Impressionen aus Chile

3 Grad im Juni… und ab und zu wackelt der Boden

Ein Erfahrungsbericht von Lemmy Caution

Vielleicht liegt es daran, dass meine chilenischen Bekannten, Freunde und die Liebe meines Lebens sich den 40 annähern, oder sie wie ich überschritten haben. Vermutlich aber nicht. Zweifel über die chilenische Abkoppelung von den Alpträumen Lateinamerikas sind heute präsent wie ich es noch nie erlebt habe. Zweifel inmitten einer stabilen BIP-Wachstumsphase von 6 Prozent, stark begünstigt durch nie gekannte Kupfer-Preise. Wie seit eigentlich 30 Jahren erreicht diese real existierende, stetig steigende Produktion dieses Landes viele Bereiche der chilenischen Gesellschaft zu wenig.

Als echter Neoliberaler könnte man an dieser Stelle damit argumentieren, dass die Kosten für call by call Handy-Verträge hier so niedrig sind, dass alle eher peruanisch aussehenden, bettelnden Mütter an der Langstrecken-Bus Station ein Handy bei sich tragen. Die Privatisierung und der freie Markt senken also die Preise und machen den Fortschritt für alle zugänglich? Leider nicht immer und überall.

In anderen Bereichen finden Dinge statt, die ich keiner Gesellschaft wünsche – am wenigsten diesem schönen Land der vielen winterblühenden Pflanzen.

Wenn man in einem Stadtviertel mit niedrigen Einkommen in Santiago oder in der Provinz lebt, kann es passieren, dass man eine monatliche Stromrechnung erhält, die plötzlich 10, oder in Einzelfällen bis zu 500 mal so hoch ist wie gewöhnlich. Die netten Leute von der Stromgesellschaft entscheiden dann, dass diese – natürlich zu extrem hohen Zinssätzen von 50 Prozent pro Jahr -, über mehrere Jahre monatlich abzustottern ist. Gefragt wird man dabei nicht, schließlich sind die neuen Bedingungen der Stromrechnung des nächsten Monats zu entnehmen. Bezahlt man nicht, wird der Strom abgestellt.

In der Fernsehsendung „Esto no tiene nombre“ sieht man Unternehmens-Sprecher dieser Stromgesellschaft, die von Fehlern im Computersystem reden, welche man innerhalb von 8 Monaten nicht lösen konnte. Solche Aussagen führen natürlich nicht dazu, dass die monatlichen Abstotter-Beträge von der Stromrechnung verschwinden. Doch so etwas passiert seltsamerweise nie in Stadtvierteln der oberen Mittelschicht wie Providencia, La Reina oder Las Condes, sondern lediglich in Puente Alto oder der Provinz.

Manchmal wirkt das Ganze wie ein Naturgesetz: Dass sich der Müll dieser Gesellschaft bei den Armen ansammelt. Als ich kürzlich mit einem Linea Azul Bus von Süden nach Santiago eingefahren bin, fuhren wir durch eine sehr dichte braune Wolke. Der fetteste santiaginische Wintersmog, den ich in meinem Leben gesehen habe. Das war noch in den von einfachen Leuten bewohnten Stadtvierteln unten am Talkessel, in dem Santiago liegt. Ich machte mir schon Sorgen, dass ich meine Jogging-Schuhe wohl umsonst mitgebracht hatte. Aber nein. In meinem gemieteten Zimmer in Providencia, d.h. relativ weit oben im Talkessel, war von dem Smog kaum noch etwas zu sehen.

Aber ich schweife ab. Um den Faden mit den Stromrechnungen wieder aufzunehmen: Leider beschränkt sich die Ausnutzung der Über-Ermächtigung durch Unternehmen nicht nur auf den Stromsektor. Konsumenten-Kredite sind ein weiteres Thema. Die erfolgreich auch in die Nachbarländer expandierenden Kaufhausketten wie Falabella, Paris oder La Polar bieten bunte Kreditkarten an. Ist man so naiv, dieses „Angebot“ anzunehmen, zahlt man für die neue Waschmaschine, den Fernseher oder andere langlebige Konsumgüter über 6 Monate sehr schnell das doppelte, ohne dass der zugrundeliegende Kredit-Vertrag nachvollziehbar wäre.

