Von der Integration zur Inklusion

Behinderung als soziale Konstruktion

Bild: peace4ever, "Spontanheilung". Some rights reserved. Quelle: www.pigs.de

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Seit einiger Zeit ist der Begriff der Inklusion in aller Munde, wenn es um den politischen und institutionellen Umgang mit Behinderten geht. Inklusion ersetzt dabei als gesellschaftliche Zielsetzung die Integration: Fortan soll es in diesem Bereich nicht mehr nur um Eingliederung von Menschen in eine bestehende Gesellschaft gehen, sondern die Gesellschaft hat die Aufgabe, den Betreffenden selbst alle Grundlagen zu schaffen, um in dieser ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die Zielsetzung ist ehrgeiziger und auch selbstkritischer geworden.

Von Florian Sander

Je mehr die Umsetzung dieser durch die UN-Behindertenrechtskonvention geprägte Norm zum globalen, nationalen, regionalen und lokalen politischen Projekt wird, desto bekannter wird sie nicht nur bei handelnden Akteuren, sondern auch beim Normalbürger. Irgendwie ist eben jeder betroffen: Sei es als Politiker, als Lehrer, als Nachbar, als Elternteil, als Elternteil eines Kindes, das in seiner Klasse jemanden kennt usw. usf. Das Thema ist in der „Mitte der Gesellschaft“ angekommen.

Noch nicht vollständig angekommen ist hierbei allerdings die Erkenntnis darüber, auf welchen Ebenen sich dieser Prozess zu vollziehen hat. Gerade auch diejenigen, die mit dem Thema „professionell“ hantieren müssen, also etwa die beiden oben erstgenannten Berufsgruppen, fokussieren sich dabei vor allem auf die ins Auge stechenden praktischen Fragen: Wie müssen die lokalen Schulen umgebaut werden? Wie macht man eine Stadt barrierefrei? Welche Änderungen gilt es im ÖPNV zu vollziehen? Welche Schulstrukturen, welche Klassenstrukturen sind den neuen Herausforderungen gewachsen? All dies sind „klassische“ Fragen, die mit dem neuen Thema ganz oben auf der politischen Checkliste stehen.

Noch nicht derart im Vordergrund stehen demgegenüber die scheinbar weniger alltäglichen, weniger konkret anstehenden, weniger praktischen Fragen, die jedoch mindestens ebenso relevant sind wie die oben exemplarisch aufgezählten: Wie schaffe ich das Bewusstsein für ein dementsprechendes Miteinander? Wie ändere ich ggf. die Einstellungen in den Köpfen der Leute zu dem Thema? Bezogen auf Schulen und die dort anstehenden Herausforderungen sind dies Fragen, die besonders Pädagogen zu lösen haben.

Doch: Kinder sind hier nicht die einzige Bevölkerungsgruppe, um deren Einstellung es geht. Kinder können grausam sein, heißt eine viel zitierte Redewendung, gerade in Bezug auf Anders-Sein. Aber: Kinder können sich auch umso schneller an Anders-Sein gewöhnen und damit den Hindernissen der Inklusion oftmals besser begegnen als so mancher Erwachsener. Es geht also wahrlich nicht nur um Kinder, sondern auch um die Frage, was sich in den Köpfen der Erwachsenen tun muss, um Inklusion zu realisieren.

An diesem Punkt kommt nun die Soziologie ins Spiel. Die nur allzu häufig als abstrakt und wenig tauglich für alltägliche Fragen und Probleme beschriebene philosophische Strömung des Konstruktivismus, die in so gut wie alle anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen gestreut hat, vermittelt in diesem Zusammenhang die entscheidenden Erkenntnisse, die es vermögen, ganze Psychen umzukrempeln. Denn wer konstruktivistisch denkt, der erkennt an, dass Behinderung und Krankheit nichts ist, was von Grund auf irgendwie objektiv „da“ ist, sondern etwas ist, das zugerechnet wird. Zugerechnet entweder von Personen auf sich selbst oder aber von Personen auf eine andere Person.

Krank ist demnach jemand erst, wenn entweder er sich selbst so sieht oder aber, wenn andere ihn so sehen, was in der Regel im Rahmen sozialer Dynamiken dazu führt, dass er diese Fremdbeschreibung irgendwann übernimmt und zur Selbstbeschreibung macht, so dass er sich als krank ansieht, weil andere ihn so behandeln.

