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Eine kurze Geschichte des Liberalismus (Teil 1)

Ein Gastbeitrag von Stefan Sasse

Der Liberalismus gehört zu den großen politisch-ideologischen Hauptströmungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Obwohl seine eigene Blütezeit vergleichsweise kurz war, ist seine Strahlkraft groß.

Viele andere politisch-ideologische Hauptströmungen definierten sich in klarer Gegnerschaft zum Liberalismus, etwa der Konservatismus, der Faschismus oder der Sozialismus. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick zum Thema Liberalismus gegeben werden. Zu Beginn möchte ich vier Thesen zum Liberalismus aufstellen.

Vier Thesen zum Liberalismus

1) Liberalismus ist eine historische Grunddeterminante Europas seit der Aufklärung. Zentrales Postulat ist die Freiheit des Individuums, vulgo das Selbstbestimmungsrecht.

2) Die Grundforderung des Liberalismus ist die Beschränkung des staatlichen Interventionsrechts gegenüber der Individualsphäre. Dem liegt die Überzeugung zu Grunde, der Mensch sei ein Wesen, welches sich in Freiheit nach seinen eigenen Vorstellungen entfalten und nach diesen leben wolle. Das 19. Jahrhundert kann als Jahrhundert der Verfassungen gesehen werden. Die faschistischen und kommunistischen Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts stellen dabei die Umkehrung der liberalen Grundsätze dar.

3) Der Liberalismus ist eine Gesellschaftsform. Eine bestimmte Gesellschaftsgruppe nimmt dabei für sich Anspruch, das perfekte System zu kennen und etablieren zu wollen. Sie bilden eine Meinung und tragen diese als Forderung an die Politik.

4) Der Liberalismus kann ein Prinzip politischer Organisation sein, dessen Zweck in der Sicherung eines möglichst großen Freiheitsraums für das Individuum liegt. Dazu gehören das Repräsentativsystem sowie die Gewaltenteilung als elementare Bestandteile („Nachtwächterstaat“). Damit verbunden ist die Vorstellung, dass Bedrohungen nur von außen kommen und soziale Spannungen oder ähnliches als Bedrohungsszenario nicht existieren. Dabei handelt es sich um eine bis heute lebendige Utopie. Es handelt sich um einen genuinen Topos liberalen Selbstverständnisses.

Europäischer Liberalismus im Vergleich
Zug der Frauen auf Versailles

Der englische Liberalismus beginnt in der Aufklärung mit dem Realismus Lockes. Seine zentrale Abhandlung von 1690 „Treatments of government“ behandelt die Trias „Leben, Eigentum, Freiheit (life, liberty, property)“.

Der französische Liberalismus beginnt mit der französischen Revolution und dem Motto „liberté, egalité, fraternité“. Fraternité bedeutet in diesem Zusammenhang die Abschaffung von Ständen und Klassen. Dadurch entfallen innergesellschaftliche Konflikte. Der deutsche Liberalismus umfasst die Trias „Freiheit, Gleichheit, Bildung“.

Der englische Liberalismus

Der „Markt“ ist das entscheidende Moment der Notwendigkeit einer sozialen und politischen Richtung. Er hat dabei die Funktion der Garantie sozialer Mobilität. Es vollzieht sich die soziale Selbstbehauptung des Individuums. Es vollzieht sich also auch sozialer Aufstieg. Die Vorstellung eines Feudalherren mit vielen Rechten und den rechtlosen Bewohnern darunter, in Korrelation mit dem „Markt“ sorgt für einen unvereinbaren Widerspruch, so dass die liberale Emanzipationsbewegung der erklärte Feind der Feudalherrschaft ist. Das antifeudale Denken im Ansatz Lockes entriegelt die Festlegung der ständischen Zugehörigkeit eines Menschen, die Grundlegung liberalen Denkens ist vollzogen.

Der „Markt“ wird Aktionsfeld derer, die etwas besitzen und es dort handeln, um Gewinn zu erzielen. Ihre Herkunft ist dabei weniger wichtig als das Angebot, das sie präsentieren. Das damit verbundene Grundrecht der Freiheit erlaubt es dem Menschen nun, mit seinem Eigentum nach Gutdünken zu verfahren. Durch einen dadurch möglichen Aufstieg kann der Einzelne einen aristokratischen Lebensstil führen. Der Markt spielt selbst im englischen adeligen Gesellschaftssystem eine entscheidende Rolle, wo nur der Älteste den Adelstitel erbt und der Rest sich auf dem Markt bewähren muss.

