Online-Medien
Der digitale Traum vom herrschaftsfreien Diskurs

Die großen Medienhäuser und Zeitungsverlage stecken in einer Glaubwürdigkeitskrise. Doch Online-Medien sind nicht die bessere Alternative, sondern Teil der Krise.

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Bild: Thomas Leuthard / flickr / CC BY 2.0

Von Sebastian Müller

In einer Demokratie sind vier Kriterien für die Bewertung eines Informationsmediums von Relevanz: Erstens die Qualität der Information, zweitens ob die Möglichkeit der freien Meinungsbildung und drittens eine demokratische Öffentlichkeit als Form der vielzitierten „Vierten Gewalt“ gewährleistet sind. Viertens sollten journalistische Medien in einer Demokratie nicht alleine Missstände aufzählen, sondern idealerweise auch die Ihnen zugrunde liegenden Herrschaftsstrukturen aufdecken.

Nun war und ist die Gretchenfrage der Digitalisierung, ob neue Formen medialer Kommunikation wie Social Networks, politische Internetforen und Blogs die oben genannten Kriterien besser würden erfüllen können als die in die Kritik geratenen etablierten Medien – ob sie in Lage sein werden, die Medienlandschaft zu vitalisieren.

Das dem so sein würde, galt schon in den 1990er Jahren, als das Web in seiner Version 1.0 noch in den Kinderschuhen steckte, als ausgemacht. Voreilig wurde dem digitalen Raum die positive Revolutionierung der Öffentlichkeit prophezeit. Die sich entwickelnden Internetforen würden „grenzüberschreitende Arenen der Meinungsbildung“ herstellen, war sich zum Beispiel der Politologe Claus Leggewie 1998 sicher. Diese Vision teilte Leggewie mit dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Howard Rheingold, der schon vier Jahre zuvor im Internet die Entstehung räumlich ungebundener Bürgergemeinschaften und die Partizipation großer Bevölkerungsgruppen kommen sah.

Auch der vor Kurzem verstorbene Netzwerkforscher Peter Kruse attestierte in der 4. Enquete-Kommission des Bundestages 2010 dem Internet die Fähigkeit, die Gesellschaft gravierend verändern zu können, und benutzte gar den Begriff „Revolution“. Seine These: Es gebe „eine grundlegende Machtverschiebung vom Anbieter zum Nachfrager“. Durch eine gravierende Erhöhung der Vernetzungsdichte und „Spontanaktivität“ im Verbund mit einer „kreisenden Erregung“, sprich immer mehr Aktivität in einem hochvernetzten System, würde letzteres zu einer unvorhersagbaren „Selbstaufschaukelung“ neigen. So hätten „die Menschen“ erkannt, dass man über die Netze „mächtig“ werden könne und würden sich daher zu Bewegungen zusammenschließen. Die durch diesen „Schmetterlingseffekt“ geschaffene Dynamik würde letztendlich auch einen Veränderungsdruck für das politische System erzeugen, so Kruse.

Strukturwandel der Öffentlichkeit

Doch sind diese Prognosen nicht einmal 5 Jahre später zur Realität geworden?

Freilich, die Zeiten, in denen mediale Kommunikation meist über das Sender-Empfänger-Prinzip funktionierte, sind längst vorbei. Massenkommunikation ist Kommunikation nicht nur für, sondern auch durch die Masse geworden.

Das alles verführt dazu, den digitalen Raum mitsamt seiner vermeintlich geschützten Diskussionsforen zum Motor sämtlicher gesellschaftlicher Veränderungen, einem Perpetuum mobile uneingeschränkter Dynamik, zu verklären oder eine „sich selbst erfüllende Demokratisierung“ zu prognostizieren. Mancher meint gar in den und durch das Internet angestoßenen politischen Bewegungen die „größte Freiheitsbewegung unserer Zeit“ erkennen zu können.