Gleiches gilt für Behinderung. Der Satz „Behindert ist man nicht, behindert wird man“ enthält in diesem Kontext mehr Wahrheit, als es erst scheint: Es ist nicht die Lähmung selbst, die einen Rollstuhlfahrer behindert, sondern die Konsequenzen, die dies im Alltag für ihn hat. Und hierzu gehören nicht nur Treppen ohne Fahrstühle daneben, sondern eben auch die tägliche Erfahrung des Anders-Seins, die Zurechnung anderer auf ihn als „behindert“.

Im Zuge dieser Fremdzurechnung ist es in der Folge sozialer Interaktion beinahe unvermeidbar, dass er sich irgendwann selbst als „behindert“ oder gezwungenermaßen „anders“ sieht und sich damit ein Selbstverständnis aneignet, dass für ihn selbst psychisch nicht gesund ist. Wer sich auf negative Weise anders fühlt, der benimmt sich in der Folge auch anders: Er verliert das Selbstwertgefühl, ist unglücklich, vermeidet soziale Kontakte. Durch daraus generiertes unsicheres Auftreten verunsichert er wiederum andere, die nicht wissen, wie sie mit diesen – in Wirklichkeit nicht so sehr körperlichen, sondern eben psychischen! – Problemen umgehen sollen. Der Teufelskreis ist da.

Nun ist das Problem im Kern eigentlich gar nicht ein so unbekanntes oder nicht-alltägliches. Jeder, der schon einmal eine Grippe hatte, der weiß, dass man sich bereits an dem Tag weniger krank fühlt, an dem man das Bett verlassen hat – selbst, wenn das Fieber womöglich noch gar nicht gesunken ist. Es ist das Selbstverständnis als „krank“, das einen nicht geringen Teil der Krankheit ausmacht: Der Mensch definiert „tagsüber im Bett liegen“ als Zeichen von Krank-Sein und schafft für sich selbst die Zurechnung „ich bin krank“, sobald es auf einen selbst zutrifft und man im Bett liegt.

Wer dagegen trotz Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen und Fieber seiner Tätigkeit nachgeht, der fühlt sich oftmals vielleicht körperlich schlecht, aber eben nicht unbedingt so krank, als läge er damit im Bett. Das physische und das soziale Umfeld schaffen Assoziationen, somit Zurechnungen und damit psychische Zustände, die dann wiederum auf das soziale Umfeld einwirken können.

Das Beispiel zeigt die Macht, die Zurechnungen und soziale Konstruktion jeden Tag auf uns und damit auch auf andere ausüben. Im Bereich des Umgangs mit Behinderten erreicht dieser Einfluss ein Level, das die Lebensqualität von Betroffenen massiv beeinflussen kann.

Der Grundgedanke, der hinter dem Inklusionsprinzip steht, sieht vor, Andersartigkeit als Normalität zu begreifen. Behinderung ist damit nicht länger ein anderer Begriff für dauerhaftes Krank-Sein, verminderte Leistungsfähigkeit, zu erregendes Mitleid oder Einschränkung, sondern primär ein Merkmal von vielen, das in einer Reihe steht mit Eigenheiten wie roten statt schwarzen Haaren, grünen statt blauen Augen etc.

Damit einher geht die Erkenntnis, dass es nicht nur die physische Selbstbestimmung (z. B. Mobilität), sondern eben auch die Normalität in der tagtäglichen Interaktion ist, die Zufriedenheit schafft: Wer nicht direkt mitleidig angeschaut wird, der fühlt sich auch weniger bemitleidenswert. Wer die Merkmale seiner Behinderung als körperliche Eigenheiten neben Haar- und Augenfarbe wahrnimmt, der hat es schlussendlich leichter, sich als gleichwertig zu erkennen und Zufriedenheit mit sich selbst zu gewinnen.

Es sollte deutlich geworden sein, wie entscheidend es im Zuge einer zu realisierenden Inklusion ist, Behinderung als solche sozial zu dekonstruieren und ein grundlegend anderes Verständnis hierfür zu implementieren. Denn die behindertengerechteste Schule, die modernsten Fahrstühle, das am weitesten ausgefeilte Blindenleitsystem nützen nichts, wenn die Betreffenden bei der Nutzung weiterhin die Wahrnehmung haben, „Sonderlinge“ in einem Kreis von vermeintlichen „Normalos“ zu sein, die man gnädiger Weise partizipieren lässt.

