Revolutionäre Gedanken

Ein Unwort als Schreckgespenst des Staatswesens

Ein Gastbeitrag von Heinz Sauren

Die Revolution, das Schreckgespenst jedes Staatswesens, ist in einer Demokratie eine Utopie. Dies war lange Zeit der Tenor der etablierten Politik und ihrer Protagonisten.

Vierzig Jahre ist es her, seitdem das Unwort der Politik von den Straßen verschwunden ist. Jene 68er, die damals ihre Wut und ihre Forderung nach Veränderung dieses Systems laut skandierend über die Straßen und Plätze trugen, haben es sich in der einstmals so verhassten Gesellschaft bequem gemacht. Ihr Ruf nach der Weltrevolution ist verstummt, und ihr längst vergangenes Aufbegehren wurde zu einem selbst beruhigenden Teil der Vita der ehemaligen Revolutionäre. Fast hätte man glauben können, dass die in ihren Zielen missglückte Revolution der ausgehenden 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Behauptung einer Utopie unter Beweis gestellt hatte, und somit eine nicht wiederholbare Episode der Geschichte war.

So ist es auch nicht verwunderlich, das die politischen Eliten Europas auf die Revolutionen Nordafrikas in gewohnter Manier reagierten. Aus dem selbstverständlichen Empfinden heraus, gegen diesen Virus resistent zu sein, verfolgten sie eine Politik, die einzig darauf gerichtet war, in den Krisengebieten baldmöglichste Ruhe einkehren zu lassen und jene Kräfte zu unterstützen, die am wenigsten vermuten lassen, bestehende diplomatische und wirtschaftliche Interessen zu gefährden. Veränderungen wurden zwar medial Wirksam begrüßt, doch hinter den Kulissen wurde beständig daran gearbeitet, den Status Quo nicht zu gefährden. Jahrzehnte lang wurden die übelsten Despoten hofiert, solange sie für unser eigenes System von Nutzen waren.

Aus dieser Logik ist es konsequent, wenn die Nordafrikanischen Revolutionen nur dann durch die Staaten der westlichen Welt Unterstützung erfahren, wenn offensichtlich wird, dass die alten Machthaber sich nicht werden halten können. Die westlichen Demokratien hängen ihre Fahnen nach dem Wind und unterstützen Veränderung der Machtverhältnisse nur dann, wenn die eigenen zumeist wirtschaftlichen Interessen nicht gefährdet werden. Die öffentliche Darstellung der Regierungen, das freiheitliche Aufbegehren unterdrückter Völker zu unterstützen, dient der innenpolitischen Vernebelung der eigenen Interessen und kann zynischer kaum sein.

Den Regierungen und Repräsentanten der westlichen Demokratien scheinen in bemerkenswerter Weise das politische Feingefühl für gesellschaftliche Entwicklungen abhanden gekommen zu sein, und vor allem dafür, wie diese geschehen und wodurch sie getragen werden. Noch vor zehn Jahren wären Revolutionen in Nordafrika sehr weit weg gewesen, die Geschehnisse und Forderungen der Revolutionäre einer breiten Öffentlichkeit kaum, – und wenn, dann durch die Medien gefiltert -, bekannt geworden. Heute sind die Schauplätze, wie Tunis, Kairo oder Bengasi, nur noch einen Mausklick entfernt. Die Gedanken und Wünsche der Beteiligten, aber auch die aktuellen Geschehnisse, sind für jeden Interessierten in Echtzeit und ungefiltert verfügbar.

Die Jahrzehnte bewährte Politik der Regierungen, Geschehnisse in beruhigenden und gefilterten Häppchen dem Volk zu unterbreiten, – mit der gleichzeitigen Erklärung, warum das handeln der Politik so und nicht anders richtig ist -, greift ins Leere. Nachrichtenquellen die einstmals den Anspruch hatten, die Informationsquelle eines ganzen Volkes zu sein, dienen heute nur noch der Zusammenfassung und Bestätigung jener Informationen, die bereits Stunden zuvor um den Globus kreisten. Regierungssprecher die einstmals Neuigkeiten der großen Politik verkündeten, geben heute Statements zur Haltung der Regierung bezüglich der Themen, zu der sich fast jeder bereits eine Meinung gebildet hat.

Es ist zwar davon auszugehen, dass auch unsere Politiker das Potential des Internets einschätzen können, es scheint ihnen jedoch nicht möglich, ihren etablierten und überholten Regierungsapparat in der Geschwindigkeit umzustellen, wie eine Kommunikationsgesellschaft dieses auf der Reaktionsebene erwartet. So lässt sich feststellen, dass unsere Regierungen auf die Veränderungen dieser Zeit, durch ihre systembedingte Langsamkeit, den Dingen hilflos hinterher hecheln, während eine neue Generation über soziale Netzwerke, wie Facebook und Twitter, das Heft des Handelns an sich gerissen hat.

Den Revolutionären mit Laptop scheint nun zu gelingen, was ihren Großvätern mit Kalaschnikows nicht vergönnt war. Für den Bestand der etablierten Staatsformen ist heute ein namenloser Blogger weit gefährlicher als die Galionsfigur der 68er, Che Guevara, es je war. Er verfügt über eine Waffe, der Regierungen in ihrer Schwerfälligkeit nichts entgegen zu setzen haben. Erschwerend kommt für so angegriffene Regierungen hinzu, dass sie den revolutionären Netzwerkern ihr eigenes Wertesystem anerzogen hat. Während die Revolutionäre von damals einer Ideologie folgten und somit politisch angreifbar sowie ausgrenzbar wurden, so sind die Revolutionäre von heute Kinder der Leistungsgesellschaft. Sie sind weder ideologisch geschult, noch bauen sie auf utopische Gedankenmodelle auf. Sie sind strikt ergebnisorientiert, was für die Politik bedeutet, das wohlklingende Ankündigungen wirkungslos verpuffen und nur tatsächliche Veränderungen es vermögen, den Druck in dem Kessel der Empörung zu senken.

„Wer eine friedliche Revolution verhindert, macht eine gewaltsame Revolution unausweichlich.” – John F. Kennedy

Die Begründung für eine Revolution liefert immer der Staat selber, indem er die vom Volke gewünschten Veränderungen verweigert und sich somit seiner wichtigsten Aufgabe, dem Volke und seinem Willen zu dienen, entzieht. Durch diese Verweigerung seiner Verantwortung legt er diese Aufgabe in die Hand seiner Bürger. Somit können zur Bewältigung dieser Aufgaben auch nicht mehr staatliche Mittel und Reglementarien herangezogen, oder für maßgeblich erklärt werden. Jenes was geschehen muss, um zukünftig bessere und freiheitlichere Lebensumstände zu erreichen, wird durch die Verweigerung des Staates an seinem Mitwirken daran, unter einem Regelwerk ablaufen, welches nicht mehr der Erhaltung des Staates geschuldet sein kann oder seinen ordnungspolitischen Wünschen entspricht. Eine Revolution ist die Ultima Ratio jedes Volkes gegenüber einem reformunwilligen Staat.