Kann man eine Rate nicht zahlen, berichten intelligente Mitmenschen von den plötzlich mit dem Faktor 10 erhöhte Schulden. Die Banken dieser Handelshäuser „repaktieren“ die Schuld neu. Und das, ohne die Schuldner zu fragen, wie die Handelskette La Polar erst jüngst zugab. Im chilenischen Fernsehen konnte man später in Erfahrung bringen, dass diese unilaterale „Repaktierung“ gegen das Gesetz sei. Investoren machten sich daraufhin Sorgen, ob La Polar die in ihrer Buchhaltungen auftauchenden Konsumentenkredite jemals wird eintreiben können. Dies führte zu einem Absturz der La Polar Aktie um 42 Prozent an einem Tag.

Daraufhin verkündete die “Arbeitsministerin” dieses wunderschönen Landes, dass sie sich Sorgen um die in La Polar investierten Rentenfonds der Arbeiter mache. Ungeachtet dessen, dass die meisten wirklichen Arbeiter in dem Andenstaat nie genug Rentenbeiträge einzahlen werden, um angesichts der hohen Gebühren der privaten Fond-Verwaltungs Unternehmen (AFP) in den Genuss deren Renten kommen zu können. Aber das ist nun wirklich ein anderes Thema. Dagegen besitzt die Unter- und Mittelschicht hier ein massives Interesse daran, dass endlich jemand etwas gegen die räuberischen Kredit-Praktiken der Handelsketten unternimmt.

Chefinnen von Läden einer Optikerkette im Besitz von südeuropäischen Unternehmen werden gezwungen, Verträge zu unterschreiben, nach denen sie für verschwundene Brillen aufkommen müssen. Selbstverständlich nicht nur für die, die vielleicht auch in Abwesenheit der Leiterin des Ladens verschwinden. Auch jene, die sich im virtuellen Bermuda Dreieck des nicht funktionierenden SAP-Systems auflösen. Auch solche Verträge sind gegen die Gesetz der über 200 Jahre alten Republik Chile. Zu einer Klage kann sich die Bekannte aber bislang nicht entscheiden; Denn diese würde zu ihrer Entlassung führen. Die Optiker-Kette müsste dagegen eine Strafe von ein paar Hundert Euro aus der Portokasse zahlen.

Vor 18 Monaten wählten die Chilenen eine neue Mitte-Rechts-Regierung. Das chilenische Volk war einfach der vorangegangenen „Mitte-Links“-Koalition müde, die 20 lange Jahre regierte und sich viel zu lange für die Beendigung einer entsetzlichen Diktatur auf die Schulter klopfte, es dabei jedoch – bei einem allerdings stabilen und eher hohen Wirtschaftswachstum – „vergaß“, die unteren Schichten stärker am Wirtschaftswachstum partizipieren zu lassen. Der Gini-Koeffizient, eine Kennzahl für die Ungleichverteilung von Einkommen oder Vermögen, blieb seit der Beendigung der Pinochet-Diktatur stabil bei etwas über 50. Ein im lateinamerikanischen Vergleich sehr hoher, und im weltweiten Vergleich ein nicht anders als extrem zu nennender Wert.

Nun ist das chilenische Volk aber auch dieser Mitte-Rechts-Regierung müde. Die Zustimmung ist auf derzeit 38 Prozent gesunken. Der außerparlamentarische Widerstand wächst. Viele Schulen und Universitäten sind seit Tagen besetzt. Gleichzeitig schafft das Thema HydroAysen – ein geplantes Wasserkraftprojekt im wirklich ziemlich unberührten extremen Süden des Landes – eine so starke Mobilisierung in der Mittelschicht, dass es vermutlich nicht umgesetzt wird.

Die Entwicklung dieses großartigen südpazifischen Außenpostens einer unter anderen auch stark europäisch geprägten Gesellschaft bleibt spannend und beschränkt sich bei weitem nicht auf jenes Jahr 1973, in dem die Liebe meines Lebens geboren und ein Präsidentenpalast von der Luftwaffe bombardiert wurde.

Vielleicht wird Chile das Land der Welt sein, in dem bei einer BIP-Kaufkraftparität von 20.000 Dollar weite Teile der Gesellschaft immer noch die Kunst beherrschen, sich mit Lächeln und ein paar guten Scherzen selbst zu therapieren.

firme junto al pueblo

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5 Kommentare zu "Impressionen aus Chile"

  1. La Gato sagt:

    casandra schrieb: “es fehlte nur über die Studentenproteste zu reden … über die Monsanto Samen, die Überwachung der sozialen Netzwerke und ein paar “Kleinigkeiten” mehr ….”