Entscheidend ist, wie so häufig, die Kommunikation und die Dimension der Interaktion: Wen man als gleichwertig und als gesund behandelt, der fühlt sich auch so. Fremdbeschreibung wird zu Selbstbeschreibung. Es ist vor allem diese eigentliche simple Weisheit, die in den Köpfen der Leute ankommen muss, wenn die Inklusion gelingen soll.

Artikelbild: peace4ever, “Spontanheilung”. Some rights reserved. Quelle: www.piqs.de

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13 Kommentare zu "Von der Integration zur Inklusion"

  1. thebeyers sagt:

    Lieber Florian,
    guter Artikel, das Thema treibt mich auch schon lange um.
    Meine Theorie:
    Inklusion ist die Abgrenzung der Unterschicht von der Oberschicht.
    das heisst kein Mensch redet von Inklusion im Gymnasium.
    NEEEEEIIIN, aber in der GEMEINSCHAFTSschule ,da wird inkludiert, was das Zeug hält.

    Noch ein kleiner Hinweis. All diese Schulen des Jahres.
    Auch in Berlin, diese ev. was steckt dahinter????
    Es ist die Ausgrenzung der Gemeinschaft.
    Und der
    Herr Proff. Hüter hat sich vor den Karren spannen lassen.
    muss ich ihm auch noch selbst schreiben.
    Liebe grüße Ralf

  2. Herle King sagt:

    Rund vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an Depression, es ist eine Volkskrankheit. Burnout gilt als Massenleiden, obwohl es per Definition keine eigenständige Krankheit ist. Angeblich leiden immer mehr Kinder an ADS – Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Hinzu kommen massenhaft verschiedene Suchtprobleme, die längst nicht mehr nur an Substanzen gebunden sind, sondern psychische Abhängigkeiten betreffen, wie z.B. Computer-, Spiel- oder Sexsucht. Die Pathologisierung der Gesellschaft schreitet massiv voran! Auch die Unterhaltungsindustrie hat den Trend schon lange erkannt: Serien wie ‘Monk’, oder ‘Big Bang Theory’ thematisieren Autistische Störungen, wie das Asperger-Syndrom. Dabei wird ‘Krankheit’ mitunter ein gewisser Chic unterstellt. Desweiteren gibt es Strömungen wie ‘Insane Art’ oder auch ‘Art brut’ (Outsider Art /„Außenseiter-Kunst“) welche die Abweichung als eine Art ‘neue Normalität’ feiern. “Sind wir nicht alle ein bisschen GaGa!?” Ich konstatiere, die nächste Phase wird sein, das ‘gesund/normal sein’ diskriminiert wird – d.h. wer keine offensichtlichen Behinderungen oder Verhaltensstörungen zeigt, wird solange ‘Sanktioniert’, bis er in das neue normopathische Muster passt.

  3. Eso-Policier sagt:

    Es müssen in der Tat die Menschen, die keine Schuld an ihrer Behinderung haben, mehr unterstützt werden. Wenn aber jemand betrunken Auto fährt, und nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt, dem braucht nicht in großem Umfang geholfen werden. Im Übrigen muss klar sein, dass berufliche Probleme die Hauptursache von Krankheiten und Unglücksfällen sind. Der Technologismus soll nicht ganz beseitigt, aber stark begrenzt werden. Es ist sinnvoll, Naturforschung zu fördern. Z. B. können Krampfadern mit der Linsermethode ohne Operation zerstört werden. Ferner soll eine Esoterik gemäß C. G. Jung oder Rudolf Steiner etabliert werden. Mehr dazu auf meinem Blog (bitte auf meinen Nick klicken).

  4. Reyes Carrillo sagt:

    “Wenn aber jemand betrunken Auto fährt, und nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt, dem braucht nicht in großem Umfang geholfen werden.”

    Ich dachte, ich lese nicht richtig! Wie bist du denn drauf?!? Aber gut, im weiteren Verlauf deines unsäglichen Kommentars wird ja schnell klarer, wes Geistes Kind du bist. Du setzt dich und deine pervertierte Denke völlig ungeniert auf den sehr guten Artikel von Florian Sander drauf – bloß um dein dummes Blog zu bewerben?