Eine Revolution ist ein völkerrechtlich legitimierter Notwehrakt. In diesem Notwehrakt ist es nicht von Bedeutung, welche positiven Errungenschaften ein Staat für sich verbuchen kann. Einzig wichtig ist, welche Entscheidung der Souverän des Staates zu seiner Zukunft fällt. Der Souverän, sprich das Volk, hat das uneingeschränkte völkerrechtlich gesicherte Recht, sich seiner Verwaltung, also dem Staat, ganz oder teilweise zu entledigen.

Revolution ist kein Gewaltakt und dient nicht der Wegnahme. Revolution ist der Prozess der Entwicklung neuer Werte zur Ablösung anachronistischer, mit dem Zwecke der Schaffung neuer Freiheiten. Kein einmaliger Akt, sondern ein unter Umständen langwieriger Prozess des Umdenkens aufgrund der Erkenntnis, dass der bisherige Weg nicht weiter möglich ist. Staatsgefährdend an diesem Umstand ist, zumindest aus der Sichtweise der etablierten Machthaber, dass sie ihre Privilegien nicht mehr historisch begründen und verteidigen können. Vielmehr müssen sie sie in einem kritischen Dialog unter dem Aspekt der Sinnhaftigkeit zur Disposition stellen und berücksichtigen, dass eine Weigerung dieses zu tun, dem Volk als Souverän das Recht gibt, Veränderungen auch gegen den Willen der wirtschaftlichen und politischen Eliten zu erzwingen.

Somit ist jede Revolution in ihrem Wesen anarchistisch, da sie auf dem Bruch bestehender Gesetze basiert. Sie ist ein unverrückbares Menschenrecht zu jeder demokratischen Grundauffassung. Revolutionen sind nicht Menschenmassen, die auf Straßen und Plätzen auf begehren. Revolutionen geschehen viel früher. Sie entstehen in den Köpfen der Menschen, die aufgrund der ihnen vorliegenden Informationen ein Ungerechtigkeitsgefühl entwickeln. Wenn sie auf den Straßen zu sehen sind, ist dies nicht der Beginn einer Revolution, sondern ihr Zenit. Jede Revolution ist illegal, da sie auf die Abschaffung etablierter Werte richtet und in jedem Land per Gesetz mit Strafe belegt, so auch die friedliche Revolution in Deutschland 1989. Jeder Teilnehmer verstieß gegen bestehende Gesetzte und war nach geltendem Recht ein Verbrecher. Somit wird deutlich das der Bruch von Gesetzen im Zuge einer Revolution zwangsläufig und legitim ist.

Jede Revolution richtet sich auf die Errichtung neuer Werte. Dies ist der Umkehrschluss zu der staatlichen Definition zur Revolution, die einzig die Zerschlagung des Staates sieht. Es geht aber nicht um die Zerschlagung des Staates, diese ist nur ein Kollateralschaden auf dem Weg zur Erreichung des Ziels, nämlich der Errichtung neuer Werte. In dem Moment in dem der Staat nicht mehr als maßgeblich angesehen wird, ist auch sein ordnungspolitisches Regelwerk, bestehend aus Verordnungen und Gesetzen, nicht mehr anwendbar und es kommt zur Anarchie. Einem Begriff der von staatlicher Seite ebenfalls entgegen seinem Sinn, mit allerlei Horrorszenarien, zu seiner Vermeidung besetzt wird.

Anarchie ist generell kein ordnungspolitisches Gesellschaftssystem oder Prinzip, sondern die bewusst gewollte Aussetzung der ordnungspolitischen Leitwerte, und bezieht sich somit auf die Infragestellung und Missachtung bestehender gesetzlicher Normen zum Zwecke der Etablierung neuer Werte. Sie ist ein definierter temporärer Zustand innerhalb eines revolutionären Prozesses, in dem bereits alte Werte nicht mehr anerkannt, aber noch keine Neuen etabliert wurden. Anarchie ist durch die Rechtmäßigkeit der Revolution, als ein Prinzip des Strukturwandels – dem Souverän des Staates -, legitimiert.

Anarchie ist weder chaotisch noch terroristisch, sondern dient der Neuregulierung und Überwindung anachronistischer Werte, die bis zu ihrem Ersatz notwendig ist, um eine schleichende Übernahme der abgelehnten Werte zu verhindern. Je nach Grad der Verweigerung des Staates und seines völkerrechtlich ungesetzlichen Einsatzes seines Gewaltmonopols kann es in einer anarchistischen Zeitspanne zu Gewalt als Gegenreaktion auf das bestehende Gewaltmonopol kommen.

Gewalt ist grundsätzlich kein zu rechtfertigendes Mittel zur Erreichung von Zielen, ist jedoch im Rahmen der Notwehr legitim. Notwehr ist die Einsetzung von Gewalt, zur Abwehr eines Angriffes auf Leib, Leben oder ein Gut von besonderem Wert. Die freiheitliche Entwicklung eines Volkes ist auf jeden Fall ein solches Gut von besonderem Wert und legitimiert damit Notwehr durch Anwendung von Gewalt, wenn kein anderes Mittel erfolgreich ist. Die Ausübung von Gewalt in einem Akt der Notwehr, heißt nicht neue Gewalt zu schaffen, da sie sich gegen bereits bestehende Gewalt, wie zum Beispiel einem Gewaltmonopol richtet.

Es ist zu Beobachten, dass sich bei den aktuellen Revolutionen auch ihre Zielrichtung verändert hat. Was früher ein Aufbegehren gegen despotische Herrscher war, kann heute jede Regierung treffen. Regierungen, die sich dem Glauben hingeben, ihre vermeintlich demokratischen Strukturen würden als Legitimation der Herrschaft ausreichen, begeben sich auf einen gefährlichen Irrweg. Die vermeintlich schützenden Strukturen zur Einflussnahme auf Regierungen sind Relikte aus einer Zeit des langsamen und wohldosierten Informationsflusses, und werden von den Bevölkerungen als Reglementarien verstanden, die zum einen Zeit und Geduld brauchen, die aber auch Anliegen zerwirken können.

Diese Elemente, die zum Schutz staatlicher Strukturen gedacht sind, – wie Zeit, Geduld und die Gefahr, das Anliegen in endlosen politischen Prozessen bagatellisiert werden – sind jedoch gerade jene Elemente, die in revolutionären Prozessen wie Brandbeschleuniger wirken.

Der Virus der Revolution ist längst auf Europa übergesprungen. Was in Nordafrika begann, hat sich in Spanien und Griechenland etabliert. Die Bilder Hunderttausender auf öffentlichen Plätzen demonstrierender und campierender Menschen in europäischen Metropolen sprechen eine deutliche Sprache, wobei es keinen Unterschied mehr macht ob dies in Athen, Madrid oder Berlin geschieht. Es geschieht innerhalb der europäischen Gemeinde und damit im eigenen Haus. Wenn Demonstranten in Athen von der Polizei nieder geprügelt werden, empört diese Information und die damit verbundenen Auswirkungen zeitgleich die Athener Vorstadt, wie auch ein 2000 km entferntes, niedersächsisches Dorf. Die Themen der Empörung heben sich europäisiert.

