Was ist DER SPIEGEL?

Ist Der Spiegel ein linksliberales “Sturmgeschütz der Demokratie” – oder eher ein atlantisches Instrument neoliberaler Färbung?

der spiegel

Bild: Arne Halvorsen / flickr / CC BY-NC 2.0

Von David Noack

Das Magazin Der Spiegel wurde 1947 unter Lizenz der britischen Militärverwaltung in Deutschland gegründet. Zwei Jahre später beschloss das Organ, dass „alle im Spiegel verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen (…) unbedingt zutreffen [müssen].” Jede Nachricht und jede Tatsache sei “peinlichst genau nachzuprüfen.“ Schön wäre es.

Tatsächlich ist Der Spiegel vor allem ein Organ einer bestimmten Interessengruppe – den nationalliberalen Atlantikern. Die Redaktion setzte sich anfangs vor allem aus ehemaligen Mitarbeitern des Reichssicherheitshauptamtes und anderen hochrangigen Nazis zusammen – es war ein “Sammelbecken”.[1] Viele ehemalige Nationalsozialisten hatten nach der Niederlage des faschistischen Deutschlands sich den amerikanisch-britischen Interessen unterworfen, um fortan mit den Westalliierten gegen “den Bolschewismus” zu kämpfen. Eines der berühmtesten Beispiele war Reinhard Gehlen, Leiter der Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) des deutschen Generalstabs und später Gründer und Präsident des Bundesnachrichtendienstes. Die unbekannteren Beispiele tummelten sich in der Redaktion von Rudolf Augstein, dem Gründer des Spiegels.

Wer war dieser Augstein? Der Historiker Hans-Peter Schwarz beschrieb den Gründer des Hamburger Magazins im Rahmen eines Essays über Konrad Adenauer herablassend: Augstein sei ein “nie ganz [erwachsener] Pennäler, Mixtur aus Klassenprimus und Lümmel […] kräftig verstärkt durch die Rotzigkeit des Soldaten”. Er ist ein “[Nationalist] pur sang, ressentimenterfüllt, überheblich, anti-französisch” gewesen.[2]

1952 macht sich diese frankophobe Haltung dann zum ersten Mal bemerkbar: Es kommt zur so genannten Schmeißer-Affäre. Jener Hans-Konrad Schmeißer, ehemaliger Agent für den französischen Geheimdienst SDECE (Service de Documentation Extérieur et de Contre-Espionage), hatte behauptet, Bundeskanzler Adenauer, der Ministerialdirektor Blankenhorn und Generalkonsul Reifferscheid seien für den französischen Geheimdienst tätig. Das kam nicht von ungefähr. Adenauer und seine Getreuen hatten sich einem bedingungslosen pro-amerikanischen Kurs widersetzt und die Priorität eher auf eine Kooperation mit Frankreich gelegt. Die Vorwürfe stellten sich zwar als haltlos heraus – doch der Anfang war getan. Der Spiegel hatte seine redaktionelle Ausrichtung an US-Interessen gebunden.

Vier Jahre später folgte ein weiteres Meisterstück der liberal-atlantischen Kampagne. In der Berichterstattung des Spiegels über den Aufstand in Ungarn 1956 mischt sich die Aufforderung ein, dass die Ostdeutschen ihren Staatschef und seine Getreuen aufhängen sollen. Aus Budapest berichtete für das Hamburger Magazin ein gewisser Hans Germani, der zur selben Zeit auch für die Deutsche Nationalzeitung tätig ist. Germani berichtet nicht nur für den Spiegel aus der ungarischen Hauptstadt, sondern beteiligt sich auch an den Kämpfen in Budapest mit einer Maschinenpistole.[1]  Durch die Explosion eines Panzers wurde Germani schwer verletzt und deswegen daraufhin nach Wien evakuiert. Objektive Berichterstattung sieht anders aus.

