Walter Lippmanns »Public Opinion«
Nachrichtendienste im Auftrag der Öffentlichkeit

Walter Lippmanns epochale Kritik und Analyse der Massenmedien führte zu zahlreichen Missverständnissen. Insbesondere Noam Chomsky sieht in Lippmann den Inbegriff der Manipulation.

Walter Lippmann

Walter Lippmanns 1922 erschienenes Buch »Public Opinion« ist ein bahnbrechendes Werk, das sich einer disziplinären Zuordnung entzieht. Aufgrund der sozialpsychologischen Analyse der Massenmedien, der Funktion des modernen Journalismus, der Rolle der seit dem 1. Weltkrieg zunehmenden Propaganda und der Grundlegung der Stereotypenforschung, gilt das Buch vor allem in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft als Grundlagenwerk. Neben den Entstehungsbedingungen der öffentlichen Meinung in industrialisierten, ausdifferenzierten Gesellschaften hinterfragt Lippmann darin auch das Verhältnis von Öffentlichkeit und politischer Theorie. Zudem macht er einen konkreten, institutionellen Reformvorschlag zur Einrichtung von Nachrichtendiensten, in denen der Politikwissenschaft eine zentrale Rolle zukommt.

Der 32-jährige Lippmann (1889–1974) war zu diesem Zeitpunkt auf dem besten Weg, zu einem der einflussreichsten Journalisten der USA zu werden. In Bezug auf seine eigene politische Position waren die 20er Jahre die Zeit seiner Veränderung vom sozialistischen Studenten – 1909 gründete er den Harvard Socialist Club und pflegte nach dem Studium enge Beziehungen zur britischen Fabian-Gesellschaft – zum konservativen und eher wirtschaftsliberalen politischen Kommentator. Internationale Bekanntheit erreichte er neben zahlreichen Büchern vor allem durch seine in weltweit über 300 Zeitungen abgedruckte Kolumne »Today and Tomorrow«, die ab 1931 bis in die 60er Jahre mehrmals wöchentlich schrieb und für die er 1958 den Pulitzer-Preis erhielt.

1917 hatte Lippmann unter Präsident Wilson das »Committee on Public Information« (CPI) konzipiert, das für die erste großangelegte Propaganda-Aktion der USA zuständig war. Wenige Tage vor der Gründung des CPI wurde der Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg beschlossen, wobei festzuhalten ist, dass Wilson 1913 mit einer pazifistischen Kampagne den Präsidentschaftswahlkampf gewonnen hatte. Durch das CPI wurde die amerikanische Bevölkerung von einer mehrheitlich friedlichen Haltung zu einer begeisterten Befürwortung des Kriegseintritts bewegt – in diesem Ausmaß eine bis dahin beispiellose und undenkbare Manipulation der öffentlichen Meinung.

Übersehen wird allerdings häufig, dass Lippmanns ursprüngliche Konzeption des CPI eine völlig andere war. Er hatte eine eher sachliche Informationsstelle zur Aufklärung der Öffentlichkeit geplant. Letztlich aber ging das CPI, in dem u.a. der PR-Spezialist und Propaganda-Befürworter Edward Bernays eine zentrale Funktion inne hatte, einen anderen Weg: Innerhalb weniger Monate wurden zahlreiche Spezialisten aus Journalismus, Werbeindustrie und Filmbranche rekrutiert und dutzende Büros im In- und Ausland eröffnet. Durch eine groß angelegte, nahezu industrielle Kampagne, basierend auf den jüngsten Ansätzen der Massenpsychologie, wurde die Öffentlichkeit gezielt überredet. Allein in den 18 Monaten der amerikanischen Beteiligung am Ersten Weltkrieg haben etwa 75.000 freiwillige Redner, so genannte »Four Minute Men«, über 750.000 Reden zur Kriegspolitik in 5.200 Orten in den USA gehalten. Insgesamt hat das CPI mit ihrer umfassenden Propaganda über 300 Millionen Menschen erreicht.

Lippmanns Analyse der Manipulationsmöglichkeiten der öffentlichen Meinung profitiert von dieser Erfahrung aus erster Hand. Anders als Bernays, Lasswell und andere Befürworter der Propaganda und Massenpsychologie, sieht Lippmann darin aber eine Gefahr für die Demokratie und für die liberalen Grundlagen der Gesellschaft.