Nationale Revolutionen sind in Europa nicht mehr denkbar. Dass das Wissen um diesen Umstand einige europäische Regierungen zu beruhigen scheint, bezeugt ihren Verlust einer realistischen Einschätzung der Geschehnisse. Es hat eine europäische Revolution begonnen. Unter den vorhandenen Tatsachen lässt sich dieser Umstand nicht mehr leugnen, obwohl dies natürlich von den Regierungen, zum Zwecke der Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, versucht wird.

Die europäische Revolution will kein Chaos, sie will keine Anarchie, sie fordert noch nicht einmal die Köpfe der Regierungen. Sie fordert ein Ende der wirtschaftlichen Ausbeutung und eine Herstellung einer tatsächlichen Mitbestimmung. Forderungen die nicht utopisch sind, sondern verbriefte völkerrechtliche Ansprüche und Grundlage der europäischen Gesetzgebung. Diese Revolution fordert die Einhaltung der völker- und verfassungsrechtlich garantierten Rechte und eine Endrechtung des Großkapitals.

Wie jede Revolution, trägt auch diese Revolution das Potential in sich, in einen unkontrollierbaren Massenaufstand umzuschlagen. Sollte dieses Ereignis eintreten, wird es die Regierungs- und Wirtschaftsformen hinwegfegen und Europa in eine Zeit großer Unruhen und wirtschaftlicher Not führen. Auch in diesem Szenario wäre ein Neuanfang versteckt, wenngleich auch ein wesentlich schmerzvollerer für die Völker Europas.

Ob die europäische Revolution einen friedlichen und für alle positiven Weg nimmt, liegt nicht in den Handlungen und Forderungen derer, die dieses Revolution vorantreiben. Diese Entscheidung liegt in den Händen weniger, die von den aktuellen Umständen unverhältnismäßig profitieren; ferner liegt sie bei der Politik, die den Mut finden muss, über verkrustete Konventionen hinweg mit den Revolutionären in eine ehrliche Auseinandersetzung zu gehen, und ihre Entscheidungen nach pragmatischen und nicht nach ideologischen Gesichtspunkten zu treffen.

Die Menschen in Europa brauchen diese Revolution der Empörten. Wir brauchen sie unabhängig von den Zielen die sie trägt, um ihrer selbst willen. Eine Revolution ist geeignet, verkrustete Strukturen aufzubrechen, um wieder eine Verbindung zwischen den Regierungen und der Bevölkerung herzustellen. Wie sehr wir dieses nötig haben, hat uns Stuttgart 21 gezeigt. Dort wurde offensichtlich, dass Regierung und Volk, um miteinander reden zu können, einen Schlichter und Vermittler brauchen. Dieser Umstand zeigte deutlich die unüberwindbare Entfernung der Volksvertreter zu denen, die sie vertreten sollen.

Wir brauchen kein Gemetzel nach dem Vorbild der französischen oder russischen Revolution, welches auch nicht zu befürchten ist. Jedoch dürstet es nach einer Revolution als reinigendes Gewitter, zur Wiederherstellung einer Demokratie in ihrer gedachten Form, zum Nutzen und in Entsprechung des Souveräns, auch gegen die Interessen des Großkapitals.

Der Artikel erschien im Original bei “Gedankenmomente” von Heinz Sauren

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28 Kommentare zu "Revolutionäre Gedanken"

  1. Solveigh Calderin sagt:

    Ich bezweifle ganz stark, dass “die Machthabenden”, “das Kapital” sich gewaltlos ihrer Macht berauben lassen… Fakt ist, dass immer mehr Menschen spüren: “So geht’s nicht weiter” – da gebe ich Ihnen vollkommen recht.

    Da sich die Regierenden bereits soweit vom Boden der Realitäten entfernt haben, dass sie nicht einmal mehr merken, WIE weit sie weg sind, wage ich eine “friedliche” Revolution zu bezweifeln – Kairo und Athen lassen grüßen…

    Die heute notwendige Veränderung ist freilich nicht mehr aufzuhalten. Das geht einfach nicht mehr. Die Zeit der “Nationalstaaten” ist genau so vorbei wie die Allmacht der USA… http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/china_usa_rating_bonitaet_herabstufung_1.11798062.html

    Jeremy Rifkin, Ökonom und Berater vieler großer Unternehmen und übrigens auch der EU (er ist wohl nicht erhört worden) propagiert seit langem die “empathische Gesellschaft”. (leider nur auf Englisch verfügbar): http://www.youtube.com/watch?v=l7AWnfFRc7g

    Während einer Rede bei Google sagte er zu diesem Modell: Wie haben keine Zeit mehr – und wir haben keinen Plan B…

  2. ernte23 sagt:

    So gerne ich Ihren Optimismus teilen würde, so wenig verspüre ich eine “revolutionäre” Stimmung in Deutschland. Vielmehr scheinen die Leute in meinem Umfeld bedacht auf die eigene Bauchnabelschau, stricken an ihrem spießbürgerlichen Konkon und hoffen, dass sie mit der Methode “nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen, nichts sagen” irgendwie über die Runden kommen.

    In Spanien und Griechenland stehen Abertausende vor dem wirtschaftlichen und sozialen Nichts und gehen deshalb auf die Straße, während bei uns auf Kosten von Niedriglöhnen ein Exportfeuerwerk abgefackelt wird, das noch viele Leute beschäftigt hält, obwohl sich viele nach kurzer Zeit einen neuen Job suchen müssen. Erst wenn wir eine ähnliche Lage wie in Spanien auch bei uns haben, könnten ähnliche Prozesse hierzulande ablaufen.

    Schließlich gehen in dem Artikel die Begriffe ziemlich durcheinander. Wenn die “Revolutionäre” für Reformen eintreten, handelt es sich doch eher um eine Protestbewegung oder? Eine solche kann umschlagen in eine Revolution, die meinem Verständnis nach die bestehenden Verhältnisse umwälzt. Was Sie unter Anarchie verstehen, wird mir auch nicht klar. Auf der einen Seite meinen Sie damit scheinbar den eigentlichen Protest “temporäre Aussetzung ordnungspolitischer Leitwerte”, auf der anderen Seite weiter unten im Text das handelsübliche Synonym für Chaos. Wie wäre es mit “Ordnung ohne Herrschaft”, wie die Anarchisten den Begriff definieren?

