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Portrait agora42
Das “große Ganze” fassen

Deutschlands Zeitschriftenregale sind gut gefüllt. Um dort ein neues Magazin dauerhaft einzureihen, bedarf es mehr als einer fixen Idee. Trotz bisher geringer Beachtung hat dies mit agora42 ein exotisches Exemplar geschafft. Ein Einblick von Janosch Deeg.

agora42 – Ökonomie – Philosophie – Leben. Ein erklärungsbedürftiger Name und drei gewichtige Schlagwörter, die offensichtlich Potential für interessante Betrachtungen bergen. Eine Zeitschrift also, der Aufmerksamkeit gebührt?

Agora – ein städtischer Versammlungsplatz

Im antiken Griechenland wurde einst die Demokratie erfunden. Die „Agora“ war dabei ein wichtiger Bestandteil, um das demokratische Miteinander zu verwirklichen. Sie bezeichnet einen zentralen städtischen Platz auf dem neben Festivitäten ebenso öffentliche Volks- und Gerichtsverhandlungen stattfanden. Es war eine Identität stiftende und politische, juristische als auch philosophische Versammlungsstätte freier Bürger. Vor dem Hintergrund eines weltweiten Rufs nach mehr Demokratie und bürgerlicher Mitbestimmung passt der Name der Zeitschrift deshalb gut zur aktuellen Stimmung.

Philosophie muss sich ökonomischen Fragestellungen widmen

Ende 2009 begann ein kleines Team sein Anliegen in die Tat umzusetzen: eine Annäherung von Ökonomie und Philosophie. Oder um es mit den Worten der Redaktion zu formulieren:

Wenn ‘Philosophie’ den Versuch bezeichnet, die Welt und die menschliche Existenz zu deuten, das ‘große Ganze’ zu fassen, dann muss sie sich heute ökonomischen Fragestellungen widmen.“

Der Mitherausgeber der Zeitschrift, der Philosoph und Autor Richard David Precht, ist gar der Meinung:

Ökonomie ist ohne Philosophie gar nicht möglich“

Denn der Zweck der Ökonomie sei es, möglichst vielen Beteiligten einer Gesellschaft ein erfülltes Leben zu ermöglichen. Die Definition eines „erfüllten Lebens“ in der jeweiligen Gesellschaft und wie man den Zustand einer Verteilungsgerechtigkeit erreichen könne, seien aber in erster Linie philosophische Fragestellungen.

Gesucht wird also ein Gesellschaftsmodell in welchem die Zufriedenheit – die es zunächst zu definieren gilt – aller Beteiligten maximiert wird. agora42 möchte hierbei als Orientierungshilfe und Plattform dienen, auf der neue Perspektiven und Möglichkeiten erarbeitet und aufgezeigt werden. Dafür lässt die Redaktion Gastautoren aus den verschiedensten Bereichen der Gesellschaftswissenschaften als auch Wirtschaftswissenschaften zu Wort kommen, analysiert und recherchiert selbst oder führt Interviews mit Experten und Betroffenen.

Wirtschaftssysteme basieren lediglich auf Glaube

Ob Zufall oder nicht, die Finanzkrise war für das erstmalige Erscheinen der Zeitschrift ein passender Zeitpunkt. Eine Krise die offenbarte, dass das bestehende Wirtschaftssystem doch nicht so reibungslos funktioniert, wie man uns immer glauben machen wollte. Die Hauptaufgabe der Philosophie ist laut Redaktion nun den Menschen mit der Nichtexistenz von Ordnung zu konfrontieren:

Der Mensch ist kein Homo oeconomicus weil es keine Ökonomie gibt.“

Scheinbar gegebene Ordnungen würden nur in der Vorstellung existieren und Realität werden, weil die Mehrheit einer Gesellschaft die gleichen Vorstellungen teilt und entsprechend handelt. Das bedeutet, dass ein Wirtschaftssystem nur deshalb (scheinbar) funktioniert und Bestand hat, weil jeder daran glaubt: Ohne Glaube kein System.

Ökonomische Glaubensgrundsätze der Lächerlichkeit preisgeben

Folgerichtig muss man, um ein System zu ändern oder es gar vollständig abzuschaffen, den Menschen aufzeigen, dass dieses keine „ultimative“ Daseinsberechtigung hat. Man muss den Menschen ihren Systemglauben nehmen. Oder um es mit den Worten der Redaktion im aktuellen Heft zu sagen:

(…) ökonomische Glaubensgrundsätze der Lächerlichkeit preisgeben. So wenig wie Gottgewolltes, gibt es Marktgewolltes.“

Möglich, dass es auf diese Art und Weise gelingt, einen Bewusstseinswandel herbeizuführen. Das offensichtliche Scheitern der bestehen Wirtschaftsordnung – die Finanzkrise – konnte diesen offensichtlich (noch) nicht bewirken. Die meisten Menschen glauben nach wie vor an ihre (veralteten) Systemvorstellungen – an eine Ordnung, in welcher der Mensch nur noch der Wirtschaft dient und nicht umgekehrt, an eine Gesellschaft deren Regeln die Finanzwirtschaft aufstellt und deren Menschen als Humankapital betrachtet werden.