Sein konkreter Reformvorschlag besteht in der Einrichtung unabhängiger Nachrichtendienste (intelligence bureaus) als Ergänzung der staatlichen Institutionen. In diesen sollen vor allem Politikwissenschaftler arbeiten, die kontinuierlich Informationen über die Arbeit der Regierung und der staatlichen Institutionen sammeln, auswerten und zu wissenschaftlich fundierten Hintergrundanalysen aufbereiten. Ihre Ergebnisse sollen insbesondere den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft zur Verfügung gestellt werden, aber auch Journalisten und anderen Wissenschaftlern zugänglich sein, die sich mit den jeweiligen Themen beschäftigen.

Anders als in seiner früheren Konzeption in »Liberty and the News« (1920), in der er die Idee öffentlich-rechtlicher Presseagenturen verfolgte, geht es Walter Lippmann in »Public Opinion« nicht mehr primär um die Aufklärung der breiten Öffentlichkeit, aber auch nicht um deren Ausschluss. Vielmehr sieht Lippmann die (Politik-)Wissenschaft in der Rolle, die kritische Funktion der Öffentlichkeit zu übernehmen und eine fundierte »Experten-Kritik« an der Politik auszuüben, die dann in zweiter Hand über den Journalismus an die breite Öffentlichkeit vermittelt wird. Von der Verwissenschaftlichung und Institutionalisierung öffentlicher Kritik erhofft sich Lippmann dreierlei: die Versachlichung der Politik, die Versachlichung der journalistischen Berichterstattung und die Verminderung der Manipulationsmöglichkeit der Öffentlichkeit.

Voraussetzung dafür ist, dass die liberale Vorstellung aufgegeben wird, dass die breite Öffentlichkeit – bestehend aus gut informierten Bürgern – unter den Bedingungen moderner Massendemokratien in der Lage wäre, allein durch die Konsumierung der Nachrichten hinreichend kompetente Urteile und Handlungsempfehlungen für politische Entscheidungen zu entwickeln. Die Annahme, dass »die« Öffentlichkeit einen aufgeklärten Willen hat, den streitende Parteien voraussetzen und stets für ihre eigene Position beanspruchen, stützt nur die politische Instrumentalisierung der Öffentlichkeit. Diese ist, wie Lippmann zeigt, längst entmündigt und zum Spielball einflussreicher Interessengruppen geworden. Die soziale Realität in der Moderne ist zu komplex für die kognitive Kapazität des Einzelnen und setzt daher die Bildung und Verwendung von Stereotypen voraus, insbesondere in der journalistischen Vermittlung politischer Ereignisse. Dadurch entsteht jedoch eine »Pseudo-Umwelt« in den Köpfen – eine Vorstellung von der Welt, die in beträchtlicher Differenz zu den tatsächlichen Vorgängen stehen kann, die aber den Hintergrund für Überzeugungen, Urteile und Handlungen bildet. Propaganda, Werbung, Massenmedien und kultureller Mainstream tragen dazu bei, dass bestimmte kulturelle Muster von Stereotypen gezielt erzeugt, verstärkt und verfestigt werden.

Lippmanns kritische Analyse der Manipulationsmöglichkeiten der öffentlichen Meinung hat – insbesondere durch seine Beteiligung am CPI, aber auch durch seine spätere Position als einflussreicher Publizist und seine Nähe zu den Mächtigen – zu zahlreichen Missverständnissen in Bezug auf die Verortung des jungen Lippmann geführt. In der Rezeptionsgeschichte ist eine solche Fehlinterpretationen eher die Regel als die Ausnahme und wird besonders prominent von Noam Chomsky vertreten, der Lippmann mit Bernays in eine Kategorie steckt und in ihm den Inbegriff einer Manipulation durch die Massenmedien sieht.

Dabei ist die Rolle des »Experten« bei Lippmann weniger auf eine herrschende Klasse ausgerichtet, sondern begründet sich pragmatisch aus dem Umstand, dass es die Komplexität der Probleme in modernen Gesellschaften erfordert, dass es Menschen gibt, die sich professionell mit ihnen auseinandersetzen und nicht nur nebenbei, nach dem Feierabend. Die Gefahr, dass die Institutionalisierung der öffentlichen Kritik eigene Interessen der Experten hervorbringen könnte, hat Lippmann durchaus erkannt und ist darauf in seinem Entwurf eingegangen, etwa durch die institutionelle Trennung der Nachrichtendienste von Legislative und Exekutive, die Entkoppelung von Legislaturperioden und kurzfristigem Denken durch eine unabhängige und langfristige Finanzierung sowie durch die Unabhängigkeit, eine eigene Agenda zu setzen und nicht nur als Wissensreserve auf Abruf zu dienen. Lippmanns Experten sollen keine partikularen Interessen vertreten und die Nachrichtendienste in diesem Sinn keine modernen Think Tanks sein. Sie sollen vielmehr das Gemeinwohl, die Rechtlosen, Stimmlosen, Unsichtbaren und Ungeborenen repräsentieren und die subtilen Zusammenhänge sichtbar machen, die im Kampf der politischen Kräfte und im undifferenzierten, auf Sensationen und Skandale ausgerichteten Getöse der Öffentlichkeit untergeht:

