ereignisse „mit dem richtigen Dreh (engl. spin) versieht“, indem sie für eine subtil manipulierte Darstellung in den Medien sorge. (Wikipedia).
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    Konkret versehen diese „Spin doctors“ plutokratische bzw. neoliberale Politik mit einem pseudo-progressiven, linken Image. Den Frauen verkaufen sie Lohnarbeit als Emanzipation – und die meisten Frauen fallen darauf hinein. Auch auf die Behauptung der „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, auch wenn dies der Lebenserfahrung widerspricht. Die „Spin doctors“ verkaufen „Multi-Kulti“ und „Gender-Mainstreaming“ als fortschrittlich und „links“. Sie bringen Frauen dazu, den Geschlechtsproporz bei privilegierten Positionen gut zu finden, obgleich dieser – worauf z. B. Christopher Lash hinwies – den normalen Frauen schadet.
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    Es gelingt ihnen, die Idiotie des radikalen Konstruktivismus als wissenschaftlichen Fortschritt zu verkaufen, nach der die Wirklichkeit im Auge des Betrachters bzw. in dessen Hirn entsteht. Diese Ideologie richtet sich gegen eine materialistische Gesellschaftsanalyse, also gegen kritische Gesellschaftstheorie. Gekaufte Wissenschaftler und „Spin doctors“ suggerieren, dass „die Wahrheit die Erfindung eines Lügners sei“ und unzählige Menschen fallen auf diese Idiotie hinein.
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    Die herrschende Klasse erzeugt systematisch die Debilität der Massen, ihren Subjektivismus und ihren narzisstischen Autismus. Und diesen Herrschaftstechnikern fallen auch „Linke“ zum Opfer. Denn heute sind auch viele „Linken“ Teil der „Generation Blöd“, weil sie unfähig sind, die Herrschaftsstrategien und – techniken zu durchschauen.
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    Wenn „DWR“ alias „Starogin“ darauf hinweist, dass Emanzipation allein auf dem Weg des Klassenkampfs dann ist dies zwar abstrakt richtig, aber was heißt dies konkret?
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    Es bedarf einer soziologischen Klassenanalyse, welche ermöglicht die herrschende Klasse personell zu identifizieren und damit auch die Aufmerksamkeit auf das konkrete Handeln der Angehörigen der herrschenden Klasse richten. Nur so können wir verstehen, mit welchen Methoden und Techniken sie dieses System von Herrschaft, Ausbeutung, Betrug und Raub aufrechterhalten. Krysmanski weist darauf hin, dass sich die plutokratische Klasse tendenziell vom Typus kapitalistischer Reichtumsakkumulation gelöst hat, welcher die materielle Produktion von Reichtums aka „Realökonomie“ zur Basis hat. Der „Finanzkapitalismus“ ist wesentlich legale Betrugs- und Raubökonomie, die Produkte der Finanz“industrie“ enthalten keine materiellen Gebrauchswerte.
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    „Klassenherrschaft“ wird von Marx formationstheoretisch verstanden, in ihr drückt sich die Art und Weise der Beziehungen der Menschen zueinander aus. Klassenherrschaft ist strukturell verankert im gesellschaftlichen Alltag, so in den Verkehrsformen der Menschen, in den Produktionsverhältnissen und in der Eigentumsordnung. „Klassenherrschaft“ meint inhaltlich und strukturell die Kultur einer sozioökonomischen Formation.
    .
    „Revolution“ im formationstheoretischen Sinne erfordert vor allem die Veränderung von Alltagsstrukturen, sie ist vom Kern her „Kulturrevolution“. Denn „Klassenherrschaft“ befindet sich in den Alltagsstrukturen, so in den Arbeitsverhältnissen, in den Geschlechterbeziehungen, in den Strukturen von Erziehung, Schule und Medien, im Verständnis von Normalität, Krankheit und Therapie usf. usf.
    .
    Ich habe bereits auf die Kritik des Soziologen Prof. Dr. Hartmut Rosa hingewiesen:
    „Ich möchte hier die These vertreten, dass die unheilvolle Konzentration der politischen Linken auf die Frage der Verteilungsgerechtigkeit niemandem anderen als dem neoliberalen Gegner in die Hände spielt und das unheilvolle Spiralsystem, welches jener betreibt, in Gang hält..“
    .
    Es ist nicht nur der „Verteilungskampf“, bei dem die systemkonforme Linke bewusst oder unbewusst „dem neoliberalen Gegner in die Hände spielt“, es gibt den „marktkonformen Feminismus“, den Frauenproporz, den Glauben an die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, das Gender-Mainstreaming, die Multi-Kulti-Ideologie, die Bologna-Reformen, die Propagierung der Einheits(volks)schule, die Demographie-Lüge, die Markt-Lüge usf. usf.
    .
    Überall spielen Linke das vorgegebene Spiel mit, sie propagieren Ideen, welche in neoliberalen Think Tanks entwickelt und von Spin Doctors designt wurden, und halten sich in ihrer kognitiven Dissonanz und ihrem Subjektivismus sogar noch für „fortschrittlich“.
    Lenin würde von „nützlichen Idioten“ für die Herrschenden sprechen.
    Nun, ich denke, wir haben es heute in einem mehr oder minder großem Ausmaß mit „debilen Linken“ zu tun, welche sich für „links“ halten, aber Helfershelfer des Neoliberalismus sind. Wer dies ändern möchte, muss auch den Mut entwickeln, dies in aller Klarheit auszusprechen.
    .
    Zum Schluss möchte noch einmal auf das Phänomen von linken „Gesinnungsfamilien“ und „narzisstischen Identitätskommunen“ zurückkommen, welche das initiale Thema dieses Threads sind.
    .
    Auf Basis der Analyse von „Klassenherrschaft“ wird deutlich, dass dieses Phänomen ganz wesentlich auf Strategien und –techniken der Aufrechterhaltung dieser Klassenherrschaft zurückzuführen ist, deren Ziel die Manipulation von Bewusstsein und Psyche ist und denen die jene Individuen, welche eine humanistische Systemtransformation anstreben, gegenwärtig (zu) wenig entgegenzusetzen haben.
    .
    Die gesellschaftsprogressiven Individuen – so meine These – nutzen zu wenig ihr kritisch-aufklärerisches Potential, gerade im Internet. Um es nutzen zu können, müssten sie ihre Kommunikationsstrukturen ändern.
    .
    „Rosi“ beschreibt es zutreffend:
    Und dieses kindisch naive, alle Bereiche des Internets erobernde, völlig geistloses „Meinungs-“Getue (eigentlich ist es eher die pure Selbstdarstellung), welches jeden konstruktiven Diskurs zerstört (von einem solch wissenschaftlichen möchte ich erst gar nicht sprechen), hat seinen Siegeszug nicht nur im real live oder im TV gehalten, sondern längst das Internet durchzogen. Wir haben „Brüll-sich-an-Reality“-TV, -Talkshows, etc. pp., ein heilloses durcheinander Geplappere ohne gegenseitiges Verstehen, schon an solch fehlenden Bemühungen scheiternd. Wer Diskussionskultur sucht, wird kaum noch welche finden.
    .
    Fazit:
    Narzisstische NeurotikerInnen und DilettantInnen stören und zerstören das emanzipatorische Potential des Internets.
    Objektiv sind sie zum einen Opfer der Manipulation ihres Bewusstseins und ihrer Psychostrukturen durch herrschaftserhaltende Techniken und Strukturen, zugleich aber auch „nützliche IdiotInnen“, welche das System plutokratischer Herrschaft aufrechterhalten.
    Subjektiv wähnen sie sich als „Menschen mit freiem Willen“, ihre Triebstruktur ist so deformiert, dass ihr narzisstisch-autistisches Agieren – vergleichbar wie bei Masochisten – mit positivem Gefühlserleben assoziiert ist.

  46. Reyes Carrillo sagt:

    @Rosi 28.03.

    Verehrte Rosi,

    zunächst zolle ich Ihnen Respekt für diesen Auswurf, der Sie sicher ein kleines Stück Ihrer Lebenszeit gekostet hat! Und ebenso zolle ich Ihnen meinen Respekt dafür, dass Sie es tatsächlich geschafft haben, in Ihrem irgendwie so – angestrengt wirkenden – überheblichen, allwissenden Duktus sogar Schlagmann @HAM noch zu übertreffen!

    Ich kann es Dank Ihrer netten Hilfe kurz machen: Was Sie zu Lateinamerika, zu Venezuela und zu Kuba zu sagen haben, ist neben Ihrem grandiosen Zynismus nur noch von Ihrer Unkenntnis dieser Region gegenüber überboten. Somit können Sie natürlich nicht im Ernst erwarten, auch nur ansatzweise seriös aufgenommen zu werden. Der Rest erübrigt sich dann von selbst.

    Na ja, und Ihre Vorwürfe mir gegenüber, liebe Rosi, gähn! Sie meinen aber sicher nicht wirklich, dass mir daran etwas neu wäre? Oder mich zu beeindrucken vermag? Obschon, das muss ich sagen: Ein Menschenbild in Ihrer zynischen Art ist mir doch schon lange nicht mehr begegnet.

    Und bevor’s zum Perpetuum mobile verkommt: Sie wussten freilich, was ich Ihnen antworten würde, ich weiß freilich, was Sie mir… usw. usw. Vorschlag: Lassen wir’s besser gleich, ok?

