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Thursday, 23 May 2013

Die Vollgeldreform

Eine Alternative zum ESM und Fiskalpakt

Von Florian Hauschild

Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) und der Fiskalpakt sind das politische Thema der Stunde. Über alle politischen Lager hinweg regt sich Widerstand gegen die Gesetzespakete. In der juristischen Auseinandersetzung steht derzeit die demokratiedefizitäre Durchsetzung, vor allem des ESM, zur Debatte. Doch von diesen verfahrenstechnischen Fragen abgesehen, bergen die Gesetzespakete auch die Gefahr einer Aushöhlung der demokratischen Grundordnung.Beschneiden sie doch in letzter Konsequenz das Haushalts- und damit das Königsrechts des Parlaments, der einzigen direkt gewählten Instanz im Staat.

An die Stelle eines breiten Akteursspektrums soll in wichtigen finanziellen Fragen ein Gouverneursrat treten, dessen demokratische Legitimierung, wie eigentlich bei allen einflussreichen EU-Funktionären, nur noch in homöopathischen Dosen nachweisbar ist.

Kritik hieran ist wichtig und lobenswert. Wirklich schlagkräftig wird sie aber erst in der Verknüpfung mit gangbaren Alternativvorschlägen. Aus diesem Grund soll im Folgenden das Konzept der Vollgeldreform als sozialverträglicher, demokratischer und sinnvoller Gegenentwurf zum ESM und Fiskalpakt zur Debatte gestellt werden.

Um Alternativen zu denken macht es Sinn, zuerst einmal einige Schritte zurückzugehen. Viel wurde in den vergangenen Monaten über den ESM geschrieben, kritisiert und bemängelt. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte der Streit mit dem so genannten „Ökonomenappell“,  der leider grundlegende Systemfehler nicht in Frage stellt, und der systemverteidigenden Replik auf den Appell. Die Debatte (hier zusammengefasst von Dr. Otmar Pregetter) soll nun nicht wiedergegeben werden; Ziel ist es eher den Sachverhalt aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten, anstatt sich in Detailfragen zu verlieren.

Die Ursachen

Wirft man einen Blick auf das Gesamtbild, so ist es sinnvoll, zunächst einmal zu fragen, warum ESM und Fiskalpakt überhaupt beschlossen werden sollen. Hintergrund der Gesetzespakete ist die Tatsache, dass seit den großen Bankenrettungen im Jahr 2008, Staatshaushalte zunehmend an den Rand der Zahlungsunfähigkeit rutschen. Die folgende Grafik zeigt unten rechts die Entwicklung der Verschuldung der Staatshaushalte, insbesondere seit 2008: http://www.ecb.int/stats/gov/html/dashboard.en.html

Mit dem ESM soll nun sichergestellt werden, dass bei weiterer Überschuldung von Staatshaushalten, aber auch von Privatbanken, die Refinanzierung dieser Systemkomponenten gewährleistet werden kann.

Für die desaströse Lage der Staatshaushalte – und zuvor der Großbanken – gibt es natürlich mehr als einen Grund. Eine entscheidende Ursache liegt jedoch in der Architektur des bestehenden Geldsystems selbst. Giralgeldschöpfung und Zinseszinseffekt führen im Verbund dazu, dass die absolute Geldmenge im Zeitverlauf permanent steigen muss, vor allem dann, wenn – wie seit 2008 – faule Kredite nicht mehr abgeschrieben werden, sondern massenhaft auf die nächste Ebene transferiert werden. (In diesem Fall aus den Bankbilanzen in die Staatshaushalte). Da Geld immer in einer anderen Bilanz Schuld ist, müssen bei steigender Geldmenge andernorts auch die Schuldenstände im gleichen Ausmaß anwachsen. Als „Parkplatz“ für diese Schulden dienen heutzutage neben aufgeblähten Finanzmärkten auch die Staatshaushalte.