  3. Josef sagt:

    Weltuntergang

    “Spekulationen richten keinen Schaden an, wenn sie nur Blasen auf einem ruhigen Strom von Unternehmertätigkeit sind. Die Lage ist aber ernst, wenn die Unternehmertätigkeit zur Blase auf einem Strudel von Spekulationen wird.”
    John Maynard Keynes

    Wird über einige Jahrzehnte an der Vermehrung von Sachkapitalien (Häuser, Fabriken, etc.) gearbeitet, sinkt aufgrund marktwirtschaftlicher Konkurrenz der Kapitalmarktzins, was an sich positiv ist, weil dadurch die Arbeitslöhne steigen. Weil aber ein fehlerhaftes Zwischentauschmittel mit Wertaufbewahrungsfunktion (Zinsgeld) nur gegen eine Liquiditätsverzichtsprämie (Urzins) mittel- bis langfristig verliehen und somit in neues Sachkapital investiert werden kann, aus dem jegliche Wertschöpfung und auch der Urzins erarbeitet werden, wird nicht mehr investiert, sondern nur noch spekuliert, sobald der Kapitalmarktzins auf die Liquiditätspräferenzgrenze von unter 3 Prozent absinkt. Dann kommt es zu der von Keynes beschriebenen Liquiditätsfalle – und am Ende zur globalen Liquiditätsfalle! Die Heilige Schrift bezeichnet diese größte anzunehmende Katastrophe der Weltkulturgeschichte, deren Anfang wir aktuell an den Börsen erleben, als “Armageddon”:
    http://opium-des-volkes.blogspot.com/2011/07/der-bevorstehende-crash.html

    Niemand hat Schuld daran. Der endgültige Zusammenbruch der Weltwirtschaft passiert zwangsläufig, kann von keiner wie auch immer gearteten Finanz- oder Wirtschaftspolitik mehr verzögert oder gar aufgehalten werden, und ist die Voraussetzung dafür, dass der Glaube an das zivilisatorische Mittelalter (Zinsgeld-Ökonomie) überwunden und der eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation, die Natürliche Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft ohne Kapitalismus = echte Soziale Marktwirtschaft), durch eine “bewusste und gewollte Tat” (Zitat: Silvio Gesell) verwirklicht werden kann. Dazu muss die reale Angst vor dem endgültigen Zerfall unserer gesamten “modernen Zivilisation”, der ab jetzt immer katastrophalere Ausmaße annehmen wird, größer werden, als die seit Urzeiten eingebildete Angst vor dem Verlust der Religion:
    http://www.deweles.de

  4. Viator sagt:

    Liebe Mitsklaven,

    ich hätte zumindest hier erwartet, dass der Begriff Anarchie in der korrekten Bedeutung verwendet wird. Anarchie bedeutet eben nicht Gesetzlosigkeit, wie es hier wieder einmal fälschlich dargestellt wird, sondern die Abwesenheit von Obrigkeit, was einer organisierten Gesellschaft in keiner Weise widerspricht, auch wenn die Fantasie vieler Untertanen dazu nicht auszureichen scheint.

    Eine Demokratie finde ich dagegen keinesfalls erstrebenswert, weder in gebremster, noch unmittelbarer Form. In der Regel wird diese nach dem Mehrheitsprinzip gestaltet, was theoretisch bedeutet, dass 51% der Bevölkerung den restlichen 49% vorschreiben kann, was diese zu tun und zu lassen haben. Praktisch bestimmen in unserer “Demokratie” jedoch diejenigen, die das höchste soziale Gewicht erzeugen (Lobbyismus, Propaganda, etc.), was umso schlimmer ist. Ich würde zum aktuellen Zeitpunkt davon ausgehen, dass tatsächlich eine geringe Minderheit in unserer nominellen Demokratie über die Mehrheit bestimmt.

    Mein Vorschlag wäre eine kommunistische Anarchie (ohje, gleich zwei böse Worte in Kombination, bei denen durch jahrzehntelange, intensive Propaganda dafür gesorgt wurde, dass wir schon in Widerstandshaltung fallen, wenn wir nur ihren Klang vernehmen). Ich spreche damit nicht von dem nominellen Kommunismus der UdSSR, hinter dem sich tatsächlich eine totalitäre Diktatur verbarg, sondern davon, dass die Resourcen der Erde und das, was daraus entsteht, allen Bewohnern dieses Planeten gleichermassen zustehen, was aber auch bedeutet, dass jeder für deren Erhalt mitverantwortlich ist. Der giergetriebene kapitalistische Raubbau an Mensch und Umwelt muss endlich aufhören. Jede Form von Eigentum ist ein Akt der Gewalt, denn was der eine für sich beansprucht, nimmt er unweigerlich allen anderen weg, früher durch unmittelbare Gewalt, heute durch zentrale Staatsgewalt sanktioniert. Dagegen spricht nichts gegen Besitz unter der Auflage gemeinnütziger und nachhaltiger Verwaltung.

    Jahrtausende der Rivalität haben uns weit gebracht, doch man stelle sich einmal vor, wohin nur ein Jahrhundert unkonditioneller Kooperation uns bringen könnte. Wir befinden uns nach wie vor in einem Spiel von Mächten, die uns hin und her schleudern, wie es ihnen beliebt und wir es ihnen stillschweigend erlauben.

  5. Tony sagt:

    Ich möchte drei Anmerkungen machen.

    Erstens: in einem Gespräch im TV (ich weiß leider gerade nicht mehr, wo und wann genau das war) hat Helmut Schmidt einmal mehrere Möglichkeiten durchgespielt für die hier beschriebenen Fragen. Eine davon war ganz ähnlich wie das, was Sie beschreiben. Eine andere Möglichkeit war die des langsamen Dahinsiechens. Wenn der Abbau in so kleinen Häppchen vonstatten geht, dass dabei nicht genügend emotionale Empörungsenergie entsteht, kann sich das Ganze wirklich noch sehr lange hinziehen. Und die Menschen werden mitmachen statt zu kämpfen.

    Zweitens: interessant finde ich, dass es in der Psychotherapie eines einzelnen Menschen einen ganz ähnlichen Punkt gibt, den Sie hier auf gesellschaftlicher Ebene mit Anarchie beschrieben. Es ist der Moment, in dem man “nichts mehr weiß”. Die alten Rezepte passen nicht mehr und neue Rezepte gibt es noch nicht. Das ist einer der spannendsten Momente, denn hiervor laufen die Menschen (manchmal jahrelang) weg, weil sie sich davor fürchten, und doch kommt nur aus dem Brennpunkt dieses gefürchteten Augenblicks das Neue, wenn man erlaubt, sich diesem Gefühl von “innerer Anarchie”, das sich wirklich nicht gut anfühlt, auszuliefern.

    Drittens: Ich glaube, es geht nicht nur um die Ablösung von alten Werten durch neue, sondern darüber hinaus um das Schaffen neuer Strukturen (wie z.B. Institutionen). Diese Strukturen basieren freilich auf den Werten. Innerhalb dieser neuen Strukturen können neue Bedürfnisse leichter erfüllt werden als innerhalb der alten. Strukturen schaffen Freiräume.

    Spannend, wie das, was ich hier lese, gut zu meinen eigenen aktuellen Gedanken passt… bin gerade in sehr ähnlichen Ideenwelten unterwegs… (wenngleich noch nicht so ausgefeilt ;-) )

    Lieben Gruß!

