Buchtipp: Revolution für Europa

Dem Auftreten der Linken in Europa fehlt es bisher an Wirkungskraft, um dem schleichenden Staatsstreich der Neoliberalen Paroli zu bieten. Abhilfe will Diether Dehm mit einer internationalen Textsammlung linker Politiker und Künstler geben.

Von Roland Rottenfußer

Zu wenig radikal in den Zielvorstellungen, zu wenig geschickt in der Wahl der Mittel, zu wenig international vernetzt, zu wenig begleitet durch eine authentische Protestkultur – so könnte man die Gründe dafür benennen, dass die Erfolge der Linken nicht mit der Notwendigkeit ihrer Konzepte Schritt halten. Sehr erfreulich ist daher diese Anthologie, die neben Politikern der europäischen Linken wie Gregor Gysi, Oskar Lafontaine, Alexis Tsipras, Giuliano Pisapia, Pierre Laurent und Sahra Wagenknecht auch Künstler wie Konstantin Wecker und Mikis Theodorakis zu Wort kommen lässt.

„Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“

Dieses erschreckende Zitat von Jean-Claude Juncker, ehemaliger Chef der Euro-Gruppe, zeigt sehr deutlich auf, wo unser Problem liegt: Eine „postdemokratische“ Eurokraten-Riege hat sich den Kontinent unter den Nagel gerissen und ist dabei, ihn den neuen Feudalherren der Banken- und Konzernwelt zur Verwertung auszuliefern. Eine Lösung zu finden, erscheint schwieriger. Dieses Buch vereint einen hochrangigen internationalen „Thinktank“ aus Politik und Kultur, der wohl geeignet ist, wirksame Gegenstrategien aufzuzeigen.

Diether Dehm, Bundestagsabgeordneter der Linken und zeitweise als Liedermacher und Texter tätig, scheint prädestiniert dafür, die so unterschiedlichen Stimmen zu einem Chor zu vereinen. Die Problemlage beschreibt Dehm so: „Ein am Neoliberalismus orientierter ‚Reform-Automatismus’ soll für alle EU-Mitgliedstaaten installiert werden, damit die EU als geschlossener Block besonders die aufstrebenden Regionen der Welt nieder-konkurrieren kann. Die EU will den Wachstumsschub vom Imperialismus-Junior in die Senior-League.“ Daraus ergibt sich die Agenda dieser Streitschrift: „Umso dringlicher ist es also, dass diese Schrift versucht, Gegenöffentlichkeit zur politisch und medial herrschenden Interpretation und Handhabung der Krise herzustellen.“

Im Rahmen dieses Projekts „Gegenöffentlichkeit“ zeigen Oskar Lafontaine und Gregor Gysi auf, wofür die deutsche Linke mit ihrem Programm steht. Sahra Wagenknecht widmet sich in einem eigenen Aufsatz ganz realen Untoten, den „Zombiebanken“. Gerade auch kurz vor den Wahlen im Bayern und im Bund lesenswerte Denkanstöße. Der Chef der bei den Wählern erfolgreichen griechischen Linken, Alexis Tsipras, erklärt, „Wie aus einer alternativen Vision ein Programm der Würde und der sozialen Rettung wird“. Und die spanischen Oppositionspolitiker Willy Meyer und Maite Mola berichten von der Bewegung der „Indignados“ und vom „Spanischen Aufstand“.

Mikis Theodorakis, der legendäre Komponist der „Sorbas“-Filmmusik und Veteran im Kampf gegen den griechischen Faschismus, verfasste mit seinem Kampfgefährten Manolis Glezos einen „Gemeinsamern Appell für die Rettung der Völker Europas.“ Wichtig ist dabei, dass die links und human denkenden Kräfte aus den zum Ausverkauf preisgegebenen Staaten des Südens und den (noch) vergleichsweise wohlhabenden Ländern wie Deutschland miteinander solidarisch sind. Merkels Austeritätsregime bedroht auch die Arbeitenden in den Nationen der „Wettbewerbsgewinner“, denn die Gegenwart Griechenlands kann unsere Zukunft werden.

„’Die Märkte sind das Maß aller Dinge’ ist das Motto, das unsere politische Führung bereitwillig unterstützt, in einer Allianz mit dem Teufel des Geldes, gerade so wie Faust dies tat“,

heißt es im erschütternden Appell von Theodorakis und Glezos.

„Eine Handvoll internationaler Banken, Rating-Agenturen, Investmentfonds – eine globale Konzentration des Finanzkapitals ohne historischen Vergleich – möchte in Europa und der Welt die Macht an sich reißen, indem es die Waffe der Schulden nutzt, um die Völker Europas zu versklaven und anstelle der unvollständigen Demokratie, in der wir leben, eine Diktatur des Geldes und der Banken zu errichten …“

Eine wirksame Gegenöffentlichkeit braucht eine Gegenkultur, die aufklärt, aufwiegelt und die Herzen bewegt. Diether Dehm fordert deshalb eine „europäische Kulturbrücke“. Was die großen kritischen Liedermacher des einen Landes geschrieben haben, soll übersetzt und in den anderen Ländern gesungen werden. So entsteht ein gemeinsames geistiges Feld in Europa, eine Rebellion der Verse und Töne gegen die verordnete Unkultur der kommerziellen Gleichmacherei – anknüpfend an die begeisternden Werke eines Pablo Neruda oder Francois Villon, eines Heinrich Böll oder Jean-Paul Sartre, eines Victor Jara, Fabricio De André, Jacques Brel oder Franz Josef Degenhardt. Konstantin Wecker hat mit seiner mehrsprachigen Version von „Empört euch“ (nach dem Buch von Stéphane Hessel) einen neuen Prototyp des europäischen Revolutionsliedes geschaffen.

„In Wirklichkeit gedeiht jede Kunst nur multinational“, schreibt Wecker in seinem Beitrag – so sehr auch die ganz unchauvinistische Liebe zur Erde, zum Meer, zu den Speisen, den Landschaften, zu den Menschen und zur Sprache der eigenen Heimat das „Aroma“ der jeweiligen Kunstschöpfungen geprägt hat. „Dieser unser Kampf für europäische Kulturen (noch lange nicht für eine europäische Gesamtkultur!), der sich respektvoll und in einem gewissen Sinne ‚ökologisch sensitiv’ gegen das Ausrotten und Unterpflügen durch die Unterhaltungsmultis wehren muss, braucht Protagonisten, braucht Köpfe und Gesichter, die für diesen gemeinsamen demokratischen Streit und die große Kraftaufwendung, die nötig ist, stehen und dieses auch intellektuell und emotional befördern.“ Jean Ziegler, der große und tapfere Sachbuchautor und Kämpfer gegen den neuen globalen Feudalismus, ist für Wecker einer dieser „Köpfe“. So wie es Wecker selbst ist und die anderen Autoren dieses erstaunlichen Kompendiums.

Diether Dehm (Hrsg.): Revolution für Europa, Verlag Das Neue Berlin, 224 Seite, 9,99 €

Der Beitrag erschien zuerst in Konstatin Weckers Magazin „Hinter den Schlagzeilen“.

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