US-Wahl
„Let’s not run away, let’s face it.“

Der Tag danach an einer Universität im Swing State North Carolina

Was sich in den 24 Stunden nach der Wahl in den Vereinigten Staaten ereignet hat, ist schwer in Worte zu fassen. Immer noch versuchen lokale, nationale und internationale Zeitungen Erklärungen dafür zu finden, was als schlechter Scherz begonnen hat: Trump will Präsident der USA werden.

„Asheville is a sea of zombies. Everyone is walking around –distant, lost, confused. Disassociated in the daze of disbelief“, schreibt ein Freund auf Facebook.

Es ist der 9. November 2016, 20 Uhr und Asheville, eine liberale Insel in dem Swing State North Carolina, ist erschöpft. Erschöpft vom Schock. Trump hat nicht nur den Bundesstaat geholt, er hat auch die Wahl gewonnen. Vom schlechten Scherz zum Präsidenten.

Der Schock hier in Asheville hatte etwa gegen Mitternacht eingesetzt, als klar wurde, dass Florida an die Republikaner geht. Irgendwann hat man dann doch noch versucht zu schlafen. Irgendwann hat wieder der Wecker geklingelt, wenn man nicht schon oder noch wach war. Und dann begann wieder der Alltag: Aufstehen, Kaffee machen, Frühstück. Eier in die Pfanne, surreal. Man weiß noch genau wo man war, als klar wurde, dass Trump gewonnen hat. So wie damals mit dem Fall der Mauer oder 9/11.

Der Brexit kam für mich nicht überraschend. Trump schon. Ich hätte es besser wissen müssen, aber es hätte auch nichts geändert. Alle hätten es besser wissen müssen. Ich erinnere mich noch daran, als im Juli ein Student zu mir gesagt hat: „They laughed when he started and he made it that far. Wait, he’ll be president.“

Jetzt lacht keiner mehr. Ich bin Deutschdozentin an der Universität in Asheville. Am Tag zuvor war die Stimmung noch nervös und gleichzeitig genervt. Die endlos lange Wahlkampagne sollte einfach endlich vorbei sein. Die Poster überall, die Spots im Fernsehen und vor jedem Youtube-Clip. Und irgendwie war ja doch schon klar, dass Clinton es werden würde.

Als ich am Morgen des 9. November das Klassenzimmer betrete, herrscht gespenstische Stille. Keiner sagt etwas. Keiner rührt sich. Alle der 22 Studenten starren vor sich hin. Fassungslosigkeit. Was macht man? Normal weiter, mit dem Alltag? Deutsche Grammatik üben? Ich schaue jedem einzelnen in die Augen, wir verstehen uns. Wir können nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen. Gleichzeitig gibt es nichts zu sagen. Nicht mehr. Noch nicht. Der Schock ist zu groß. Und dann rollen bei einem Studenten die ersten Tränen.

Weil Asheville ein besonders liberaler Staat ist, gibt es vor allem hier viele junge Leute der LGBT-Gemeinschaft. Einige meiner Studenten leben offen ihre Homosexualität oder ihr Transgender aus, ohne sich in Asheville größere Sorgen machen zu müssen. „It is the darkest day of American history“, sagt jetzt der, der mir kürzlich mitteilte, dass er nicht mehr Emily, sondern Tom genannt werden will. Die anderen nicken. Wir schweigen zusammen und irgendwann beginnen wir doch noch mit dem Unterricht. Normalität. Während die Studenten schreiben, und ich durch die Reihen gehe, flüstern mir drei unabhängig voneinander zu, ob ich ein bisschen etwas zur Einwanderung nach Deutschland erzählen könnte. Ob es schwer sei, als amerikanischer Student an einer europäischen Universität genommen zu werden.

Wir nutzen die letzten zehn Minuten für Fragen und Antworten. Ihnen allen ist klar, dass die Idee, plötzlich nach Deutschland zu gehen, weit weg ist. Sie suchen trotzdem nach irgendeinem Plan. Dann sagt eine Studentin: „Let’s not run away. Let’s face it.“

Meine nächste Klasse, eine fortgeschrittenere Deutschklasse, ist klein, nur sechs Studenten. Eine Studentin ist Transgender, eine andere Mexikanerin, die dritte hat einen Verlobten in Europa, der auf sein Visum wartet. Die Stimmung ist auch hier unbeschreiblich kalt, als ich das Zimmer betrete. Keiner spricht. Weil in dieser Klasse unser Thema momentan Politik und Nachrichten sind, bitte ich die Studenten, ein paar Sätze zur Wahlnacht aufzuschreiben. Sie schauen mich lange an, dann aufs Papier. Keiner beginnt zu schreiben. Ich frage, ob es Fragen gibt. Keiner sagt etwas. Ich beginne noch mal: „Bitte schreiben Sie etwas auf, das mit amerikanischen Präsidenten zu tun hat oder Wahlen allgemein oder ihrer persönlichen Meinung zum Wahlsystem in den USA.“ Ganz zögerlich beginnt eine, dann ein zweiter ein erstes Wort zu schreiben. Das habe ich noch nie so erlebt.