  47. Reyes Carrillo sagt:

    @HAM, 30. März
    Lieber HAM,
    Sie gönnen mir sicher die Schadenfreude, es mit meinen Provokationen geschafft zu haben, dass Sie sich doch noch die Maske vom Geicht gerissen haben und nun jedermann und jedefrau ganz klar und eindeutig erkennen kann, wes Geistes Kind Sie sind. Ich kann mich fast jeden Kommentars enthalten und brauche nur Sie selbst sprechen lassen.
    Sie schreiben:
    “Narzisstische NeurotikerInnen und DilettantInnen stören und zerstören das emanzipatorische Potential des Internets.
    Objektiv sind sie zum einen Opfer der Manipulation ihres Bewusstseins und ihrer Psychostrukturen durch herrschaftserhaltende Techniken und Strukturen, zugleich aber auch „nützliche IdiotInnen“, welche das System plutokratischer Herrschaft aufrechterhalten.
    Subjektiv wähnen sie sich als „Menschen mit freiem Willen“, ihre Triebstruktur ist so deformiert, dass ihr narzisstisch-autistisches Agieren – vergleichbar wie bei Masochisten – mit positivem Gefühlserleben assoziiert ist.”
    Zitat Ende.
    So, und nun liebe Leser und Leserinnen entscheidet selbst, ob ein Typ, der so etwas schreibt, jemals politisch in egal welcher Konstellation auf Menschen losgelassen werden dürfte?
    Damit das klar ist: In diesem Zitat seid ihr ALLE mit gemeint, die ihr was auch immer linkspolitisch einbringen wollt und euch darüber im Internet austauscht! Freilich ist der erste Impuls, über solche grotesk aufgeblasenen Sprüche nur zu lachen, aber Vorsicht: der meint’s ernst!
    Und mal ehrlich: Habt ihr jemals eine solche nur pathologisch zu nennende Generaldiffamierung von einem “Wissenschaftler” gelesen? Ich jedenfalls nicht.
    PS. Der Beitrag von @Rosi (28.3.) ist übrigens in diesem Zusammenhang auch nur wärmstens zu empfehlen!
    Bleibt tapfer! Solange die hier nur Geisterbahn fahren und im betreuten Raum agieren…

  48. Reyes Carrillo sagt:

    Nachtrag:

    Lasst es euch bitte wirklich auf der Zunge zergehen, gerade der heimliche “Pirat” in euch möge dreimal aufhorchen:
    Da will wirklich ein elitäres Promille-Grüppchen von politischen Hardcore-Sektierern hier im Internet am liebsten unter sich bleiben und degradiert euch alle mal so eben zu “narzisstischen NeurotikerInnen und DilettantInnen, die das emanzipatorische Potential des Internets stören und zerstören”, wenn ihr anderer Meinung seid.
    Ich schreib’s deshalb noch einmal, weil man so einen Appetithappen wirklich nicht alle Tage in – seriösen – politischen Blogs serviert bekommt. Einfach zu sagen, die sind irre, liegt natürlich nahe, aber erstens sagt man sowas nicht und zweitens – fällt einem tatsächlich nichts anderes ein.

