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Die Neidgesellschaft

Solidarität wäre das Gebot der Stunde. Auch mit den streikenden Lokführern. Stattdessen lassen wir uns durch die Agitation der Leitmedien zu gegenseitigen Neidern in einer Ausbeutungsindustrie machen.

Neid

Foto: eschipul / Flickr / CC-BY-SA 2.0

Von Sebastian Müller

Deutschland habe “zu sehr auf diese Kleinmütigen und Zweifler geschaut”, so schrieb einst Joachim Gauck in seinen Memoiren. Vielleicht hat der Mann sogar recht. Denn wir werden dieser Tage Zeugen eines erneuten Beispiels von außerordentlichen Kleinmut: Nämlich in Hinblick auf die Welle der kleinmütigen Empörung, die derzeit den streikenden Lokführern von einem Großteil der Bevölkerung entgegen schlägt.

Nur hatte Gauck das damals so nicht gemeint. Für ihn zählen eher zum Streik aufrufende Gewerkschaften oder jene, die auf die Notwendigkeit eines sozialen Netzes in Zeiten von Turbokapitalismus und Selbstausbeutung pochen, zu den Kleinmütigen und Zweiflern. Damit gibt der Bundespräsident den Takt unseres Zeitgeistes in “Eigenverantwortung” und “Eigeninitiative” vor.

Der also institutionell geförderte Kleinmut, der sich aus dem Neid des Geringverdieners gegenüber des Nicht-ganz-so-Geringverdieners speist, wird entfacht und genährt von der perfide inszenierten Empörung neoliberaler Massenmedien. Während der Spiegel von “Deutschlands dümmster Gewerkschaft” spricht, findet das Auflagenstärkste Blatt des organisierten kleinbürgerlichen Kleinmutes, die Bild: “Dieser Streik macht wütend!”.

Dass man auch auf die privatisierte und seit Jahrzehnten heruntergewirtschaftete Deutsche Bahn und die katastrophale Verkehrspolitik wütend sein könnte, wird bestenfalls am Rande erwähnt.

Denn es ist das Elixier des bürgerlichen Duckmäusertums, welches uns allenthalben eingeimpft wird, dass nämlich nur derjenige, der ganz Turbo ist, leistungsbereit ohne zu klagen oder zu streiken, tugendhaft sei. Auch wenn kaum etwas dabei herausspringt – wer viel beschäftigt ist, kann sagen: “Ich arbeite wenigstens!”. Jammern stellt dabei die eigene Leistung und damit die deutsche Kardinaltugend in Frage: Leistungsbereitschaft, auf die man so Stolz sein kann. Wehe aber dem, der mehr verlangt.

Gewerkschaftler wie die der GDL werden sich wohl ab sofort an der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ein Beispiel nehmen müssen. Die nämlich möchte die Niedriglöhne in der Bahn beibehalten und hat schon einmal einen Abschluss mit 1,5 Mehrstunden ohne Lohnausgleich verhandelt, während sich die Bahn mit immer weniger Beschäftigten krank schrumpft. So sieht der Arbeitskampf der Zukunft aus.

Mit genau dieser Systematik wird dem deutschen Michel übrigens auch die Krise und die angeblichen Gründe für das Außenhandelsungleichgewicht in der EU eingebläut. Statt die tatsächliche Ursache, nämlich das deutsche Lohndumping anzuprangern, wird die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Südländer aufgrund vermeintlich zu hoher Löhne und geringer Arbeitszeit unablässig postuliert. Es enstehen Stereotype wie die vom faulen Griechen, die Reformen nach dem Vorbild der Agenda 2010 für ganz Europa legitimieren sollen. Mit einer solchen Propaganda verhindert man europaweiten Widerstand und ebnet den Weg für eine ständige Lohn- und Sozialdumpingspirale.

Kaum einer merkt bei unserer tugendhaften Selbstausbeutung, dass wir uns zu willfährigen Lakaien eines neoliberalen Systems und dessen wenigen aber mächtigen Nutznießern machen. Die ökonomische Elite, die Profiteure dieser puritanischen Arbeitsmoral, sind mittlerweile derart entrückt, dass der Tritt nach soweit oben als zu riskante Verrenkung aufgefasst wird. Bequemerweise tritt man lieber zur Seite oder nach unten. Mehr Lohn oder Sozialleistungen gönnt man seinem Nachbarn intuitiv nicht – er könnte ja auf die eigenen Kosten profitieren. Die Solidarität, die wir in diesen Zeiten so dringend bräuchten, wurde uns gehörig ausgetrieben.

Paradoxerweise verinnerlichen wir diese Erzählung von bedingungsloser Leistung just in einem Moment, in dem der Wohlstand für die breite Masse zu bröckeln beginnt, und angesichts wegbrechender Arbeitsplätze eben nicht mehr jeder kann, der will. Daran ändern auch Zahlenspiele mit den Statistiken, Ein-Euro-Jobs und unsinnige “Fortbildungen” nichts.

Wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht: Während die Geldaristokratie wieder so unverhohlen mit ihrem Reichtum protzt, wie sie es seit den 60er Jahren und den großen Arbeitskämpfen nicht mehr getan hat, gilt unser Neid und Mißtrauen dem der “spätrömischen Dekadenz” fröhnenden Hartz IV-Bezieher, der mehr erhalten könnte als eine Kellnerin; oder einem Lokführer, der mehr verdienen möchte als 1750 Euro netto. Alles andere wäre eine Neiddebatte, die sich nicht ziemt.