  2. Alles auf einmal geht auch nicht. Caso Bombas, also der auf wirklich dünnen Beweisen stehende Prozeß gegen Anarchisten, fehlt auch.
    Dass die Regierung auf sozialen Netzwerken mitlesen läßt (von einer Firma namens BrandMetric), halte ich für normal. Das sagt übrigens auch die Concertación.
    Die Schüler- und Studentenproteste sind sehr massiv und berechtigt. Die Proteste knüpfen an eine sehr solidarische Tradition der “Pinguin-Proteste” 2006 an, nach der sich auch Schüler von Privatschulen und guter staatlicher Univsersitäten für die Rechte der Schüler auf öffentlichen Schulen, den schlechten staatlichen Provinz-Unis sowie den z.T. katastrophalen Billig-Privatunis und privaten “Höheren” Technischen Schulen einsetzen.
    Gegen die Privatisierung der Pflanzensamen (Upov–91) läuft eine Verfassungsklage. Wie ich die Dinge hier einschätze, ist das ebenfalls ein Thema mit hohen Mobilisierungs-Möglichkeiten. Ausserdem ist da auch die Mehrheit der Concertación dagegen.
    In jedem Fall ist die Regierung Piñera deutlich geschwächt, nicht zuletzt wegen der Umfragewerte. Im Fall des Wegfalls der 7% Steuern auf wirklich niedrige Renten sind die schon eingeknickt. Soll jetzt für 70% der ärmsten Rentner gelten und nicht wie zunächst geplant für die ärmsten 20%. Überwiegend positive Reaktionen auf die Schüler- und Studentenproteste in den eher elitenkonformen Medien La Tercera, El Mercurio, CNN Chile und Noticias 24 Horas.
    Die Massivität und Artikuliertheit der Proteste verdeutlicht aus meiner Sicht auch, dass die Leute hier trotz allem eine immer bessere Ausbildung erhalten.
    Der Hammer ist hier z.Zt. der La Polar Skandal mit den über 400.000 (!!!) repaktierten Konsumenten-Krediten. Erstmal ist das so in kaum einem anderen Land als Chile vorstellbar, die Leute sehen das als ein Verbrechen “der Unternehmer” und die vom chilenischen Volk gewählte Regierung wird als Regierung “der Unternehmer” angesehen. Das wird auf noch weiter fallende Umfragewerte für die Regierung hinauslaufen. Piñera schaut auf diese Umfragewerte und er wird dadurch geschwaecht.