»He [the expert, A.A.] is there to represent the unseen. He represents people who are not voters, functions of voters that are not evident, events that are out of sight, mute people, unborn people, relations between things and people«.

Walter Lippmann könnte damit als ein Wegbereiter der Postdemokratie verstanden und kritisiert werden, dem es nicht auf die Partizipation der Bürger ankommt. Tatsächlich greift an diesem entscheidenden Punkt auch die Kritik von John Dewey an, die dieser in »The Public and its Problems« (1927) ausgeführt hat. Aber Lippmann ist stark von der philosophischen Tradition des Pragmatismus beeinflusst und geht nicht davon aus, wie die Postdemokratie, dass das Allgemeinwohl wissenschaftlich objektiv durch Experten bestimmbar sei. Vorausgesetzt wird dagegen, dass es immer Individuen sind, die in spezifischen Kontexten denken, entscheiden und handeln. Damit sind es konkrete Situationen, in denen ein bestimmtes Wissen, Argumente und kritisches Denken relevant wird. Wer im Einzelfall daran beteiligt, wer von den Konsequenzen betroffen und wer »Experte« in einer bestimmten Angelegenheit ist, hängt vom Einzelfall ab. Fest steht für Lippmann, dass auch professionelle Spezialisten immer nur auf einem sehr kleinen Gebiet Experten sind, aber grundsätzlich ist »every one of us […] an outsider to all but a few aspects of modern life«.

In jedem Fall ist es falsch, Lippmanns »Public Opinion«, wie Chomsky, als Plädoyer für Manipulation und Propaganda zu lesen. Damit würden die zahlreichen Anregungen verloren gehen, die Lippmanns herausragende Analyse trotz ihres hohen Alters auch für die Gegenwart noch zu bieten hat. Natürlich sind Lippmanns Nachrichtendienste, wie bereits deutlich wurde, anders ausgerichtet als die heutigen Nachrichten- und Geheimdienste, die überwiegend nach dem 2. Weltkrieg entstanden sind. Angesichts der gegenwärtigen Überwachungsaffäre erscheint Lippmanns Konzeption dezentraler intelligence bureaus, die im Auftrag der Öffentlichkeit die Politik überwachen und versuchen, langfristiges kritisches Denken zu etablieren, doch ziemlich attraktiv.

Der Beitrag erschien zuerst im theorieblog und steht unter einer CC-Lizenz

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6 Kommentare zu "Walter Lippmanns »Public Opinion«
Nachrichtendienste im Auftrag der Öffentlichkeit"

  1. Thomas sagt:

    Also, ich fasse in meinen laienhaften Worten zusammen: Lippmann hat erkannt, dass Politik und Experten die Informiertheit der Massen benutzt und manipuliert. Als Heilmittel dagegen schlägt er vor, dass eine politikwissenschaftliche und journalistische Elite für die verdummten Massen das Denken übernehmen sollte, um die erstgenannten Experten zu kontrollieren – also noch mehr Expertokratie um der Expertokratie entgegenzuwirken. ??? Das kommt mir vor wie der Vorschlag eines Arztes an einen Lungenkrebspatienten, noch mehr zu rauchen, damit durch das zusätzliche Gift die Krebszellen bekämpft werden.