Doch die politische Einflussnahme erreichte noch eine weitere höhere Stufe: In der SPIEGEL-Affäre 1962 handelten CIA, BND, FDP und Spiegel gemeinsam, um den Gaullisten Franz-Josef Strauß abzusägen. Bis dahin waren sowohl CIA als auch Der Spiegel fest davon ausgegangen, dass der Bayer Strauß der nächste Bundeskanzler werden würde. Da Strauß aber für eine Emanzipation Europas Hand in Hand mit de Gaulle gegen die USA stand, war er dem amerikanischen Auslandsgeheimdienst und dessen Verbündeten ein Dorn im Auge. So auch dem atlantisch ausgerichteten Spiegel. Die Operation gelang und Strauß trat als Verteidigungsminister zurück.[3] Beim Spiegel hatte man einen eigenen Mitarbeiter für die Observation von Franz-Josef Strauß eingestellt. Augstein hatte beschlossen, dass “dieser Mann [..] niemals Kanzler werden [darf]!” [4] Als Strauß 1980 der Spitzenkandidat der Union war, trat der Spiegel erneut eine Kampagne los – eine Kanzlerschaft des Bayern wäre immer noch nicht in Washington nicht auf sehr viel Gegenliebe gestoßen.

Der Streit zwischen Gaullisten und Atlantikern erhielt in den 1980ern eine neue Dimension: Die wirtschaftspolitische Ebene. Die Atlantiker wendeten sich dem amerikanischen Neoliberalismus zu, während die Gaullisten und Post-Gaullisten den Rheinischen Kapitalismus modifizieren wollten.[5] So verwundert es nicht, dass regelmäßig politische Kampangenartikel gegen berühmte Gaullisten wie Oskar Lafontaine, Peter Gauweiler, Lothar Späth, Jürgen Todenhöfer, Willy Wimmer und Norbert Blüm vom Spiegel veröffentlicht werden. Auch ist es nicht besonders, dass Apologeten des Neoliberalismus – wie Kuratoren, Botschafter und Mitglieder der INSM – im Spiegel Artikel veröffentlichen, wie unter anderem von Sebastian Müller auf diesem Blog dargelegt.[6]

Und so zieht sich der Faden der politischen Einmischung nach US-Interessen weiter durch die Geschichte des “Magazins” Der Spiegel. Albrecht Müller – 1970 bis 1972 Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des SPD-Parteivorstandes – nennt den Werdegang des Spiegels ein Weg “[vom] Aufklärungsauftrag zum ideologischen Kampforgan”.[7] Die “Titel [des Spiegels] strotzen nur so von Übertreibung und Angstmache. Sie bauen auf dumpfen und reaktionären Vorurteilen auf und verstärken sie.”[7]

Im politischen Kampf des Spiegels werden munter Fakten verdreht, Geschichten erfunden und Politiker verleumdet. Ein Redakteur des unabhängigen Nachrichtenportals amerika21.de berichtete Anfang vergangenen Jahres aus den Sphären des deutschen Journalismus:

“Vor einigen Jahren kam in meiner ehemaligen Redaktion mal eine Mode auf. Hatte ein Autor einen besonders polemischen Artikel geschrieben, der an Fakten arm oder gar faktenfrei war, dann hieß es: “Der hat ja mal wieder geSPONt” – in Bezug auf das Akronym von Spiegel Online.”[8]

Mittlerweile berichten unabhängige Blogs, Webseiten und Tageszeitungen regelmäßig über die politische Meinungsmache des Spiegels. Auch die Tochter des kubanischen Staatschefs Raul Castro, Mariela Castro Espín, beklagte die fehlende “professionelle Ethik” des Spiegels. In einem Interview für das Magazin, das sie mit einer eigenen Kamera gefilmt hatte, um Manipulationen zu verhindern, wurden laut Castro-Espín in der gedruckten Fassung von Spiegel-Redaktion Fragen eingefügt, die ihr nie gestellt worden wären.