  6. Pistepirkko sagt:

    Vor ein paar Monaten besuchte ich die Völklinger-Hütte, ein Weltkulturerbe der Industrialisierung.
    Die Besichtigung wurde von jemandem durchgeführt der sich, laut eigener Aussage, vor Jahren von einem Rentner ausbilden lies. Dieser Rentner war einer der letzten Mitarbeiter dieses Stahlwerkes, als es 1986 geschlossen wurde.
    Laut diesem Guide durfte man niemals den Arbeitsplatz wechseln, damit man kein Wissen über die Produktionsweisen und Patente z.B. mit zu Krupp mitnehmen würde.
    Und genau hier liegt auch meiner Meinung nach eines der größten Probleme.
    Was könnte nicht alles möglich sein wenn wir nicht konkurrieren würden?
    Hätte wir dann vielleicht schon, um bei diesem Bsp. zu bleiben, transparenten Stahl?
    Die Systeme haben seit je her den Wettbewerb gefördert, denn wer konkurriert denkt nicht an das Wohl des anderen.
    Als nach der französischen Revolution der Adel merkte das sein Einfluss verschwand, hat er einfach das Schwert durch das Geld ersetzt. Die Angst vor dem Tod durch das Schwert wurde ersetzt durch die Angst ohne Zahlungsmittel nicht mehr überleben zu können. Und dieser Druck hat dann auch noch denjenigen der in ausübt annonymisiert. Anstatt den Druck über das Militär auszuüben und dabei ein Gesicht zuordnen zu können, wurde das Geld zum Druckmittel gemacht.
    Und selbst die Revolution, auch in der UdSSR, wahr plötzlich wieder auf die angewiesen, die dieses Zahlungsmittel anboten. Die alte BRD hat auch den Osten gestützt mit Krediten und hat somit auch wieder ein Druckmittel gehabt um, zumindest im kleinen Rahmen, bestimmen zu dürfen.
    Letztendlich wird jegliche Revolution vom Bedarf an Zahlungsmitteln aufgefressen. Beim letztmalig größten Staat der Welt dauerte es nur etwas länger. In Frankreich wahr dann schon nach kurzer Zeit wieder Druck auf der Bevölkerung und die Luft raus aus der Revolution. OK… die Freiheit blieb ;-)
    Wir sollten einfach wieder Anfangen den Menschen als Mensch zu sehen. Dann kommt die Revolution von alleine. Denn das was wir jemandem antun ist das geringste was wir tun.
    Unsere Freiheit wird heute eingeschränkt durch Menschen die wir nicht mehr als Menschen behandeln. Das sind dann die sogenannten No-Go-Areas, von denen es schon einige gibt in meiner Stadt. Die Leute dort sind verzweifelt und Hoffnungslos, befeuert durch Harz4, Arbeitslosigkeit, Bildungsfernheit usw.
    Fangen wir wieder an diese Menschen als Menschen zu sehen? Nein! Stattdessen werden in den Mainstreammedien diese Menschen als asoziales Pack dargestellt, die sich mit H4 ein schönes Leben machen.
    Aber… so manch ein Mal wäre auch ich für die Lösung mit der Dachlatte.

    LG

    Pistepirkko

    • Marille sagt:

      Revolution folgt Evolution.

      Die Bedürfnisse haben sich geändert, nicht aber das Gedankengut und die Glaubensgrundsätze. Diese den evolutionären Gegebenheiten anzupassen bedarf eines Aktes der “Revolution”. Was aber, wenn wir das Alte einfach nicht mehr glauben, ohne uns am Neuen festzuhalten ?

      Evolution ohne Revolution ? Dies hat es in der Geschichte immer schon gegeben. Zuletzt beim fall der Mauer. Und das Wegfallen der alten Zöpfe ist eine grosse Erleichterung….

  7. Die emotionale Empörung ist in Deutschland wahrscheinlich schon recht verbreitet. Was fehlt, ist die intellektuelle Empörung und dass man sie strukturell durchhält.

    • Tony sagt:

      Ja, könnte sein… dann wäre die Frage, wie aus dem vagen Empörungs-Gefühl konkrete und in der Realität / im Alltag ansetzende Konzepte, Inhalte und Handlungen werden, die greifen. Erste Ansätze gibt es ja tatsächlich (Attac, Stuttgart 21, AntiAtom, Selbstversorgergemeinschaften usw.).

      • Vernünftige Konzepte gibt es, denke ich, schon einige. Gerade Attac macht hier meiner Meinung gute Arbeit. Letztlich müsste aber alles noch im demokratischen Prozess exakt ausgehandelt werden. Der Knackpunkt sind, insofern muss ich mich selbst korrigieren, natürlich weder Gefühle noch Ideen, ohne die allerdings auch nichts geht, sondern der Knackpunkt ist, dass immer mehr Menschen handelnd für sie aktiv werden, und sei es zunächst rein protestierend. Diesen Schritt muss jeder Einzelne selbst tun. Dann mag der berühmte ‘Funke’ irgendwann überspringen. Und dann wäre sicherlich einiges möglich und wahrscheinlich sogar sehr schnell.

    • Thomas sagt:

      Dem stimme ich zu. Ich frage mich schon seit geraumer Zeit, wo eigentlich all die spezifischen Intellektuellen sind, die sich empören über all die Sachen, von denen sie etwas verstehen und deren Elend sie sehen. Abgesehen von solchen wenigen wie diesem Herrn Fischer, der die Sache mit Gutenbergs Plagiat ins Rollen brachte (er wollte nach eigener Aussage gegen den Konservatismus des Gutenberg’schen Denkens schreiben) und vielleicht noch solche etwas merkwürdigen Menschen wie dem Herrn Zizek, gibts da kaum viele zu nennen. Vielleicht noch den Herrn Hessel, wenn man den intellektuell nennen möchte. Herrn Chomsky könnte man auch noch nennen und bei dem gleich die Aussage unterschreiben, dass die meisten Intellektuellen offenbar Diener und Dirnen der Macht sind.

      Vielleicht kann man aus der umgekehrten Lesart aber noch etwas anderes erschließen: nämlich, dass die Intellektuellen kaum Interesse haben an Empröung, d.h. sie sind recht zufrieden mit dem Status Quo. Vielleicht fehlt denen weniger Organisation als vielmehr Not. Vielleicht gibt es aber doch ein strukturelles Problem insofern, als man die Intellektuellen, die nicht verliebt in die Macht sind, heute kaum noch an Universitäten findet und daher selbst kaum weiß, wo man denn mit der vernetzenden Suche beginnen sollte. Fügt man hier noch die Hypothese ein, dass elende Zustände dazu führen können, nach immer möglichst einfacherern Erklärungen zu suchen, so wundert es dann gleich weniger, dass die Intellektuellen vielleicht einfach verpöhnt und unbeliebt sein könnten, weil ihre Erklärungen natrugemäß nicht simpel, sondern komplex sind, zumindest für das kleine spezifische Gebiet, mit dem sie sich befassen. Vielleicht haben sie einfach (noch) keine Lust auf die zu erwarteneden Beleidigungen und Diffamierung seitens unverständiger und missgünstiger Menschen. Vielleicht haben sie auch ein wenig Angst vor der Macht des Geheimdienstes (“Das Leben der Anderen” nach dem Mauerfall).

      Vielleicht ist es so, dass die Intellektuellen sich schon vor längerem einfach angewidert abgewendet haben von dem nach Einfachheit gierenden Zivilisationszirkus, wodurch man ihnen ausserhalb von Feigheit oder Resignation auch nichts dran vorwerfen könnte.

      In aller Euphorie darf man nämlich auch nicht vergessen, dass Revolutionen selten blutllos ablaufen, sondern im Gegenteil meist sehr blutig und brutal sind. Syrien zeigt das gerade all jenen, die es vergessen hatten. Zumindest die nicht verliebten Intellektuellen dürften das wohl wissen und es dürfte sie schaudern machen angesichts von Bestrebungen, die von Nordafrika bis nach Mitteleuropa reichen.