  3. Nochmal der La Polar Skandal…
    In Chile sind Konsumenten-Kredite sehr verbreitet. Wenn ein Holzofen 600 Euro kostet und du 500 Euro im Monat verdienst, kannst du es nur über solche Konsumentenkredite im Winter warm haben. Die Zinsen der Kredite sind für einen Europäer unglaublich hoch. 25% pro Jahr halten die hier für günstig. Die Kreditverträge sind kaum zu durchschauen, enthalten endlos Sondergebühren, fragwürdige und im zweifelsfall unbrauchbare Versicherungen, etc.
    Nun werden die Kreditnehmer schon einmal arbeitslos oder sie werden plötzlich mit hohen Kosten wg. Krankheit von Verwandten belastet. Sie können dann die Kredite nicht mehr bezhahlen. Eine Kaufhauskette – La Polar – hat nun bei säumigen Kreditnehmern die Dauer der Kredite erhöht und Strafzahlungen aufgedrückt. Damit stieg die Schuldsumme von beispielsweise 280 Euro auf 1500 Euro und mehr! Die Kreditnehmer wurden darüber nicht informiert. Das ist gegen die Gesetze der Republik Chile. Irgendwann erfuhren sie dann, dass sie in der Überschuldet-Liste “Dicom” standen. Arbeitgeber haben Zugriff auf diese Dicom Listen und nehmen das sehr ernst. Eine Person in Dicom hat Probleme, einen halbwegs anständigen Job zu finden.
    La Polar meldete in ihren Bilanzen diese erhöhten Kreditsummen als Einnahmen.
    In Chile gibts staatliche Auditoren für die Bilanzen von Unternehmen. Aber die hochbezahlten Wirtschaftsprüfer von PricewaterHouse Coopers Chile behaupteten, dass in La Polar alles in Ordnung sei. Einige Schuldner meldeten sich bei der Verbraucherschutzbehörde Sernac. Ein privater Finanzinvestor fand ein paar Unregelmässigkeiten in den öffentlich zugänglichen Bilanzen von La Polar. Er beauftragte ein unabhängiges Anwaltsbüro mit weiteren Nachforschungen. Die fanden unter anderem heraus, dass sich die Einnahmen von La Polar – anders als andere chilenische Handelsketten – während der Finanzkrise erhöhten und sie ihre besten Geschäfte im September, Oktober machten und nicht im Weihnachtsgeschäft. Also frei zugängliche Daten, die auch für nicht Wirtschafts-Experten offensichtlich seltsam sind. Kein Wunder. Das Geschäft von Polar bestand darin, dass man Konsumenten-Kredite einseitig erhöhte und weniger im Handel mit Gütern.
    Weitere Nachforschungen ergaben, dass La Polar über 400.000 Konsumenten-Kredite unilateral erhöht hat, mit drastischen Folgen für die Schuldner. Chile hat 17 Mio Einwohner! Die Direktoren der Firma behaupten nichts gewußt zu haben und berufen sich auf die Auditoren-Berichte von Pricewaterhouse Coopers. Es mußte ein kleines Anwaltsbüro kommen, um den Stein ins Rollen zu bringen. Immer wenn die Angestellten in einem La Polar Warenhaus ihre Verkaufsziele nicht erreicht haben, sind sie von ihren Vorgesetzten dazu angestiftet worden, über ihre Computer in die Konten der säumigen Schuldner zu gehen, um diese gesetzwidrig ohne Information an den Kunden zu erhöhen.
    Was lernen wir daraus?
    Die Tatsache, dass hochbezahlten Wirtschaftsprüfern ist in KEINSTER Weise auch nur ansatzweise zu trauen ist, hat sich erneut bestätigt.
    Um halbwegs menschenwürdige Bedingungen ins Kreditgeschäft zu bringen, helfen nur strenge staatliche Auflagen. Unternehmen -gerade wenn sie mit Konsummöglichkeiten für die ärmeren Bevölkerungsschichten werben – ist hier nicht zu trauen, weil da genug Leute Anreize haben auf Kosten der Konsumenten zu schummeln.

  4. La Gato sagt:

    casandra:
    “TODA LA RAZÓN! como mencionaba el segundo creo, el tema de que la gente esté aceptando acuerdos no es por que son unos flojos ignorantes que no quieren continuar con una demanda colectiva, sino que solo quieren salir de dicom para encontrar trabajo… y hasta de eso sigue abusando lapolar”

    “SEHR RICHTIG! wie der zweite glaub ich erwähnte: die Leute akzeptieren Vereinbarungen nicht weil sie faule und ignorante Leute wären, die die kollektive Forderung nicht fortsetzen wollten, sondern weil sie bloß aus Dicom wollen um eine Arbeitsstelle zu finden. Und sogar das nutzt La Polar aus”

  5. casandra es chilena, supongo.
    Gespräch mit der Frau, bei der ich in Santiago zur Untermiete wohne.
    Sie: Eine Freundinn in La Florida (Mittelschicht, untere Mittelschicht) hat auch einmal eine solche überhöhte Stromrechnung erhalten und mußte das dann monatsweise abstottern.
    Ich: Ja und hier. Ist wohl unmöglich, dass das hier passiert (hier = Providencia, obere Mittelschicht).
    Sie [schaut mich entgeistert an]: Nein, hier geht das gar nicht. Die haben zu sehr Angst, dass die Leute sich wehren. Aber die untere Mittelschicht zahlt einfach, calladito (Verniedlichung von Schnauze halten). Als ich als Immobilien-Maklerin gearbeitet hab, gabs immer Probleme die Provision oder das Geld von den Reichen einzutreiben. Die finden immer Ausflüchte, bis man irgendwann die Ehre hat, dass sie zahlen. Die untere Mittelschicht hat dagegen Angst.

    Sicher ist es überall so, dass gewisse Gutbetuchte, sich eher über Spielregeln hinwegsetzen. Aber an wenigen Orten wird die auch noch berechtigte Unsicherheit der weniger Begüterten dermassen systematisch und offen ausgebeutet wie in Chile.Zumindest auf diesem Entwicklungsniveau eines Landes mit 16.000 $ Kaufkraft pro Einwohner und einer langjährigen Demokratie. Das war lange vor Pin8 so. Deshalb ist Salvador Allende gewählt worden. Irgendwann wird Chile einen Weg da raus finden. Es fragt sich nur wann.

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