    Und nun die Offenbarung: „Die soziale Realität in der Moderne ist zu komplex für die kognitive Kapazität des Einzelnen.“ Na Klasse. Statt die „kognitive Kapazität“ der Einzelnen zu fördern, geben wir also den demokratischen Gedanken an eine Klasse von „Informierten“ ab, die dann für uns denkt? Und die denkt dann natürlich zu unserem statt zu ihrem eigenen Nutzen? Wie blöd muss man sein, um das zu glauben? Und die „Pseudo-Umwelt in den Köpfen“ gibt es bei den so Gebildeten und Informierten nicht? Da hat wohl jemand im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst. Wie gut eine „institutionelle Trennung der Nachrichtendienste von Legislative und Exekutive“ funktioniert, sehen wir bis zum Exzess in unseren „Qualitätsmedien“, deren Spitzenkräfte regelmäßig bei der Atlantikbrücke, in Davos etc. eingeladen sind, selbstverständlich nur zu „Informationszwecken“. Wieso sollten neue Experten, die andere Experten befragen, „ziemlich attraktiv“ sein? Wieso sollten diese den Abhängigkeiten von Staats- und Wirtschaftstechnokraten weniger ausgesetzt sein?

    Vielen Dank für das Angebot, Hr. Lippmann und Hr. Antić, aber solange Bibliotheken und das Internet noch frei zugänglich sind, informiere ich mich doch lieber selbst.
    Wenn die jeweiligen Experten nur noch auf immer kleineren Fachgebieten Bescheid wissen, dann bleibt nur ein synthetisches, generalistisches Denken für alle. Wir müssen die Gesetzmäßigkeiten und Strukturen von Gesellschaft, Politik, Kommunikation, Denken, etc. lehren – für alle -, statt dem Elitedenken noch eine weitere Ebene hinzuzufügen.

  2. Eric sagt:

    In einer Gesellschaft die, als eine Kulturleistung, hoch ausdifferenzierte Institutionen herausgebildet hat, geht es letztlich immer nur um eine effiziente Verteilung von vorhandnen Ressourcen. Und das auf allen Ebenen.
    Abseits einer moralisierenden Wertung, besteht die eigentliche Qualität, jeder Gemeinschaft und Gesellschaft, darin, die individuellen Potenziale jedes einzelnen zu einer maximalen Entfaltung zu bringen.
    Dies wird immer ein (Aus)Gleichgewicht suchen müssen, begründet zwischen Partikularinteressen aus Sicht des Einzelnen oder gebündelt definiert aus der verschiedener Gemeinschaften.
    Dieser kann der gegebenen individuellen Wahrscheinlichkeit überlassen werden (wie es der vorige Kommentar fordert), oder ebenso Institutionalisiert werden, diesen Ausgleich mit einer höheren Wahrscheinlichkeit der Gesellschaft und/oder den Gemeinschaften, als Keim und Kristalisationspunkt der effizienteren, diskriminierungfreieren Resourcenverteilung, zur Verfügung zu stellen.
    Diesen Versuch, wie in dem Konzept von Lippmann geschildert, ohne tief Begründung als Elitedenken zu diffamieren, hat wenig verstanden, was heutige Eliten ausmacht.

    Es ist ein nachdenkenwerter Ansatz. Nicht mehr und nicht weniger…

    • Thomas sagt:

      „Es ist ein nachdenkenwerter Ansatz. Nicht mehr und nicht weniger“ – da bin ich anderer Ansicht.
      Wir reden hier nicht nur über ein rein akademisches Gedankenspiel, sondern auch über die Zukunft unserer gesellschaftlichen Organisation. Und hier sind grundsätzlich zwei klar zu unterscheidende Optionen denkbar. Entweder wir bleiben beim gegenwärtigen Weg der reinen Spezialisierung und der mehr oder weniger gezielten Verdummung der „großen Masse“ (man denke da etwa an „Die Tagesshow: Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht“ von W. v. Rossum). Diese Strategie wäre dann sinnvoll, wenn man von vorn herein davon ausgeht, dass die meisten Leute sowieso zu dämlich sind, komplexe Zusammenhänge zu begreifen. Wie sollte man aber unter dieser Voraussetzung eine Demokratie lebendig erhalten?
      Oder aber, alternativ dazu, wir sorgen endlich dafür, dass die Verdummungsprozesse aufhören und die Menschen in der großen Mehrzahl gebildet genug werden, um mitreden zu können. Dafür muss man nicht bis in die tiefsten Details eines Problems vorstoßen, sondern nur interessiert genug sein, um sich die unterschiedlichen Problembeschreibungen der Experten anzuhören und sie ansatzweise zu verstehen.

      Wie Carl Sagan einmal ungefähr sagte: Wie sollen die Menschen bei einer demokratischen Wahl der besten Lösung ihre Stimme geben können, wenn sie noch nicht einmal das zu lösende Problem verstehen?