Nun geraten allerdings mehr und mehr die Staatshaushalte an die Grenze des Erträglichen, da hochverschuldete Staatshaushalte, bei überschaubaren Einnahmen und restriktiver Geldpolitik, im extremen Fall auch eine Einschränkung der staatlichen Handlungs- und Investitionsfähigkeit bedeuten. Neoliberale Dogmatiker glauben das System mit Ausgabenkürzung („Sparen“) in den Griff bekommen zu können. Sie übersehen aber nicht nur die negativen sozialen und ökonomischen Folgen, die eine solche Politik mit sich bringt, sondern auch die Gefahr eines dadurch verschärften Schuldenanstiegs, wie er durch die derzeitige Austeritätspolitik überall in Europa zu beobachten ist.

Auf der anderen Seite plädieren Keynesianer für eine expansive Geldpolitik und steigende Staatsschulden, um so die Wirtschaft zu stimulieren, blenden aber aus, dass damit a) der Karren immer tiefer im Dreck versinkt, und b) dass diese Maßnahmen letztendlich auch nur Detailfragen ein wenig sinnvoller beantworten würden. Das Hauptproblem bei der keynesianischen Argumentationskette besteht aber zweifellos darin, dass der Unterschied zwischen Geldwert und Geldmenge in der Regel ignoriert wird. Oft wird argumentiert, dass mit einer expansiven Geldpolitik Schulden praktisch „weginflationiert“ werden können, was ein Trugschluss ist. Denn bei einer Erhöhung der Geldmenge sinkt lediglich der Wert des Geldes/der Schulden pro Währungseinheit, die weiter ansteigenden Vermögens- und Schuldenstände üben über den Zins aber weiter ihre verheerende, sozialstrukturgefährdende Sogwirkung aus. Die Problematik, dass Staatshaushalte einen nicht unbedeutenden Teil ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit als Tribut/Zins an eine überschaubare Zahl privater Institutionen abführen müssen, verschärft sich bei dieser Politik sogar noch. Hinzu kommt, dass Inflation im Regelfall nicht kontrollierbar ist und vor allem die Mitte der Gesellschaft trifft. Von außen wirkt die Debatte zwischen Monetaristen und Keynesianern letztendlich wie ein Streit unter Blinden darüber, ob nun die Farbe Rot oder Grün schöner sei.

Die Alternative

Will man also das, was im alltäglichen Sprachgebrauch „Finanzkrise“ genannt wird wirklich lösen, kommt man nicht daran vorbei die grundlegenden Architekturen unseres Geldsystems umzubauen.

Der vielversprechenste Vorschlag hierfür ist die Einrichtung einer Monetative, in Verbindung mit einer Vollgeldreform. Für diesen Weg wirbt auch der Wirtschaftssoziologe Prof. Dr. Joseph Huber verstärkt, und merkt in einem Interview mit dem österreicherischem „Standard“ an:

Ein Übergang zu Vollgeld würde das Staatsschuldenproblem sofort entschärfen bis auflösen, und zwar erstens durch die eben schon erwähnte laufende Seigniorage in Höhe von ein bis sechs Prozent der Staatshaushalte, und zweitens, und das wäre hier das entscheidende, durch die Übergangseigniorage, die sich einmalig in großer Höhe ergibt. Es muss ja das bisher vorhandene Giralgeld nach und nach ausgeschleust und in mindestens gleicher Höhe durch Vollgeld ersetzt werden, damit die Geldmenge nicht schrumpft.

Zum größeren Teil würde sich das in einem Zeitraum von zwei bis vier Jahren vollziehen, nach Maßgabe der Tilgung offener Kredite. Mit den großen Summen, um die es sich hierbei handelt, könnte man bis über die Hälfte der gesamten Staatsschulden in der Eurozone abbauen, ohne Aktivaverluste für Banken und Fonds, und ohne unsoziale und kontraproduktive Austerität. Das Thema Staatsschulden wäre gleichsam über Nacht vom Tisch. Warum die Politik diese Option nicht wahrhaben will, ist mir unverständlich. Vielleicht sind zu viele Regierungsberater Bankenlobbyisten.”