  49. HAM sagt:

    Machen wir ein Gedankenexperiment!
    .
    Denken wir uns jene Träumer, Spinner, Politreligiösen, Fatalisten und narzisstischen Neurotiker weg, die heute in dieser Gesellschaft überall und deshalb auch in der linken Szene zu finden sind und stellen uns vor, wir hätten es mit psychisch reifen und rational handlungsfähigen Individuen zu tun, deren Ziel ein neues Gesellschaftssystem ist.
    .
    Welche Fragen würden sich primär stellen?
    .
    Rational wären vor allem diese:
    .
    1. Wie wird das gegenwärtige System von Klassenherrschaft erhalten?
    2. Wie können wir uns die neue Gesellschaft vorstellen?
    3. Wie kann der Prozess von Emanzipation und Gesellschaftstransformation positiv beeinflusst werden?
    .
    Zu 1: Wie wird das gegenwärtige System von Klassenherrschaft erhalten?
    .
    Klassenherrschaft vermittelt sich über Sozialisation. Bereits im kindlichen Alter werden die gesellschaftlichen Strukturen internalisiert, daraus werden dann – neurowissenschaftlich betrachtet – Hirnstrukturen, welche in der Sprache der Psychologie als „Psychostrukturen“ oder „kognitive Strukturen“ benannt werden. Diese Soziopsychogenese vollzieht sich innerhalb sozialer Kontexte und Institutionen, in der Soziologie werden die sozialisationsvermittelnden Instanzen als „Sozialisationsagenten“ und „Sozialisationsagenturen“ bezeichnet. Um das System der Klassenherrschaft und den Prozess der herrschaftserhaltenden Sozialisation aufrechtzuerhalten, wird das Verhalten der „Sozialisationsagenten“ (Eltern, Erzieher, Lehrer, Professoren) manipuliert und werden die Strukturen der „Sozialisationsagenturen“ (Massenmedien, Schulen, Hochschulen) so beeinflusst, dass als Resultat jene „marktgerechten Individuen“ produziert werden, die wir massenhaft vorfinden.
    .
    zu 2. Wie wird das gegenwärtige System von Klassenherrschaft erhalten?
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    Alle bisherigen Klassengesellschaften – angefangen von den Sklavenhaltergesellschaften bis zu den modernen Formen von Herrschaft und Ausbeutung – hatten den ökonomischen Zweck, andere Menschen zur Reproduktionsarbeit zu zwingen, so dass die herrschende Klasse ein arbeitsfreies Leben auf hohem Konsumniveau führen konnte.
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    Im Kapitalismus entsteht ein neuer Typ von Sklavenklasse, es sind die Lohnarbeiter, welche ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen müssen. Im sog. Realen Sozialismus bildeten die Parteifunktionäre die neue herrschende Klasse (vgl. Milovan Djilas), die arbeitenden Bevölkerungen wurden dort – wie in der DDR – in „sozialistischer Leibeigenschaft“ gehalten.
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    Im System kapitalistischer Herrschaft gehört es längst zur Normalität, dass die Führungen sowohl der linken Parteien wie auch der Gewerkschaften korrumpiert werden.
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    Erst mit der dritten industriellen Revolution hat der wissenschaftlich-technische Fortschritt ein Stadium erreicht, welches den Ersatz des Großteils der menschlichen Reproduktionsarbeit durch Maschinen (Automaten, Roboter, Computer) möglich macht. Damit entfällt weitgehend der objektive Grund für die versklavende Herrschaft von Menschen über Menschen. Erst mit Erreichen dieses Stadiums sind die materiellen Voraussetzungen für eine Systemtransformation gegeben, welche die Paradoxien der kapitalistischen Gesellschaft überwindet.
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    Wir befinden uns im Epochenübergang zu einem neuen Stadium der Menschheitsentwicklung. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist, dass unter kapitalistischen Bedingungen die Arbeitskraft eines zunehmenden Teils der Arbeitsbevölkerung nicht mehr profitabel verwertet werden kann und daher das Heer der „Überflüssigen“ und Prekarisierten ständig ansteigt. Zugleich wird die Ausbeutung der noch im Arbeitsprozess befindlichen Menschen ständig intensiviert und extensiviert. Obwohl bereits vor der neoliberalen Ära rund ein Drittel der arbeitenden Menschen vor Erreichen der Rentenaltersgrenze von 65 Jahren verstarben und ein weiteres Drittel krankheitsbedingt aus dem Arbeitsprozess ausschied, wurde im Rahmen rotgrüner „Reformen“ (s. Agenda 2010) die Lebensarbeitszeit verlängert.
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    Trotz Automatisierung, Roboterisierung und Computerisierung arbeiten heute die Menschen mehr als jemals zuvor in den letzten 100 Jahren, zugleich sinkt ihr Lebensstandard. Reichten vor einem halben Jahrhundert 40 Stunden Lohnarbeit aus, um eine Familie zu reproduzieren, so hat sich inzwischen diese Zeit fast verdoppelt. Die im Arbeitsprozess befindlichen Menschen arbeiten sich kaputt, während die Arbeitslosen als „Überflüssige“ prekarisiert werden. Zugleich wird ein staatliches Zwangsarbeitssystem, eine „Armutsindustrie“, geschaffen, wo Menschen unter entwürdigenden Bedingungen Arbeiten verrichten müssen, wenn sie nicht ihre Sozialhilfe verlieren wollen.
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    Der wissenschaftlich-technische Fortschritt und der damit verbundene Ersatz menschlicher Arbeit durch Maschinen sind inzwischen so weit vorangeschritten, dass mittels Beschäftigungsprogrammen künstlich Arbeitsplätze geschaffen werden, um „die Menschen bei Arbeit zu halten“, gemäß der keynesianischen Idiotie: „Löcher graben und wieder zuschütten. Hauptsache, die Menschen leisten Lohnarbeit.“
    Die Perversion menschlichen Denkens drückt sich in einem Satz, wie: „Sozial ist, was Arbeit schafft!“, aus.
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    Die nachkapitalistische Gesellschaft wird vor allem durch eine drastische Reduzierung des Volumens der gesellschaftlich notwendigen Reproduktionsarbeit gekennzeichnet sein. Wenn wir bedenken, dass der Anteil der im Produktionsprozess tätigen Industriearbeiter im Vergleich vor einem Jahrhundert in absehbarer Zeit auf ein Zehntel fallen wird und dass die Industrialisierung der Landwirtschaft die in der Landwirtschaft Tätigen auf 1% der Arbeitsbevölkerung reduziert hat, dann können wir eine Vorstellung über die Dimension der möglichen Arbeitszeitverkürzung entwickeln. Um anhaltsweise eine Zahl zu nennen: Mehr als 10 Stunden pro Person und pro Woche werden wahrscheinlich nicht nötig sein.
    .
    Auf Basis der frei verfügbaren Zeit wird die arbeitende Bevölkerung neue Alltagskulturen und Lebensstile entwickeln, welche bislang aus ökonomischen Gründen nur hochprivilegierten Schichten möglich waren. Durch den Wegfall der Überfluss- und Obsolenzproduktion sowie der konsummanipulierenden Werbung wird sich die Ökobilanz entscheidend verbessern.
    Probleme bei der Versorgung von Arbeitslosen, Kranken und Alten wird es nicht mehr geben. Auch wenn die Lebenserwartung noch erheblich steigen sollte, so wird dies durch die steigende Produktivität mehr als nur kompensiert.
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    Was gegenwärtig die Realisierung des wissenschaftlich-technische Fortschritts, also die Entfaltung der „Produktivkräfte“, in der gesellschaftlichen Praxis verhindert, sind die „Produktionsverhältnisse“, also die kapitalistischen Denk- und Verhaltensstrukturen und vor allem die Eigentumsordnung, welche einer gemeinwohlorientierte Ökonomie entgegensteht.
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    Die Frage ist, wie lange noch der ideologische Überbau hält, der ein Bewusstsein über das verborgene gesellschaftliche Potential verhindert, wann dieser die ersten großen Risse bekommt und die von der herrschenden Klasse erzeugte virtuelle Realität als falscher Schein erkannt wird?
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    zu 3.: Wie kann der Prozess von Emanzipation und Gesellschaftstransformation positiv beeinflusst werden?
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    Entscheidend ist, dass sich ein Bewusstsein über die Notwendigkeit und Möglichkeit einer Gesellschaftstransformation entwickelt. Gegenwärtig gelingt es der herrschenden Klasse noch, die Menschen in einem TINA-Denken – „there is no alternative“ – gefangen zu halten. Auch im linken Spektrum ist systemimmanentes Denken vorherrschend.
    .
    Psychologisch handelt es sich beim TINA-Denken nicht um „falsches Denken“ im Sinne eines korrigierbaren Irrtums, sondern um eine kognitive Strukturierung des Gehirns, vergleichbar mit einem Computerprogramm, welches bestimmte Vorgehensweisen und Lösungen nicht zulässt. Im Volksmund redet man darüber, dass jemand „nicht aus seiner Haut heraus kann“. Tatsächlich ist es die Gehirnorganisation, die Menschen gefangen hält.
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    Soziokulturelle Formationen weisen bestimmte Denk- und Verhaltensstrukturen auf, in denen die Individuen „gefangen“ sind.
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    Im Kapitalismus sehen die Menschen den Markt als natürliche Organisationsform an. Sie finden es als natürlich, sich selbst zur Ware zu machen und mit anderen Menschen wie mit Sachen umzugehen. Entfremdung und Verdinglichung sind der Kern der „Kultur des Kapitalismus“. Mangels historischen Wissens können sich die Menschen eine Ökonomie jenseits des erlebten Systems gar nicht vorstellen, sie glauben dass Geld, Marktwirtschaft und Arbeitsteilung so natürlich seien wie die Jahreszeiten. Tatsächlich spielte noch vor nur 300 Jahren, also zur Zeit der Subsistenzökonomie, das Geld im Leben der meisten Menschen kaum eine Rolle. Heute jedoch dreht sich fast alles ums Geld.
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    Ein berühmter Satz von Marx ist: „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.“ In der Sprache der Systemtheorie spricht man davon, dass kognitive Prozesse kontextabhängig sind. Und Hirnforscher weisen darauf hin, dass die neuronale Konnektivität des Gehirns von dessen Nutzung organisiert wird.
    .
    Die Entwicklung eines neuen Bewusstseins ist abhängig von der Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen. Gesellschaftliche Veränderungsprozesse entwickeln sich in gegen- bzw. subkulturellen Kontexten. Neues Denken und neue kulturelle Umgangsformen stehen in dialektischer Wechselwirkung zueinander.
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    Krysmanski betonte in dem Interview die Bedeutung des Internets für Veränderungsprozesse. Im Internet als interaktivem Medium besteht die Möglichkeit zur Selbstgestaltung der Kommunikation, und zwar sowohl in progressiver wie auch regressiver Richtung.
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    Ein ungelöstes Problem bei der Kommunikation in Internetblogs ist die Qualitätssicherung. Die Frage nach der Qualitätssicherung stellt sich insbesondere dann, wenn Internetblogs zugangsoffen sind. Ich vergleiche diese Situation gern mit der Speakers Corner im Hyde Park. Dorthin kommen die verschiedensten Menschen, darunter auch Wichtigtuer, Komplettidioten, Fanatiker und Psychopathen. Jeder kann mitmachen, unabhängig davon, ob ein sachbezogenes Wissen und Können vorhanden ist. Entsprechend verlaufen dort die Reden und Diskussionen.
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    Das ist auch nicht anders zu erwarten. Denn das gegenwärtige Stadium des Gesellschaftsprozess wird als „Zeitalter des Narzissmus“ (Christopher Lash) bezeichnet oder es ist die Rede vom „Dilettantismus als Massenphänomen unserer Zeit“ (s. Thomas Rietzschel).
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    Die Kommunikation in Art und Weise der „Speakers Corner“ ist völlig anders als in Kontexten, welche eine hohen Anspruch an die Qualität der Diskussion stellen. So sind wissenschaftliche Diskurse keineswegs voraussetzungslos. Als es noch die alten Studienstrukturen gab, wurde als Voraussetzung für die Teilnahme an Hauptseminaren ein erfolgreiches Vordiplom verlangt, bei Oberseminaren gab es häufig noch höhere Anforderungen. Der Sinn dieser Beschränkung liegt darin, dass gelingende wissenschaftliche Diskurse nicht voraussetzungslos sein können. Sie erfordern ein entsprechendes Bildungs- und Intelligenzniveau.
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    Heute gibt es eine gestufte Studienstruktur mit Bachelor- und Masterstudium. Die Teilnahme im Masterstudium setzt eine Neuimmatrikulation nach einem Bachelorabschluss voraus, wobei zum Teil für die Zulassung noch spezielle Anforderungen (z.B. BA- Abschluss mit mindestens Note „gut“) existieren.
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    Diese Beispiele zeigen, dass wissenschaftliche Prozesse von der Sache her hierarchisch organisiert sind. Die geforderten Voraussetzungen bedingen zugleich die Exklusion derer, welche diese Voraussetzungen nicht erfüllen.
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    Ähnlich wie in der Wissenschaft verhält es sich beim Diskurs zwischen gebildeten und kulturell anspruchsvollen Bürgern. Das ist das Gegenteil von dem, was wir alltäglich in TV-Talkshows vorgeführt bekommen.
    .
    Solange die meisten Internetblogs wie die Speakers Corner im Hyde Park zugangsoffen sind und allerhöchstens die Einhaltung einer „Netiquette“ fordern, solange werden die Kommentarstränge in mehr oder minder großem Ausmaß von „Blubb“ zugemüllt werden, eben weil sich dort Wichtigtuer, Dilettanten, Fanatiker und Psychopathen einbringen, die Aufmerksamkeit erreichen wollen, selbstgestrickten Unsinn schreiben oder und/oder Angriffe, Abwertungen und/oder Beleidigungen ad personam vorbringen und so einen sachlich fundierten, anspruchsvollen Diskurs verunmöglichen.
    .
    Immer wieder gab es die Erfahrung, dass jene narzisstischen Wichtigtuer, Dilettanten und Psychopathen den Diskurs störten und zerstörten, so dass sich gerade die intelligentesten und fachlich kompetentesten Kommentatoren aus der Diskussion zurückzogen.
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    Ich habe mehrmals erlebt, wie zuvor gute Blogs auf diese Weise ruiniert wurden. Entweder sie erlitten einen Qualitätsverfall und wurden ein stammtischartiges Ingroup-Medium mit Gruppen- und Identitätsstrukturen, wie oben von „DWR“ alias „Starogin“ beschrieben, oder sie verloren viele ihrer Leser und Kommentatoren und es herrschte danach Totentanz.
    .
    Für die Betreiber einer Website stellt sich folglich die Frage, welche politischen Ziele sie verfolgen, welche Qualitätsansprüche sie besitzen, welche LeserInnen und KommentatorInnen sie erreichen wollen?
    .
    Ein Qualitätsblog – so die These – erfordert Verfahren der Qualitätssicherung, wobei unterschiedliche Verfahrensweisen denkbar sind, über die man diskutieren kann.

    • Leonard sagt:

      Zitat:

      “1. Wie wird das gegenwärtige System von Klassenherrschaft erhalten?
      2. Wie können wir uns die neue Gesellschaft vorstellen?
      3. Wie kann der Prozess von Emanzipation und Gesellschaftstransformation positiv beeinflusst werden?”

      Aus meiner Sicht bietet der Text, der auf diese wichtigen Fragen eine Antwort sucht, eine interessante, bedenkenswerte und diskussionswürdige Darstellung!