      „Hoch ausdifferenzierte Institutionen“ sind eine Sache, eine lebendige Demokratie eine ganz andere. Diese kann man eben gerade nicht an „Experten“ delegieren, sondern sie bedarf der aktiven Mitwirkung aller. Und wie ohne demokratische Beteiligung nahezu aller eine „diskriminierungfreiere Resourcenverteilung“ erreicht wird, das zeigt die ggw. Politik ja täglich, etwa mit der immer weiter aufklaffenden Schere zwischen oberen und unteren Einkommensklassen.

      Schönen Gruß vom „Elite diffamierenden, wenig verstehenden“ Leser.

      • Eric sagt:

        Wenn ein gedankliches Konstrukt, vorweg als “akademisches Gedankenspiel” bezeichnet wird, dann frage ich mich, welche Diskusionsgrundlage sich hier, zum Austausch, anbietet.
        Wenn es nur zwei diametral gegenüberstehende Möglichkeiten gibt. Bleibt nur das, was in der neoliberalen gedanklichen Ordnung, schon fest verankert ist:

        Die Alternativlosigkeit.

        Was auch immer eine “lebendige” Demokratie ausmacht. Die Alternativlosigkeit ist es nicht.

        Und ich bitte darum, sich nicht persönlich angesprochen zu fühlen, wenn ich ihre Einstellung zu einer “akademischen” Diskussion, in diesem Fall Lippmans Idee, kritisiere. Eine Klärung ihres Elitenbegriffes wäre zielführender Gewesen. Denn ich hätte mich ja irren können. Ich versuche demnächst diplomatischer zu sein.

        Ansonsten verstehe ich ihre Intension, aber weniger ihren Weg dies offen anzusprechen…

        • Thomas sagt:

          Ok, ich verstehe Ihren zuletzt geäußerten Ansatz und nehme das Kommunikationsangebot dankend an. Das benötigt aber etwas ausführlichere Gedankengänge.

          Selbstverständlich bin ich der Letzte, der der neoliberalen Alternativlosigkeit a la Thatcher zustimmen würde. Mein bei Sagan abgeschriebenes Argument, dass wir daran arbeiten müssen, jede(n) Einzelne(n) soweit zu informieren, dass überhaupt erst informierte Entscheidungen innerhalb einer Demokratie zu erwarten sind – im Gegensatz zu einer führenden Journalistenelite a la Lippmann, die das Denken für uns übernehmen sollte –, halte ich auch wirklich nicht für einen Beleg für die Akzeptanz von Alternativlosigkeit. Ganz im Gegenteil rede ich ja gerade von einem „dritten Weg“. Wenn ich den „Eliten“ (die geforderte Begriffsklärung folgt weiter unten) eine Tendenz zur Selbsterhöhung und Selbstbeweihräucherung zuschreibe und sie daher für nicht ausreichend demokratisch legitimiert ansehe, für „alle“ zu denken und zu sprechen, dann orientiere ich mich einfach an den bisherigen historischen Erfahrungen mit ihnen. Was uns bisher in Europa und den USA, sagen wir in den letzten knapp 100 Jahren seit dem Ende des 1. Weltkriegs, als politische, ökonomische, Medien-, juristische, bürokratische etc. „Elite“ verkauft wurde, hat ja die von Ihnen angesprochene Alternativlosigkeit erst wirklich befördert und umgesetzt. Das Konzept der Neoliberalen beruht ja gerade auf der Verächtlichmachung von Mittel- und Unterschichten und der Überzeugung, dass alle, die „es nicht geschafft haben“, also nicht zu erheblichem finanziellen Wohlstand gelangt sind, es auch nicht verdient hätten, politisch mitzureden. Was z. Bsp. jemanden wie Chomsky ganz zurecht auf die Palme bringt. (Zur Kontinuität der Elite etwa in Deutschland, siehe Norbert Frei 2002: „Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945“. Was an vielen Stellen bis heute nachwirken dürfte.)