Eine Vollgeldreform ist nicht mit einer Währungsreform zu verwechseln, sie bedeutet vielmehr eine Änderung der Regeln bezüglich der Geldschöpfung. Wird Geld heute noch vor allem von privaten Geschäftsbanken per Kredit in Umlauf gebracht, so würde Vollgeld von einer zu etablierenden Vierten Staatsgewalt – der Monetative – geschöpft werden. Die Monetative müsste unabhängig von Parlamenten, Regierung und natürlich auch Geschäftsbanken handeln. Die Möglichkeit der multiplen Giralgeldschöpfung wird damit unterbunden, der Schneeballsystem-Charakter des bestehenden Geldsystems wäre aufgehoben. Unsoziale Zinseffekte könnten im Zuge dessen womöglich steuerlich unter Kontrolle gebracht werden.

Zudem soll eine Monetative Staatshausalte zinsfrei mit Geld versorgen können, wodurch diese von der andauernden Last der Tributzahlung in Form von Zins befreit werden. Durch die Etablierung der Monetative als Vierte Staatsgewalt soll letztendlich verhindert werden, dass – wie in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts – Regierungen ungehemmt „Geld drucken“ können. Organisatorische Fragen sind hier gleichsam noch ungelöst. Die Umstellung auf Vollgeld selbst, hätte neben einer geringeren laufenden, auch eine nennenswerte einmalige Extra-Seigniorage zur Folge, wodurch ein großer Teil der heutigen Staatsschulden aus den Büchern getilgt werden würde. Außerdem würde eine Vollgeldreform vom Verbraucher selbst kaum wahrgenommen werden, weshalb man bei einem solchen Schritt von einem sanften Systemwandel ohne soziale Verwerfungen ausgehen kann.

Wer an den näheren Details einer Vollgeldreform im Einzelnen interessiert ist, dem sei der Vortrag von Prof. Dr. Joseph Huber im Berliner Abgeordnetenhaus empfohlen.

Der Weg

Um eine Vollgeldreform umzusetzen bedarf es eines gewissen gesellschaftlichen Drucks. Während sich bei der Ablehnung des ESM viele politische Strömungen einig sind, stehen der Suche nach Alternativen oft Dogmen, Vorurteile und Missverständnisse im Weg.

Liberale Kräfte werden einwenden, dass eine Vollgeldreform „mehr Staat“ bedeute, man doch aber eigentlich weniger wolle. Diese Akteuren blenden jedoch aus, dass eine Umsetzung des ESM de facto „noch mehr Staat“, nämlich einen europäischen Suprastaat mit schwerwiegenden demokratischen Mängeln, bedeuten würde. Auch Libertäre und linke Anarchisten, die wahrscheinlich selbst gar nicht wahrhaben wollen, in wie vielen Punkten sie bei ihrer grundlegenden Staatsverteufelung beieinander liegen, sollten versuchen diesen gedanklichen Schritt zu gehen.

Bürgerliche und Konservative, die vornehmlich aus gutsituierten Teilen der Gesellschaft bestehen, sollten bedenken, dass im bestehenden System auch ihr Wohlstand keine Ewigkeitsgarantie hat. In einem Schneeballsystem fließt Vermögen im Zeitverlauf immer auf die nächste Ebene. Wem daran gelegen ist, dass die positiven Aspekte des bestehenden Gesellschaftssystems aufrechterhalten werden, der kann nicht dafür plädieren, dass das bestehende Geldsystem aufrechterhalten wird.