Eine Studentin hat Tränen in den Augen als sie schreibt. Sie meint später, sie konnte nicht über Trump schreiben, sondern hat stattdessen ein paar Gedanken zu Obama festgehalten. Eine andere schreibt von ihrer familiären Situation und wer wählen geht und wer nicht. Die Studentin aus Mexiko sagt: „Ich verstehe nicht, wie jemand Präsident werden kann, der Minderheiten so verachtet. Es macht mir sehr viel Angst.“ Uns allen wird es diesem Moment anders. Was könnte mit der lieben Klassenkameradin, die im Schwimmteam eine der besten ist und „International Studies“ studiert, passieren?

Unter Kollegen ist die Stimmung nicht anders. Man schaut sich an, fassungslos. „I cannot raise my child in this country.“ Man hatte vorher schon mal im Spaß angemerkt, dass wenn Trump gewinnt, dann geht man zurück nach Deutschland. „But what’s going to happen there next year?“ Die Angst, dass sich rechte Strömungen auch in Deutschland weiter ausbreiten.

Ein französischer Arbeitskollege, der schon seit 20 Jahren in den USA lebt meint: „Es hat sich noch nie so klein angefühlt hier.“ Er hat Recht. Ich habe im Westen in Oregon gelebt, ich bin durchs Land gefahren, durch die Weiten des mittleren Westens, über die Rocky Mountains an die Ostküste. Von New York zu Key West. Strecken, die nicht deutscher, sondern europäischer Maßstab sind. Und plötzlich ist diese Fläche, diese Karte in rot so klein, man bekommt keine Luft mehr. All der Hass und die Angst kommen zusammen zu einem einzigen dicken Knoten – wie kommt man aus dem heraus?

Die Medien hatten besonders in dieser Wahl eine entscheidende Rolle gespielt. Sie haben die Lage im Land verzerrt. 99% Siegeswahrscheinlichkeit für Clinton berichtete The Huffington Post noch eine Stunde bevor die ersten Wahllokale schlossen. Kurz nach 18 Uhr wurde der Artikel von der Webseite genommen.

Der Sozialdemokrat Bernie Sanders hätte eine politische Revolution in den USA geschaffen, und Trump geschlagen. Stattdessen gibt es Trumps Revolution.

Hillary Clinton dagegen hätte nie der Kandidat für die Demokraten werden dürfen. Mit Firmengeld hat sie sich Macht erkauft. Mit „Correct The Record“ hat sie versucht, die Öffentlichkeit zu manipulieren. Hätten Demokraten die Wikileaks beachtet, dann hätten sie die Beweise gesehen, die zeigen, dass Clinton die Vorwahlen gegen Bernie Sanders getürkt und illegal mit Super-PACs wie CTR koordiniert hat. Sie hätte disqualifiziert werden müssen.

Die amerikanischen Medien und Social Media haben die amerikanische Bevölkerung in unfassbarem Ausmaß manipuliert und belogen. Sie haben ihre Position der Autorität ausgenutzt, um ihnen eine falsche Wirklichkeit vorzuspielen. Und genau das ist heute das Kernproblem in den USA: Die Technik, die Leute verbinden sollte, isoliert sie und hinterlässt das Land tief gespalten. Bevor es keine gesunde Berichterstattung gibt, wird auch die Politik nicht heilen.

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6 Kommentare zu "US-Wahl
„Let’s not run away, let’s face it.“"

  1. Martin sagt:

    Auf der Seite http://cesrusc.org/election/ war schon lange zu sehen, dass Trump gewinnt. Auch in vielen Umfragen von Zeitungen war es zu sehen.
    Und wenn 47% der Bevölkerung Trump gewählt haben, wie kann man da von Schock reden? Also wenn man die Einstellung der halben Bevölkerung übersieht oder ignoriert, dann lebt man am Leben vorbei.

  2. Das Wahlergebnis war recht knapp und im Prinzip hatte Clinton sogar ein paar hunderttausend Stimmen mehr. Das System mit den Wahlmännern scheint auch Probleme zu bringen. Allerdings scheint die Demokratie allgemein in der Krise – auch in Europa. Es siegt der Populismus. Ich habe darüber nachgedacht. Hier meine Überlegungen dazu:
    https://rotherbaron.com/2016/11/09/die-desinformierte-demokratie/?iframe=true&theme_preview=true

  3. Andreas Säger sagt:

    So ist das wenn es keinerlei Opposition mehr gibt. Alles Heulsusen.

  4. Anstelle irgendeiner politischen Reflexion die Ausbreitung der identitätspolitische Enttäuschung von ein paar Dutend bourgoisen Kiddies.