Spätestens hier paart sich Wunschdenken mit einer Erwartungshaltung, die trotz aller Veränderungsprozesse aus verschiedenen Gründen bisher bestenfalls bedingt eingetreten ist. Denn im virtuellen Raum haben sich Strukturen verfestigt, die denen der analogen Welt ähneln: Auch digitale Beziehungsnetze tendieren zu Homogenität bezüglich Herkunft, sozialem Status und Berufspositionen.

Ohnehin löst das Potential, Korrektiv im medialen Meinungsbildungsprozess sein zu können, noch längst nicht das strukturelle Problem der Massenmanipulation durch die weiterhin alles dominierenden Massenmedien. Die revolutionäre Ausweitung der medialen Kommunikationsmöglichkeiten ändert erst einmal nichts an den Realitäten politischer Kommunikation: mediale Filterung mittels Verkürzung, Emotionalisierung und Personalisierung.

Der Veränderungsprozess ist zudem von mehreren Widersprüchen geprägt. Da die Festigung demokratischer Strukturen nicht vom Stand der Technik abhängt, können Informations- und Kommunikationstechniken sowohl demokratische als auch totalitäre Strukturen stützen. Technik also vermag erst einmal neutral erscheinen, kann aber, wie der Sozialwissenschaftler Langdon Winner 1980 in dem vielbeachteten Aufsatz Do Artifacts have Politics? erkannte, höchst kompatibel mit bestimmten sozialen und politischen Systemen sein. Das Adoptieren von einem gegebenen technischem System verlangt auch die Erzeugung und Aufrechterhaltung eines bestimmten sozialen Systems, um diese Technik zu bedienen.

Digitale Formen der Informationsakkumulation

Was aber bedeutet konkret die Kompatibilität zwischen Technik und Sozialsystem, wenn zum Beispiel immer weniger die Verlage der Zeitungen, sondern die digitalen Oligopole wie Apple, Google, Facebook und Amazon die Regeln des Geschäfts bestimmen? In Form von „Instant Articles“ trennt in etwa Facebook Artikel nicht nur vom Verbundprodukt Online-Auftritt, sondern es ändert sich auch der Host des Inhaltes vom Absender der Medienmarke zu Facebook. Durch das Anklicken des Artikels gelangen die User schlicht nicht mehr auf die Webseiten des Medienproduktanbieters. Facebook wird selbst zum Verlag, der Information akkumuliert und ganz nebenbei das alte Mediensystem in eine Existenzkrise bringt.

Nicht zuletzt durch solche Entwicklungen wird der Wert der Informationsvielfalt mehr als relativiert. Hier stellt sich zwangsläufig die Frage, was passiert, wenn Information und Wissen einem privaten Monopol wie der Suchmaschine von Google unterliegen? Der Konzern bestimmt anhand unbekannter Marketing-Algorithmen zur Gewinnmaximierung in Sachen User-orientierte Angebote die Suchergebnisse. Hier entscheidet keine öffentliche Bibliothek, sondern ein einziger Konzern mit einem Marktanteil von 95 Prozent in Deutschland über das Angebot und die Präsentation der Informationen.

Im Zuge dieser im Internet mit exponentieller Geschwindigkeit verlaufenden Entwicklungen hat sich Kruses These von der Machtverschiebung des Anbieters zum Nachfrager in ihr Gegenteil verkehrt. Das einstmals mehr oder weniger freie Netz entwickelt sich zunehmend zu geschlossenen Systemen der jeweiligen Oligopole, die den Informationsfluss und damit auch das Informationsangebot kontrollieren. Die theoretisch gegebene Informationsvielfalt wird de facto zu einer Informationsselektion und Manipulation, die der vielbeschworenen Netzneutralität zuwider läuft.

Welche Konsequenzen all das auch für die Zukunft des professionellen Investigativ-Journalismus haben wird, und inwieweit diese wesentliche Säule des demokratischen Rechtsstaates zwischen neoliberaler Selbstvermarktung und der Auseinandersetzung mit den globalen Plattformen überhaupt überlebensfähig ist, wird sich erst noch zeigen müssen.