Es ist daher unbedingt zu begrüßen, dass agora42 die derzeitige Wirtschaftsordnung deutlich kritischer bewertet als die zumeist traditionell konservativ ausgerichtete Konkurrenz. Durch ein Brückenschlagen von Philosophie zur Wirtschaft versucht die Redaktion andere mögliche Szenarien zu präsentieren und damit die begrenzten Vorstellungen der Organisation eines gesellschaftlichen Miteinanders innerhalb eines ökonomischen Rahmens zu erweitern.

Themenhefte in ansprechendem Design

Bis zum heutigen Zeitpunkt sind 15 Exemplare erschienen, jeweils mit einem Schwerpunktthema: von „Geld“ und „Nachhaltigkeit“ über „Krieg“ bis hin zu „Generationengerechtigkeit“ oder „Schulden und Sühne“ – um nur einige zu nennen. Das Spektrum geht also weit über die Ökonomie hinaus und man würde der Zeitschrift erheblich unrecht tun, wenn man sie als reines Wirtschaftsmagazin kategorisieren würde. Vielmehr werden Themen behandelt, die unsere Gesellschaft prägen und beschäftigen, dazu gehört deutlich mehr als die Ökonomie. Aber es ist nun mal so – ob das sein muss, sei dahingestellt -, dass die Wirtschaftsordnung in fast allen Bereichen unseres täglichen Lebens eine charakterisierende, wenn nicht diktierende Rolle einnimmt. Deshalb ist es durchaus sinnvoll (unser) Leben unter Einschluss der Ökonomie zu erörtern.

Freilich ist dies kein triviales Unterfangen und folglich sind die Artikel in agora42 zumeist umfangreich und detailliert. Nichtsdestotrotz wirkt das Heft in keiner Weise überladen. Das mag daran liegen, dass es durchdacht gestaltet ist, mit Liebe zum Detail. Die Aufmachung entspricht nicht der Vorstellung einer öden Wirtschaftszeitung. Im Gegenteil, es scheint als lege man großen Wert auf ein ansprechendes Design.

42 – die Antwort auf die Frage aller Fragen

Man darf hoffen, dass agora42 die deutschen Zeitschriftenregale dauerhaft bereichert und ihren Leserkreis stetig vergrößern wird. Eine philosophische Herangehensweise an ökonomische Fragestellungen ist möglicherweise imstande die besseren, sprich human-gerechteren Antworten zu liefern, als eine rein marktorientierte. Es ist erfrischend, dass agora42 andere, neue Fragen stellt und vor allem allgemeingültige ökonomische Gesetzmäßigkeiten hinterfragt. Denn wie man in dem Science Fiction Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adam lernte, müssen zunächst die richtigen Fragen formuliert werden, um die passende Antwort zu bekommen. 42 war die Antwort auf die Frage aller Fragen, aber die Frage war wohl nicht präzise genug formuliert und so war die Antwort wenig hilfreich.

agora42, ein Platz im antiken Griechenland und die allumfassende Antwort – in jedem Fall eine Bereicherung für die öffentliche Diskussion und Meinungsbildung in Zeiten blinder Wirtschaftsreligiosität.

agora 42 erscheint jeden 2. Monat und kann auf der Homepage oder in Bahnhofs- und Flughafenbuchhandlungen, bei ausgewählten Kiosks, im Apple App-Store und im Online-Shop Interiorpark.com gekauft werden. Auf der Homepage werden Einblicke in die bisherigen Hefte gewährt. Interessierte können sich dort einen ersten Überblick über Themen, Artikel und Aufmachung verschaffen.

Zum Thema:

– Was ist Soziale Marktwirtschaft?

– Gesellschaft im Neoliberalismus

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Noch keine Kommentare zu "Portrait agora42
Das “große Ganze” fassen"

  1. Systemfrager sagt:

    „Wenn ‘Philosophie’ den Versuch bezeichnet, die Welt und die menschliche Existenz zu deuten, das ‘große Ganze’ zu fassen, dann muss sie sich heute ökonomischen Fragestellungen widmen.“

    das ist gut!

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