      Im übrigen ist es gut, dass wir (noch) Meinungsfreiheit haben, denn sie ist keineswegs ungefährdet; vgl., wenn auch zum einem anderen Themenbereich:
      http://www.the-spearhead.com/2013/03/29/antifeminism-might-become-illegal-in-the-nordic-countries/

      Andererseits ist eine Erkenntnis etwas qualitativ anderes als eine Meinung. Über den Stammtischen und den Kaffetafeln und auch in etlichen “gesellschaftlichen Diskursen”, wie sie ebenso hochtrabend wie albern heute genannt werden, gibt es meist eine herrschende Meinung. Sie behauptet und versichert mancherlei und das nachdrücklich, kann allerdings nichts beweisen, und das ist ihre fundamentale Schwäche. Eine b e w i e s e n e Meinung ist eben keine bloße Meinung mehr, sondern sie ist eine Erkenntnis. Wir w i s s e n dann etwas. Meinung ist, weil Beweis und Überprüfbarkeit fehlen, kein Wissen, sondern – bestenfalls! – eine mehr oder – meist – weniger gut begründete subjektive Einschätzung, mehr nicht. An sie heftet sich daher keinerlei Verbindlichkeit, wie j e d e Erkenntnis sie berechtigterweise beanspruchen kann.

      Es wäre – aus meiner Sicht – einiges gewonnen, wenn sich alle Diskussionsteilnehmer dieser Unterschiede bewußt wären.

      • Reyes Carrillo sagt:

        Schön, dass Sie immerhin zur Meinungsfreiheit stehen, wenn Sie sie auch ein paar Zeilen weiter unten dahingehend relativieren, dass sie sich (die Meinung) aus einem solchen Diskurs gegenüber der von Ihnen so beurteilten überlegenen Erkenntnis am besten heraushalten sollte. Ach, Leonard, euer kaum fassbarer Hochmut und elitärer Popanz ist wirklich einfach nur noch absurd.
        Pardòn, wenn ich auch Sie für das Folgende in Sippehaft nehme:
        Denn mal im Ernst: Das Ganze wegen mir? Mir kleinem dilettantischen, narzisstischen Meinungslichtlein? “Echt, Jungs, und ihr wollt Männer sein?”, rutscht es da unweigerlich der Frau heraus. Ich bin die einzige hier, die überhaupt Kritik übt – und ihr lasst euch so verunsichern, dass ihr, statt mich einfach zu ignorieren, nun zu dritt auftretet, um mich Störerin unter Zuhilfenahme zensorischer Selektion meint herausekeln zu müssen? Wie armselig ist das denn? Drei ultraüberhebliche Wissenschaftsapotheotiker gegen eine doofe Keynes-Schnepfe? Echt, ihr Kerle macht mir schon Spaß! Aber bitte, ich nehme es natürlich stolz zur Kenntnis, dass ich euch so innig ans Herz gewachsen bin. Doch wieder im Ernst: Werdet mal erwachsen – und vor allem demokratisch, ihr Lieben!

        • Leonard sagt:

          an: R.C.

          warum so aufgeregt? Ich hab´ überhaupt nichts gegen Sie, und ich habe Sie auch in keiner Weise persönlich herabgesetzt oder angegriffen. Ich behaupte auch nicht, alles (besser) zu wissen.

          Es geht nach meinem Eindruck doch bloß um einen einzigen, völlig unpersönlichen Punkt: nämlich den, dass eine wissenschaftliche Erkenntnis etwas qualitativ anderes ist als eine Meinungsäußerung. Dass Sie – anscheinend – Schwierigkeiten haben, das zu verstehen: das wiederum verstehe ich nicht.

          Nebenbei bemerkt: Meinungen habe ich auch über alles mögliche, vor allem in kurzfristiger Perspektive, z. B. wenn eine Überprüfung nicht oder nur sehr grob möglich ist, aber ich weiß eben, dass es bloß meine derzeitige vorläufige Meinung (im Sinne einer Vermutung) ist, und ich gebe eher wenig darauf, und ggf. ändere sie eben, insbesondere dann, wenn mir ein Beweis vor die Augen kommt, den ich nicht widerlegen kann. Dann gilt der Beweis.

          Ist eigentlich alles ganz einfach.

  50. Reyes Carrillo sagt:

    Hab’ ich’s nicht gewusst: mein inzwischen ganz offensichtlich schwer angeschlagener Freund HAM fordert nun offen die Zensur! Vielen Dank, besser kann man sich selbst nicht diskreditieren.
    Lieber Sebastian Müller, mit diesem letzten Kommentar von HAM sind natürlich Sie persönlich als Blogbetreiber angesprochen. Ich denke, an dieser Stelle spätestens ist ein klares Wort Ihrerseits notwendig. Vielen Dank!

  51. HAM sagt:

    Im „Zeitalter des Narzissmus“ (Christopher Lash), wo der „Dilettantismus als Massenphänomen unserer Zeit“ (s. Thomas Rietzschel) geworden ist, ist wiederholt gerade in Internetblogs zu beobachten, dass auf den Hinweis einer sachlich gebotenen Qualitätssicherung als Reaktion darauf von Seiten narzisstisch gekränkter Dilettanten der empörte Vorwurf: „Zensur!“ erfolgt.
    .

    Zum Dilettantismus gehört die Unfähigkeit, zum Narzissmus die fehlende Bereitschaft zwischen dem „System Meinung“ und dem „System Wahrheit“ zu unterscheiden.
    .

    Constantin Seibt: „Das System Wahrheit funktioniert entgegengesetzt zum System Meinung.“

  52. Reyes Carrillo sagt:

    Lieber Freund,
    merken Sie wirklich nicht, dass Sie sich inzwischen selbst nur noch karikieren? Vor allem, dass Ihr diffamierendes Geschwurbel längst pathologische Züge angenommen hat?
    Sehen Sie, ich war wirklich immer lieb und nett zu Ihnen, so wie es eben meinem Wesen entspricht. Ein bisschen provozierend, ein bisschen polemisch, ja, aber doch nett.
    Ich bin ja Psychotherapeutin und ich habe mir dieses ganze, lange Blog aus professionellen Gründen natürlich stets verkniffen, Ihnen erstens meine berufliche Profession unterzujubeln und Ihnen somit zweitens (fern-)diagnostisch das ganze Ausmaß Ihrer Störung offen zu legen. Deshalb auch musste ich mich Ihnen gegenüber natürlich nur auf “psychologische” Begriffe reduzieren, die auch ins mehr oder weniger Umgangssprachliche eingegangen sind. Sie dagegen übergießen mich persönlich unentwegt mit Ihrem diffamierenden, küchenpsychologischen Unsinn aus dem tiefenpsychologischen Wörterbuch. Ok, ich rechne Ihnen einfach zu, dass Sie nicht vom Fach sind und sich dahingehend auch an keine professionellen Regeln zu halten brauchen. Nett ist es trotzdem nicht.
    Ich hatte es auf Le Bohémien schon einmal, mehr zum Spaß natürlich, einem anderen Profilneurotiker, der hier öfter mal kommentiert angeboten, ihm aus seiner Störung zu helfen. Doch bei Ihnen, werter Freund, schon da Sie ein für meine Profession noch wesentlich ergiebigeres Fallbeispiel abgeben, würde ich glatt eine Ausnahme machen und Sie wirklich zu einer Erstanamnese einladen wollen. Überlegen Sie’s sich! Dessen ungeachtet können Sie weiters trotzdem sicher sein, dass ich Sie nicht in aller Öffentlichkeit “ausziehen” werde – versprochen! So sehr es mich natürlich “jucken” würde. Aber das ist sicher menschlich.

  53. Leonard sagt:

    an R.C.:

    Ich habe den Eindruck gewonnen, dass sie mit HAM keinen Dialog führen, sondern etwas zu aufgeregt aneinander vorbei schreiben. Worauf ich selbst weiter oben hingewiesen habe, vermutlich in Übereinstimmung mit HAM (?), das ist, dass eine Diskussion, die auf Erkenntnisfortschritte abzielt, eine erkenntniskritische Grundlage benötigt. Nicht alles und jedes ist Erkenntnis und Wissen, sondern nur das, was methodisch erwiesen werden kann. Und das ist eine epistemologische Frage, und eben n i c h t eine der Psychologie. Kann es sein, dass Sie das epistemologische Problem subjektiv-psychologisch mißdeutet haben?

    Ich habe mir mal angeschaut, worauf sich HAM bezogen hat:

    Zitat:

    “Die politische Lüge versucht deshalb, Tatsachen in Meinungen zu verwandeln. Idealtypisch ist etwa ein Streit zwischen dem Milliardär Donald Trump und dem CNN-Journalisten Wolf Blitzer. Trump behauptete, Obama sei in Kenia, nicht in Hawaii geboren. Blitzer konterte mit einem Bild von Obamas Geburtsanzeige in der Lokalzeitung. Trump erwiderte: «Sie haben Ihre Meinung, das ist wunderschön, ich habe meine Meinung, das ist auch wunderschön.»”

    Quelle:
    http://www.tagesanzeiger.ch/ipad/international/Die-Luege-in-der-Politik/story/12911614

    Das Beispiel macht völlig klar, dass in diesem Fall Trumps Position sachlich und logisch objektiv n i c h t i g ist, und es ist völlig egal, was er sich selbst dabei eingebildet haben mag. Eine Aussage mit einem überprüfbaren (!) Wahrheitsgehalt hat eine völlig andere Qualität als irgendeine beliebige subjektive Meinung. Es gibt sehr wohl Maßstäbe dafür, welche Aussagen wissenschaftliche Geltung beanspruchen können und welche nicht.

    Entsprechendes gilt folglich auch in allen anderen, der Form nach analogen Diskussionszusammenhängen.