Genese der Kommunikation

Parallel zu der Tendenz einer Quasi-Monopolisierung findet auf der Subebene der Kommunikation eine beunruhigende Exklusion und Fragmentierung von Information statt. Denn die Informationsakkumulation geht mit einer Informationsfilterung einher. Standort, Suchhistorie und Klickverhalten werden zu den entscheidenden Kriterien, um dem Nutzer nur Informationen anzuzeigen, die mit seinen bisherigen Ansichten übereinstimmen. Diese immer umfassenderen Möglichkeiten der Zielgruppenspezifizierung durch die personalisierten Suchergebnisse von Google oder den News-Stream von Facebook führen im Extrem zu sogenannten “Filter-Bubbles”, die dazu tendieren, solche Informationen auszuschließen, die den Ansichten des Nutzers widersprechen.

Diese digitalen Parallelwelten leisten aber nicht nur der intellektuellen Isolation Vorschub. Die inhaltliche Begrenzung von Information in der Social Media-Kommunikation korreliert mit zielgruppenorientiertem Marketing, auf dem diese vor allem basiert. Damit werden die Grenzen und Nachteile der Social Media und Foren im Vergleich zu den vermittelten Inhalten in den Ressorts Politik und Wirtschaft des professionellen Informationsjournalismus deutlich: Eine sozial homogene, moralisch-emotionale, nur episodische und durch Algorithmen gesteuerte Kommunikation kann weder Hardnews noch einen an Sachverhalten orientierten Diskurs qualitativ ersetzen.

Die „Worldwide Participatory Culture“ entpuppt sich somit vor allem als visualisierbare Konsumkultur. Kommunikation dient primär der Statusakkumulation von Ego innerhalb der Peergroup und den Selbstdarstellungen im Wettbewerb des Humankapitals. Habermas` Idealtypus des „herrschaftsfreien Diskurses“ als theoretische Leitlinie eines positiven Wandels der öffentlichen Kommunikation, den sich so viele wünschen, wird damit konterkariert. Denn er beruht auf den utopischen Voraussetzungen jenseits eigener Interessen und politischer oder ökonomischer Beeinflussung. Just solche Voraussetzungen sind in Social Networks noch weniger gegeben als in den kommerziellen Presseverlagen.

Der herrschaftsfreie Raum in Bedrängnis

Auch die politische Blogosphäre und entsprechende Internetforen werden von solchen Dynamiken erfasst. Die Blogosphäre, eine schrumpfende Mikro-Öffentlichkeit, wird durch die funktionale Konkurrenz der Social Networks, wohin ein Großteil des Outputs von Bloggern fließt, bedroht. Seriöse und qualitative Blogs mit nennenswerter Reichweite oder Foren mit an Sachverhalten orientierten politischen Diskussionen bleiben wünschenswerte, aber seltene Ausnahmen. Und selbst dann können diese Ausnahmen bestenfalls partiell oder durch das Eintreten von Multiplikator-Effekten nennenswerte Relevanz erlangen.

Zudem wird das Internet zur politischen Teilhabe und Quelle der Information, insbesondere die Nutzung von Foren und Blogs, nur von denen genutzt, die ohnehin politisch gebildet und aktiv sind. Da Blogs eine marginale Rolle spielen, können sie auch keine echte Alternative, sondern lediglich eine Ergänzung im Meinungsbildungsprozess darstellen.

Die Rolle der politischen Internetforen erinnert insofern an kleine Salons und Lesezirkel der Vormoderne, mit dem Unterschied, dass eine Öffentlichkeit nicht erst im Entstehen ist, sondern parallel von den digitalen Konzernen in völlig neuen Dimensionen definiert und vorangetrieben wird. Die Hoffnung auf eine „Befreiung von den ‚vermachteten‘ und kommerzialisierten Massenmedien“, wie sie u.a. durch die Befürworter einer direkten Online-Demokratie gehegt werden, wird so mehr als gedämpft. Politische Kommunikation bleibt von der Quantität eher eine Randnutzung, der herrschaftsfreie Diskurs im Sinne Habermas‘ auch hier eine Illusion.

Was bleibt?

