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Die Wurzeln der Euro-Krise

Goldman Sachs versus Griechenland

Von Gerd R. Rueger

Sollte der drohende Crash Griechenlands von langer Hand vorbereitet worden sein? Womöglich von oder zumindest mit viel Einsatz der führenden US-Bank Goldman Sachs? Schon bei der Ersetzung der Drachme durch den Euro hatte die Bank ihre Finger im Spiel, zudem kamen wichtige Akteure der griechischen Tragödie aus ihrem Mitarbeiterstab. Athen wurde so zur Sollbruchstelle im Euro-Raum. Es bedarf wenig Phantasie sich vorzustellen, dass viele der aktuell gegen Athen laufenden Wetten über die US-Bank laufen – oder durch jene der hinter ihr stehenden Hedgefonds. Den Steuerzahler erreichen derweil nur die Trommeln der Mainstream-Medien.

Nebelschirm der Mainstream-Medien

Am 15. Mai polterte die sonst so nüchterne Tagesschau zur Hauptsendezeit ungewohnt polemisch gegen Griechenlands zweitstärkste Parlamentsfraktion,  das Links-Bündnis Syriza. Deutschlands renommierteste Nachrichtensendung unterstellte Syriza-Chef Alexis Tsipras ein „Gebaren als linksradikaler Erz-Flegel“. Ausgerechnet die Tagessschau, die Objektivität reklamierende, unterkühlte Domina des öffentlich-rechtlichen Mainstream-Journalismus, deren versteinerte Gesichtszüge sich nur selten hinreißen lassen, auch nur „Das Wetter“ mit mehr als einem norddeutsch-gefrorenen Lächeln zu präsentieren. Sie war für ihre Verhältnisse geradezu außer Rand und Band geraten.

Und welcher „linksradikalen Erz-Flegelei“  hatte sich der ebenso elegante wie eloquente Grieche schuldig gemacht? Tsipras stemmt sich gegen den sogenannten Sparkurs der EU-Troika, der vor allem einer Finanzindustrie nutzt, die immer mehr unter Führung von Goldman Sachs zu stehen scheint. Die Griechen wollen nicht hungern für die Millionen-Boni von Ackermann & Co.? Bei soviel Flegelei kann einem ARD-Korrespondenten schon mal der Kragen platzen.

Dabei ist die Deutsche Bank nicht einmal allererster Nutznießer der – im Jargon der Finanzmärkte – Staatsschuldenkrise, denn das scheint Goldman Sachs zu werden. Also jene Bank, die unter anderem Athens korrupte Regierung darin beriet, wie man Bilanzen zu frisieren hätte, um den Euro zu bekommen. Loukas Papadimos, der sein Handwerk bei der US-Fed erlernte, hatte sich als Boss der Zentralbank in Athen den Goldman Sachs-Banker Christodoulou geholt. Daraufhin versenkte Athen Milliarden harter Euros in dubiosen Aufrüstungsgeschäften, Goldman Sachs verdiente kräftig mit.

Aber davon erfährt die Öffentlichkeit wenig bis gar nichts. Das Votum der Griechen, das ein Denkzettel für die Koalition der Austerität war, empörte auch den Nachrichtensender Phoenix: „Radikale in Europa“ seien das Problem. So wurde Tsipras Syriza in eine Reihe mit Ungarns Jobbik-Faschisten, NL-Rassismus a la Wilders und britischen Neonazis gesetzt. Die Interessen des großen Finanzkapitals sollen offenbar gegen alle linken Alternativen zur Lösung der Krise verteidigt werden, mit platten Beleidigungen als „Erz-Flegel“ oder subtiler durch Vermengung von Faschisten und Linken. Ein Versagen des Qualitätsjournalismus.

„Verschwörungstheorien“ als Hauptproblem

Das Problem der Radikalen sei ihre Neigung zu „Verschwörungstheorien“, so lautet das Fazit von Phoenix. Worin diese „Theorien“ bestehen, hat da weniger zu interessieren. Zum Beispiel, dass Griechenland auch ein Opfer der Finanzkrise ist, dass US-Finanzminister Hank Paulson unter George W. Bush, ebenso wie sein Vorgänger unter Bill Clinton, Robert Rubin, aus dem Team von Goldman Sachs kamen? Barack Obamas Finanzminister Timothy Geithner konnte sich ebenso der Unterstützung von Goldman sicher sein, während in der EZB der Italiener Mario Dragi, der Chef der Italienischen Notenbank, das Banner von Goldman Sachs hochhielt, und auch der Weltbank-Präsident, Robert Zoellick, war einst Direktor bei Goldman Sachs, einer staatstragenden US-Bank, die auch zu den wichtigsten Spendern von Obama zählte. Nun wurde Griechenland von US-Ratingagenturen tiefer in die Schuldenkrise getrieben, die ebenfalls mit US-Banken und Hedgefonds verstrickt sind. Aber was zählen diese Zusammenhänge schon gegen die “skandalträchtigen” Flegeleien eines Linksradikalen im Athener Parlament?