    • Reyes Carrillo sagt:

      @Leonard

      Ihre Reflektionen finden – natürlich – wieder innerhalb Ihres auf die materialistische Philosophie begrenzten erkenntnistheoretischen Ansatzes statt. Wie ich hier ja mehrfach betonte, ist mir dieser zu wenig. Ich habe andererseits aber in keiner Zeile wissenschaftliche Erkenntnis per se negiert, sondern immer nur für das Ernstnehmen subjektiver Erlebens- und Erfahrungswelten geworben. Dass dies aus Ihrer philosophischen Sicht heraus natürlich undenkbar ist, das weiß ich ja. Ich sehe es halt anders; wenn Sie so wollen, liegt meiner Position ein klar holistischer Ansatz zugrunde, auch wenn es das nicht ganz trifft.
      Ich weiß trotzdem, was Sie meinen, und stehe auch nicht so fern davon, wie es wirken mag. Es bleibt aber dabei, dass ich eine Weltsicht, die z.B. alles Idealistische abwertend als bloß irrational und damit irrelevant ausklammert, nicht als kompetent dafür erachte, das “Ganze” umfassend zu erkennen. Vor allem aber scheitere ich konsequent nach wie vor an Ihrem (Plural) mal etwas weniger, mal etwas ausgeprägter postulierten Absolutismus.

      • Reyes Carrillo sagt:

        @Leonard 1.04.

        “…warum so aufgeregt? Ich hab´ überhaupt nichts gegen Sie, und ich habe Sie auch in keiner Weise persönlich herabgesetzt oder angegriffen. Ich behaupte auch nicht, alles (besser) zu wissen.”
        Stimmt, haben Sie nicht. Deshalb pardòn!

  54. HAM sagt:

    Wenn Leonard schreibt:
    “Im übrigen ist es gut, dass wir (noch) Meinungsfreiheit haben, denn sie ist keineswegs ungefährdet”, dann findet dies meine Zustimmung.
    .
    Meine Argumentation für Qualitätssicherung wendet sich nicht gegen die Meinungsfreiheit, sondern gegen deren Missbrauch.
    .
    Wer will, soll im Hyde-Park oder auf seiner Website seine Meinung vortragen können, welche Qualität diese auch immer besitzen mag. Die Grenzen der Meinungsfreiheit werden durch Gesetze geregelt (Art 5 (2) GG).
    .
    Meinungsfreiheit impliziert nicht den Anspruch auf Publikation der eigenen Meinung durch andere. Es ist handelt sich daher nicht um eine die Meinungsfreiheit einschränkende Zensur, wenn beispielsweise eine wissenschaftliche Zeitschrift einen zugesandten Beitrag nicht abdruckt oder eine Person – trotz dessen ausdrücklichen Wunschs – nicht in eine TV-Talkshow eingeladen wird oder ein Diskussionsforum Kriterien für die Teilnahme festlegt.
    .
    Die Wissenschaft muss Qualitätsstandards und Grenzen definieren, um überhaupt als Wissenschaft fungieren zu können, d.h. mit wissenschaftlichen Methoden geprüftes Wissen produzieren und wissenschaftliches Wissen von nicht-wissenschaftlichem Wissen bzw. Glauben differenzieren zu können. Die wissenschaftliche Meinungsfreiheit impliziert nicht die anti-wissenschaftliche Meinungsfreiheit, im Gegenteil, Wissenschaft muss nicht wissenschaftliche Meinungen exkludieren. Dies geschieht im Wissenschaftsprozess ständig. Erfolgt dies nicht, dann liegt eine Störung oder sogar eine Zerstörung des Wissenschaftsprozesses vor.
    .
    Missbrauch der wissenschaftlichen Meinungsfreiheit liegt dann vor, wenn mit pseudo-wissenschaftlicher Ummantelung wissenschaftliche Qualitätsstandards ignoriert oder sabotiert werden, so insbesondere wenn das Gebot einer objektiven Überprüfbarkeit nicht eingehalten wird, sondern dagegen subjektive Evidenz gesetzt wird.
    .
    Wissenschaft hat zum Ziel die Emanzipation aus unbegriffenen Zusammenhängen.
    Erkenntnisorientierte Diskurse müssen daher wissenschaftlich Qualitätsstandards einhalten und bei deren Fehlen oder deren Verletzung exkludieren.
    .
    Diese Exklusion ist keine „Zensur“ im Sinne der Einschränkung von Meinungsfreiheit. Denn wer seine unwissenschaftlichen Meinungen oder anti-wissenschaftlichen Ressentiments äußern will, hat dazu weiterhin viele Möglichkeiten, nicht nur im Hyde-Park.
    .
    Auf gesellschaftlichen Fortschritt abzielende, emanzipatorische Diskurse müssen daher – so meine Überzeugung – wissenschaftliche Standards einhalten und Qualitätssicherung betreiben. Nur so können sie sich hinsichtlich „Wissensmacht“ weiter entwickeln, ihre gesellschaftliche Attraktivität steigern und als Bewegung wachsen.
    .
    Auf meine bisherigen negativen Erfahrungen in Internetblogs habe ich bereits hingewiesen: Wenn Teilnehmer in ihrem selbstbezogenen, unwissenschaftlichen Subjektivismus den Diskurs stören und zerstören, dann ziehen sich die intelligentesten und fachlich kompetentesten Kommentatoren aus der Diskussion zurück. Denn ein Streit mit narzisstischen Neurotikern bringt nichts und führt nur zur Eskalation. Neurotiker sind zur Objektivität, insbesondere zu objektiver Selbstreflexion unfähig, denn der Kern jeder Neurose ist die Konstruktion einer subjektiven Realität.
    .
    Meine These ist daher:
    Wenn man das Internet als emanzipatorische Ressource nutzen will, dann besteht aufgrund der Erkenntnisse über die psychosozialen Gesetzmäßigkeiten von Internetkommunikation die Notwendigkeit einer Qualitätssicherung. Über das WIE wäre noch zu diskutieren.

  55. Reyes Carrillo sagt:

    Werter Freund,
    es amüsiert mich wirklich immer wieder, wenn ausgerechnet Sie mich stets mit Ihrer Lieblingsdiagnose des “narzisstischen Neurotikers” überziehen. Ich denke, man muss nun wirklich nicht vom Fach sein, um klar zu erkennen, wer von uns zwei beiden mit einer Störung zu kämpfen hat, die überbegrifflich eine narzisstische Persönlichkeitsstörung genannt werden kann. Zu der sich in Ihrem Fall natürlich noch Anderes, wesentlich Interessanteres dazugesellt. Doch das nur nebenbei. Die Projektion der eigenen Störung auf andere ist natürlich ein Klassiker, mit dem wir es in der Praxis immer wieder zu tun haben.
    Der Rest Ihres gewohnt aufgeblähten, zunehmend inzestuösen Elitegefasels ist wieder für die Nachwelt, mein Lieber. Wirklich, man sollte sich die besten Stellen Ihres Dauergeschwurbels aufheben und an die eigenen Kinder weitergeben, damit diese einmal dokumentieren können, wie ein winziges, politisch völlig bedeutungsloses Sektierervölkchen, darunter vor allem herausragend ein persönlichkeitsgestörter, selbsternannter Vordenker sich Internetblogs nach eigenen Exklusionsvorgaben bemächtigen wollte. Wirklich, ich frag’ mal meinen Jüngsten, ob er das übernehmen könnte.
    Und bitte, bitte, lieber, lieber HAM – aufwachen! Ich bin’s doch nur, die liebe Reyes! Im Ernst: da steh’ ich völlig allein auf weiter Flur – und Sie und andere fahrt solch einen Apparat gegen mich auf und arbeitet euch an mir ab, ob im Singular oder im Plural (wie kindisch!)? Wie viel Ehre wollt ihr mir denn noch zuteil werden lassen? Soviel Aufmerksamkeit bin ich nun wirklich nicht gewohnt. Vielen Dank einstweilen!
    Mir kann’s aber natürlich nur Recht sein, da auf diese Weise erst der volle Umfang Ihrer dogmatischen, antipluralistischen und letztlich natürlich antidemokratischen Haltung sichtbar werden konnte.
    Und bitte, liebe Mitleser, immer daran denken: Das sind diejenigen, die den Menschen, also auch dich, deine Kinder, deine Oma und deinen Opa, deine Enkel und Enkelsenkel usw. befreien wollen! Der ist doch richtig gut, oder?

  56. Leonard sagt:

    an R. C.:

    Ich schlage Ihnen hiermit vor, einfach mal darzulegen, was S i e unter Wissenschaftlichkeit verstehen, wenn es nicht das ist, was ich darunter verstehe, oder was HAM darunter versteht.

    Denn es geht hier – insbesondere für mich – nicht darum, ob A den oder die B (oder umgekehrt) als einen X bezeichnet, sondern darum, wie eine qualitätsvolle, an wissenschaftlichen Standards orientierte Diskussion hergestellt und abgesichert werden kann.

    Die Diskussion hier ist für mich kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Aber die sind m. E. ohne Orientierung an Wissenschaftlichkeit nicht zu haben. Immerhin hat sich für mich bereits der eine oder andere interessante Gesichtspunkt ergeben, der weiteres Nachdenken veranlaßt hat.