Was bleibt, ist Ernüchterung. Wurde zu Zeiten des Web 1.0 und darüber hinaus noch über die mannigfaltigen Demokratisierungseffekte und Partizipationsmöglichkeiten in einem herrschaftsfreien Raum philosophiert, ist das Charakteristikum des Web 2.0 die Ausdünnung der Blogosphäre und die Verwandlung des Internets in vermachtete und kontrollierte Räume weniger (vor allem nordamerikanischer) Anbieter.  Das erhoffte Zeitalter der „Media-Demokratisierung“ wird durch neue und auch zunehmend genutzte Möglichkeiten der Überwachung und Manipulation (siehe Wikipedia) durch Konzerne, Geheimdienste oder auch Think-Tanks in Frage gestellt. Die Vielfalt der Informationen relativiert sich durch die Aushebelung der Netzneutralität.

Mit dem Projekt „Internet.org“ will Facebook die Entwicklung hin zu einem geschlossenen, durchkommerzialisierten Netz, in dem fast nur eigene Dienste zugänglich sind, gar auf die Spitze treiben. Damit ist Facebook nur Vorreiter einer Entwicklung, die mittlerweile von vielen Konzernen forciert wird. Und nebenbei nimmt Goolge zunehmend auf die politische Agenda der USA Einfluss. Digitale Informationstechnik wird zum Artefakt einer postpolitischen Entwicklung.

Was bleibt, ist schlussendlich die Vermutung, dass langfristig nur die Auflösung und Entflechtung der digitalen Oligopole durch die Politik die Voraussetzung dafür sein kann, (Infra-)Strukturen durch diverse Anbieter zu schaffen, die als essentielle Grundlage der demokratischen digitalen Öffentlichkeit und Medienkultur dienen können. Doch vielleicht war das nie gewollt und das technische Artefakt Internet ist nur Spiegel des politisch-sozialen Systems. Artifacts have Politics.

Der Artikel ist eine überarbeitete und gekürzte Fassung eines Buchbeitrages in Ronald Thoden (Hg.): ARD & Co – Wie Medien manipulieren, Selbrund Verlag 2015.

Artikelbild: Thomas Leuthard / flickr / CC BY 2.0

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3 Kommentare zu "Online-Medien
Der digitale Traum vom herrschaftsfreien Diskurs"

  1. Oliver sagt:

    “Diese digitalen Parallelwelten leisten aber nicht nur der intellektuellen
    Isolation Vorschub. Die inhaltliche Begrenzung von Information in der Social
    Media-Kommunikation korreliert mit zielgruppenorientiertem Marketing, auf dem
    diese vor allem basiert.”

    Nicht Social-Media-Kommunikation als solche ist das Problem,
    sondern die auf einzelne Großkonzerne monopolisierte Form von Social Media.
    (Sozusagen Enteignung der (Informations-)Produktionsmittel, siehe auch unten, Thema Betriebssysteme).

    Social-Media kann auch verteilt und lokal beim Benutzer betrieben werden,
    siehe zum Beispiel Diaspora:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Diaspora_%28Software%29

    Wenn als große Monopolisten Apple und Google genannt werden,
    ohne auch Microsoft zu nennen, liegt das vermutlich an der
    fehlenden Wahrnehmung der Microsoft’schen Imperialismen.
    Auch Lobbyismus in Medien und Politik spielt da sicherlich eine Rolle.
    Ein Horror-Szenario wird ausgemalt, wenn “das böse Apple” Marktanteile gewinnt,
    während man gleichzeitig auf einem Microsoft-Betriebssystem arbeitet.
    Es gab ja sogar groß angelegte Zusammenarbeit von GEZ-finanzierten
    Fernsehsendern mit Microsoft. Ob die dann noch so unvorbehalten berichten?
    (Oder Werbegeschenke an Schulen und Unis: PCs + Windows, etc.)

    Apple’s OS-X basiert immerhin auf BSD-Unix, einem freien System.
    Und die vielen Windowse?
    (Bei iOS (iPhone/iPAD) sieht’s dann allerdings auch bei Apple düster aus.)