Doch wie war der Flegel überhaupt ins Parlament gekommen? Das hatte etwas mit den wachsenden Zweifeln der Griechen an ihren etablierten Politikern zu tun. Ende 2009 begannen die Rating-Agenturen, Griechenland herunter zu stufen. Die Banken, die EZB mit ihrem Vizepräsidenten Papadimos, der IWF und die EU verlangten die Rückzahlung der Kredite und drakonische Sparmaßnahmen für die Bevölkerung. Im November 2011 musste die Regierung in Athen, die Kreditpistole auf der Brust, ihren Abschied nehmen. Zentralbankgouverneur Loukas Papadimos (anglisiert zu Lucas Papademos) wurde Ministerpräsident Griechenlands, die Medien berichteten von einer „Regierung der Technokraten“. Die Aufgaben der Technokraten: Entlassung von 30.000 öffentlich Beschäftigten, die Absenkung von Löhnen, Heraufsetzung des Rentenalters, Einführung von Studiengebühren, der Verkauf öffentlicher Einrichtungen und Steuernachlässe für Unternehmen – salopp gesagt: die Agendaisierung Europas .

Ähnlich agiert der Technokrat Mario Monti in Rom. Er kann dabei auf seine Erfahrungen als Wettbewerbskommissar der EU zurückgreifen. Dort hatte er an maßgeblicher Stelle die Deregulierungen des Finanzwesen durchgedrückt, mittels welcher die große Subprime-Krise eingeleitet wurde. Das damals auch unter Montis Ägide durchgepeitschte bis heute geltende EU-Recht führte eine strikte und umfassende Liberalisierungspflicht jeglichen Kapitalverkehrs ein –und die Freigabe des Kapitalverkehrs meinte ausdrücklich nicht nur Geldströme innerhalb der EU.  Vielmehr öffnete sie die Schleusen zu den globalen Finanzmärkten, was mit den EU-Verträgen von Nizza und Lissabon massiv gefördert wurde, vorgeblich aus Gründen einer effizienten Marktgestaltung zum Wohle aller. Die von Roosevelt im New Deal vorgenommenen Regulierungen der Geldmacht wurden ausgehöhlt, Banken und andere Finanzfirmen tauchten unter im undurchsichtigen Sumpf der „Allfinanz“.

Ratingagenturen und Goldman Sachs

Dank solcher Marktgestaltungen konnte auch der griechische Staatshaushalt frisiert und Griechenland Teil der Eurozone werden. Der Korruptions-Experte Werner Rügemer weiß wie dies geschah: Die Investmentbanken UBS, J.P.Morgan und Goldman Sachs gaben ab 2001 in Zusammenarbeit mit der griechischen Zentralbank und der Athener Regierung dem Staat Milliardenkredite, die aber im Staatshaushalt nicht auftauchten. Zukünftige Einnahmen aus der Staatslotterie sowie aus Autobahn- und Flughafenmaut wurden gegen die Kredite „weggetauscht“. Legalisiert wurde dies mit den eigens gegründeten sogenannten „Zweckgesellschaften“ Aeolos und Ariadne, wobei über die Londoner Briefkastenfirma Titlos Schulden des Staatshaushaltes auf die Zentralbank übertragen wurden. Schulden in Dollar und Yen wurden in langfristige Euro-Kredite umgewandelt, die erst heute fällig wurden – und nun Druckmittel gegen Athen sind. Goldman Sachs stellte Athen für die aktuell skandalisierten Bilanzmanipulationen damals 300 Millionen US-Dollar in Rechnung. Die Zusammenarbeit lief vermutlich reibungslos, da die griechische Zentralbank unter Papadimos 1998 mit Petros Christodoulou einen Manager von Goldman Sachs angeheuert hatte, der Erfahrung mit internationalen Märkten hatte.

Die Rating-Agenturen gaben Athen gute Noten, denn sie sind über Hetchfonds mit der Finanzwelt eng verstrickt und alles andere als objektive Bewerter – obwohl die Strukturen des Finanzsystems ihnen diese Rolle freilich zuschreiben. Banken und Unternehmen frohlockten, denn nun konnte die Drachme nicht mehr einfach abgewertet werden. Ab 2002 verkaufte Goldman Sachs griechische Anleihen im Gesamtwert von 15 Mia. Euro, deutsche und französische Banken verdienten mit. Mit dem Geld konnten die Athener Regierungen Panzer und U-Boote kaufen, die Olympischen Spiele 2004 organisieren und dabei die Reichen im Lande ungeschoren lassen – die Zeche sollte später das Volk zahlen. Für soviel Vernunft wurden beide großen „demokratischen“ Parteien auch durch Schmiergelder z.B. von Siemens belohnt, rundet Rügemer das Bild ab.