Stattdessen scheint es fast zum guten Ton zu werden, stolz und ehrfürchtig darauf hinzuweisen, wie wenig man verdient. Devotes Untertanentum gegenüber dem Heilsbringer – dem Arbeitgeber – ist die Losung der Stunde. Dass eine Arbeitszeitverkürzung und längere Ruhepausen, wie sie die GDL fordert, uns allen gut tun könnte, scheint mittlerweile außerhalb der Vorstellungskraft der Mehrheit zu sein. Fehler – soll man im Sinne der “Eigenverantwortung” zu allererst bei sich selbst suchen. Damit erweist sich die große Mehrheit der Lohnabhängigen einen Bärendienst.

Im Turbokapitalismus fehlt uns offenbar die Zeit zum Denken – und das ist gewollt.

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12 Kommentare zu "Die Neidgesellschaft"

  1. PeWi sagt:

    Bravo, genau so ist es. Viele kleine Leute wenden sich gegen sich selbst und unterstützen die Deutschlandbesitzer. Werden sie belohnt werden? Niemals. Die Herrschenden mit ihrer Entourage lachen sich einen Frack und werden uns Menschen noch mehr verachten.

  2. Tanja sagt:

    Diese “kleinmütige Empörung” findet ausschließlich in den Massenmedien statt. Was die Bürger davon halten, interessiert doch keine Sau.

    Wieder einmal wird so getan, als ob das Drecksgeschreibsel der widerlichen Massenmedien die Meinung der Bürger wiedergibt. Lächerlich !

    • Liebe Tanja,

      Sicher wird weder von den Medien noch von mir DIE Meinung der Bürger wiedergegeben. Denn es gibt nicht DIE EINE Meinung. Doch unzählige Interviews und Leserkommentare belegen nunmal den Unmut (unbestreitbar neben vielen solidarischen Menschen) Vieler gegenüber der GDL und den Streikenden. Klar fälschen die Medien das Bild insofern, als dass der Zuspruch kaum gezeigt wird – das ist Manipulation und die vielzitierte “Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung”.
      Dennoch lässt sich auf der anderen Seite der propagierte Unmut und das Unverständnis vieler Bürger auch nicht ignorieren. Und diesen Menschen gilt dieses Kommentar.

    • Omimomi sagt:

      Ja, leider muss ich das bestätigen.
      In meinem Bekanntenkreis sind auch nicht wenige unverbesserliche Stammtisch Philosophen!
      Trotz Fakten und unermesslich vielen Informationen über die Machenschaften des Bunds und DB, nicht davon abzubringen die GDL als das personifizierte böse und habgierige zu sehen, das ihnen durch die Medien vermittelt wird.

      Wobei ich gerade sehe wie eine Medie nach der anderen die Richtung wechselt.
      Und so synchron, das einem echt anders wird.

      PS. Sebastian Müller, danke für diesen Artikel!
      War eine echte Freude ihn zu lesen.

  3. Axel Wartburg sagt:

    Wer erinnert sich an Polen 1980-1984?

    Der Film “Straijk – Die Heldin von Danzig” mag ein nicht ganz korrektes Zeuignis sein, doch zeigt er auf, wie es war, als sich Menschen branchenübergreifend solidarisierten, weil sie einfach zu lang ausgebeutet wurden.

    Gewerkschaften von heute sind doch nur noch der verlängerte Arm der Arbeitgeberverbände. Es wird Zeit, dass sie wieder eine starke Größe für Arbeitnehmer sind. Dann wäre auch der Mitgleidsschwund Schnee von Gestern.

  4. kali sagt:

    Wir sollten diesen Streik der GDL dazu nutzen, auch mal über unsere eigenen Arbeitsbedingungen nachzudenken und zu hinterfragen. Wahrscheinlich müssten wir uns dann sofort mit den streikenden Lokführeren verbinden und selbst zum Arbeitskampf aufrufen.
    Doch das wäre zu gefährlich in den Zeiten der Globalisierung. Es herrscht Angst und Angst war schon immer der schlechteste Ratgeber, weil sie uns von selbstbestimmten Menschen zu manipulierbaren abhängigen Mündeln macht.
    Bevor sich jedoch die Gesellschaft ändert, muss sich erst mal der Einzelne ändern- weg von einem überboardenden Ego mit all den zerstörerische Eigenschaften, hin zu einer wahren Persönlichkeit mit Werten wie Loyalität, Ehrlichkeit und Solidarität.
    Letzteres ist übrigens das, was die Deutschen an Altkanzler H. Schmidt so bewundern!

  5. johannes sagt:

    nicht der helot wird vom mächtigen respektiert, der aufrechte gang ist es, der respekt wird. so war es schon immer.

  6. mammon sagt:

    Ich stelle den letzten Absatz in Frage: ich würde behaupten dass die meisten einen Fehler nicht bei sich selbst suchen… Objektive Betrachtungen, darein gehört Selbstkritik, sind nur noch da vorhanden, wo ein Gedanke zuende gebracht wird und nicht von außen interveniert und manipuliert wird..
    Stattdessen ist es die Solidarität, die fehlt, weil (sic!) das Volk nicht zur Empathie erzogen, geleitet, aufgerufen wird. Die Solidarität fehlt nicht dem kleinen Mann sondern allen. Solidar kann man auch sein, wenn man der Vorstandsvorsitzende der Bahn ist. Im Fall der GDL ist es kaum noch nur Solidarität sondern die reine Empathie, die fehlt.

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