Superreiche und Magnaten (jene die Occupy gerne „die 1%“ nennt) sollten verstehen, dass all ihr Wohlstand wertlos ist, wenn dieser nicht in sozialen Frieden eingebettet ist, und ein Wirtschaftssystem, das außer Kontrolle geraten und zum Selbstzweck verkommen ist, den Planeten zu Grunde richtet.

Linke und Marxisten träumen gerne von einer Welt ohne Wert und ohne Geld, überbetonen Fragen des Privateigentums und die Besitzverhältnisse, streben den großen Wurf an, der den Kapitalismus überwinden soll, und lehnen eine grundlegende Analyse und Kritik des bestehenden Geldsystems leider noch allzu oft ab. Konkrete Reformschritte werden in diesem Kontext oft als „systemerhaltend“ umgedeutet. Diesen Akteuren sollte klar werden, dass große Utopien als visionärer Antrieb zwar unerlässlich sind, diese aber dann kontraproduktiv werden können, wenn durch sie jede Reform als nicht ausreichend abgekanzelt wird. Utopie kann inspirieren – zu viel Utopie lähmt.

Den einen großen Schritt nach vorne wird es nicht geben. Um den Kapitalismus in seiner jetzigen Form, oder insgesamt zu überwinden, bedarf es zweifelsohne weit mehr als einer Vollgeldreform. Jedoch ist ein soziales, nachhaltiges und grundlegenden Demokratiestandards folgendes Geldsystem eine notwendige – keine hinreichende – Bedingung für sozialen Frieden und Demokratie in den kommenden Jahren, in Europa und der Welt.

Florian Hauschild ist Politologe und Soziologe (M.A.), Publizist, Occupy-Aktivist, Geldsystemkritiker und betreibt unter anderem den Blog http://the-babyshambler.com

Der Artikel steht unter der Creative Commons-Lizenz CC BY-NC 3.0 und kann für nichtkommerzielle Zwecke ohne weitere Nachfrage gespiegelt und kopiert werden.

 

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21 Kommentare zu "Die Vollgeldreform"

  1. Charlotte Guggenberger sagt:

    genau in dieser richtung bewegen sich doch auch bereits weltweit viele kluge köpfe. ich habe kürzlich ellen brown getroffen (http://www.webofdebt.com/) und wir hatten einen regen austausch darüber, worauf europa zusteuert. letztendlich geht es um den ramschhaften ausverkauf sämtlicher sozialstaatlicher errungenschaften in europa. wir sind mitten in der umsetzungsphase der schock-doktrin auf kern-europa. aber wie sollen es die bürger begreifen, wenn nicht einmal bundestagsabgeordnete überhaupt annähernd ahnung vom geldsystem an sich besitzen?

  2. Fischer sagt:

    Wenn ich recht verstehe ist die “Monetative” doch nur ein anderer Name fuer den ESM, letzterer allerdings auf europaeischer Ebene, ich biite Sie den Unterschied zu erlaeutern

    • Nein, das sind sehr unterschiedliche Konzepte…es geht schon mal damit los, dass der ESM natürlich nichts an der Giralgeldschöpfung ändert. Es empfiehlt sich den im Artikel verlinkten Videovortrag zu schauen:

      …und das Interview mit Prof. Huber im standard ganz zu lesen.

  3. Saarlodrie sagt:

    Super Artikel, danke
    Vollgeldsystem und gleichzeitig das Arbeitsmarkt- und Steuermodell http://www.bandbreitenmodell.de einführen und wir haben einen perfekten Systemwechsel.

  4. alikase99 sagt:

    All diese Ökonomen des 3. Weges sind nicht in der Lage, die Entstehung des Geldes aus der Produktion und dem Privateigentum heraus zu erklären und doktern deshalb am Totenbett des Kapitals herum. Die Nebenwirkungen sind beträchtlich.