  57. Reyes Carrillo sagt:

    @Leonard
    Ich verstehe Sie wirklich nicht! Das meine ich ohne jede Koketterie. “Ja, diskutiert doch, zum Donner!”, sagt mir der erste Impuls. (Meine “Aufregungen” sind übrigens nur meinem Temperament geschuldet.) Ich hatte es inzwischen mehrfach gesagt und zuletzt nur einen Kommentar über Ihrem Kommentar: Es kann doch nicht wahr sein, dass ich als einzige (!) Kritikerin in diesem ellenlangen Blog die Macht darüber habe, euren wissenschaftlichen Diskurs so auszuhebeln und dessen freien Fluss so dramatisch zu unterbrechen, dass ihr euch ständig an mir abarbeiten müsst statt einfach seelenruhig weiter zu diskutieren. Das liegt dann natürlich nicht an mir und meiner “Macht”, sondern einzig daran, dass ihr sie mir zugesteht. Ich bin sozusagen euer Produkt und nur soweit ein Störfaktor, soweit ihr mir diese Rolle erlaubt. Begreifen Sie das nicht?
    Ich persönlich habe keinerlei Interesse daran, Sie auch nur irgendwie an der Vermehrung Ihrer Erkenntnisse zu hindern, das dürfen Sie mir bitte abnehmen. Ich nehme nichts anderes als die Freiheit wahr, meine Meinung hier zu äußern, ob dies nun Ihnen oder vor allem anderen hier passt oder nicht.
    Es ist andererseits aber natürlich nett von Ihnen, dass Sie mich über Ihre Fragestellung quasi inkludieren wollen, wo andere mich dringendst exkludiert sehen möchten.

    • Leonard sagt:

      an R.C.

      Ich schlage Ihnen hiermit (nomals) vor, einfach mal darzulegen, was S i e unter Wissenschaftlichkeit verstehen. Ist mir nicht klar geworden.

      HAM hat einige interessante Hinweise übermittelt.
      Insoweit funktioniert die Diskussion, auch wenn das hier nicht aufscheint.

  58. Reyes Carrillo sagt:

    @Leonard
    Ich wundere mich (wiederholt) über diese Frage an diejenige, die sich hier ständig dafür ausspricht, dass Wissenschaft, vor allem die materialistische Philosophie, nicht als alleiniger Erkenntnispfad dafür taugt, um – holistisch gesehen – das “Ganze” erkennen zu können. Was ich ebenso wiederholt sage. Und da fragen Sie mich, was ich unter Wissenschaftlichkeit verstehe? Stehe ich oder stehen Sie auf der Leitung? Ich spreche zudem, vor allem Ihnen gegenüber, ebenso wiederholt von der notwendigen Einbeziehung des Subjektiven und der Anerkennung idealistischer Philosophien. Wollen Sie von mir etwa nur hören, ob ich Wissenschaft per se anerkenne oder ablehne? Weder noch. Wissenschaft vereint unter sich so viele Mitbewerber mit jeweils wunderbar interessanten oder auch absurden Thesen, dass ich mitnichten einer Richtung das Wahrhaftigkeitssiegel gebe. Einer durch und durch dogmatischen Theorie wie dem Marxismus natürlich am allerwenigsten. Ihnen dagegen scheint es vollkommen fremd zu sein, über Ihren theoretischen Tellerhand zumindest probeweise einmal hinauszugucken. Aber so ist das nunmal mit dem Dogma.

    • Leonard sagt:

      “Ich wundere mich (wiederholt) über diese Frage an diejenige, die sich hier ständig dafür ausspricht, dass Wissenschaft, vor allem die materialistische Philosophie, nicht als alleiniger Erkenntnispfad dafür taugt, um – holistisch gesehen – das “Ganze” erkennen zu können.”

      Na schön, und wie machen Sie´s?

  59. Reyes Carrillo sagt:

    @Leonard
    Nun, wie mache ich das? Das fängt schon einmal damit an, dass ich mich Zeit meines Lebens erfolgreich gegen jede Weltanschauung gewehrt habe, die alle Phänomene des menschlichen Lebens und Zusammenlebens zu erfassen meint. Da ich davon ausgehe, dass dies niemals möglich ist, ist damit schon der zentrale Punkt genannt. Sobald es absolutistisch wird, bin ich weg. Und ganz schlimm wird’s, wenn von unwiderlegbaren “Wahrheiten” geschwurbelt wird.
    Sie werden sich vielleicht trotzdem noch zurückerinnern, dass ich dem Hauptredner dieses Blogs eine kluge Analyse attestiert habe, dass ich diese auch weitestgehend übernehme usw. usw. Es ist also definitiv nicht so, als hätte ich von Beginn an jede These aus Ihrer Zunft abgelehnt. Ich habe stets nur drei Dinge kritisiert: die von mir so gesehene Einseitigkeit Ihrer Thesen, den für mich völlig inakzeptablen Wahrheitsanspruch und die Diffamierung all jener Linken, die so “doof” und “unbewusst” sind, innerhalb des Systems aktiv zu werden. Von den Spitzen unseres Hauptredners hier, der diese Diffamierungen und Ausgrenzungen fast des gesamten Publikums politischer Internetforen kontinuierlich immer drastischer zu formulieren geneigt war und schließlich seine neurotischen, inzestuösen Exklusionsfantasien ausbreitete habe ich übrigens bisher keine Distanzierung von Ihnen wahrgenommen. Dies halte ich für bemerkenswert. Also ist anzunehmen, dass Sie eine solche Herangehensweise unterstützen oder zumindest goutieren.
    Doch weiter: Meine Hochachtung gegenüber Freud als einem genialen Geist (wie natürlich auch Herrn Marx gegenüber) hatte ich Ihnen vor einigen Wochen schon einmal in einem anderen Kontext bekannt, sehe aber seit Langem durch faszinierende Weiterentwicklungen der Psychologie eine klassische Orientierung an der Freud’schen Tiefenpsychologie als längst überholt an. Mit dieser Meinung bin ich ja nun weiß Gott nicht alleine; ich persönlich kenne nur ganz wenige Kollegen, die so (noch) arbeiten würden. Hinzu kommt, dass die Psychoanalyse gegenüber allen lösungsorientierten Therapieansätzen in ihrer Effizienz – nachweisbar natürlich – kläglich versagt. Echte Freudianer sind in ihrem arroganten Fundamentalismus übrigens mindestens genauso neurotisch verbohrt wie einige Kommentatoren in diesem Blog. Aber so ist das nunmal, wenn man ein nur mechanistisches Verständnis der menschlichen Psyche wie einen Götzen anbetet. Das aber nur am Rande. Meine Arbeit fußt letztlich auf Jung, auf der Transaktionsanalyse nach Berne und dem systemischen Ansatz. Zur “Welterklärung” hinzu kommen ein unterschiedlich stark ausgeprägtes Interesse an der sog. Integralen Theorie nach Ken Wilber. Darin enthalten auch ein besonders interessantes Modell namens Spiral Dynamics, das zunächst die Bewusstscheinsgeschichte des Menschen nachzeichnet. Betont sei hier aber ausdrücklich, dass ich die esoterischen Anteile dieser Denkrichtungen mit größtem Misstrauen betrachte sowie beide zusammen inklusive der Transaktionsanalyse aufgrund ihrer unangenehmen Nähe zum Kapitalismus bzw. ihr Missbrauch zu einem kapitalistischen Ausbeutungsinstrument keinesfalls kritiklos sehe. Im Gegenteil. Allerdings hat natürlich der Missbrauch psychologischer Methoden zur Unterstützung und Aufrechterhaltung kapitalistischer und kommunistischer Herrschaftsstrukturen eine lange Tradition.
    Mir ist natürlich völlig bewusst, dass nichts von dem, was ich hier schreibe, bei einem Marxisten durchgeht. Im Gegenteil, all dies bedeutet reines Gift in Ihrem Kosmos. Aber damit kann ich im Rentnerinnenalter nun wirklich leben.

  60. Leonard sagt:

    Mein Eindruck ist, nicht verstanden worden zu sein. –

    Es ging mir um die Frage der wissenschaftstheoretischen Grundlagen, also der Klärung der Bedingung der Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis, und diese Frage ist zwischen den Wissenschaftsgruppen umstritten. Einige beziehen sich auf die positivistische Wissenschaftstheorie (Kritischer Rationalismus; K. R. Popper). Andere – wie Bodo Gaßmann – knüpfen positivismuskritisch an die Philosophie Hegels an.
    Wie sich das in der Psychologie darstellt, kann ich nicht sagen, weil ich die genannten Autoren Jung und Berne zwar kenne, aber bei weitem nicht in der hierfür nötigen Tiefe. –

  61. Reyes Carrillo sagt:

    @Leonard
    Das tut mir natürlich leid. Da war ich wohl zu naiv gewesen oder aber ich hatte Ihren singulär wissenschaftlichen Impetus unterschätzt. Je nachdem. Ich dachte, Sie wollten von mir wissen, aus welchen Quellen sich meine Weltanschauung speist.
    Aber so ganz verstehe ich Sie halt auch nicht, lieber Leonard. Wenn ich Ihnen bisher nicht klar vermitteln konnte, dass ich einer holistischen Sicht der Dinge zuneige, in der naturgemäß verschiedenste Erkenntniszugänge eine Rolle spielen, von denen die abendländischen Philosophien neben den östlichen Disziplinen dieser Zünfte, also quasi eine Art “Weltwissen” einen Teil ausmachen, aber eben nur einen Teil, und ich Ihnen darüber hinaus klare Hinweise zu “meinen” weltanschaulichen Quellen gegeben habe, dann weiß ich wirklich nicht mehr, wie ich Ihnen das noch vermitteln sollte. Und dann können Sie mir doch nicht allen Ernstes eine solche Frage zu aus meiner Sicht natürlich völlig nebensächlichen wissenschaftstheoretischen Grundlagen dieses Randthemas zweier sich widerstreitender Wissenschaftsgruppen stellen. Ich will damit das, was Sie offensichtlich brennend zu interessieren scheint keineswegs abwerten, bitte Sie jedoch zu akzeptieren, dass solcherlei Fragen für mein Weltbild keinerlei Rolle spielen. Und selbstverständlich auch keine Rolle bezüglich der in meinem letzten Kommentar nochmals wiederholten drei Punkten meiner Kritik an diesem Diskurs spielen.

