Islamischer Staat
„Es geht um Armut, nicht um Religion“

Der Islam sei angetreten, die Weltherrschaft zu erringen, heißt es oft. Die „Terrororganisation“ Islamischer Staat gibt diesem Glauben Nährboden. Doch um was handelt es sich dabei eigentlich? Und von welchem Himmel fiel es auf uns? Ein Gespräch mit dem Friedens- und Konfliktforscher Werner Ruf.

Foto: Paul Duncan / flickr / CC BY 2.0

Herr Ruf, Sie forschen aktuell zum sogenannten „Islamischen Staat“. Worum handelt es sich hier genau – und woher kommt diese … „Institution“?

Die Wurzeln dieses Gewaltakteurs sind vielfältig: Seit Samuel P. Huntingtons Erfindung des „Kampfes der Kulturen“ haben die USA das Paradigma desselben auch in der praktischen Politik institutionalisiert. Insbesondere im Irak haben sie den schiitischen Teil der Bevölkerung unterstützt und instrumentalisiert, um die bestehende staatliche Ordnung – also das Militär, die Verwaltung und die Polizei – zu vernichten. Die einst säkulare Staatsstruktur wurde so zum Privileg einer Religionsgruppe und die Sunniten wurden ausgeschaltet und diskriminiert. So erst wurde die religiöse Zugehörigkeit zur politischen Trennlinie und zum Herrschaftsinstrument.

Zum Zweiten darf man aber auch nicht den Hass auf die USA unterschätzen, der aus deren illegalen Folterpraktiken, den Entführungen und vor allem den Quälereien und Erniedrigungen resultiert, die in Guantanamo, in Abu Ghraib und anderen Folterlagern gängige Praxis waren oder sind. Entsprechende Bilder gingen ja um die Welt. Und unter den Führungskadern des IS befinden sich Leute, die selbst diese Erfahrung machen mussten.

Zum Dritten begann der IS als einer der nichtstaatlichen Gewaltakteure im Krieg in Syrien als eine Gruppierung, die – zumindest mit Billigung des Westens – von den Golfstaaten großzügig finanziert und sozusagen mitaufgebaut wurde, um gegen das syrische Regime zu kämpfen. Solange diese Bande nur in Syrien im Sinne des Westens mordete und erpresste, wie andere ähnliche Gruppierungen auch, war sie in unseren Medien keine Erwähnung wert. Inzwischen ist sie aber der erste dieser Gewaltakteure, der sich offensichtlich von seinen Auftraggebern emanzipiert hat und nicht mehr deren Weisungen folgt.

Und schließlich muss man wissen, dass der IS wie ein Unternehmen aufgebaut ist, das sich selbst zu finanzieren vermag: Erpressungen, Schutzgelder, „Steuern“ und Wegezölle stellen dabei eine zentrale Einnahmequelle dar. Und es kommt hinzu, dass der IS sich in die globale – kriminelle – Ökonomie eingeklinkt hat: Raub und Verkauf von Antiquitäten, vor allem aber der Export von Öl haben ihm eine solide Finanzierungsbasis geschaffen. Die Einnahmen des IS werden daher auf zwei Millionen US-Dollar pro Tag geschätzt. Dank dieser Einnahmen zahlt er seinen Kämpfern einen erheblich höheren Sold als das die anderen Banden derzeit vermögen. Gerade das erklärt dann auch den wachsenden Zustrom von Kämpfern.

Was genau? Die Chance auf ein leidlich auskömmliches Salär umgeben von Elend und Not?

Ja, es geht primär um Geld, aber auch um Anerkennung in der Gruppe, um Männlichkeit.

Das heißt, es geht hier auch … um sozusagen „Soziales“ und Geld – und nur auf den ersten Blick um Religion?

Genau das meine ich. Wenn man sich die Rekrutierungsbasis der Djihadisten unter sozialen Gesichtspunkten ansieht, dann ist es genau dieselbe Kategorie von Personen, die sich – übrigens für ein sattes Handgeld von bis zu 6.000 oder 8.000 Dollar – in Tripolis, in Algier oder Tunis anwerben lässt.