    Denn welchen Respekt ließ denn der schwarze “President of Change” anderen Ethnien, sofern sie außerhalb der Vereinigten Staaten lebten zukommen, wenn er von Deutschland aus (“Africom”) die Sourvänität afrikanischer Länder mit Füßen trat und auf bloßen Verdacht dort Menschen mit Drohnen ermordete? Welchen Respekt zeigten seine (und der EUs) Konzernermächtigungsabkommen? Welchen Respekt zeigte er gegenüber den Bürgern von Staaten, die durch Bombadierungen ermordet wurden, ihre Infrastruktur zerstört fanden oder zu heimatlos=flüchtigen Nomaden gemacht wurden, da entweder ihre Regierung nicht mehr bereit war, in der Weltleitwährung Dollar zu handeln oder “die falsche” Pipeline durch ihr Land laufen ließen?

    Wie kann Obama gegenüber den schwarzen US-Bürgern “Respekt” gezeigt haben, wenn sie unter ihm weiter verarmten? Denn Symbolgeschwätz macht niemanden satt und eine bloß rethorische Würdigung ist ein Hohn, wenn man jeden Tag Objekt sozio-ökonomischer Demütigung ist?

    Und für wie viel weitere Demütigung hätte Clinton in der Form gestanden, die eine Verschärfung der Hegemonialkriege und Massenmorde versprach?

    Trump mag nicht besser sein: Aber dass irgendwer, der nicht dem Paralleluniversum der 1% inklusive der von ihnen bequem gehaltenen Lakaien, die die Produktion wohlfeiler Propagandaformeln linksliberaler Geschmacksrichtung für die brachialste Durchsetzung einer monopolkapitalistischen Agenda seit Jahrzehnten besorgen, einen Grund hat, der Kontinuität zynischster Machtpolitik seit Bill Clinton hinterherzutrauen, ist eine Annahme kaum zu übertreffenden Realitätsverlusts.

    Mit Trump sieht US-Politik halt unverhohlen aus, wie sie ist: menschenverachtend, kulturvergessen, geschichtsvergessen und grobschlächtig.

    Es ist nicht zu bedauern, dass dem Spektakel der Schleier entrissen wurde.

    • QuestionMark sagt:

      Tatsächlich ist der komplette Einstieg im obigen Artikel doch sehr schwach gestaltet. Die Autorin geht tatsächlich von der Propagandamär eines progressiven Obama aus und versucht dieser die Erzählung vom reaktionären Trump gegenüberzustellen.
      Das ist selbstverständlich linker Kitsch.

      Immerhin wird die Rolle der Medien kritisch beleuchtet. Das entschuldigt dann doch einiges.

      Nun, zu ihrem Statement: Ich kann dem voll und ganz zustimmen. Die strukturelle Gewalt wird einfach nicht gesehen und herausgearbeitet. Man bleibt lieber im linken Kitsch verhaftet. Grundsätzliches wird nicht mehr angegangen.

      Wir haben (nach wie vor) hauptsächlich ein Problem mit diesem Wirtschaftssystem und damit mit diesem Herrschaftssystem.

  5. Jukka Helminen sagt:

    Politiker müssen eine Meinung, ein Vision, vertreten und zu deren Umsetzung Spezialisten haben. Ansonsten werden wir in einer gnadenlosen Technokratie landen, deren Auswüchse in den Dystopien der Sience Fiction der 1970iger ausgiebig beschrieben wurden. Der Anfang ist leider schon gemacht…. Daher ist Trump ein typisches Symptom unserer Zeit. Menschen wollen als Menschen wahrgenommen werden und nicht als Nummer. Trump wusste das sehr gut zu nutzen, weil wir nur noch auf wirtschaftliche Verwertbarkeit abzielen. Egal ob schon immer hier lebende Menschen, vor kurzen angekommene oder die Flüchtlinge. Es sind nur noch Nummern.
    John Brunner, SF Autor 1976, längst Wirklichkeit.
    Zitat: Wenn es ein Phänomen wie das absolut Böse überhaupt gibt, dann besteht es darin, einen Menschen wie ein Ding zu behandeln.
    Und doch tun sie es, diese Perfektionisten, diese entsetzlich tüchtigen Leute, die mit ihren präzise funktionierenden Fischgehirnen Menschen auf Stückgut, auf Menschenmaterial, auf Zahlenkombinationen reduzieren, um sie in den Griff zu bekommen, um sie als numerische Größen in ihrern Kalkülen handhaben zu können. Es ist dann nur noch ein winziger Schritt, um Menschen tatsächlich zu verschicken, zu verbrauchen, zu vernichten, zu löschen.
    In Unserem heutigen Falle kommt vergessen hinzu. Vergessen von der Gesellschaft. Auch wenns nur gefühlt ist.

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