  62. Rosi sagt:

    Im Kontext des ursprünglichen Theorems möchte ich auf einen Text des Sozialphilosophen Oskar Negt hinweisen, der in seiner Gänze sowohl einen Erklärungsansatz, wie auch auf die Wichtigkeit eines solchen Tuns hinweist:

    http://tibaert.blog.lemonde.fr/das-europa-von-heute-und-die-wirklichkeit-von-morgen/
    (Auszug seines Fazits:)
    Oskar Negt – Das Europa von heute und die Wirklichkeit von morgen
    ….
    Ich kenne keinen Text, weder von Marx noch den Marxisten verschiedener Richtungen oder den späteren Ökonomen, die sich auf Marx beziehen, der in ähnlich prägnanter Zuspitzung die innere Dynamik dieses kapitalistischen Systems bis zum Punkt des Aufsprengens (was immer das für Folgen haben möchte) formuliert hätte. Hier treffen die Logik der kapitalistischen Produktion und die darin enthaltenen Sprengkräfte, die auch von utopischem Gehalt sind, zentral und in großer Gewalt aufeinander. Marx treibt hier die Entwicklungstendenzen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bis zu dem Punkt hin, wo so etwas wie die Utopie einer von materieller Not befreiten Gesellschaft erkennbar wird.

    Auf Europa als „konkrete Utopie“ bezogen bedeutet dies: Die Weiterentwicklung des Sozialstaats ist und bleibt ein wesentliches Element im Prozess der europäischen Einigung. Diese wird nur dann erfolgreich sein, wenn sie von unten gestützt wird, wenn sie ein soziales Fundament hat.[13] Was das allerdings für die revolutionäre Funktion des Proletariats – oder für das, was davon als Prekariat oder Unterschicht heute noch geblieben ist – bedeuten könnte, das ja bei Marx als der entscheidende Faktor der Umwälzung in Betracht kommt, ist damit bloß angedeutet, aber nicht in seinen ganzen Folgen bedacht. Auch darüber, über die Rolle des politischen Subjekts, wieder intensiv nachzudenken, ist angesichts der immer größer werdenden sozialen Zerklüftungen der kapitalistischen Gesellschaft in Europa, aber auch darüber hinaus, das Gebot der Stunde für jede Gesellschaftskritik.”

    • Leonard sagt:

      Oskar Negt hat das Problem im letzten Absatz klar erkannt und benannt, scheint aber ratlos zu sein. Es mag sein, dass die Sozialstaatlichkeit von großer Bedeutung auch für das europäische Projekt ist, aber sie ist bekanntlich in den europäischen Verträgen konsequent ausgeblendet worden. Und die Lohnarbeiter und ihre Gewerkschaften scheinen weniger denn je bereit und in der Lage zu sein, für ein europäisches Sozialstaatsmodell zu kämpfen. Ehe von dieser Seite neue Impulse gesetzt werden, ist eher zu erwarten, dass unsere bornierten Herrschaftseliten beim nächsten Lösungsversuch wieder mal eine Sackgasse wählen. Ihre Fehler – und auf die ist Verlaß – unterminieren das System vermutlich viel schneller und wirkungsvoller als irgendeine Aktion von unten.

  63. Rosi sagt:

    @Leonard: “Oskar Negt hat das Problem im letzten Absatz klar erkannt und benannt, scheint aber ratlos zu sein.”

    Nun, das geht mir nicht anders. Am Ende aller Analysen stehe ich vor einer Sackgasse.

    Zum Artikel “Contra Quote” führt @HAM an Herrn Buchholz aus:

    “Wo sind die emanzipatorischen Kräfte, welche bewusst machen, dass durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt die Möglichkeit einer weitgehenden Befreiung vom Zwang der Arbeit schon längst Realität ist?”
    https://le-bohemien.net/2013/02/01/contra-frauenquote/#comment-73761

    Wenn die emanzipatorischen Kräfte nicht auszumachen sind, das europäische Projekt das Thema vollkommen ausblendet und, wie Sie schon formulierten: “dass unsere bornierten Herrschaftseliten beim nächsten Lösungsversuch wieder mal eine Sackgasse wählen”

    stehe ich ebenso wieder vor einer solchen, denn das bezieht sich mitnichten nur auf Europa (resp. den dazugehörigen Verträgen), sondern ist ein nahezu globales Problem. Ernst zu nehmende emanzipatorische Kräfte kann ich nirgends ausmachen. Selbst jene, die sich u.U. als solche verstehen, entpuppen sich bei näherer Betrachtung als Teil des Problems (irrelevant, von welcher Seite und/oder aus welcher Themenstellung betrachtet).

  64. HAM sagt:

    @Rosi
    .
    Sackgasse?
    .
    Viele Menschen glauben, dass wir derzeit in einer alternativlosen Situation stecken. Das ist auch die TINA-Botschaft, die Politik und Medien ständig propagieren:
    There ist no alternative!
    .
    Wird die Weltsituation mit reflexiver Distanz betrachtet, so kommt der kritische Geist zu einem völlig anderen Resultat: Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es eine Entwicklung der Produktivkräfte, welche nicht nur die Möglichkeit eröffnet, den Hunger und Armut endgültig zu beseitigen, sondern sogar die Menschheit zum großen Teil von der gesellschaftlich notwendigen Reproduktionsarbeit zu befreien.
    .
    Objektiv ist die gesellschaftliche Situation alles andere als alternativlos. Nur subjektiv erscheint sie so, weil die Menschen glauben, sie wären in einer „Sackgasse“ oder „auswegslosen Situation“. Die Menschen sind gefangen in ihren Realitätskonstrukten bzw. in der kognitiven Strukturierung ihres Gehirns, wie es die Neuropsychologie ausdrücken würde.
    .
    John Lennon:
    Imagine there’s no Heaven
    It’s easy if you try
    No Hell below us
    Above us only sky

    .
    Es ist die Aufforderung zu versuchen, sich die Welt in ihrer materiellen Beschaffenheit vorzustellen, wo es keinen von Menschen erfundenen Glaubenshimmel (heaven) mehr gibt, sondern nur noch den realen Himmel (sky), in den Skyscraper hineinragen und den Flugzeuge durchqueren.
    .

    .
    Nun, es mag heute zwar leicht sein, nicht mehr an das Himmelreich über den Wolken zu glauben, aber eine Welt ohne Kapital und Lohnarbeit, ohne Markt und Warenfetischismus und ohne privatisiertes Gesellschaftseigentum an Grund und Boden, Produktionsmitteln, Medien, Massentransportmitteln etc. können sich die wenigsten Menschen vorstellen. Sie können noch nicht einmal unterscheiden zwischen Privateigentum, also Herrschafts-, Raub- und Ausbeutungseigentum, und persönlichem Eigentum.
    .
    Wenn wir zurückblicken in die 60-er und 70-er Jahre, so wird das Verschwinden der Utopien und alternativen Gesellschaftsmodelle offensichtlich. Die Menschen sind heute gefangen im TINA-Syndrom und „ernstzunehmende emanzipatorische Kräfte“ (Rosi) sind kaum wahrzunehmen.
    .
    Jedoch sind emanzipatorischen Kräfte als Produktivkräfte aka wissenschaftlich-technischer Fortschritt objektiv durchaus vorhanden. Aber sie sind noch nicht ins Bewusstsein der Menschen vorgedrungen, weil die meisten Menschen ihr Bewusstsein (= das Gehirn) herrschaftskonform angepasst haben.
    .
    Die erlebte „Sackgasse“ – so die These – ist eine des Bewusstseins.
    .
    Es ist das TINA-Bewusstsein in einer „erstarrten Gesellschaft“. Wenn der Zusammenbruchprozess des Ostblocks als soziologisches Phänomen betrachtet wird, so könnte man sich fragen, ob dieses „erstarrte Bewusstsein“ nicht ein präfinales Symptom eines untergehenden Gesellschaftssystems darstellt. Je näher der Zusammenbruch kommt, desto erstarrter wird das Bewusstsein. Wir kennen dieses Phänomen auch aus dem III. Reich, wo die Realität verleugnet wurde und bis zum „Geht-nicht-mehr“ an den Endsieg geglaubt wurde.
    .
    Diese objektiven emanzipatorischen Kräfte werden die alte gesellschaftliche Ordnung sprengen. So oder so.
    .
    You may say I’m a dreamer
    But I’m not the only one
    I hope someday you’ll join us
    And the world will live as one.

  65. Rosi sagt:

    @HAM
    “Sackgasse?
    .
    Viele Menschen glauben, dass wir derzeit in einer alternativlosen Situation stecken. Das ist auch die TINA-Botschaft, die Politik und Medien ständig propagieren:
    There ist no alternative!

    TINA selbst ist nicht die Sackgasse, die ich mit Hilflosigkeit meinte. Sondern eher das, was sich aus einem allgemeinen Glauben an die TINA Botschaft als Folge ergibt. Dazu reicht es doch aus, wenn der überwiegende Teil der Menschheit daran glaubt, es könne keine Alternative geben. Mehr, als darüber zu theoretisieren bleibt mir nicht, kann doch das System nicht bezwingen.