    • Leseempfehlung: David Graeber – Schulden, die ersten 5000 Jahre ;)

      ..oder dieses Radiointerview mit Graeber anhören: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/tacheles/1811680/

      • alikase99 sagt:

        Ich stimme dem Proudhonismus vonGraeber nicht zu. Mehr zu verkürzter Kapitalismuskritik hier:

        the documentation of the talk “Crisis of capitalism and its shortcoming critique … so-called ‘structurally antisemitic ideology’ by Kris Maschewsky is ready to be listened, watched and shared.

        There is a just-audio version for purists that want to concentrate on one sense, and a video version for people who feel a bigger connection with the speaking one through images.

        With the agreement of Kris Maschewsky we gave the recording a new form, so that its structure is the following now:

        Total length: 43:19
        - Crisis of capitalism and its roots in the production sphere: 00:19
        - Strength of financial sector: 07:52
        - Financial / debt crisis as an appearance of exploitation processes within the production: 09:08
        - Shortcoming critique of these effects: 10:21
        - Similarity to Nazis’ antisemitism: 11:03
        - ‘Antigerman’ debate – important concepts and nonsense: 11:13
        - Structural Antisemitism: 12:48
        - Its different victims: 13:30
        - The banker as bad guy?: 15:53
        - Shortcoming critique in Germanys youngest history and other examples: 21:19
        - Visibility of exploitation in circulation sphere instead of production sphere: 27:42
        - Conformist anticapitalism 32:34
        - Producing shortcoming critique ourselves without being manipulated 34:57
        - Potential developments 38:01
        - Elements of truth in shortcoming critique and the Antigermans’ errors 41:50

        You can find it here:
        http://occupybb7.org/node/356
        http://soundcloud.com/autonomeuniversitaet/crisis-of-capitalism-and-its-1

        • Na Bravo, da haben wir sie wieder: die erwartbare Keule der angeblich “verkürzten Kapitalismuskritik”. Eine Nebelkerze und ein Ablenkungsmanöver um sich nicht mit den hier dargebotenen Sachargumenten beschäftigen zu müssen…und wie gesagt so voraussehbar, weswegen es schon länger diesen Artikel gibt:

          “Die „kritische“ Variante des Vorwurfs: Bei der Geldsystemkritik (auch dann gerne wieder als „Zinskritik“ umgedeutet) handele es sich um eine „Verkürzte Kapitalismuskritik“. Einfach ausgedrückt: „Du dachtest zwar, du hast es verstanden, aber eigentlich bist du zu doof dafür; musst erst 10 Jahre lang Marx gelesen haben – die gesammelten Schriften versteht sich – und ohnehin ist Kapitalismus ja so schrecklich komplex, dass es keine einfachen Antworten geben kann.“

          Gegendarstellung: Ja, Kapitalismus ist komplex und eine umfassende Kapitalismuskritik beinhaltet natürlich mehr als der Blick auf das Geldsystem. Genau genommen sind Kapitalismuskritik und Geldsystemkritik sogar zwei verschiedene paar Schuhe: Während die klassische Kapitalismuskritik – ausgehend von Marx – den Blick auf die Wirtschaftsordnung und auf die Eigentumsverhältnisse der Produktionsmittel richtet, thematisiert die Geldsystemkritik die Ungerechtigkeit und Fehlerhaftigkeit des Geldsystems. Beides muss nicht in Konkurrenz zueinander stehen – lässt sich sogar verbinden, worin im Übrigen der Königsweg einer umfassenden Systemkritik besteht. Menschen, die die Keule der „Verkürzten Kapitalismuskritik“ schwingen, haben meist etwas Wesentliches nicht verstanden: Den Unterschied zwischen notwendiger und hinreichender Bedingung. Soll heißen: Ein demokratisches, gerechtes Geldsystem ist für eine funktionierende Demokratie von Nöten, es ist aber nicht das einzige derzeitige gesellschaftliche Subsystem das umkonstruiert werden muss. Dies wird aufgrund falscher Rückschlüsse oft nicht verstanden oder ausgeblendet.”

          http://the-babyshambler.com/2011/11/29/neues-zur-geldsystemdebatte/


          Ausserdem ist es eines der größten Missverständnisse unter Linken, zu glauben die marxistische Kapitalismuskritik wäre so unglaublich umfangreich..in Wahrheit ist diese verkürzt, führt sie am Ende doch alles monokausal auf die Besitzverhältnisse zurück…das System besteht aus weit mehr, auch aus einem antisozialem Geldsystem.