Laut einer Studie unserer Sicherheitsdienste vom Ende des vergangenen Jahres sind von 378 gen IS Ausgereisten ein Drittel aus der Alterskohorte zwischen 21 und 25 Jahren. Ein Viertel von ihnen besuchte eine Schule, nur 26 Prozent hatten einen Schulabschluss, nur 6 Prozent brachten eine Ausbildung zu Ende, eine Beschäftigung hatten 12 Prozent, die meisten als Geringqualifizierte im Niedriglohnsektor. 20 Prozent waren zum Zeitpunkt der Ausreise arbeitslos, 117, also rund ein Drittel, hatten bereits Straftaten begangen: Gewalt und Eigentumsdelikte oder Drogenhandel. Das heißt: Es geht weniger um Religion als vielmehr um nicht gelungene soziale Integration! Prävention müsste daher im sozialen Bereich ansetzen und nicht oder zumindest weniger bei einem reorganisierten Islamunterricht.

Und dasselbe gilt auch für vor Ort: Hier wie dort geht es um die soziale Frage, um Ausgrenzung, Diskriminierung und Perspektivlosigkeit.

Noam Chomsky explains the Islamic radicalism

Und welche Rolle spielt dann die Religion? Ich meine: Diese Leute ziehen doch offenbar „für Allah“ in den Krieg…

Ha, Gott – wofür musste der nicht schon herhalten! Nicht zuletzt auch bei uns, wo in seinem Namen während der Reconquista und der Inquisition gefoltert und gemordet wurde, wo die Kreuzritter in Jerusalem im Blut wateten, wo in seinem Namen Hexen verbrannt wurden … übrigens bis in unsere Gegenwart, wenn man bedenkt, dass noch vor vierzig Jahren in einem Erzbistum eine psychisch kranke Studentin von einem Dominikanerpater zu Tode exorziert worden ist. Und was ist mit den Kriegen, wo noch im ersten Weltkrieg auf den Koppelschlössern der Spruch „für Gott und Vaterland“ stand?

Aber im Ernst: Natürlich glauben diese jungen Männer, sie handelten für eine göttliche Mission. Gleichzeitig aber haben sie die einmalige Chance, richtig Mann zu sein, Geld zu verdienen und etwas im Leben zu leisten – all das ist in der Perspektivlosigkeit der Vorstädte, aus denen sie kommen, undenkbar. …

Und warum wird die soziale Frage vor Ort dann nicht angegangen? Warum tut die arabische Welt nichts gegen Ausgrenzung und Not – und hilft der so genannte „Westen“ dabei?

Die arabische Welt, wer ist das denn? Die despotischen Monarchien am Golf, in denen sich eine dünne Herrscherschicht – „von Gottes Gnaden“ – maßlos bereichert? Oder jene korrupten Militärdiktaturen, die die Reichtümer ihrer Länder plündern?

Und dem Westen, zuvörderst der EU geht es doch vorrangig um zwei Dinge. Zum einen „Stabilität“ – egal, wer wie dafür sorgt. Und zum zweiten im Rahmen der Nachbarschaftspolitik gegenüber den Mittelmeer-Dritt-Staaten um den Export ihrer Waren und um die Nutzung der dort vorhandenen niedrigen Löhne. Wie anders wären sonst Assoziierungsabkommen zu deuten, in deren Rahmen europäische Investoren dort für bis zu zwanzig Jahre Steuerfreiheit und freien Gewinntransfer genießen? Unter diesen Bedingungen hat noch nicht einmal ein nationaler Kapitalismus in diesen Ländern eine Chance, geschweige denn die ein oder andere dringend notwendige soziale Reform.

Ich bedanke mich für dieses Gespräch.

Die Fragen stellte Jens Wernicke. Eine automatische E-Mail-Benachrichtigung über neue Texte von Jens Wernicke können Sie hier bestellen.

Werner Ruf  ist emeritierter Professor mit dem Arbeitsschwerpunkt Internationale und intergesellschaftliche Beziehungen und Außenpolitik.