Das Lock’sche System dient neben der Entgrenzung des Feudalsystems gleichzeitig der Eingrenzung der bürgerlichen Klassengesellschaft. Diese bürgerliche Klasse emanzipiert sich vom Adelssystem und schottet sich im Prozess ihrer sozialen Emanzipation gleichzeitig gegen die Klassen ab, die zusammen mit ihnen im Prozess der Industrialisierung in Bewegung geraten sind, die „labouring poor“. Die Frage nach der Bedeutung des Nicht-Besitzes im beginnenden industriellen Zeitalter wird bei Marx behandelt und entsteht die Ansicht, dass die „labouring poor“ auf dem „Markt“ nichts als ihre Arbeitskraft anzubieten haben. Nur derjenige, der sie kauft und nutzt kann daraus Gewinn ziehen, nicht aber der Besitzer der Kraft selbst.Das daraus resultierende soziale Problem bedeutet, dass der, der nichts hat, auch nichts erwirbt und die „labouring poor“ somit zu sozialer Immobilität verdammt sind. Aus dieser Fragestellung entsteht später der Sozialismus.

Die Trägerschicht der Idee der liberalen Trias lässt niemanden im Marktgeschehen mitreden, der kein Eigentum hat und damit nicht die Freiheit besitzt, sein Eigentum zu disponieren. Hierauf begründet sich die entstehende Industriearbeiterschaft. Die Theoretiker der „political economy“ und Reform des politischen Systems vertreten diese Abschottung und konstituieren sich selbst als Klasse. Dieser Prozess vollzieht sich zuerst in England und dient dort als Vorbild. Liberalismus und Bürgertum sind im Vorurteil damit untrennbar verbunden. Die Industrialisierung gewinnt in England ab 1810 an Tempo und ist in den 1830er Jahren soweit fortgeschritten, dass die bürgerliche Klasse sich als solche begreift und rabiat gegen die Menschenmengen der „labouring poor“ zu kämpfen. Aufgrund der Zeitverzögerung ist die Abschottung des kontinentaleuropäischen Bürgertums gänzlich anderer Natur.

Der kontinentaleuropäische Liberalismus
Wilhelm von Humboldt

Die französische Entsprechung der englischen Trias entstand während der französischen Revolution und setzte sich durch die Napoleonischen Kriege fort. In Preußen entsteht durch den drohenden Untergang 1806 eine liberale Grundhaltung.

Die Formulierung „Freiheit, Gleichheit, Bildung“ findet sich in dieser Radikalität nicht bei den zeitgenössischen Autoren, nimmt jedoch praktisch 1:1 die Funktion des englischen Markts ein. Sie wirkt zugleich als gesamtgesellschaftlicher Regelmechanismus.

In der vorherigen aristokratischen Ständegesellschaft war Bildung nicht erforderlich, da der Stand vererbt und nicht erarbeitet wurde. Die Aufklärung stellte nun rationales staatliches Handeln in den Vordergrund und der „aufgeklärte Absolutismus“ forderte diese Rationalität von der Verwaltung ein. So konnte nicht nur auf Angehörige der feudal-aristokratischen Schicht zurückgegriffen werden, da diese nicht die nötige Kompetenz in dieser Menge aufwiesen, so dass ein Rückgriff auf nicht-adelige Akademiker nötig war. Bildung wird so zu einem Element antifeudaler Emanzipation.

Es gibt interessanterweise kaum eine bekannte Persönlichkeit aus der Verwaltung oder dem öffentlichen Leben in Deutschland, die nicht irgendwann den Adelstitel erhalten hätte, seien es Goethe, Schiller, Ranke oder Siemens. Wer vorher adelig war, wurde erhöht. Bildung wird somit zum Element der Auflösung bestehender Klassengrenzen wie der Ziehung neuer. Bildung wurde somit in Deutschland zu einem Element bürgerlicher Klassenherrschaft. Was man als „Bildungsschatz“ qualifiziert legten die Angehörigen der gebildeten Schicht fest. Damit wurde auch festgelegt, wer und aus welchen Gründen keinen Zugang zum Bildungsschatz haben sollte. Dieses Prinzip wurde zum Kern der Ideologie des deutschen Liberalismus’ des 19. Jahrhunderts, der bis heute noch fortwirkt.

Die Schicht der Arbeiter, die zu Sozialdemokratie und Sozialismus auf der einen, dem Nationalsozialismus auf der anderen Seite tendierten, kamen in ihrem Leben nie mit dem genuinen Liberalismus in Berührung. Vermutlich konnte der Nationalsozialismus auch wegen seiner dezidiert antiliberalen Thesen bei den Arbeitern so punkten.

Liberalismus als politisch-soziale Bewegung bis 1830

Der Liberalismus bis 1830 wird als Frühliberalismus bezeichnet. Er grenzt sich gegenüber der ständischen Werteordnung ab und bestieht Stellung gegen den Absolutismus. Er besitzt eine breite Anhängerschaft; die Träger der Bewegung werden europaweit als die „Kräfte der Bewegung“ bezeichnet. Aus dem Versuch der konservativen Kräfte, die „Kräfte der Bewegung“ einzudämmen, entstehen die „Kräfte der Beharrung“, deren Zentralfigur Metternich darstellt. Die Phase des Frühliberalismus ist also vom langsamen Ausbreiten der fortschrittsorientierten Kräfte, in den 1820er Jahren noch sehr stark begrenzt, gekennzeichnet.