          Ich empfehle die eigene Weiterbildung in diesem Themenbereich anstatt der ewigen Wiederholung der immerselben Plattitüden.

      • Kris Maschewsky sagt:

        Ich habe gerade diese Debatte hier entdeckt und möchte mich – obwohl ich Ihren Artikel nur über überflogen habe und daher kaum ernstahaft sachkundig zu Ihren Positionen Stellung beziehen kann – mit einem kurzen Kommentar einschalten, da mein oenstehender Vortrag hier als Argument, bzw. “Totschlagargument” verwandt wird.

        Erstens: Als “Totschlagargument” möchte ich meinen Beitrag nicht gerne verstanden wissen. Mir geht es um eine wissenschaftlich fundierte Kritik der herrschenden sozio-ökonomischen Verhältnisse und ergo sind mir inhaltliche Auseinandersetzungen und Debatten wichtig.

        Zweitens: Soweit ich beim Überfliegen Ihres Artikels einen Eindruck Ihrer inhaltlichen Position gewonnen habe, scheint mir diese doch eine wesentliche Schwachstelle zu haben. Meine Eindruck von der aktuellen Krise und vor allem von ihrem Vorlauf ist, dass das Wachstum der Weltwirtschaft mindestens seit der Dot.com-Krise wesentlich auf der Schaffung fiktiven Kapitals beruhte. Wahrend eine seit den 1970er Jahren sich aufbauende strukturelle Überakkumulationskrise zu “Nachfragerestriktionen” auf diversen Märkten führte, war es gerade das Kreditgeld, bzw. fikitve Kapital, dass die fehlende Nachfrage ersetzte. Relativ einfach wird das etwa am privaten Konsum in den USA, der stark auf der “Geldschöpfung” durch Hypothekenkredite in einem inflationären Immobilienmarkt beruhte.
        Wenn also einerseits der Kapitalismus derzeit auf Grund seines Erfolges (der erfolgreichen und effizienten Ausbeutung der Arbeitenden und der Aneingung des von Ihnen produzierten Mehrwertes durch die Kapitalien) sich selbst die Wachstumsmöglichkeiten zerstört und diesen Widerspruch dann zeitweilig durch die explosive Schaffung fiktiven Kapitals löst, dann wird Ihr Vorschlag, den ich als Abschaffung des fiktiven Kapitals interpretiere, nur zum ersten Problem, den “Nachfragerestriktionen”, bzw. zur Wachstumsschwähe des Kapitalismus zurück führen. Die Grundlegenden Widersprüche werden damit nicht gelöst.

        Soweit so fragmentarisch,

        mfG, Kris Maschewsky.

    • citoyen sagt:

      All diese Ökonomen des 3. Weges sind nicht in der Lage, die Entstehung des Geldes aus der Produktion und dem Privateigentum heraus zu erklären und doktern deshalb am Totenbett des Kapitals herum.

      Gutes Argument! Praktische alle aus dem Mainstream bleiben dem neoklassischen Gleichgewichtsmodell verhaftet. Bislang haben diese noch keine vernünftige Definition für Geld gefunden. Mal wird Geld als wertloser ‘Schleier’ und um nächsten Moment als werthaltiges Gut betrachtet. Die Quantum Ökonomen der Freiburger Schule[1][2] haben intensiv die Grundlagen von Zahlungsvorgängen untersucht und verwenden einen Geldbegriff, der konzeptionell zwischen Strom- und Bestandsgröße unterscheidet und die neoklassische Dichotomie des Geldes auflöst. Das ‘eigentlichen’ Geld, eine Stromgröße, ist dabei lediglich das Transportmedium, das den physischen Output der Produktion in ein Bankdepot (die Bestandsgröße) als werttragendes Objekt transferiert. Zentrale Konzepte, wie Einkommen und (Fix-)kapital müssen unter diesen Annahmen völlig neu interpretiert werden.