      Sollte diese Bewegung aber weitergehen, so werden auch die Intellektuellen früher oder später aus ihren Löcher kriechen müssen, wenigstens um zu sagen, dass sie nicht teilnehmen.

      • Julian Assange, Jean Ziegler, Naomi Klein, Jürgen Habermas, Konstantin Wecker, Reinhard Mey, Franz Hörmann, Wilhelm Hankel, Bernd Senf…nur einige von vielen Leuten die schlaue Sachen sagen. Aber oft zieht man es ja auch vor solche Leute zu diskreditieren, anstatt sich mit ihren Botschaften auseinanderzusetzen…fragt euch mal warum…

        • Thomas sagt:

          Es ist mehr der Eindruck, dass man die Intellektuellen der Welt gerade an drei Händen abzählen kann, es aber anscheinend Millionen gibt, die die Klappe halten.

          Es kommt durchaus auch darauf an, was man unter “Intellektuellem” versteht. Wecker und Mey sind für mich keine Intellektuellen, sondern Kyniker (nicht: Zyniker!) und Liedermacher, aber keine Intellektuellen.
          Intellektuelle sind für mich Leute, die Ideen recht spezifischer Natur zusammentragen und zwar nicht so sehr für “alle”, sondern für die, die was damit anfangen können. Der Assange wäre da dann zuzuzählen (bspw. mit seinem Blog http://www.anorak.co.uk/266817/news/julian-assanges-interesting-question-read-wikileaks-founders-iq-org-musings.html/#more-266817) oder auch Naomi Klein mit ihrer “Schockstrategie”, das eine Art Chronik des Arbeitergedächtnisses ist. Jürgen Habermas finde ich kritisch, aber vielleicht ist das Geschmackssache. Der Hessel ist auch so etwas, allerdings in einer Recht einfachen Form, die aber trotzdem eine Richtung weist, eine Orientierung gibt. Oder die Wagenknecht, die mal eben den Eucken ausgräbt und bestimmte (Fragmente von) ideen zur Organisation von Arbeit vorträgt.

          Was ich meine ist, dass eine Art Orientierungsgebung durch Intellektuelle trotzdem noch sehr verhalten funktioniert und das es nicht ausreicht, schlaue Sachen zu sagen. Mit schlauen Sachen allein verändert man nicht den Lauf der Geschichte.

          Man könnte allerdings (vielleicht auf dieser Seite?) mal eine Liste erstellen von (aktuellen und schon etwas zurückliegenden) Werken und Autoren, die man als eben solche Intellektuelle bezeichnen könnte (vielleicht mit einer Art Rezension versehen, um was es geht, in welche Richtung es zielt, wen es interessieren könnte usw.). jedenfalls meine ich, das eben so etwas irgendwie noch auf sich warten lässt, aber Noth tut.

          Viele wissen wohl, dass es so nicht weiter geht, aber sie wissen gleichzeitig nicht, wohin weitergehen.

        • Tony sagt:

          Ernst Bloch wäre so einer.

  8. @Tony: “Wenn der Abbau in so kleinen Häppchen vonstatten geht, dass dabei nicht genügend emotionale Empörungsenergie entsteht, kann sich das Ganze wirklich noch sehr lange hinziehen. Und die Menschen werden mitmachen statt zu kämpfen. ”

    Meiner Meinung nach beschreibt das die Vergangenheit, nicht die Zukunft!

  9. Martin sagt:

    “die Revolutionen Nordafrikas”?
    Sind dies nicht vom CIA durch Facebook und Twitter gesteuerte Pseudorevolutionen einer jungen reichen Minderheit?
    Hier sollen wohl Regime bekämpft werden, die den Dollar als Leitwährung in Frage stellen. Wie gut dies Täuschung dem CIA gelungen ist zeigt dieser Artikel! Vielleicht sollte Herr Sauren sich als Erstes von der Vorstellung frei machen, dass er in unserer gesteuerten Medienlandschaft wahrhaftig informiert würde. Und unser Kampagnen – Journalismus ist gerade dabei das Internet und die Blogs als Hort allen Übels zu diffamieren. Herr Sauren, sie sollten sich bei ihrer Recherche also beeilen denn wie lange uns die Regierenden das noch erlauben ist ungewiss. So kann man auch nur hier erfahren, dass die größte Hacker-Organisation dieser Welt das CIA ist. Und, oh Wunder, werden diese auch die entsprechenden Vorwände liefern, warum das WEB kontrolliert werden muss!
    Also Augen auf in der Medienlandschaft und zur Not einfach das Gegenteil annehmen, es liegt meist näher an der Wahrheit als das Original!

  10. http://the-babyshambler.com/2011/08/07/vernetzt-euch/ -> umfangreiche Medien- und Infokanalliste…so kann sich jeder selbst ein Bild machen…und nein, die blogs sind nicht von der CIA gesteuert ;-)

  11. @ Viator und andere…Zum Thema Anarchie ist dieses Video ganz passend:

    http://www.youtube.com/watch?v=47z9fTESM1k

    • Masereel sagt:

      Mit Verlaub, ich finde das Telekolleg Video ist, zumindest, unglücklich und irreführend gestaltet, weil es einige Denkmuster reproduziert, die meiner Meinung nach zum heutigen Schlamassel beitragen und mit konsequent weiter gedachten anarchistischen Ansätzen wenig zu tun haben. Ich meine u.a. die Bilder aus Kinofilmen wie Matrix oder V for Vendetta – mag ich als Filme, aber die Idee einer ‘erleuchteten’ Avantgarde die die Menschheit ins Licht der Erkenntnis führt empfinde ich als elitär und damit genau gegensätzlich zu dem Gesellschaftsbild, das von vielen Anarchist_innen angestrebt wird. Die Idee ‘Kleine Gruppe führt Bevölkerung ins Paradies’ hatten wir doch schon? ;) Eine andere Welt ist nur möglich, wenn wir uns alle als Menschen begegnen und als gleichwertig behandeln. Sätze wie ‘Mit DIESEN Menschen kann Anarchie nicht funktionieren’ sprechen eine andere Sprache, nämlich die der Aus-/Abgrenzung. Mir ist natürlich klar, was mit dem Satz gemeint ist. Aber rein sprachlich reproduziert er die heutige Schubladendenke, die Menschen nach subjektiven Kriterien bewertet und aburteilt. Mit Verachtung lockt man selten wen hinterm Ofen hervor, ist es doch nur menschlich zu erwarten, auf Augenhöhe angesprochen zu werden. Last but not least, die Che T-Shirts. Wer sich nur 5 Minuten im Netz über die Geschichte der verschiedenen sozialistischen Bewegungen informiert, wird verstehen wieso das an sich ein Schlag ins Gesicht ist. Vom Pop-Faktor ist es nur ein Sprung zu Anarchie-Wristbands und ‘subversiven’ Bands bei der EastPak-Resistance Tour. Es ist zumindest problematisch, wenn ernsthafte gesellschaftliche Ideen im gleichen Gewand daher kommen wie sonstige Trends und Lifestyles, sofern zu befürchten ist, dass sie ähnlich oberflächlich/unreflektiert behandelt werden. Dass die hedonistische Ellbogen-Dschungelwelt von heute von manchen Kommentatoren den 68ern angelastet wird, kommt wohl nicht von ungefähr. Ein Wort wie ‘Freiheit’ bedeutet aus dem Mund eines Rudi Dutschke etwas fundamental anderes als bei einem Donald Trump; benutzen tun es beide. Ich frage mich daher oft, ob das Scheitern der 68er nicht auch ein Scheitern der Sprache war (bzw. Missverständnis der Denke, die hinter den Begrifflichkeiten steckt), die sich nicht klar genug von etwa ‘kapitalistischen’ oder ‘marxistisch-leninistischen’ Deutungen abgrenzen konnte. Ich rede von der Gesellschaft allgemein, die sich nicht die Mühe macht, viele theoretische Texte zu lesen oder sich mit den Spitzfindigkeiten sozialistischer Strömungen zu beschäftigen. Tut mir leid, ich kann das gerade nicht besser ausdrücken, hoffe aber, ein bisschen ist doch verständlich, was ich meine.