Liberalismus als politisch-soziale Bewegung bis 1850

Die Phase vom Umfeld der Julirevolution bis zum Ende der 1848er Revolution ist von der Vollendung der Industrialisierung gekennzeichnet. Damit verbunden sind wirtschaftliche und soziale Bewegungen, konkret  zuerst in England, später auf dem Kontinent. Die Wahlrechtsreform in England, Reaktion auf die Julirevolution in Frankreich, wurde eingeführt, um die Bürger, die wirtschaftliche Macht erlangt hatten in das politische System einzubinden um sie sich nicht gegen den Staat entwickeln zu lassen. Deshalb kommt es in England auch nicht zu Revolutionen wie auf dem Kontinent.

1832, auf dem Hambacher Fest, forderten Handwerker und Bürger Freiheitsrechte: liberté, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Wahlrecht und diverse andere Rechte. Gefordert wurde auch eine nationale Organisation. 1834 wird der deutsche Zollverein gegründet, welcher den freien Wahrenverkehr im von Preußen dominierten Bereich Deutschlands ermöglicht. Man kann den Zollverein als Startdatum der preußisch dominierten Reichsgründung sehen. Gleichfalls 1834 beginnt, noch zaghaft, der Eisenbahnbau.

Die Interessen des aufsteigenden Besitz-, Wirtschafts- und Bildungsbürgertums nahmen in dieser Epoche ein zunehmend stärkeres Gewicht ein. Dieses Gewicht in wirtschaftsliberaler Ausprägung wurde in England dominierend, während die Forderungen in Deutschland lediglich so bedeutend werden, dass gegen die Liberalen nicht mehr regiert werden kann. Aus den Versuchen, dies zu unterbinden, entstand die 1848er Revolution und das Parlament der Paulskirche. Dieses Parlament besteht zum Großteil aus dem Bildungsbürgertum und lässt das Wirtschaftsbürgertum beinahe vollständig außen vor.

Programmatisch wurde der Liberalismus zur Partei des Fortschritts. Dies verbindet sich unter dem Topos des Verlaufs mit der im Entstehen begriffenen Geschichtswissenschaft. Dabei ist im liberalen Selbstverständnis nicht vorgesehen, dass Fortschritt nicht im Positiven enden könnte. Dieses Selbstverständnis sieht auch vor, als geschichtlich wirkende Person dem Fortschritt zu dienen.

Liberalismus von 1870 bis heute in Kürze im zweiten Teil

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7 Kommentare zu "Eine kurze Geschichte des Liberalismus (Teil 1)"

  1. gastonfebus sagt:

    Sehr schoener Artikel. Eine Frage: ist die Formulierung „Freiheit, Gleichheit, Bildung“ von Ihnen oder findet sie sich in diesem Wortlaut bei einem der Zeitgenossen?

  2. Systemfrager sagt:

    Ich konnte aufatmen. Stefan Sasse schreibt über Liberalismus …
    und er sagt wirklich nichts falsches … weil er nichts gesagt hat

  3. Systemfrager sagt:

    Naja, sozusagen so katastrophal war es nicht, aber wenn man schon ein bisschen genauer nachprüft, da stimmt kaum was wirklich
    ZB:

    Der englische Liberalismus beginnt in der Aufklärung mit dem Realismus Lockes.

    (Nebenbei: “Realismus” – Was ist das? Wird da Empirismus gemeint?)
    Als Begrüdner des politischen Liberalismus kann Locke gelten. Der Begrüdner des ökonomischen Liberalismus ist Hobbes. Mehr dazu:
    http://horvath.members.1012.at/locke1.htm

    Der französische Liberalismus beginnt mit der französischen Revolution …

    Wie bitte? Um den Autor zu retten, sagen wir: Er hat es anders gemeint, er meinte damit den politischen Sieg des Liberalismus in Frankreich

    usw

  4. Johannes Löw sagt:

    Sasse fiel mir zum ersten mal auf, als er sich als hauptamtlicher Spiegelfechter-Schreiberling vorstellte mit einem Loblied auf die USA, just als der NATO_Angriff auf Libyen losging.
    Er behauptete wörtlich: “Ohne die USA wäre die Welt heute eine schlechtere.” – was man vielleicht noch als Arbeitsthese für einen Hollywood-Mainstream-SF-Drehbuchautor gelten lassen könnte, aber dass Herr Sasse weiß, wie sich die Welt ohne US-Imperialismus entwickelt hätte, ist schlicht – schon klar, oder? – darüber hinaus, dass die Aussage etwa so sinnvoll ist, wie “Ohne Sabberlatz für Babys würden Hunde lauter kläffen.”
    Also ist es eigentlich kein Wunder, dass der selbige Herr Faschismus mit Kommunismus gleichsetzt und in seinem Ausflug ins 19.Jh. den Belesenen deutlich werden lässt, dass er munter fantasiert und noch nichts gelesen hat, was aus dieser Zeit stammt.

  5. Systemfrager sagt:

    >>> dass er munter fantasiert und noch nichts gelesen hat, was aus dieser Zeit stammt.

    Zumindest hat er keine Primärliteratur gelesen – da passt er großartig zu Jens Berger

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