      [1] http://www.quantum-macroeconomics.info/
      [2] http://de.wikipedia.org/wiki/Quantum_Ökonomie

  5. doc sagt:

    Überzeugt mich nicht. Meines Erachtens geht kein Weg an einer vollständigen Abschaffung des Geldes vorbei, damit wir endlich damit anfangen, über die Dinge zu reden, die wir brauchen und wie wir sie sinnvoll herstellen. Alles andere ist Augenwischerei.

  6. Rainer sagt:

    Die Stärke der ‘Monetative’ liegt darin die Geldschöpfung zu monopolisieren und sie einem Staat, bestenfalls einem demokratisch-legetimierten, allein zu zubilligen. Dies könnte in der tat sehr einfach geschehen, jedoch bin ich gegen eine weitere ‘Säule’ im bisherigen System und halte es nicht für notwendig.

    Der große Schwachpunkt liegt bei der aussenvorlassung der privaten Banken. Diese können auch weiterhin Geld verleihen und Zinsgebühren verlangen, da müsste man nochmal nachfragen wie da die Vorstellungen der Initiative ist.

    • Ja, Banken können auch weiter Geld gegen Zins verleihen und jeder andere Private genauso. Allerdings muss es das Geld (als Vollgeld) dann auch wirklich geben und man muss es erstmal in Händen halten bevor man es weiterverleiht. Heute wird Geld ja erst durch Kreditvergabe praktisch aus dem nichts geschöpft. Banken müssen nur über einen Bruchteil der Kreditsummen in den Bilanzen verfügen, streichen aber für die volle summe Zinsen ein.

      Natürlich – und das sagt auch Huber im Videovortrag – wären die Banken trotz Vollgeldreform aber immernoch mächtige Akteure. Das ganze ist ja auch nur EIN Schritt von vielen die getan werden müssen.

      Weitere sinnvolle Schritte sind aus meiner Sicht:
      - Hohe Vermögenssteuer
      -Einkommensdeckelung wie von Katja Kipping vorgeschlagen
      -BGE
      - Anhebung des Spitzensteuersatzes
      - Steuern auf Finanztransaktionen
      ….etc pp…

  7. Luigi sagt:

    Wenn z.B. Sparkassen Geld schöpfen könnten, warum sind die dann so interessiert an den Spareinlagen ihrer Kunden und zahlen auch noch Zinsen dafür? Immerhin wird der größte Teil von den Einnahmen einer Geschäftsbank aus Kreditvergaben, als Zinsen auf die privaten Konten der Sparer gebucht.

    Warum sollten Sparkassen oder Volksbanken so was tun, wenn die das Geld für Kreditvergaben einfach selber schöpfen können?

    http://www.humane-wirtschaft.de/geldschoepfungen-der-banken-realitaet-oder-theorie-helmut-creutz/

  8. JackNoway sagt:

    @alikase99
    sehr gut erkannt, dem ist (fast) nichts hinzuzufügen :)

    @Florian Hauschild
    “Während die klassische Kapitalismuskritik – ausgehend von Marx – den Blick auf die Wirtschaftsordnung und auf die Eigentumsverhältnisse der Produktionsmittel richtet, thematisiert die Geldsystemkritik die Ungerechtigkeit und Fehlerhaftigkeit des Geldsystems.”

    Hier zeigen Sie einen “kleinen” Mangel hinsichtlich des Verständnisses, worum es eigentlich gehen sollte, um es kurz zu machen, …die kapitalistischen Produktionsverhältnisse.