    Schaut man schließlich noch in dieses dein Blog hinein, dann wird’s gänzlich klar:

    Du bist ein kleiner esoterischer Fundamentalist, lieber Freund, der einen solchen Unsinn verbreitet, dass einem ganz anders werden kann. Fast tragisch ist es, wenn so ein Fundamentalistchen wie du es sich wagt, solch große Namen wie C.G. Jung und meinetwegen (mit Bauchgrimmen) sogar noch Rudolf Steiner in die Tasten zu hauen. Mann, Mann, Mann!

  5. Reyes Carrillo sagt:

    Lieber Florian Sander,

    als kleine Replik zu Ihrem Artikel drei Punkte:

    Erstens möchte ich mich für diesen wirklich sehr guten, analytisch überzeugenden und am Gemeinwohl ausgerichteten Artikel bedanken.

    Zweitens ging mir während des Lesens immer wieder die Frage durch den Kopf, wie Sie wohl über Hartz-IV-Empfänger und/oder arme Menschen (nach gültiger Bemessung) schreiben würden, gesetzt, Sie würden auch diese gesellschaftlichen Gruppen zu jenen zählen wollen, die in vielfältiger Hinsicht “behindert” und damit ausgegrenzt sind, an einem normalen gesellschaftlichen Leben teilzunehmen?
    Denn wenn Sie zum Schluss schreiben: “Wen man als gleichwertig und als gesund behandelt, der fühlt sich auch so. Fremdbeschreibung wird zu Selbstbeschreibung. Es ist vor allem diese eigentliche simple Weisheit, die in den Köpfen der Leute ankommen muss, wenn die Inklusion gelingen soll.”, dann sollte diese Erkenntnis doch auch für die genannten Gruppen gelten. Finden Sie nicht? Klar übrigens: Diese von mir konstruierte Vergleichbarkeit oder gar Parallelität mit den verschiedenen Gruppen ist – genau, irgendwie behindert. Aber irgendwie auch zulässig. Ich spinne deshalb den Faden mal weiter.
    Also zurück: Aus Ihrer politischen Heimat wäre mir nichts, aber auch gar nichts bekannt, das auf eine (Gleich-)Behandlung dieser von mir zitierten Gruppen hoffen dürfte, die nur annähernd dem nahe kämen, was Sie in Ihrem Artikel so hervorragend beschreiben. Deshalb befürchte ich, dass Sie da auch Ihre Schwierigkeiten haben. Obschon Sie andererseits auch für Überraschungen gut sind, weil ein freier Geist.

    Erlauben Sie mir bitte, hier noch einen Absatz aus Ihrem Artikel herauszugreifen und einfach nur die Begriffe (der Lesbarkeit halber nur für eine Gruppe) auszutauschen. Das läse sich dann so:
    “Gleiches gilt für Hartz-IV-Empfänger. Der Satz Hartz-IV-Empfänger ist man nicht, Hartz-IV-Empfänger wird man enthält in diesem Kontext mehr Wahrheit, als es erst scheint: Es ist nicht das Empfangen von Hartz IV selbst, das einen Hartz-IV-Empfänger behindert, sondern die Konsequenzen, die dies im Alltag für ihn hat. Und hierzu gehören nicht nur die erheblichen materiellen Einschränkungen, sondern eben auch die tägliche Erfahrung des Anders-Seins, die Zurechnung anderer auf ihn als Hartz-IV-Empfänger und oft auch als Sozialschmarotzer.”
    Wie klingt das für Sie? In meinen Augen und Ohren jedenfalls ist an diesem Satz in seiner realistischen Beschreibung nichts zu bemängeln! Wie geht es Ihnen dabei? Könnten Sie einen solchen Satz ebenso unterschreiben? Oder ist in Ihrer Wahrnehmung dann doch eine “Schuldfrage” im Unterschied zu einer körperlich-seelisch-geistigen Behinderung zu stellen – oder welche Euphemismen es für diese Grundannahme auch immer geben mag? In der dem Elitegedanken mehr als nahe stehenden FDP jedenfalls (man lese nur Peter Sloterdijk, ebenso der FDP nahe stehend) ist es schwer vorstellbar, dass dies nicht so wäre. Da geht es dann nicht um so grobe Begriffe wie “Schuld”, nein, da geht es um ein gesamtes Menschenbild, das den “homo oeconomicus” erschaffen hat und das ein Prekariat (um unter diesem wirklich mehr als groben Begriff alles zu subsumieren), eine Unterschicht sogar als unbedingte Konstante einer “gesunden”, ökonomisch florierenden Gesellschaft sieht und damit sein stetiges Vorhandensein zu garantieren hat.