Ironischerweise war es Adam Smith, der Ahnherr der Idee freier Märkte, der bereits vor über 200 Jahren warnte, dass nichts Gutes zu erwarten sei, wenn Wirtschaftsbosse sich heimlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit treffen. Vielleicht ist da mehr als eine Fußnote wert, dass 2009 eine Bilderberg-Konferenz in Griechenland im Luxushotel „Nafsik Astir Palace“ im Örtchen Vouliagmeni bei Athen abgehalten wurde. Aus Beobachtungen vor Ort war zu entnehmen, dass der griechische Staat aber nur schlecht für die Sicherheit und Bequemlichkeit der globalen Elite gesorgt hatte. Der illustre Kreis war es sicher nicht gewohnt, dass Busladungen von protestierenden Bürgern bis vor ihr Hotel vordrangen und sie dort mit Sprechchören behelligten.

Gerd R. Rueger ist Autor des Buches Julian Assange – Die Zerstörung von WikiLeaks? Anonymous Info-Piraten versus Scientology, Pentagon und Finanzmafia

Quellen:

http://jasminrevolution.wordpress.com/2012/05/17/alexis-tsipras-syriza-reizt-ard-zur-raserei/

Rügemer, Werner Die Notengeber der Weltwirtschaft, jW 07.04.2012, S.10f., http://www.jungewelt.de/2012/04-07/036.php

Rügemer Werner: Ratingagenturen – Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart. transcript Verlag, Bielefeld 2012

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10 Kommentare zu "Die Wurzeln der Euro-Krise"

  1. Georg_gog_secondo sagt:

    die sonst so nüchterne Tagesschau….

    wie bitte ?

    nüchtern ?

    tagesschau.de dient für mich nur mehr als umgekehrten Lackmustest für realistische Thesen.

  2. Peinhart sagt:

    >>Hetchfonds

    Schrob man das nicht irgendwie anders…?

  3. Das Grundproblem ist und bleibt das Geldsystem als solches. Der Rest sind nur Symptome und Details…Dazu bitte auch Graebers Buch “Schulden” lesen, das seit vergangener Woche in deutscher Übersetzung vorliegt. Empfehlenswert ist auch folgender Vortrag, der mit der Vollgeldreform/Monetative mögliche Lösungswege skizziert:

  4. genoland sagt:

    auf den punkt gebracht – nehmt euch 10 minuten zeit und denkt nach.
    [youtube http://www.youtube.com/watch?v=POA6mcFTI6U%5D

  5. herle king sagt:

    Petition: Finanzpolitik
    – Keine Ratifizierung des ESM-Vertrages und des Fiskalpaktes (4486)

    https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details
    ;petition=24314

    Verzweiflungstaten eines untergehenden Systems

  6. FreedomSong sagt:

    “Die Scheinkrise, die uns von Politos & Bankern vorgemacht wird, hat nur ein Ziel: billige und willenlose Sklaven für die Reichen zu erzeugen. Politos & Banker sind nicht auf der Seite der Menschen. Sie wollen uns nur missbrauchen und manipulieren. Sie möchten nichts für uns tun. Sie wollen eine globale Zwei-Klassen, Reich-Arm Gesellschaft errichten und nicht menschliches Geeintsein. Sie wollen befohlene Armut, erzwungene Arbeitslosenzahlen und Kontrolle über Land und Wasser, um uns am Boden zu halten, ohne freien Geist, Bewegungsfreiheit und freie Meinungsäußerung. Die Menschen sind die Arbeitskraft und die Menschen haben keine Finanzkrise. Es ist alles Hypnose und Bluff, um uns durch Angstmache zur Gefügigkeit zu zwingen. Die Menschen müssen ihre Arbeitskraft für sich selbst gebrauchen, für ihre Freiheit, für ungehinderte Meinungsäußerung und müssen dem Missbrauch von Politik und Wirtschaft ein Ende setzen. Sie müssen die Volksbewegungen in die Parlamente hineinbringen, um die Fehler von nicht mehr zeitgemäßen Parteien-Systemen zu korrigieren. Sie müssen eine Gesetzgebung formen, die zur Bildung der Vereinigten Staaten des Planeten Erde führt, um somit Frieden, gleiche Löhne, kostenlose Gesundheitsversorgung und Ausbildung für jeden auf der Erde auf dem Weg in eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Weltvereinigung ist die Antwort.” – Michel Montecrossa über seinen New-Topical-Song ‘Politos & Bankas Don’t Give The Answer (Europe, America, Asia, Africa, Australia: World Union is the answer!)’

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