Weiterlesen:

Artikel: Karin Leukefeld: „Im Stellvertreterkrieg: Überlegungen zur geostrategischen Rolle des Islamischen Staates

Artikel: Fabian Köhler: „Die unglaubliche Reise der verrückten Terror-Miliz: Erst die USA machten den Al-Qaida-Ableger ISIS zur internationalen Terrororganisation

Artikel: Noam Chomsky: „Nicht der radikale Islam gibt den USA zu denken – es ist die Unabhängigkeit

Artikel: Jeremy H. Keenan: “Redefining the poor as ‘terrorists’”

Artikel: Werner Ruf: „Islamischer Fundamentalismus

Artikel: Werner Ruf: „Islamische Bedrohung?

Interview: Werner Ruf: „Wir beobachten derzeit, dass ‚die Verdammten dieser Erde‘ aufstehen und protestieren

Artikel: Werner Ruf und Jens Wernicke: „Menschenrechte versus Völkerrecht?

Buch: Werner Ruf: „Der Islam – Schrecken des Abendlands. Wie sich der Westen sein Feindbild konstruiert

Artikelbild: Paul Duncan / flickr / CC BY 2.0

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9 Kommentare zu "Islamischer Staat
„Es geht um Armut, nicht um Religion“"

  1. Die Überschrift ist so derartig grob verkürzend, dass man sie nur schlicht als falsch bezeichnen kann. Man kann die Ursachen von Terrorismus nicht auf einen Auslöser reduzieren – wer das tut, politisiert. Ich könnte hier auf Nachfrage viele sozialwissenschaftliche Quellen nennen, die diese Reduzierung auf sozioökonomische Faktoren gründlich zurückweisen und widerlegen. Es geht AUCH um Armut, aber längst nicht nur. Eine wesentliche Rolle spielen auch autoritäre Sozialisation und biografische Faktoren plus Gruppendynamiken, zudem – zumindest vor Ort – die ständige Präsenz eines Konfliktsystems. Und gerade bei dem ersteren Punkt kommen wir dann eben doch ganz schnell wieder zur Frage von Religion und kulturellen Elementen. Ich würde von einem Wissenschaftler erwarten, dass er so etwas ganzheitlich beobachtet und nicht selber aus politischen Gründen simplifiziert.

  2. Leonard sagt:

    Ich verweise auf zwei Bücher:

    Tilman Nagel: Angst vor Allah? Auseinandersetzungen mit dem Islam, Verlag Duncker & Humblot Berlin 2014
    ISBN 978-3-428-14373-3

    Bat Ye´or
    Europa und das kommnede Kalifat – Der Isam und die Radikalisierung der Demokratie, Duncker & Humblot Berlin 2013,
    ISBN 978-3-428-13831-9

  3. Martin sagt:

    Ah. Ein Interview mit einem Friedensforscher. Da weiß man schon, was drin ist: sozialistischer Mumpitz.
    Und natürlich ist die -vorzugsweise- westliche Gesellschaft schuld.
    Die kleinkriminellen Zivilversager, die sich dem IS anschließen, tun das nicht, weil sie eben kleinkriminelle Versager sind, nein, sie wurden ausgegrenzt, diskriminiert und what not.

  4. maria sagt:

    sehr guter Artike, herzlichen Dank!

  5. Jaheira sagt:

    Danke für das interessante Interview. Religion wird vom IS instrumentalisert – und von den anderen Kriegsparteien (Nato, USA, Deutschland) auch. Mit der Folge, dass Muslime in westlichen Ländern noch mehr diskriminiert werden.

    Die weiterführenden Links sind ein tolles Angebot. Das habe ich bisher selten gesehen.

  6. Günter Buchholz sagt:

    Ich denke, man verkennt die realen Gesellschaften des Nahen Ostens, solange man sie aus einer – falsch verallgemeinerten – westlichen Perspektive betrachtet und beurteilt. Das führt zu fatalen und schwerwiegenden Fehlurteilen und Fehlhandlungen. Es geht u. a. aber keineswegs nur um sozioökonomische Fragen, sondern es geht ebenso um Religion, deren Wirklichkeit im gesellschaftlichen Bewußtsein dort offenbar etwas ist, was in Europa sich nicht einmal evangelische Theologen noch vorzustellen in der Lage sind. Man lese hierzu den Artikel von Alexander Grau, in:
    http://frankfurter-erklaerung.de/2015/12/terrorismus-hat-sehr-wohl-mit-religion-zu-tun/

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