    Drittens darf ich mit Ihrer Erlaubnis noch kurz Schlaumeiern und Haarspalten: Der soziologische Konstruktivismus hat im Prinzip nichts anderes “entdeckt”, was in der humanistischen Psychologie, hier in der Transaktionsanalyse nach Eric Berne nicht schon längst Standard war. Die Unterschiede liegen eigentlich nur in der Personenbezogenheit vs Gruppen- und Gesellschaftsbezogenheit.

    • thebeyers sagt:

      Lieber Reyes,
      deine Analyse ist zutreffend,
      interessant auch dass Florian immer noch auf folgenden Punkt nicht geantwortet hat.
      Cui Bono, wem nutzt die Inklusion? Den Exkludierten(Exklusiven) Eliten!
      Um es hier noch einmal zu Wiederholen:
      1. Krankheit wird gemacht
      2. Armut wird gemacht
      3.Sprache wird gemacht
      3.Separisierung (Individualisierung) wird gemacht

      Medien fördern dieses gewollt.
      Liebe grüße Ralf

      • Reyes Carrillo sagt:

        Ja Ralf, da hast du sicher – im Kern – in Vielem Recht! So wie mein Kommentar sich ziemlich grober Raster bedient hat, so müsste man deine verschiedenen Punkte teilweise sicher auch differenzierter betrachten. Aber als pointierte Grundthesen formuliert gehe ich mit dir d’accord. Die Punkte 2 und 3 sind eh unstrittig.

  6. Liebe Reyes Carrillo,

    es mag durchaus Parallelen zu den Schicksalen von Hartz-IV-Empfängern geben. Fortgesetzte Demütigung beispielsweise ist nichts, was psychische Gesundheit fördert. Zugleich kann man an dieser Stelle nur an die unter Soziologen berühmte, bahnbrechende empirische Studie “Die Arbeitslosen von Marienthal” von 1933 verweisen, die gezeigt hat, wie ein derartiges Schicksal – das Gefühl, nicht gebraucht zu werden – irgendwann direkt in die Depression führen kann. Es gibt also ganz klar Gemeinsamkeiten.

    Gleichwohl gilt: Die “Schuldfrage” ist hier nicht immer eindeutig zu beantworten. Die überwiegende Mehrheit will aus den o. g. Gründen durchaus arbeiten und strebt danach, einige wollen es jedoch auch nicht. Insofern muss hier immer der Einzelfall betrachtet werden. So gesehen hinkt der Vergleich dann doch, denn eine Behinderung wünscht sich niemand.

    Jemand, der eine Behinderung hat, ist in einem noch sehr viel stärkeren Maße in dieser ihm zugerechneten sozialen Rolle “gefangen”, denn ansonsten wäre es keine Behinderung, sondern “nur” eine (heilbare) Krankheit. Ein körperlich und geistig gesunder Hartz-IV-Empfänger hingegen hat Chancen, diesem Status zu entkommen – sowohl mit Hilfe von außen als aber auch durch Eigeninitiative. Schon allein deswegen wäre es eine Verharmlosung von Behinderung, diese damit gleichzusetzen.

    Übrigens: Ich bin überzeugt davon, dass eine Gesellschaft ihre Elite braucht – und nicht in einer egalitaristischen Zwangsangleichungspolitik durchhomogenisiert werden darf. Die viel entscheidendere Frage, die Linke leider so gerne übergehen, ist doch: Auf welche Weise konstituiert sich diese Elite? Da müssen wir ansetzen. Denn mir persönlich ist etwa eine Wissenselite viel sympathischer als eine bloße Geldelite. Darum geht es!

    Lieber Ralf,

    kurz dazu: Inklusion sollte beiden Seiten dienen. Sonst ist es keine.