      Leider habe ich auch noch kein präziseres deutsch-sprachiges Video von ähnlicher Kürze gefunden, oder selbst eines gemacht.
      Würde aber gerne auf folgende hinweisen, für Interessierte:

      http://www.youtube.com/watch?v=pW7nnLNANtQ
      (1. Teil von 5 – Chomsky explains Anarchism; Radio-Interview?, 50 Minuten; sehr gute, klare Einführung, leider eben Englisch)

      http://www.marxists.org/archive/brinton/1970/workers-control/index.htm
      Maurice Brinton, The Bolsheviks and Workers Control, Text, 1970.
      Analysiert, wie die Kontrolle der Produktionsmittel, also eines der wesentlichen Kernpunkte, in den ersten Jahren nach dem bolschewistischen Coup d’état umkämpft wurde. Brinton stellt erste Schritte, die Gewerkschaften und Factory Committees unter Kontrolle von oben zu bringen, bereits Ende 1917 fest. Die Bolschewiki hatten die Übernahme der Produktionsmittel ‘von unten’ nach der Februar-Revolution zunächst gefördert, da es die bürgerliche Regierung destabilisierte und zugleich Zulauf in den eigenen Rängen bedeutete. Sicherlich war die Lage damals prekär und die Bolschewiki auch zu Realpolitik gezwungen, um zu überleben, wenn man das so sehen will. Aber ich denke, selbst bei Uneinigkeit mit Brinton’s Analyse ist es ein Text, der viele Fragen aufwirft, leider heute eher obskur ist, dennoch umso wichtiger angesichts der Umbrüche die so oder so auf uns zukommen. Zur Chance kann unsere Zeit nur werden, wenn wir die Fehler vorheriger Umbrüche nicht in Vergessenheit geraten lassen, sondern dieses Wissen für unsere heutige Welt nutzen.
      Background zum Autor: http://en.wikipedia.org/wiki/Maurice_Brinton

      Sehr gut gemacht ist auch das FAQ vom Infoshop:
      http://www.infoshop.org/page/AnAnarchistFAQ
      leider ebenfalls Englisch :/
      den (spärlichen) Beginn einer deutschen Version gibt es auf http://www.anarchistenfaq.de

      Vielen Dank für die interessanten Artikel auf diesem Blog, und an alle, die dazu beitragen, dass die Kommentare hier meist lesenswert und inspirierend sind! Lg.

  12. Pistepirkko sagt:

    Allerdings ist auch ATTAC finanziell abhängig.
    Also wie bekommt man eine Revolution hin die kein Geld braucht?
    Schneidet die alten Zöpfe ab und lasst neue wachsen. ATTAC ist ein guter Anfang aber verhaftet in alten Mustern.

  13. Masereel sagt:

    @Florian: Danke :)

    Gestern abend hat mich dieses Interview sehr begeistert:
    Ich will den Blog nicht mit eingebundenen Videos vollkleistern – auf Youtube im Channel von postmoderntimes das Video ‘The Future of Money. Bernard Lietaer 2012 Time for Change Presents Part1’ suchen. Insgesamt 3 Teile, etwa 22 Minuten.

    Ich finde Lietaers Idee, bzw. das was er vorschlägt und wie er seinen Vorschlag motiviert, sehr interessant. Er wird wohl sehr belächelt dafür, anderen Beiträgen und Frage-Sessions nach zu urteilen, aber ich finde es ist im Vergleich zum sonstigen Keller-Auspump-Business im Finanzbereich mal was anderes als das ewige ‘Re-agieren’, und wohl weniger kontrovers und insgesamt konsensfähiger als irgendwelche ausgesprochen revolutionäre (oder, aus anderer Richtung, nationalvölkische) Positionen – dabei an sich nicht minder radikal. Es ist nicht der erste solche Ansatz, den ich gefunden habe – aber gestern fiel zum ersten Mal der Grosche, dass Geld vielleicht auch, in neuer Form, einen positiven, sozialisierenden Einfluss haben kann – sofern man es als Werkzeug begreift, das man auf die jeweiligen Bedürfnisse zuschneidet. Das ist etwas anderes als das traditionelle, sehr wortwörtliche Verständnis von ‘Umverteilen’ – hier wird stattdessen Neues geschaffen, und dieses Neue soll einen Zyklus folgen, in dem es sich erneuert und nachhaltig wirkt. Selbst wenn die Idee im Detail vielleicht nicht weiter bekannt wird, ich finde die Denkrichtung dahinter sehr modern und wichtig. Es übersetzt im besten Fall Schwarm/Netzwerk ins Geldsystem; Lietaer spricht an anderer Stelle von Open Source und Microfinance, und von Netizens und Information Age Money. Wir blicken im Moment auf Dinge, die verschwinden, oder ihren Wert verlieren, die kaputt gehen. In der Krise verhalten sich die Menschen zunehmend wie beim Sturm auf einen Supermarkt in Zeiten von Knappheit – d.h. wir verteilen die Ressourcen nicht besser, sondern jeder versucht noch das letzte für sich rauszuziehen und sie werden noch schneller knapp. Das wird jedenfalls passieren, wenn der Sturz handfest im Alltag einzieht beim Einzelnen.