    Die großen nicht hinterfragten und präsentierten Fakten die ich hier immer wieder lese:

    -Geld ist bloßes Tauschmittel
    -monetärer Reichtum = stofflicher Reichtum
    -die zirkulierende monetäre Menge entspricht dem „Wert“ der in einem bestimmten Zeitraum erwirtschafteten Güter (BIP) {mit Abstrichen, allein die Kritik der Giralgeldschöpfung greift zu kurz}

    Der Kapitalismus kommt – nicht nur aufgrund der Verwertung des Werts und des Durchlaufen müssens des Nadelörs des abstrakten Reichtums – ohne Schulden nicht mehr aus, ein Blick auf die Produktivikraftschübe und den inneren Widerspruch, Vernutzung von Arbeitskraft + überlfüssigmachen derselben würde genügen um zu begreifen, dass Ihr Artikel – mit Verlaub – einen Dreck Wert ist, als ob wir uns der kapitalistischen Logik entziehen könnten.

    Ein einlesen hinsichtlich des – immer “mitproduzierenden” – FIKTIVEN KAPITALS würde würde helfen, anstatt diesem deplatzierten gebashe auf die “Finanzindustrie” (auf deren – hinterfragen Sie dies bitte hinsichtlich der Produktionsverhältnisse – fiktives Kapital die Realökonomie [Kredite] mittlerweile angewiesen ist).

    Dieser nonsens Monetative ist ein schlechter Witz, aber wen wunderts, wenn hier immer wieder auf die lachhafte Occupy-Bewegung verwiesen wird, der Kapitalismus solle doch bitte sozial werden, soziale Marktwirtschaft, Bankenregulierungen und Monetative…jaja, da heißt es weiter träumen, dem inneren kapitalistischen – oben erwähnten – Widerspruch entzieht sich niemand.

    Es gilt das Kapitalverhältnis selbst zu überwinden!
    http://www.wirtschaftslexikon24.net/e/kapitalverhaeltnis/kapitalverhaeltnis.htm

  9. Nebb Star sagt:

    Das einzige was uns wirklich weiterhilft, ist Ressourcenverfügbarkeit zu bewerten, Regeln für deren Verbrauch zu verändern und festzulegen, welche Ecken der Erde überhaupt nicht mehr angestastet werden dürfen. Solange wir eine unendlich verfügbare Bemessungsgrundlage (Geld) für quantitativ begrenzte Ressourcen akzeptieren, ist unser Planet dem Untergang geweiht. Das langfristige Überleben der Menschheit kann nur sichergestellt werden wenn die verfügbaren Ressourcen möglichst gleich verteilt werden und ein Sicherheitsspeicher (unanstatbar) zur Regeneration festgelegt wird. Ansonsten passiert mit der Menschheit das, was mit allen Spezies passiert, die die Ressourcen ihres Ökosystems aufgebraucht haben …. sie wird verenden!!!

    Weitere Gedanken hierzu von Heinz Sauren (bitte lesen und teilen):
    https://heinzsauren.wordpress.com/2012/07/14/ressourcen-kontingente-ein-zukunftsmodell/

  10. Nebb Star sagt:

    Ergänzung:

    Vergessen habe ich nämlich, dass es bereits zu spät ist! Laut WWF Bericht vom Februar 2012 benötigen wir derzeit 1,5 Planeten wenn wir nur so weiter leben wie bisher. Es wird aber alles von Tag zu Tag schlimmer statt besser, also könnte es schon im Februar 2013 heißen …. “Sie haben zuviele Ressourcen verbraucht und benötigen derzeit 2 Heimatplaneten um ihr überleben zu sichern”!

    Gute Nacht Leute … eins beruhigt mich: Die Hand voll Überlebenden nach dem Total-Crash werden sicher eine bessere Gesellschaft aufbauen … :-S

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