“Eine solche Frechheit und ein solches Fehlen von Professionalität habe ich noch nicht erlebt, nicht einmal bei Medien in den USA.”[9]

Doch das Beispiel ist nur eines unter vielen, das den Anspruch des Spiegels ein seriöses journalistisches Magazin zu sein, in Frage stellt. Vielmehr arbeitet dieser wie ein Instrument eines Teils des deutschen Großkapitals – der liberal-atlantischen Fraktion. Umso tragischer ist es, dass journalistische Standards generell so weit erodiert sind, dass Spiegel Online zum deutschen Leitmedium schlechthin geworden ist. Bei einer Studie der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen (LfM) sollten Journalisten offen die fünf wichtigsten Internetangebote für ihre Arbeit angeben. An erster Stelle landete Google, dicht gefolgt von SPON mit 53,4 %.

Journalisten im Deutschland Anfang des 21. Jahrhunderts suchen nicht mehr Quellen, Zeugen und Statements – sondern sie fragen den Spiegel.[10]

Artikelbild: Arne Halvorsen / flickr / CC BY-NC 2.0

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Quellen:

[1] Köhler, Otto: »Wann kommt Adenauer mit seiner Armee?«, in: junge Welt, 14.07.2006.

[2] Schwarz, Siegfried: Rezension zu H.-P. Schwarz: Anmerkungen zu Adenauer, in: hsozkult.geschichte.hu-berlin.de.

[3] Karl J. Brandstetter: Allianz des Mißtrauens: Sicherheitspolitik und deutsch-amerikanische Beziehung in der Nachkriegszeit, Köln 1989, S. 300-317.

[4] Bickerich, Wolfram: “Dieser Mann darf niemals Kanzler werden”, einestages.spiegel.de, 01.10.2008.

[5] van der Pijl, Kees: What Happened to the European Option for Eastern Europe?, in: Bieler, Andreas/Morton, Adam D.: Social Forces in the Making of New Europe – The Restructuring of European Social Relations in the Global Political Economy, Hampshire 2001.

[6] Müller, Sebastian: Neoliberale Faktenverdrehung , in: le Bohémien, 02.09.2010.

[7] Leider vernachlässigt Müller die Dimension des Konfliktes zwischen Atlantikern und Gaullisten. Müller, Albrecht: 60 Jahre „Spiegel“: Vom Aufklärungsauftrag zum ideologischen Kampforgan, in: NachDenkSeiten, 04.01.2007.

[8] Kliver, Christian: Heute schon geSPONt?, amerika21.de, 01.02.2009.

[9] Scheer, André: »Sozialismus ist kein Kunstwerk«, in: junge Welt, 07.08.2010.

[10] Journalistische Recherche im Internet – Bestandsaufnahme journalistischer Arbeitsweisen in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online, Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen (LfM), Berlin 2008.

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10 Kommentare zu "Was ist DER SPIEGEL?"

  1. Horst G Ludwig sagt:

    Spieglein, Spieglein an der Wand….., wer wagt sich mit wortgewaltigen Pseudo-Intellektuellen anzulegen? Jene Mainstream-Constructors mit selbstgefälligen politischem Frasengedresche und wenig Interesse an einer deutschen Warheit. Schlimmer noch, den millionen an Deutschen, die sich Argument und Worthülse aus dem Spiegel borgen weil sie keine eigene Gedankenpotenz auf die Beine bekommen…..? Jeder Brech-Gesellschaft sein Brech-media und “Selber Schuld”. Spiegel und Bild, kein Unterschied wirklich, “wir verkaufen dem Pack was uns dienlich ist”. Ansonsten kann ich immer nur feststellen, das mit dem Untergang von PARDON aus Frankfurt und weiteren Verschmitzten die Gehrinmasse Deutschlands nach Mallorca exportiert wurde oder in Thailand Mondtänze und Sonnenanbetung betreibt. Für die ganzen Dummen: Alles was sich aus den 40ern und frühen 50ern hat retten können gehört zu den Marionetten von Fremdmächten ohne Gnade für Deutschland. Stellt Euch weder erstaunt noch naiv, am Tanz der Bereicherung hat Jeder teilgenommen und hundertfache Lobbybildungen können da niemanden überraschen. Die unterentwickelte Masse ist und bleibt der ewige Eckstein an allem, also gönnen wir ihnen auch weiterhin den Spiegel solange der Spiegel aus den Wikileaks selbst was lernt. Das gymnasiale primus Gesülze bedeutet doch eh nur “Wórter lernen” aber kein wirkliches Lernen und Verstehen, Analysieren und Nachfragen und das ist beim modernen Menschen weltweit kaum noch drin.