    Das Material stammt aus dem Film ‘2012 – Time for Change’. Der Film scheut oberflächlich kein Hippie-Klischee und macht es sich damit bei der breiteren Bevölkerung wahrscheinlich schwer, die Hauptgedanken die sich durch den Film ziehen sind allerdings wiederum sehr interessant. Momentan habe ich das Gefühl, mich spricht so ziemlich alles an, das einen Perspektiv-Wechsel, hin zu konstruktiven, kooperativen Formen des Denkens, und weg von Wut, Hass, selbstgerechter Scheuklappenstreitkultur und Schuldzuweisungen, propagiert. Ich habe das Gefühl, so langsam lösen wir uns tatsächlich, und oft noch unbewusst (und deshalb noch nicht systematisch genug), endlich von Ideologien, und beginnen, vielleicht, sachlicher über Probleme nachzudenken. Marginal. Wenn ich online in grossen Medien die Kommentarspalten lese, sind die meisten noch damit beschäftigt, sich gegenseitig zu verteufeln. Es geht immer noch um links und rechts, die RAF und die NSDAP, Breivik und Bin Laden und Bush, Ackermann und Marx, Gutmenschen und knallharte Realisten, pädophile Priester und missionierende Religionskritiker; andauernd wird die Welt erklärt, in der Geschichte nach Bösen gefischt um Argumente gegen die Gegenwart zu finden und verbal für den Bürgerkrieg trainiert. Die Börsengänge werden wie Orakel observiert, zu London scheint der Spiegelkonsens, ‘das hat nichts mit Mark Duggan zu tun und ist pöhse und opportunistische Gewalt’ keilt sich mit ‘wir verteilen um’, heisst faktisch, wir hauen kaputt bevor wir nackten Fusses die Scherben verteilen. Dabei sind wir eigentlich umgeben von abstrakten ‘Ideen’ – was ist ein Staat, eine Kultur, eine Währung, eine Ideologie, die individuelle Identität…? Es sind Gebilde, die die Menschheit erschaffen hat, die morgen nicht da sein müssen, damit trotzdem auf den Feldern etwas wächst, oder uns versklaven können. Die Künstlichkeit dieser Realität ist absurd, solange wir sie als ‘wahr’ und unumstürzlich hinnehmen. Sie müsste aber nicht absurd sein, sie könnte, bewusst wahrgenommen und als modifizierbar verstanden, auch den Schlüssel zu einem neuen menschlichen Selbstverständnis bilden. Die Menschen arbeiten nur mit dem, was sie an Werkzeugen haben. Der Reflex scheint immer, die Menschen zu wechseln statt die Werkzeuge. Wie die Werkzeuge der Zukunft aussehen, ist noch zweitrangig – im Moment brauchen wir erstmal den globalen Paradigmenwechsel – kreativ zu werden, und unsere Problem kreativ anzugehen, und nicht mit dem Brecheisen und den Ideen von gestern. Das Artifizielle an der Welt nicht mehr als Grauen sehen, sondern als Prozess, der steuerbar ist, weil es eh nur gedacht ist, und, wie Picabia meinte: der Kopf ist bekanntlich rund, damit er die Meinung wechseln kann. Die weit verbreitete Annahme scheint nachwievor, er ist rund, damit er besser rollt. Das zu tippen fühlt sich so banal an (der Gedanke ist auf dieser Webseite ja auch omnipräsent), aber das Krasse ist eben, dass dieser an sich banale Gedanke gesamtgesellschaftlich ein noch zu leistender, kollektiver Kraftakt bleibt.

    Diese Perspektive findet sich in vielen Medien aber nicht einmal zwischen den Zeilen wieder. Es geht gar nicht darum, ob die jeden Tag über die Indignados berichten – wenn sie wenigstens die, oder ähnliche, systemische, strukturelle Fragen aufwerfen würden, in grösserem Masse.

  14. blogfighter sagt:

    Was gilt: „am Anfang war das Wort“ oder „am Anfang war die Tat“? Oder beides?!

    Heinz Sauren sagt: „Eine Revolution ist die Ultima Ratio jedes Volkes gegenüber einem reformunwilligen Staat.“

    Ich halte dagegen: eine Revolution ist kein Weltgeist, ist kein Subjekt, sondern sie ist das Resultat von Taten; eine Revolution kommt nicht daher, sondern sie muss gemacht werden; eine Revolution unterscheidet sich von einer Reform durch die drei Dimensionen von „Aufhebung“, darunter auch – und zwar zuerst – durch die Zerstörung der dem (potentiellen) Entwicklungsniveau der Produktivkraft Arbeit widersprechenden und entgegenstehenden Strukturen. Dergestalt gesehen sind heute bestimmte Kapitalfraktionen „revolutionäre“ Subjekte.

    Das sagt auch Sauren: „Revolution ist der Prozess der Entwicklung neuer Werte zur Ablösung anachronistischer, mit dem Zwecke der Schaffung neuer Freiheiten“, sagt der Autor, wobei „neu“ generell für ihn das Schlüsselwort ist. „Neu“ aber ist inhaltsleer: eine Revolution ohne Zielsetzungen ist wie ein Fisch ohne Wasser. Doch vor Zielsetzungen schreckt S. zurück: „Kein einmaliger Akt, sondern ein unter Umständen langwieriger Prozess des Umdenkens aufgrund der Erkenntnis, dass der bisherige Weg nicht weiter möglich ist.“

    Wie aber soll es zum „Umdenken“ und zu einer solchen „Erkenntnis“ kommen ohne einen Prozess der „politischen Willensbildung des Volkes“, der – nach Auffassung der Verfassungseltern – die Hauptlegitimation für die Alimentierung von Parteien ist (Art. 21 GG)?! Also ohne revolutionäre Parteien (mehrere!), die die für ein Umdenken unabdingbar notwendigen Voraussetzungen schaffen, und das sind materielle Strukturen – insbesondere im Bereich der Organisation von Lern- und Arbeitsprozessen – die überhaupt ein Umdenken möglich machen!

    „Die Begründung für eine Revolution liefert immer der Staat selber, indem er die vom Volke gewünschten Veränderungen verweigert und sich somit seiner wichtigsten Aufgabe, dem Volke und seinem Willen zu dienen, entzieht.“ Und wer/was ist „der Staat“? Wem dienen die Staatsdiener? Und wer ist „das Volk“: ein einziger Körper, ein einziger Wille, ein einziges Interesse – oder das Gegenteil davon?! Das Volk ist ein Gedankenkonstrukt, es existiert nicht. Was existiert, das sind Individuen, die sich partiell und temporär verbünden und bekämpfen. Ohne revolutionär gesinnte und handelnde Organisationen, genauer: ohne Persönlichkeiten mit http://www.kampfkompetenz.de , läuft gar nichts, wie man es jetzt praktisch in Nordafrika, in Griechenland und in Spanien studieren kann

    „Es hat eine europäische Revolution begonnen“: das ist reines Wunschdenken. Was wir erleben, das ist die Wiederholung der Erstürmung der Bastille durch Marktweiber und Studenten, mit dem Effekt, das die Tapferen nach kurzer Zeit neutralisiert und von den eh schon Herrschenden eingekauft oder kalt gestellt werden. Oder glaubt einer, dass der Prozess gegen Mubarak irgend etwas an den Strukturen der ägyptischen Gesellschaft ändern wird?!

    Der von S. in Wirklichkeit vertretene Reformismus – „Revolution“ ist nur der deus ex machina, mit dem „die Politik“ vom „Volk“ erschreckt werden soll – kommt in dieser „Zielsetzung“ von S. beredt zum Ausdruck, wo er von „der Politik“ spricht, „die den Mut finden muss, über verkrustete Konventionen hinweg mit den Revolutionären in eine ehrliche Auseinandersetzung zu gehen, und ihre Entscheidungen nach pragmatischen und nicht nach ideologischen Gesichtspunkten zu treffen.“
    Das ist das Theater namens „Stuttgart 21“ – krass gesagt: konterrevolutionärer, lähmender Nominalismus/Laberismus in Reinkultur.

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