          Als „Elite“ im Sinne meiner kritischen Anmerkungen zu Lippmann, verstehe ich daher eine nur von sich selbst autorisierte, aber nicht durch einen demokratischen Prozess legitimierte Gruppe von Menschen, die aus formalen Gründen heraus (etwa durch Diploma, spezielle Ausbildungen, private und geschäftliche Netzwerke, finanzielle Kapazität, soziale Erbschaft und anderem) in eine Position versetzt ist, dem Rest der Bevölkerung ihr Denken, Handeln, Beurteilen vorzuformatieren. Zur Verdeutlichung dieser Begriffsauffassung ein Bsp.: 99% der Wissenschaftler waren und sind sich einig, dass der aktuelle Klimawandel zum großen Teil anthropogen ist. Nur die darüber informierenden Medienleute hielten sich lange Zeit hinweg für bemüßigt, ihren Zuschauern aufzutischen, diese Zusammenhänge wären eine noch offene 50:50 pro-contra-Diskussion. Wer sich aber mit den Studien der Klimatologen direkt auseinandersetzen konnte und nicht auf die „Vermittlung“ der Massenmedien angewiesen war, konnte zu jeder Zeit zu den vermutlich korrekten Schlüssen kommen.
          Warum haben die Medien in dieser Form berichtet? Offensichtlich doch wohl, weil sie sich mit den allermeisten Ökonomen, Politikern, Bürokraten einig waren, dass eine tatsächlich objektive Informiertheit der Bevölkerung negative Auswirkungen auf die Machtstruktur eben derselben „Elite“ hätte.

          Die Herren Lippmann und Antić wollen uns nun offenbar sagen, dass zur Überwindung solcher Informationsengpässe und damit zur Förderung demokratischer Kommunikation eine zusätzliche Ebene von Spezialisten eingezogen werden sollte, die dann wohl die mediale Vermittlung zwischen (bisherigen) Medien und Bevölkerung übernehmen müsste. Da ja eine soziale Schicht von Medienexperten aktuell bereits existiert, hier aber etwas zusätzliches eingefordert wird, kann es sich wohl nur um etwas wie „Meta-Medienspezialisten“ handeln, also um Spezialisten, die die bisherigen Spezialisten überwachen und kommentieren. Warum aber sollten diese anders als die der ersten Ebene handeln? Warum sollten sie sich nicht wiederum als „Elite“ gebärden?

          Mein Gegenentwurf, zugegeben arg verkürzt, würde nun einen „dritten Weg“ vorschlagen und eine synthetische, generalistische Ausbildung des gescholtenen „Jedermann“ und der „Jederfrau“ das Wort reden. Nicht die Inthronisierung immer weiter Spezialisten-Komitees hülfe uns weiter, sondern endlich ein umfassendes „empowerment“ aller.

          Was anderes als eine der von Ihnen geforderten „akademischen Diskussionen“ versuche ich hier eigentlich?
          Gruß und Danke für die Aufforderung, mich exakter zu erklären.

  3. Andreas Antic sagt:

    Eigentlich ging es mir vor allem darum, das verbreitete Schubladendenken – auch bei Chomsky – zu kritisieren und darauf aufmerksam zu machen, dass “Public Opinion” ein wirklich hochinteressantes Buch ist, das sich auch heute noch zu lesen lohnt. Es ist eben kein Plädoyer für Manipulation und Propaganda.

    Mit etwas Differenzierung kann man aus der scharfen und kritischen Analyse von Lippmann auch für die Gegenwart viel lernen und ihm darin zustimmen, ohne seine Konsequenzen zu teilen. Dazu muss man auch unterscheiden, dass sich Lippmann noch zu Studienzeiten (Anfang des 20. Jahrhunderts) mit dem Sozialismus identifizierte, sich aber Ende der 20er Jahre in eine elitäre politische Richtung bewegte, die zurecht von Chomsky u.a. kritisiert und abgelehnt wird.

    Ich vertrete viel mehr die Kritik von John Dewey an Lippmanns Schlussfolgerungen. Dewey hat selbst einen radikaldemokratischen, anti-elitären dritten Weg vorgeschlagen, der die politische Partizipation von ganz gewöhnlichen Bürgern fordert. Aber auch wenn Dewey den Konsequenzen von Lippmann vehement widerspricht, hat er von dessen kritischer Analyse des Mediensystems sehr profitiert.

    Die genaue Differenzierung ist doch notwendig, um festzustellen, an welchem Punkt die Meinungen auseinander gehen. Und nicht einfach Namen und Positionen in eine Schublade zu werfen. Diese Differenzierung vermisse ich bei Chomsky, aber auch in den Kommentaren von Thomas.

    @Thomas: Eigentlich sind wir hier nicht weit voneinander entfernt!

    Ich hoffe, das trägt etwas zur Klärung der Missverständnisse bei.

    Beste Grüße,
    Andreas Antic

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