    Für die meisten Leute wohl unbekannt, darum sei daran erinnert…
    … kürzlich war ja Halloween, und passend dazu kann man sich ja mal
    diesen Artikel hier durchlesen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Halloween-Dokumente

    Und die ersten, die mit der NSA zusammen gearbeitet haben, waren auch die Redmonder…

    Die Frage muss also nicht erst bei den Social-Media anfangen, sondern schon beim Betriebssystem.
    Und auch bei der Hardware (siehe Lenovo mit seinem “Werbehack”).
    (Auch die Netze / Leitungen…)

    Zu den Betriebssystemen zurück:
    Ein Linux zu installieren ist heutzutage nicht mehr so schwer, wie früher.
    (Vorausgesetzt, man nimmt eine anfängertaugliche Distribution.)
    Und es gibt noch andere, freie Betriebssysteme. z.B. diverse BSD-Unixe.

    “Was bleibt, ist schlussendlich die Vermutung, dass langfristig nur die
    Auflösung und Entflechtung der digitalen Oligopole durch die Politik die
    Voraussetzung dafür sein kann, (Infra-)Strukturen durch diverse Anbieter zu
    schaffen, die als essentielle Grundlage der demokratischen digitalen
    Öffentlichkeit und Medienkultur dienen können.”

    Nun, ob die Politik dies zu leisten vermag, angesichts des lobbyistischen Dauerfeuers,
    und ob sie dies auch leisten will, ist fraglich,
    Angesichts der in der Politik meist anzutreffenden Grundeinstellung, im Zweifel
    für die Überwachung und die Großkonzerne statt die Bürger (bzw. Konsumenten) zu sein.
    Neoliberalism at it’s best – da bleibt für eine Politik, die uns aus den Oligopolen rettet,
    wohl kaum ein Hoffnungsschimmer.

  2. moneymind sagt:

    “Das technische Artefakt Internet ist nur Spiegel des politisch-sozialen Systems.”

    Genau das trifft den Kern, denke ich. Das Internet ist einfach ein neues Kommunikationsmedium, nicht mehr und nicht weniger. Es bietet zwar jedem die Chance, auch Minderheiten-Sichtweisen zu publizieren und solche global zu vernetzen.

    Da es diese Möglichkeit jedoch JEDEM bietet, bleibt an den zugrundeliegenden Machtstrukturen im wesentlichen fast alles unverändert.

    Sicher stellt sich mit der leichten Kopierbarkeit von Inhalten die Frage des geistigen Eigentums jetzt auf einer neuen Ebene. Auch die ist aber nicht neu und internetspezifisch, sondern mußte mit jeder Einführung von neuen Kommunikationsmedien geführt werden, ob das nun der Phonograph war, der die Job von Live-Musikern bedrohte, der Fotokopierapparat (der die Einkünfte von Verlagen und Autoren bedrohte), das Tonbandgerät, der Cassettenrecorder etc. etc. etc. bis hin zur Diskussion ums Filesharing.

    Das Internet wird zu neuen Formen der Weitergabe von geistigen Inhalten führen, weil Leute, die von Einkünften aus ihrer geistigen Arbeit angewiesen sind, längerfristig funktionierende Modelle finden müssen, damit trotz Kopierbarkeit auch Geld zu verdienen. Softwareentwickler sind damit schon am längsten konfrontiert und haben Lösungen entwickelt – welche davon dauerhaft funktionieren können, und welche nur in einer Wachstumsphase des Internet Bestand haben können und danach verschwinden werden, wird man abwarten müssen.

    Jedenfalls werden auch beim Internet – wie bei jedem neuen Medium – oft utopische Erwartungen draufprojiziert, die vom Nichtverständnis der zugundeliegenden (rechtlichen, ökonomischen und politischen) gesellschaftlichen Verhältnisse leben.

    Aber verschiedene Formen aufklärerischen Utopismus (von Anarchismus über Anarchokapitalismus bis zum Sozialismus/Kommunismus) sind ja auch ein alter und ewiger Begleiter der europäischen Geschichte, wie die Religionsgeschichte voll ist von Beispielen für ähnliche Heilsideologien.

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