    Beste Grüße
    Florian Sander

    • Reyes Carrillo sagt:

      Lieber Florian Sander,

      ich habe leider soeben erst Ihre Replik auf meinen Kommentar gefunden. Vielen Dank! So wie meine Sichtweise Sie sicher politisch-weltanschaulich, nicht persönlich im hoffentlich guten Sinne provoziert hat, so provoziert und strapaziert mich Ihre Replik selbstverständlich auch. Allein folgender Satz “Übrigens: Ich bin überzeugt davon, dass eine Gesellschaft ihre Elite braucht – und nicht in einer egalitaristischen Zwangsangleichungspolitik durchhomogenisiert werden darf” macht mir in seiner Art der Formulierung und offenen Unterstellung schon richtig Freude, wenn ich das mal so sagen darf!
      Und die Frage, die sich mir angesichts dessen gerade stellt ist, was daraus – vernünftigerweise – entstehen könnte? Ich befürchte – wenig, zu wenig! Da wir natürlich den politisch-weltanschaulichen Hintergrund des jeweils anderen doch mehr als nur rudimentär zu umreißen in der Lage sind und darüber hinaus einer dem anderen sicher zugestehen wird, mit einiger Leidenschaft zu seinen jeweiligen Überzeugungen zu stehen, besteht also kaum eine Chance, Fruchtbares daraus zu generieren. Und an einem teils eitlen, teils unsinnig missionarischen Disput über das ewig Unterschiedliche und auch Unversöhnliche liegt mir einfach nicht. Wir sind uns hier nun leider, andererseits aber konsequenterweise – der agent provocateur war freilich ich – mit unseren jeweiligen politischen Welten zu nah gekommen bzw. zu einem Punkt, der in einer Sackgasse endet. Das ist meine Wahrnehmung und ich denke, dass Sie das ebenso sehen. Ich könnte mir auch schlecht vorstellen, dass Sie in Folge einen intellektuell hochgezüchteten und natürlich zu keinem Mehrwert führenden Schlagabtausch zwischen den klassischen Lagern, deren Vertreter wir ja irgendwie sind (bei aller individuellen Ausprägung), wünschen würden.
      Deshalb steige ich an dieser Stelle aus und verzichte meinerseits nun auf eine weitere Replik. Bei einem nächsten Thema, das Sie hier einstellen werden, mag sich dann wieder Neues ergeben.

  7. brandenburger sagt:

    Die “Linientreue” zu meinem stigmatisierten behinderten Sohn durch zwei deutsche Syteme haben uns das “Fürsorgeprinzip” sehr unterschiedlich erleben lassen, wert- und ideologiefrei. Als Vater habe ich bis zum 65. gearbeitet und meinen Sohn bis zum 67. an 140 bis 180 Kalendertagen im gemeinsamen Haushalt assistierend be-treut. Davon ist nichts erhalten worden, außer “Nächstenliebe und Führsorge” in dro-hender Selbstisolation… Wenn wir heute verstanden haben, gegen die Staats-, Kir-chenvertreter und das Amtsgericht mit Inklusion und Selbstbestimmung vorzugehen, kommen wir uns wie auf einem anderen Stern vor.
    Mein Sohn “bekommt” ca. 1500,- € im JAHR!!!, als “Taschen- und Bekleidungsgeld”, das trotz BtG und “Recht” von der stationären Einrichtung zu 100 dem eigenen Wirt-schaftskreislauf zufließt. Auch der Landkreis subvensoniert über “Zuschüsse” nur die Einrichtung… Dabei erhält der Träger ca.50.000,- € für den gleichen Zeitraum. Nicht nur “Steuermittel”, sondern auch “Versicherungsleistungen”. Wenn es um Steuermit-telentlastung geht, werden wir über Hartz – Gesetze mit “anrechenbarem Einkom-men” bedroht. Wir verstehen das, es fehlt den Ärmsten am Eigenen und deshalb ge-hören wir in die Psychatrie… Eigene Analysen sind angefertigt und liegen vor, die diese Zusammenhänge beginnend 1870 (Unfehlbarkeitsdogma) über die Sozialen-zyklika (Subsidiarität / Solidarität) von 1931 bis hin zum Neubau heutiger (isolier-) Wohnstätten beleuchten. Die Sicht aus ca. 40 existtenzieller Lebenserfahrung in beiden deutschen Systemen, hat uns zu Migranten in der Heimat gemacht. Nun haben wir Sorge, dass die “Behörden und ihre interessengleichen Institutionen” uns zum Schafott führen, “Organspendeausweis” der GKV einbezogen…
    Wer Praxis benötigt, ist sehr willkommen… “Banalität des Bösen” life, frei nach Hannah Ahrendt

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