    Selbst habe ich keinerlei Probleme, mir eine andere Welt vorzustellen und über Alternativen nachzudenken. Die Sackgasse ergibt sich daraus, dass TINA so unglaublich gut zu wirken scheint.

    Wie soll es meine Hilflosigkeit beseitigen, mir nur eine bessere Welt vorzustellen, wenn die ganz offensichtlich niemand haben will, weil die Masse (noch) an TINA glaubt und die politischen Kräfte, wie auch der Mainstream das forcieren, weil sie noch davon profitieren?

    Somit steht auf meiner eigenen Hilflosigkeit nicht alternativlos (oder TINA) drauf, sondern eher mitgehangen, mitgefangen, mitgeschoben und mitgezwungen. Alleine schon durch meine Existenz, resp. durch deren Erhaltungswunsch innerhalb des Systems.

  66. HAM sagt:

    @Rosi

    TINA ist das Lebensgefühl der heutigen Menschen, ganz im Gegensatz zum damaligen Lebensgefühl der „68-er-Generation“, welches John Lennon in dem Lied „Imagine“ ausdrückt. Da wird die Sehnsucht nach einer neuen Menschheit deutlich, nach Freiheit und Menschenliebe.
    .
    Es ist nicht nur das kognitive Unvermögen, sich eine andere Welt vorstellen zu können, welches die heutige TINA-Gesellschaft kennzeichnet, sondern jene fehlende Emotionalität, in der sich die Sehnsucht nach einer menschlichen Menschheit ausdrückt. In Träumen zeigen sich Emotionen, unterdrückte Ängste, Bedürfnisse und Wünsche. Für Freud war die Traumdeutung die via regia zum Unbewussten.
    .
    Die heutige müde, erschöpfte und depressive Gesellschaft ist in ihrer Emotionalität so beeinträchtigt, dass sie den Traum von Freiheit und Menschliebe, diesen christlichen und bürgerlich-emanzipatorischen Traum, nicht mehr träumen kann.
    .
    Sozialdemokraten wie Oskar Negt kennen diesen Traum nicht (mehr), selbst wenn sie darüber schreiben. Die „konkrete Utopie“ ist für sie der Sozialstaat und nicht die freie Gesellschaft. Sozialstaat bedeutet Verewigung des Kapitalismus und für die arbeitende Bevölkerung die Existenz in einem zwar sozialstaatlich versorgten, aber unfreien Leben als Lohnarbeitssklave.
    .
    Der Bismarck’sche Sozialstaat war ein Angebot von oben für einen Klassenkompromiss:
    Die herrschende Klasse etabliert ein staatliches Sicherungssystem, welches die Versicherten gegen Armut im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall oder altersbedingter Arbeitsunfähigkeit schützt und eine medizinische Grundversorgung garantiert. Zudem wird das Sozialistengesetz aufgehoben, die Sozialdemokraten werden nicht mehr verfolgt, sondern können sich an Wahlen beteiligen und im Parlament mitarbeiten.
    Die Gegenleistung auf Seiten der organisierten Lohnarbeiterschaft besteht in dem Verzicht auf die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft sowie in einer Bewahrung des sozialen Friedens.
    .
    Dieser Klassenkompromiss bedeutete, dass die Arbeiterorganisationen – SPD und Gewerkschaften – zum „Partner“ der herrschenden Klasse wurden. Ihre Aufgabe war es seitdem, revolutionäre Bestrebungen zu verhindern und zu bekämpfen sowie die Bevölkerung zu pazifizieren. Als Belohnung winkte den Führern von SPD und Gewerkschaften die Chance ihres gesellschaftlichen Aufstiegs (vgl. Robert Michels).
    .
    Der Sozialstaat bringt unter kapitalistischen Verhältnissen zweifelsohne Vorteile für die arbeitende Bevölkerung, zugleich hält er diese im System gefangen. Zweck des Sozialstaats ist die Herstellung des „zufriedenen Lohnarbeitssklaven“, eines modernen „Uncle Tom“.
    .
    Der Traum der revolutionären Sozialisten war jedoch eine Gesellschaft, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“

  67. Leonard sagt:

    Ich frage mich:

    Wie verarbeiten die unmittelbar Betroffenen, und das sind sehr, sehr viele Menschen individualpsychologisch, sozialpsychologisch und kognitiv
    den Abbau des Sozialstaats,
    den Aufbau des Niedriglohnsektors,
    die Lohnsteigerungen dauerhaft unter der Arbeitsproduktivitätssteigerung,
    den Abbaus des arbeitsrechtlichen Schutzes,
    die rückläufige Bedeutung der Tarifpolitik,
    die Entmachtung der Gewerkschaften,
    die Neoliberalisierung ehemaliger Arbeiterparteien,
    die Vereinzelung,
    die Isolation,
    die politisch gewollte bürokratische Schikane von Arbeitslosen und Transferleistungsempfängern,
    den Rückbau der Transferleistungen auf und unter ein Existenzminimum,
    die ökonomisch durchgesetzte Zwangsarbeit,
    die Armutsausbreitung,
    die obszöne Entwicklung der Vermögensverteilung,
    die Haftung der kleinen Steuerzahler für die Verluste der großen Nicht-Steuerzahler?

    Anscheinend fällt den Betroffenen dazu bisher nicht mehr ein, als nicht mehr zur Wahl zu gehen und die Politik von Merkel für erfolgreich zu halten. Oder die Umfragen sind gefälscht.

    Wie ein Gespenst steht die Systemfrage im Raum, auch dort, wo es noch nicht bemerkt wird. Und in Südeuropa gärt es jetzt aus triftigen Gründen zunehmend. Das löst “oben” mittlerweile gewisse Besorgnisse aus. Aber man fühlt sich dort immer noch sehr, sehr sicher. So machen sie einfach weiter. – Und nun?

  68. HAM sagt:

    @Leonard
    .
    Die allgemeine Frage ist: Wie gehen die von der gesellschaftlichen Entwicklung negativ betroffenen Menschen, die „Loser“, damit um?
    .
    Rosi beschreibt oben die hilflose Situation mit „eher mitgehangen, mitgefangen, mitgeschoben und mitgezwungen.“
    .
    Da stelle ich mir eine Herde vor, wo man mittendrin ist.
    Wie kann man aus dem sozialen Kontext ausbrechen?
    .
    Hunderttausende wandern jedes Jahr aus. Das macht natürlich nur einen Sinn, wenn man auf dieser Welt anderswo bessere gesellschaftliche Umweltbedingungen vorfindet. Und diese gibt es. Selbstverständlich ist dies abhängig von individuellen Voraussetzungen. Deutschland ist ein Billiglohnland geworden und es ist kein Geheimnis, dass man in anderen europäischen Ländern für die gleiche Tätigkeit erheblich mehr an Lohn erhalten kann und bessere Existenzbedingungen vorfindet.
    .
    Manche Menschen werden aktiv und beginnen zu handeln, andere schwätzen nur. Darunter fallen die eingangs beschriebenen „Identitätsfamilien“, welche im Internet ihre Betroffenheits- und Empörungsdiskurse ablassen, aber nichts an pragmatischen Handlungen zustande bringen.
    Weder dort, wo sie leben, noch anderswo in dieser Welt.
    .

  69. Manifest sagt:

    Hier wurden nur Vorurteile, falsche Begriffe und Langeweile gepflegt.
    Das Schubladendenken der Westdeutschen ist exorbitant.

    In unseren Kreisen nennt man das Ganze pseudointellektuell.

    Beispiel:

    Wer etwas liest, muß es nicht zwangsläufig verstehen.
    Das ist das Grundproblem der sogenannten “Linken” im Westen.
    Sie labern ohne jede (wissenschaftliche) Grundlage.

    Es gibt diverse Blogs, wo man das schön beobachten kann.

  70. Horst sagt:

    “Das Schubladendenken der Westdeutschen ist exorbitant. In unseren Kreisen nennt man das Ganze pseudointellektuell.”

    Contradictio in adiecto.

  71. nejtysk sagt:

    Für jemanden, der “wissenschaftlichen Sozialismus” will stecken diese beiden Herren aber ganz schön tief im Sumpf der politisierten Pseudowissenschaften der “Sozialpsychologie”, ein auf der unwissenschaftlichen Psychoanalyse Freuds beruhender Versuch normale menschliche Verhaltensweisen zu pathologisieren und daran eine Gesellschaftskritik zu basteln, ebenfalls auf Freud’schen Füßen.

    Auch haben die Herren nicht verstanden, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt sondern, dass gesellschaftlicher Umgang und die Werte auf denen er basiert ebenfalls wichtig für ihn sind. Sie sagen zwar auch einige wahre Worte zur Ökonomie aber in ihrer totalitären Ideologie bleibt es stecken.

  72. Koba sagt:

    Die Fähigkeit andere Lebensweisen und Ansichten zu tolerieren, führt im Umkehrschluß zu einer weniger sozialaggressiven Weltsicht.
    Die Erkenntnis, das dieses System sich selbst verbraucht ist kein Geniestreich. Aber Menschen die auch die Perspektive der ideologischen Gegner einnehmen können, neigen nicht zu Radikalismus und sind daher keine Revolutionäre.
    Solche Menschen haben dann vielleicht einen Garten, trinken zuviel, lesen oder spielen und arrangieren sich mit der Welt – solange das eben geht. Sie sind nicht teil einer radikalen Bewegung.
    Solche Menschen fehlen euch.

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