  2. Wahr-Sager sagt:

    Sehr guter, aufschlussreicher Artikel, der hoffentlich weite Verbreitung findet!

  3. ABC sagt:

    Habe selten so einen schlechten Verschwörungsquatsch gelesen.

  4. dieterbohrer sagt:

    Also: So wie der Anfang dieses Artikels loslegt, sah es für mich beim Lesen aus, als konnte das für das eigene Wiedererkennen etwas werden. Die Sache mit den alten ehemaligen Nazi-Kriminalern beim Spiegel, das ist ja nun wirklich ein alter und abgetragener Hut. Das ging wohl unter dem Druck der Besatzungsmächte damals auch nicht anders. Überdies hat gerade diese Melange dafür gesorgt, dass der Spiegel seine Position gegen die Adenauer’sche CDU-Klique überhaupt mit guten Informationen gegen das damalige Kanzleramt durchhalten konnte. Was wäre denn aus Deutschland geworden, wenn nun wirklich alle den Bestrebungen der Adenauerleute absolut freien Spielrum gelassen hätten? Na also. Hätte man die Bestechungsaffaire zur Hauptstadtfrage (Frankfurt/Main gegen Bonn) denn nicht aufklären sollen? Und vieles des dann Folgenden auch nicht?

    Seit November 1947 habe ich – bis etwa vor zehn Jahren – den Spiegel regelmässig gelesen. Als Gegengewicht am Anfang die gleich unter amerikanische Regie in München erschienene Neue Zeitung (vor allem wegen des Feuilleton unter Erich Kästner). Dann als Gegengewicht von 169 bis 1990 DIE ZEIT (unter Rudolf Walter Leonhard und Fritz J. Raddatz im Feuilleton). Immer habe ich das Verhalten des SPIEGEL gemessen am Verhalten der Adenauerbande in der FAZ. Ohne den Spiegel hätten wir heute ein anderes Deutschland. “Sturmgeschütz der Demokratie” ist gewiss ein wenig zu pathetisch, aber es trifft die Sache immer dann, wenn man an die beabsichtigten Schweinereien der CDU/CSU denkt, gegen die jede sich formierende demokratische Denkweise in der Bundesrepublik sich schliesslich erst einmal entwickeln und durchsetzen musste.

    Gut, dann wurde der Frauenfreund Augstein, (um nicht Weiberheld zu sagen), alt, klapprig und müde. Das kann und darf man ihm nicht vorwerfen. Mit einem Songtext der damaligen Zeit kann man symbolisch sagen: “Von nun an ging’s bergab”. Man macht es sich aber zu einfach, heute schlicht zu sagen, der Spiegel wäre Mainstream. Wer oder was ist den heute nicht Mainstream? Es ist kein reines Spiegelproblem, wenn man feststellt, dass unsere Medienwelt mit echten Demokratie-Augen gesehen auf der ganzen Linie versagt, ob Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen, alles eine Mischpoke. Insoweit stimmt dann wieder die Analyse. Aber damit wären wir schon auf einer ganz anderen politischen Ebene. Ich breche hier also ab, weil es doch vergebens wäre …

  5. Omimomi sagt:

    Sehr geehrter Herr David Noack,
    Überprüfen sie ihre Artikel nach einiger Zeit auf Recherche Fehler?
    Und wenn ja, ändert das was an ihrer Art die Dinge, und das warum wahrzunehmen und stellen sie dies wiederum soweit in Frage, um die gleichen Fehler nicht nochmal zu machen?

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